Moshé Mizrahi (5.9.1931-3.8.2018)

Der israelische Regisseur war ein Grenzgänger zwischen den Welten, der insbesondere weiblichen Figuren intime Momente des Innehaltens schenkte.

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Ganz in schwarz gekleidet nimmt Clara (Gila Almagor) Abschied von ihrem Sohn Sami. Während sie in der einen Hand angespannt ein blau-weißes Taschentuch zerknüllt, fährt sie mit der anderen zärtlich durch Samis Haare und reißt ihn an sich. Dann dreht sich der Junge um und zieht los, um in den Krieg zu gehen. Sie bleibt allein zurück. Die Kamera verharrt auf ihrem verkrampften Gesicht, den vom Weinen blutunterlaufenen Augen (in „Das Haus in der dritten Straße“, 1973).

Madame Rosa (Simone Signoret) schleppt sich keuchend die Treppen eines Pariser Mietshauses hoch – ein Bild, das man schon zuvor gesehen hat. Doch anders als zu Beginn von „Madame Rosa“ (1977) wird die Titelfigur nicht auf jeder Etage freundlich gegrüßt, sondern bleibt entkräftet stehen, reckt den Kopf nach oben und bricht zusammen. Als der Arzt später ihren Blutdruck misst, wird die tätowierte KZ-Häftlingsnummer auf ihrem Arm sichtbar.

Ausdruckslos, nahezu geisterhaft überquert Rebecca (Michal Bat-Adam) in „Women“ (1997) den pulsierenden Markt. Sie hat sich nach einer jüdischen Tradition dazu durchgerungen, ihrem Mann die Heirat mit einer zweiten Frau zu ermöglichen, da sie trotz langer Ehe nicht schwanger wurde. Doch die Entscheidung aus Liebe schlägt zu ihrem eigenen Erschrecken in Eifersucht und Hass auf die neue Frau um.

Drei Momente aus dem filmischen Werk des israelisch-französischen Regisseurs Moshé Mizrahi, die um ein Innehalten der weiblichen Hauptfiguren kreisen, um eine Unterbrechung des Melodramas, wie es symptomatisch ist für das Schaffen Mizrahis. Er erzählt von Frauen eines bestimmten Alters, was keineswegs heißen soll, dass seine Heldinnen alt sind. Er entwirft vielmehr Figuren mit Lebenserfahrungen, die einige Verletzungen erlitten haben, was sich in ihre Mimik und Gestik eingeschrieben hat; zugleich wissen sie darum, dass der Verlust, den sie gegenwärtig erleiden, nicht ihr letzter sein wird. Es ist die melancholische Gewissheit, dass das Ende einer Liebe nicht das Ende der Welt bedeutet, auch wenn es sich dennoch so anfühlt.

„Madame Rosa“
„Madame Rosa“

Zeit seines Lebens hat Moshé Mizrahi die Fokussierung auf Frauen autobiografisch erklärt. Der jüdische Filmemacher wurde am 5. September 1931 in Alexandria geboren, wo er im Kreis einer Großfamilie mit zahlreichen Tanten, seiner sehr jungen Mutter und seiner ihm fantastisch vorkommenden Großmutter aufwuchs. Zum Reichtum an Familienmitgliedern kam eine Vielfalt an Sprachen. Während er französische Schulen besuchte, wurde zuhause neben Arabisch und Hebräisch vor allem Ladino, das „Judenspanisch“ der sephardischen Juden, gesprochen. 1946 wanderte die Familie nach Tel Aviv aus, damals noch britisches Mandatsgebiet. Mizrahi schloss sich wie so viele einer jüdischen Untergrundorganisation an, kämpfte in der israelischen Armee und wurde 1949 nach Frankreich entsandt, um dort neue Einwanderer auf ihr Leben in Israel vorzubereiten.

Doch diesen Auftrag ließ Mizrahi bald hinter sich und studierte in Paris Film. Mit ihm und seiner israelisch-französischen Produktion „Le Client de la morte saison“ zog Ende der 1960er-Jahre die poetische Unbedingtheit des französischen Autorenfilms ins israelische Kino ein. In seinen Filmen gestaltete er eine Bilderwelt, die sich auf die sephardische Kultur und die eigene Familiengeschichte bezieht: „Ich liebe dich, Rosa“ (1972) erzählt die Geschichte seiner Großmutter, Sami in „Das Haus in der dritten Straße“ ist sein Alter Ego und in „Liebe ist ein Spiel auf Zeit“ (1986) trifft Tom Hanks als britischer Offizier im Jerusalem der 1940er-Jahre auf die sephardische Sara.

Produziert wurden seine ersten Filme von Menahem Golan, doch Mizrahi machte bei dessen dumpf-heiteren Komödien mit orientalistischen Klischees vom Leben jüdisch-arabischer Einwanderer nicht mit. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie wenig die sephardische Tradition damals im Vergleich zur Kultur der europäisch-jüdischen Einwanderer in Israel zählte. So gelingt es Claras Familie in „Das Haus in der dritten Straße“ kaum, in Tel Aviv Wurzeln zu schlagen.

Doch Mizrahi stand nicht nur zwischen der arabischen und der jüdischen Kultur, er pendelte zwischen Frankreich und Israel. Sein Hebräisch wie auch sein Französisch waren von der weichen Sonorität des Ladinos gefärbt. Den „Oscar“ für den besten fremdsprachigen Film gewann er 1978 für sein französisches Melodram „Madame Rosa“; er setzt sich damit unter anderem auch gegen den von Israel nominierten Film durch.

Mit Moshé Mizrahi verlor die Filmwelt am 3. August 2018 einen ihrer eigenständigsten Erzähler. Es wäre ungerecht, sein Werk auf Melodramen zu beschränken; man denke nur an die wunderbare überdrehte Komödie „Mangeclous“ (1988) mit Pierre Richard und Charles Aznavour. Dennoch bleiben vor allem seine Geschichten über Frauen in Erinnerung, Filme mit Simone Signoret, Annie Girardot, Delphine Seyrig oder Gila Almagor. Mit Michal Bat-Adam war er verheiratet; ihre Regiekarriere unterstützte er nach Kräften. Jenen Frauen, die sich für ihre Familien aufreiben und dabei auf der Strecke bleiben, schenkte Mizrahi immer wieder berührende Momente des Innehaltens; er ließ ihr Seelenleben kinematographisch aufscheinen.

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