Konfetti 29 – Peter W. Jansen

Eine Hommage an die Sprachkunst des Filmkritikers Peter W. Jansen (1930-2008) und ihre bleibende Provokation

Diskussion

Lukas Foerster verbeugt sich im „Konfetti“-Blog vor der Sprachkunst des Filmkritikers Peter W. Jansen (1930-2008) und deckt nicht nur ihren Reichtum, sondern auch ihre bleibende Provokation auf. Insbesondere die, dass Sprache Filmen etwas hinzufügt, was ohne sie nicht existieren würde.


„Statt Kinderpornographie vor dem Internet ist [Stanley Kubricks] Lolitadas Internet vor der Kinderpornographie, kalt statt heiß, Medium statt Message, Datenbank statt Daten, Darstellung eines Beziehungsgeflechts eher als die Beziehung selbst, Parallelogramm der Kräfte der Geometrie der Machtverhältnisse, Schachspiel wieder, in dem jede Figur von der Bewegung der anderen Figuren bewegt wird.“

Stanley Kubrick bei den Dreharbeiten zu "Lolita"
Stanley Kubrick bei den Dreharbeiten zu "Lolita"

Dieser Satz seht in Peter W. Jansens zuerst 1997 im „filmbulletin“ erschienenen und nun in dem von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen herausgegebenen Band „Peter W. Jansen. Publizist und Filmkritiker“ wiederabgedruckten Text „Wege zu Lolita. Kubrick/Friedkin – Losey/Waters – Kubrick/Lynch“. Er artikuliert eine Form von Sprachwitz, die sonderbarerweise gleichzeitig ornamental und ökonomisch ist und außerdem zwei Stilmittel zusammenbringt, die Jansens Prosa prägen: Zunächst die Invertierung eines adverbial gebildeten Ausdrucks, eine Umdrehung, die nicht einfach eine Umkehrung ist, sondern eher als die Rekombination einer gegebenen semantischen Gesamtmenge beschrieben werden kann: Alle Elemente und auch Allusionen des Ausdrucks werden wiederaufgenommen, aber in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt. Anschließend folgen, in der grammatikalischen Form der Aufzählung, eine Reihe von Variationen des Ausgangsgedankens; der sprachgestalterische Freiheitsgrad wächst dabei sukzessive, gleichzeitig bewegt sich das Argument, gleichfalls schrittweise, vom allgemeinen zum Spezifischen. Die Metaphern-Konstellation Internet/Kinderpornografie wird übersetzt in eine Filmanalyse nahe am Material.


Stilmittel sind Denkmittel

Nun sind Stilmittel, auch das zeigt dieser Satz, stets mehr als nur Stilmittel; sie sind immer auch Denkmittel. Was mich an Sätzen wie dem von Peter W. Jansen begeistert, ist, dass es in ihnen zuerst die Sprache selbst ist, die denkt, indem sie autonom wird. Insbesondere die Invertierung ist keineswegs Teil einer logisch schlüssigen argumentativen Kette, sondern zunächst nur ein Sprachspiel. Durch das aber eben doch Sinn entsteht, wo vorher keiner war. Es ist immer wieder zu lesen, dass die Sprache ein unzureichendes Hilfsmittel sei, um sich Filmen zu nähern, dass das Wort zwingend immer mangelhaft und ärmlich sei im Vergleich mit dem Bild, auf das es sich bezieht. Jansens Satz zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Die Sprache, und insbesondere der niedergeschriebene Text, fügt den Filmen (und auch anderen Gegenständen) etwas hinzu, das ohne sie schlichtweg keine Existenz hätte.

