Ein Gespräch mit Jamie Lee Curtis

Diskussion

Mit John Carpenters „Halloween“ (1978) fing für Jamie Lee Curtis alles an: nach ersten Fernsehrollen startete ihre Schauspielkarriere mit dem Film, der mittlerweile längst ein Horrorklassiker ist, so richtig durch. Jetzt schließt sich der Kreis: In David Gordon GreensHalloween“ schlüpft Curtis noch einmal in die Rolle der „Scream Queen“ Laurie Strode. Ein Anlass, um im Interview ein Resümee ihrer Karriere zu ziehen.


Von „Halloween“ im Jahr 1978 bis „Halloween H20“ im Jahr 1998 waren es 20 Jahre, jetzt sind weitere 20 Jahre vergangen. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Jamie Lee Curtis: Die anderen Filme haben wirklich keine Relevanz für den neuen Film. Hier geht es nur um den ersten Teil von 1978. Was sich geändert hat, was neu ist, das ist Lauries Trauma, das nie behandelt wurde. Es ist ungeheuerlich, wie Rost, der nie abgebürstet wurde und sie noch immer bedeckt – wie Krebs, der immer weiter wächst. Das war das, was die Drehbuchautoren geschrieben hatten, und es hat mich sehr glücklich gemacht. Es geht zum einen über ein generationsübergreifendes Trauma und um Versöhnung der Generationen. Das ist wirklich eine perfekte Art und Weise, Laurie Strodes Geschichte noch einmal aufzugreifen: sie über drei Generationen von Frauen, die von derselben Person traumatisiert wurden, hinweg zu erzählen. Das fand ich sehr clever konstruiert.

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Was hat sich für Sie persönlich geändert in den letzten 40 Jahren?

Curtis: Nun, erinnern Sie sich noch, als Sie 16 waren?

Jaaa…

Curtis: Was hat sich seitdem für Sie geändert?

Ein ganzes Leben…

Curtis: Richtig. Ein ganzes Leben hat sich verändert, für mich, für Laurie Strode. Ich hatte die Chance, mich wirklich zu entwickeln, sie hatte das nicht. Ich hatte die Gelegenheit, ein Familienleben aufzubauen und kreativ zu arbeiten, ein emotionales Leben, ein geistiges Leben, ein Leben mit Reisen, Musik und Kunst, Bildung und allem, was ich tun wollte. Laurie Strode hat nichts von dem. Sie ist immer noch in Haddonfield. Sie ist immer noch traumatisiert von den Ereignissen damals. Das einzige, was sie hat, ist Selbstschutz. Das ist das eigentliche Trauma: sich jeden Tag darum kümmern zu müssen, nicht zu sterben. Das ist eine Tragödie.

Jamie Lee Curtis 1978 in "Halloween"
Jamie Lee Curtis 1978 in "Halloween"

Hat Sie diese Tragödie auch persönlich berührt?

Curtis: Dies ist ein emotionaler Film. Was diesen Film so überaus besonders macht: Er wird der Wahrheit so gerecht. Der Zuschauer glaubt wirklich, dass ich Laurie Strode bin, und darum glaubt er auch ihr. (spricht mit monotoner Stimme) „Und dann ging ich mit meinen Freunden über die Straße, und sie zogen mich auf, und dann ging ich nach Hause, und dann sprach ich mit meinen Freunden am Telefon, und dann sprach ich mit mir selbst und sang ein romantisches Lied, über die Sehnsucht, festgehalten zu werden, über die Sehnsucht, berührt zu werden.“ Wenn man den Charakter von Michael Myers in diese Welt einführt, sorgt man sich um mich. Darum funktioniert es. Der Grund, warum mir das so nahegeht, ist die Tragik, die ihr zustößt. Es ist einfach tragisch – ihr Leben wurde ihr weggenommen. Sie ist nur noch am Leben, um sich noch einmal mit Michael Myers zu treffen. Das machte es für mich so emotional. Wenn ich das als eiskalte Roboterfrau gespielt hätte, hätte es nicht funktioniert. Ich glaube wirklich nicht, dass Sie sich dann um die Figur gesorgt hätten. Aber jetzt kümmern Sie sich – weil sie so verletzlich ist. Aus dem verletzbaren Mädchen, das wir vor 40 Jahren kennen gelernt haben, ist heute eine verletzbare Frau geworden. Das war mir sehr wichtig.

Eigentlich hatte ich gehofft, ich würde auf dem College einen Abschluss machen und dann Polizistin werden, eine gute Polizistin. Es war Zufall, der mich zur Schauspielerei brachte.


