Wes Anderson, Juman Malouf & „Spitzmaus Mummy“

Freitag, 07.12.2018

Eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien

Diskussion

Von Spitzmaussärgen und Haarmenschen: Wes Anderson, der Regisseur von Filmen wie „Rushmore“, „Die Tiefseetaucher“, „Moonrise Kingdom“ und „Isle of Dogs“, hat mit seiner Partnerin Juman Malouf im Kunsthistorischen Museum in Wien eine Ausstellung kuratiert, für die die beiden nach Belieben die Sammlungen und Depots des Museums und verschwisterter Institutionen durchforsten durften. „Spitzmaus Mummy in a Coffin“, so der Name der Schau, ist noch bis Ende April 2019 in Wien zu sehen.


Gleich im ersten Raum begegnet man einem Bild, das eine Art Offenbarungseid dessen ist, was Regisseur Wes Anderson und seine Partnerin, die Designerin und Schriftstellerin Juman Malouf, im Kunsthistorischen Museum in Wien angezettelt haben. Das Gemälde „Kunst- und Raritätenkammer“ von Frans II.Francken aus dem 17. Jahrhundert ist ein überbordendes Wimmelbild eines Raums, der mit Kunstgegenständen aller Art vollgestopft ist, ergänzt durch Natur-Schätze wie Muscheln und Schneckenhäuser und durch Sammelstücke wie alte Münzen oder Porzellangefäße. Solche Kunst- und Kuriositätenkabinette beziehungsweise sogenannte „Wunderkammern“, wie sie seit der Spätrenaissance und dem Barock von wohlhabenden Sammlern gepflegt wurden, waren einst die chaotischen Keimzellen des modernen Museumswesens. Weswegen das Gemälde bestens an den Anfang von „Spitzmaus Mummy in a Coffin“ (so der Titel der von Anderson und Malouf kuratierten Ausstellung) passt, die ihrerseits dem Prinzip der alten Wunderkammern frönt, mit ihrer schieren Lust am Schönen und Seltsamen, am Exotischen und Erstaunlichen.

Es ist also eine Art „Back to the roots“, was die Macher da zelebrieren. Dass Wes Anderson im Vorwort zum Katalog der Ausstellung den Wunsch formuliert, „dass die unkonventionelle Zusammenstellung und Anordnung der präsentierten Werke auf die Auseinandersetzung vieler künftiger Generationen mit Kunst und mit der Antike auf geringfügige, vielleicht sogar belanglose, aber auf jeden Fall feststellbare Weise Einfluss nehmen wird“, scheint da etwas hoch gegriffen: innovativ ist das Konzept von „Spitzmaus Mummy in a Coffin“ eher nicht.

Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht

Stöbern im Dachboden der Kunst- und Kulturgeschichte

Was nicht heißt, dass ein Besuch in dem von dem Filmregisseur („Grand Budapest Hotel“, „Moonrise Kingdom“, „Isle of Dogs“) und der Designerin eingerichteten Raum-Ensemble nicht diebischen Spaß macht – jene Art von Spaß, die man als Kind hatte, wenn man auf dem Dachboden im Haus der Großeltern in vergessenen Kisten und Schränken stöbern konnte. Wobei Anderson und Malouf mit ihrer Schau einen der wohl famosesten „Dachböden“ Europas auftun, nämlich die Sammlungen und Depots des Kunsthistorischen Museums und verschwisterter Einrichtungen wie des Wiener Theatermuseums, des Weltmuseums, der Kaiserlichen Wagenburg, von Schloss Ambras in Innsbruck oder dem direkt gegenüber vom Kunsthistorischen gelegenen Naturhistorischen Museum Wien.

Ihre Auswahl aus den Untiefen dieser Bestände folgt keinen herkömmlichen (kunst-)wissenschaftlichen Kriterien, sondern stellt in acht Räumen beziehungsweise Kuben, die in einem großen Saal des Kunsthistorischen Museums untergebracht sind, 400 Objekte unbekümmert quer durch Epochen und Weltgegenden nach (meist recht simplen) intuitiv-sinnlichen Kriterien zusammen: Da gibt es zum Beispiel einen Raum, in dem sich alles um die Farbe Grün dreht, einen anderen, in dem es um das Material Holz geht, ein Ensemble von Gemälden kleiner Infantinnen und Infanten oder eine Ansammlung von Tier-Darstellungen. Bei letzterer befindet sich in einer eigenen Vitrine auch jener „Sarg einer Spitzmaus“, dem die Schau ihren kuriosen Titel verdankt – ein kleines, an der Seite mit einem Nagetier bemaltes Artefakt aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. aus der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung des Hauses.


Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht

Passion für die Dingwelt

Kuriosa wie dieses possierliche Zeugnis der altägyptischen Maus-Wertschätzung sind sozusagen die Filet-Stücke der Ausstellung; zu ihnen gehört u.a. auch ein „Püsterich“ (eine kleine, innen hohle dickbäuchige Bronzeskulptur aus dem 12. Jahrhundert), eine Hiob-Figur, die auf einer goldenen Schildkröte reitet, oder eine Trias von Gemälden sogenannter „Haarmenschen“. Sie treffen in der Schau auf Objekte, die auf den ersten Blick unscheinbar-rätselhaft wirken, wie zum Beispiel eine Ansammlung von Futteralen und Kästen oder ein simples Stück Holz, das sich bei genauerem Studium als ältestes Stück der Ausstellung, ein Überbleibsel aus dem Miozän, entpuppt. Dazwischen gesellen sich weltberühmte Gemälde wie das „Weibliche Bildnis“ von Lucas Cranach dem Jüngeren oder Samuel van Hoogstratens „Alter Mann am Fenster“.

Wes Andersons große Passion für die Dingwelt dürfte Fans seiner Filme kaum verwundern: In den sorgsam kadrierten Einstellungen von Werken wie „Die Royal Tenenbaums“, „Die Tiefseetaucher“, „Der fantastische Mr. Fox“, „Moonrise Kingdom“ oder „Grand Budapest Hotel“ fügen sich die (Retro-Chic-)Ausstattungselemente zu detailverliebten Biotopen für Andersons wunderliche Figuren zusammen – ein „World Building“ voller kultureller Anleihen, das gleichwohl einen ganz eigenen Anderson-Kosmos kreiert. Wobei der narrative Zusammenhang, die Rückkopplung zwischen den Dingen und den Charakteren, wichtig ist: Die Dinge haben sozusagen etwas zutiefst Menschliches, weil sich in ihnen die Lebensumstände, Fantasien und Vorlieben ihrer Besitzer spiegeln. Dieser Zusammenhang fehlt in den Räumen, die Anderson und Malouf für ihre Ausstellung geschaffen haben, oder ist zumindest abstrakter, weswegen sie stummer wirken als Andersons Filmwelten – auch wenn einige Arrangements einen gewissen szenischen Witz entfalten, etwa wenn sich in dem Tier-Raum eine Leopardenfigur aus Kamerun und eine Krokodilfigur aus Papua-Neuguinea liebevoll anzugrinsen scheinen oder in dem Holz-Raum ein detailliert geschnitzter Adam aus dem 16. Jahrhundert drohend auf eine sich wegdrehende Christus-Figur heruntersieht, als wolle er sie von der kleinen „Venus Pudica“ wegscheuchen, die zwischen ihnen steht.


Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht

Am schönsten ist die Auswahl indes in jenen Räumen, in denen sie Lebendigkeit nicht aus solchen narrativen Resten zu erzeugen versucht, sondern ganz schlicht aus der Kombination von Texturen, die man zwar nur hinter Glas bewundern und nicht anfassen kann, die aber trotzdem plastisch zu Tage treten. Am gelungensten spielen Anderson und Malouf damit wohl in ihrem „grünen Salon“, in dem die glattgeschliffene Oberfläche von Malachiten u.a. auf einen flauschigen Federschutz aus Peru und den sanft-schimmernden Stoff eines Kostüms aus einer „Hedda Gabler“-Inszenierung der 1970er-Jahre trifft. Wes Andersons Filme sind mitunter von Kritikern verglichen worden mit den „Boxen“ des amerikanischen Künstlers Joseph Cornell (1903-1972): Kistchen mit Glas-Fronten, in denen Cornell unterschiedlichste Gegenstände versammelte und aus disparaten Elementen eigenwillige, fantastische kleine Mikrokosmen schuf. Mit „Spitzmaus Mummy in a Coffin“ treten Anderson und Malouf ebenfalls deutlich in dessen Fußstapfen – und kreieren an den besten Stellen kleine visuelle Gedichte.


Fotos: © KHM-Museumsverband

Kommentar verfassen

Kommentieren