Der Text ist mehr als der Film, und der Satz ist mehr als der Text, mehr als sein Thema vor allem. Das Thema, der „Aufhänger“ von „Wege zu Lolita“ ist, dass drei Regisseure (William Friedkin, John Waters und David Lynch) jeweils einen Lieblingsfilm („Paths of Glory“, „Boom!“, „Lolita“) genannt haben. Man kann darüber streiten, ob die Frage, was die jeweilige Wahl mit den „Handschriften“ der drei Filmemacher zu tun haben könnte, eine herausragend interessante ist. Tatsächlich ist das fast der einzige Text in dem Jansen-Band, der zumindest vorderhand nicht von der Faszination für einen Gegenstand ausgeht, sondern eben von einem „Aufhänger“, einer Ausgangsfrage, die vielleicht etwas zu feuilletonistisch gedacht, zu konstruiert ist. Vor allem, weil das Fazit eh schon feststeht: Selbstverständlich findet Jansen Friedkin in Kubrick, Waters in Losey und Lynch in gleich noch einmal Kubrick wieder.

Nur fällt das beim Lesen kaum ins Gewicht. Der Text emanzipiert sich vom selbstgesetzten Programm. Und vielleicht ist es Jansen auch nur um die Möglichkeit gegangen, den zitierten Satz über „Lolita“ schreiben zu können, sowie einige weitere, ähnlich reichhaltige, über „Paths of Glory“: „Nichts Unvorhergesehenes ist zugelassen, weil anders das Unvorhergesehene nicht stattfinden kann.”

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„Die sich um ihre eigene Provokation betrügenden Provokateure hätten [...] fürchten müssen, als Taktiker zu erscheinen, die sich einer der bürgerlichen Ordnung inhärenten Taktik bedienen und damit womöglich nicht nur die Brauchbarkeit jener Taktik bestätigt hätten, sondern auch die Brauchbarkeit jener Ordnung. Das Muster der Solidarisierung lässt keine Freiheit (...).“

Eine andere Jansen-Passage, aus dem Text „Kino. Rebellion“ (Merkur 243, 1968). Es geht um Filmpolitik, genauer gesagt um den Skandal, der sich auf dem Kurzfilmfestival Oberhausen an Hellmuth Costards „Besonders wertvoll“ entzündet. Der Film war als Reaktion auf ein neues, von Costard und anderen als zu industrienah empfundenes Filmfördergesetz entstanden. Der Beitrag sollte in Oberhausen im Wettbewerb laufen, wurde dann aber aufgrund pornografischer Inhalte von einem Staatsanwalt als unzüchtig im Sinne des Paragrafen § 184 StGB befunden, weshalb das Festival ihn wieder aus dem Programm nahm. Daraufhin erklärten sich weite Teile der eingeladenen Filmemacherinnen und Filmemacher mit Costard solidarisch und zogen ihre Beiträge ebenfalls zurück. Oder so ähnlich, denn es ist nicht ganz einfach, die Interessenlagen und vor allem die Chronologie nachträglich zu rekonstruieren.


Wenn System und Rebellion sich wechselseitig bestätigen

Jansen ist nicht solidarisch. Und zwar, weil er im bloßen Akt der Solidarisierung kein Bekenntnis zur (künstlerischen oder gesellschaftlichen) Freiheit zu erkennen vermag, sondern nur die Fortschreibung eines Musters: Die Reaktion der sich selbst ausladenden Regisseurinnen und Regisseure ist für ihn genauso mechanisch wie die Entscheidung des Festivals, einen Film, der einen erigierten Penis zeigt, aus dem Programm zu nehmen. Beides gehorche der „Struktur des Ornaments“ – und zwar solange, wie beide Seiten sich weigern, ihr je eigenes Referenzsystem in Frage zu stellen und sich stattdessen damit begnügen, immer wieder die „Intoleranz“ respektive die „Obszönität“ der Gegenseite zu „beweisen“. In der unreflektierten, wechselseitigen Negation bestätigen sich das System und die Rebellion gegenseitig.