Sie ist doch aber auch eine sehr starke Frau. Eine Szene zeigt sie ja sehr geschickt und versiert bei den Schießübungen, und wenn dann am Schluss alle drei Frauen gemeinsam auf der Rückbank eines Autos sitzen, ist das auch ein Statement über „Female Empowerment“…

Curtis: Okay – es ist ein Statement über „Female Empowerment“. Aber das Drehbuch wurde vor „Me Too“ geschrieben. „Female Empowerment“ bedeutet ja, dass Frauen sich die Macht zurückholen. Was den Drehbuchautoren Jeff Fradley, Danny McBride und David Gordon Green sehr klar war: Michael Myers hat die ganze Macht. Wäre es da nicht interessant, einen Film zu machen, in dem sich die Frau die Macht zurückholt? Wie gesagt: Das war alles vorher geschrieben, bevor all diese Dinge in der Welt für Frauen geschahen. Stellen Sie sich das einmal vor: Bill Cosby sitzt in einer Gefängniszelle. Er hat Frauen unter Drogen gesetzt und vergewaltigt, und jeder hat ihn geliebt. Und diese Frauen, die nun Aufmerksamkeit einfordern und darüber berichten, was ihnen passiert ist – ich finde es bewundernswert. Was ist in einem Jahr nicht alles passiert! Ich finde es schon interessant, dass die drei Autoren über diese Dinge schon vorher nachgedacht haben. Und die „Me Too“-Bewegung hat dann noch die eigentlichen Dreharbeiten befeuert.

Es gibt eine Szene im Film, in der Sie sich mit Ihrer Filmtochter, dargestellt von Judy Greer, streiten und sie zwingen wollen, sich ausreichend zu bewaffnen. Sie aber entgegnet, dass sie an das Gute im Menschen glaubt. Ist sie also die Liberale, während Sie für Selbstverteidigung plädieren? Wie denken Sie darüber?

Curtis: Ich bin eine Liberale, die glaubt, dass man eine Waffe besitzen darf. Ich glaube aber nicht, dass es im Drehbuch um liberale Positionen geht. In dieser Szene geht es um ein Trauma. Judy Greer spielt eine Frau, die von ihrer Mutter dazu erzogen wurde, die von ihr gezwungen wurde, Schießen und Boxen zu lernen. Sie hat nur von ihr gefordert. Und als Erwachsene wehrt sich die Tochter und sagt: „Ich bin keine paranoide Frau. Du bist die paranoide Frau. Verschwinde aus meinem Haus. Nimm deine Paranoia und geh!“ Das hat gar nicht so viel mit liberaler oder konservativer Politik zu tun. Hier geht es um ein Trauma und das Gift, mit dem ein Kind zerstört wird. Bis sich das Kind zu wehren beginnt: „No more!“ Und das wird ja auch am Ende des Films deutlich.



Sie sind die Tochter von Janet Leigh und Tony Curtis, zwei erfolgreichen Schauspielern der 1950er- und 1960er-Jahre. Hatten Sie jemals überlegt, nicht in ihre Fußstapfen zu treten?

Curtis: Wissen Sie was? Ich war nur kurz auf dem College. Meine Mutter war übrigens dort die berühmteste Absolventin. Darum wollten sie mich auch gern da behalten. Aber ich war zu mittelmäßig. Ich war nie Studentin. Ich weiß gar nicht, wie man „Studentin“ buchstabiert. Eigentlich hatte ich gehofft, ich würde auf dem College einen Abschluss machen und dann Polizistin werden, eine gute Polizistin. Es war Zufall, der mich zur Schauspielerei brachte. Ich kam zu Weihnachten nach Hause. Ein Tennislehrer managte nun Schauspielerinnen – das ist, was in LA passiert: Du lehrst Tennis, dann managst du Schauspielerinnen – und er fragte mich, ob ich nicht Nancy Drew, eine Serienfigur, spielen wollte. Die Rolle habe ich nicht bekommen, aber nach einem Monat unterschrieb ich trotzdem einen Vertrag bei Universal, verließ das College und wurde Schauspielerin. Kein Unterricht, kein Training.

Warum sind Sie dann dabei geblieben?

Curtis: Ich hatte mein ganzes Leben über Erfolg. Ich war zwar viele, viele Male arbeitslos. Ich bin auch heute arbeitslos. Sie lachen, aber es stimmt. Niemand bezahlt mich heute. Aber ich war als junge Schauspielerin regelmäßig beschäftigt. Ich hatte einen Vertrag für eine Fernsehshow. Allerdings wurde ich da gefeuert. Aber wer weiß, was passiert wäre, wenn ich dort nicht gefeuert worden wäre. So konnte mein Manager, der Tennislehrer, mir von diesem Exploitation-Movie erzählen. Es gäbe drei Parts für Mädchen. „Ich schlage dich für das „,brainiac, repressed girl’“ vor. So landete ich bei „Halloween“! So arbeitet halt das Universum – Zufälle passieren immer wieder.

Drei Tage vor meinem 35. Geburtstag hing ich von einem Hubschrauber herunter, nur durch einen Draht gehalten, direkt über den Florida Keys, 70 Meter über dem Wasser. Es war wirklich eine außergewöhnliche Erfahrung, bei „True Lies“ dabei zu sein. Es war fantastisch!


Sie haben über die Jahre sehr unterschiedliche Figuren gespielt. Gibt es eine Rolle, die Sie bevorzugen?

