Auslöschung

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Die Stille um diese Mission, sagt die Hauptfigur Lena (Natalie Portman) einmal, ist lauter als sonst. Zusammen mit einem Expeditionsteam von Wissenschaftlerinnen ist sie in einer Küstenregion der USA unterwegs, wo sich die Natur auf mysteriöse Weise verändert hat –und die Menschen verändert, die dieses Gebiet betreten. Lange scheint es, als seien die Geräusche der Welt gemeinsam mit den Gefühlen der Menschen als erste ausgelöscht worden, wie der Titel des Films es so unheilvoll verspricht. Kaum Musik erklingt, während die Umwelt der Personen gleichsam verstummt. In kahlen Räumen sitzen die Menschen, versuchen sich sinnlos an Gesprächen, versuchen hervorzubringen, was nicht hervorzubringen ist. Ein Regierungsbeamter verhört Lena nach ihrer Rückkehr aus dem mörderischen Biotop Area X, das hier „The Shimmer“ genannt wird. Er will wissen, was dort geschah mit ihr, mit den anderen Expeditionsmitgliedern und mit allem, was einst dort lebte und nun auf andere Weise weiterlebt. Lena weiß es nicht. Sie folgte ihrem Mann Kane (Oscar Isaac), einem Soldaten, der ein Jahr lang von der Region gleichsam verschluckt worden war mit seinem Team und eines Tages heimkehrte zu ihr: eine leere Hülle, erinnerungslos und bald von schwersten, lebensbedrohlichen Krämpfen und Blutungen heimgesucht.

Jeff VanderMeers Romantrilogie, die mit „Auslöschung“ beginnt, erzählt von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis und davon, wie sich Schönheit und Grausamkeit im Erhabenen vermischen. Alex Garland („Ex Machina“) erzählt in seiner visuell überbordenden Adaption vor allem von Menschen. Um deren Verlorenheit sichtbar zu machen, greift Garland auf das Breitwandformat zurück, das er schon in „Ex Machina“ verwendete und auf paradoxe Weise prachtvoll in Innenräumen erstrahlen ließ. Um Lena und ihren Mann herum bleibt es kalt, eisig kalt. Und für das Publikum, das nicht in Nordamerika oder China ins Kino gehen kann, bleibt diese Kälte im Heimkinoformat stecken. Mit der Weigerung, seine Geschehnisse zu erklären, schien der Film dem Studio Paramount wohl zu riskant für einen weltweiten Kinostart – doch im Zeitalter der Streaming-Dienste gibt es ja längst Alternativen; hierzulande startet der Film nun bei Netflix.

Die Ursachen verstecken sich in diesem Stoff hinter ihren Erscheinungen: ohne zu zeigen – und ohne das Budget, Phänomene zeigen zu können –, wäre er nicht denkbar. Irgendwann betritt Lena mit ihrer Expedition das Schimmern. Das Team besteht aus fünf Frauen, allesamt Wissenschaftlerinnen wie die Biologieprofessorin Lena. Unter ihnen ist auch eine Psychologin, Dr. Ventress, mit einer faszinierend rauchigen Härte und Traurigkeit gespielt von Jennifer Jason Leigh. Es häufen sich die Anzeichen, dass die vorausgegangenen Entdecker durchgedreht sind, zerbrochen sind an sich selbst und an der Hölle, die die anderen sind. Oder an etwas Unvorstellbarem. Durch einen Schleier, der die Luft zu Gelee gemacht zu haben scheint, mussten sie treten. Das Licht bricht farbig durch die Vegetation. Meist ist es ein wenig zu hell, ob in Quarantänezimmern, Büros oder in dem satten Stück Natur, das sich nach und nach die Zivilisation einverleibt. Das Gras ist zu grün dort, um von dieser Welt zu sein; und lang gezogene, vibrierende Töne klingen bedrohlich – künstlich auch sie, aber zu leise, um schrill zu klingen. Das Unwirkliche legt sich über die Wirklichkeit.

Kreaturen, mutiert, riesig und böse brechen aus Sümpfen und Wäldern; die Gruppe zerfällt in ihrer Panik, als die Frauen bemerken, dass auch sie sich verändern oder vielmehr: verändert werden. Gleichwohl erzählt Garland fast nie von Hektik. Die Bewegungen, die seinen Film durchziehen, scheinen kontrolliert, beherrscht, womöglich resigniert. Natalie Portman erlaubt Lena nur wenige Sekunden des Glücks in Rückblenden mit Kane und nur wenige der Verzweiflung, als sie auf zurückgelassenem Videomaterial erkennt, was mit Kane geschehen ist in Area X.

Am Ende, das sich von dem der Romanvorlage deutlich unterscheidet, explodiert das Unbekannte in Partikeln von Farben, aus denen sich Neues zusammensetzt. Wabernd und vage elektronisch umfängt die Musik von Geoff Barrow und Ben Salisburg den Zuschauer, fremd und schön und bedrohlich zugleich: Eine Literaturverfilmung lässt die Sprache an ihr Ende kommen. Und dennoch bleibt bei all dieser ausgestellten Kunstfertigkeit ein Rest von Distanz. Die innere Auslöschung des Menschen lässt sich nur indirekt in (Film-)Bilder verwandeln. Die Ästhetik des Entsetzlichen muss Umwege gehen, auf denen sie sich bei Garland manchmal verirrt.

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