Das oben angeführte Zitat treibt das Argument sogar noch weiter, vermittels sprachlicher Wiederholungsstrukturen: Die Provokateure betrügen sich um die Provokation (ergänze: und zwar gerade im Akt des Provozierens); sie haben Angst, als Taktiker zu erscheinen, die im Gebrauch der Taktik eine Taktik bestätigen (ergänze: und die doch, gerade in dieser Überlegung, selbst Taktiker sind); und in der Kommunikation mit der Ordnung eine Ordnung (ergänze: wodurch sie freilich eine andere, beide Seiten umfassende Ordnung stabilisieren). Im politisch-semantischen Feld, das Jansens Text umreißt, sind Begriffe wie Provokation, Taktik und Ordnung nicht mehr geeignet, produktive Unterscheidungen zu treffen; sie dienen nicht mehr dem Erkenntnisgewinn, sondern verweisen andauernd und ausschließlich auf sich selbst.

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Ob Jansen, der für eine innersystemische anstatt außersystemische Opposition und letztlich, nicht nur in diesem Text, für eine sozialdemokratische Position argumentiert, inhaltlich richtig lag? Wer will das heute noch entscheiden?

"Zur Sache, Schätzchen" von May Spils
"Zur Sache, Schätzchen" von May Spils

Zweifellos sind viele seiner Texte zeitgebunden – aber eben auch, kläglicher Versuch eines Jansenismus – gebundene Zeit. „Ein Jahr Kinorebellion“ (Merkur 248, 1968) ist eine frühe Chronik der politischen Desillusionierung einer ganzen Generation, noch im vermeintlichen Revolutionsjahr erschienen.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Uni-Seminar, in dem es, leider nur eine Sitzung lang, um die Geschichte der deutschen Filmkritik ging, insbesondere um die Zeitschrift „filmkritik“ in den 1960er-Jahren und die Auseinandersetzung zwischen der „ästhetischen Linken“ und der „politischen Linken“. Auf den Hinweis, dass die „politischen Linken“ damals aus der Zeitschrift gedrängt worden seien, meinte der Dozent (in einem fast schon aufbrausenden Gestus, als gelte es, alte Kämpfe noch einmal auszufechten), dass man da keineswegs Mitleid haben müsse; die seien anschließend ja den Weg durch die Institutionen gegangen und hätten sich in allen denkbaren Gremien eingenistet.


Die Sprache entwickelt ein Eigenleben

Jansen zählte zur politischen Linken. Ich glaube, der erste Text, den ich von ihm gelesen hatte, war ein offener Brief als Antwort auf ein Pamphlet der ästhetischen Rebellen (filmkritik 3/1969), in dem er vor dem Primat der „Sensibilität“ warnt. Im jetzt erschienenen Band ist dieser Text nicht enthalten. Die gesamte Diskussion taucht nur im Vorwort von Wolfgang Jacobsen auf, was mir sofort einleuchtet; die Konzentration auf die innerredaktionellen Frontstellungen einer einzigen Filmzeitschrift verdeckt, habe ich den Eindruck, insgesamt mehr, als sie enthüllt. Neu war mir beispielsweise, dass nicht ein Vertreter der ästhetischen Linken beziehungsweise der „Sensibilisten“, sondern eben Jansen einen der schönsten Texte über May Spils’ „Zur Sache, Schätzchen“ geschrieben hat (filmkritik 2/1968): „(...) [den Film] interessiert nicht der Genotyp, ihn interessiert der Phänotyp. Und der verhält sich zur gesellschaftlichen Wirklichkeit wie eine Kamera: da wird zwar ein Film belichtet, aber die Bilder, die aufgenommen werden, verändern die Kamera nicht. Sie verbraucht sie allenfalls, wird ramponiert und alt.“ (Stimmt der letzte Satz? Ist nicht gemeint: Sie – also die Kamera – verbraucht sich? Oder sind es die Bilder, die die Kamera verbrauchen? Oder ist es doch so gemeint, wie es hier steht: Die Kamera verbraucht sich, indem sie die Bilder, die sie aufnimmt, ihrerseits verbraucht? Wieder entwickelt die Sprache ein Eigenleben.)

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