Curtis: Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Drei Tage vor meinem 35. Geburtstag hing ich von einem Hubschrauber herunter, nur durch einen Draht gehalten, direkt über den Florida Keys, 70 Meter über dem Wasser. Ich sage es noch einmal: an einem Draht hängend, von einem Hubschrauber. Und das um vier Uhr 30 am Nachmittag, an einem wunderschönen Nachmittag. Es war verrückt. Es gab einen Moment, wo ich dachte: Was ist denn hier los? Es war wirklich eine außergewöhnliche Erfahrung, bei „True Lies“ dabei zu sein. Es war fantastisch.

Und „Ein Fisch namens Wanda“?

Curtis: Es war ein toller Film, superlustig, ich bin John Cleese sehr dankbar, dass er meine Rolle so geschrieben hat. Ich bekam damals ein Baby, meine Tochter war sechs Monate alt. Ich habe jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Weg nach Hause geweint, weil ich mich schrecklich fühlte. (betont noch einmal) I – felt – terrible – every – single – day. Weil ich mein Baby verlassen hatte, damit andere mit mir spielen. Mein Mann musste dann den Babysitter geben. Ich hatte mich noch nicht damit abgefunden, eine Mutter zu sein. Das war sehr schwierig für mich. Unglücklicherweise ist darum meine Erinnerung an „Ein Fisch namens Wanda“ nicht mit Spaß verbunden.

In "True Lies"
In "True Lies"


Wie lange wollen Sie noch als Schauspielerin arbeiten?

Curtis: Ich weiß es wirklich nicht. Auf einer gewissen Stufe gibt es eine schöne, wirklich schöne Symmetrie, um heute aufzuhören. Erster Film, letzter Film, beide „Halloween“, das wäre doch ein schönes Kapitel in den Geschichtsbüchern. Das wäre doch das perfekte Ende! Ich habe keinen großen Ehrgeiz. Ich habe angefangen zu produzieren und Ideen zu verwirklichen, vielleicht auch etwas zu schreiben, das ich dann inszeniere. Vielleicht tue ich aber auch überhaupt nichts außer mit meinem süßen Ehemann Golf zu spielen. Das ist nämlich das, was wir miteinander tun. Ich habe keinen großen Plan. Wenn Sie mir vor anderthalb Jahren gesagt hätten, dass ich in diesem großen Film mitspielen würde… Unglaublich! Schon gleich die Eröffnungsszene in der psychiatrischen Anstalt – oh David Gordon „Fucking“ Green! Eine unglaubliche schöne Sequenz. Ich hatte keine Ahnung, dass das damit endet, dass wir jetzt zusammensitzen und uns unterhalten. Ich hatte keine europäische Publicity-Tour seit „Die Glücksritter“!

Frauen fordern mehr und bekommen mehr.


Sie sollen für den ersten „Halloween“-Film nur 8000 Dollar bekommen haben. Waren Sie jemals verärgert, dass Sie nicht so viel verdienen wie ein männlicher Schauspieler?

Curtis: Ich finde es gut, dass so viele Menschen über gleiche Entlohnung sprechen. Ich lebe ja in einem Land, das noch nicht einmal das Equal Rights Amendment hat (ein erstmals 1923 eingereichter Verfassungszusatz, der Frauen in den USA gleiche Rechte zusichern sollte, aber nie von sämtlichen Bundesstaaten unterzeichnet wurde, Anm. d. Red.) von gleicher Bezahlung ganz zu schweigen. Wir bewegen uns in einer Kunstform, die auch Kommerz ist. Ich nenne das „Angeber-Geschäft“. Es ist ein Business. Wenn man schon das investierte Geld nicht in gleicher Form zurückbekommt, wie kann es dann gleiche Bezahlung geben? Man könnte natürlich die Möglichkeit dafür schaffen. Aber es gibt viele Beispiele von Filmen, in denen Frauen eine große Rolle spielen. „Wonder Woman“ ist ein gutes Beispiel. Frauen sind zwar in Hollywood unterrepräsentiert, aber das wird nicht ewig dauern. Frauen fordern mehr und bekommen mehr. Ich interessiere mich mehr für gleiche Rechte als für gleiche Bezahlung. Unglücklicherweise lebe ich in einem Land, wo gleiche Rechte für Frauen nicht existieren. Die Sache mit der Bezahlung ist auch vertrackter. In der Kunst (und darum auch im Film) steht nirgendwo geschrieben, dass man dies oder jenes verdienen müsse. Aber es beginnt sich ja auch zu ändern. Letzte Woche hat der Gouverneur von Kalifornien ein Gesetz unterzeichnet, in dem steht, dass alle Vorstände großer Firmen auch Frauen dabeihaben müssen.

Sie schreiben auch Kinderbücher.

Curtis: Ich schreibe Kinderbücher, weil sie in meinem Kopf herumspuken, weil ich Dinge sehe, wie Kinder sie sehen, und sie amüsieren und erfreuen mich. Ich sagte ja bereits, dass ich auf einem College war, ohne dort wirklich etwas zu suchen zu haben. Und die Tatsache, dass ich Bücher schreibe, die erfolgreich sind, ist darum für mich ein Wunder. Meine Bücher sind schön, sie sind lustig, es geht in ihnen um etwas, jedes hat etwas zu sagen. Sie sind das Beste von mir.

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