Polizeiruf 110 - Tatorte

Freitag, 14.12.2018

Der 15. und letzte „Polizeiruf“ mit Matthias Brandt als Hauptkommissar Hanns von Meuffels

Diskussion

Zum 15. und letzten Mal ermittelt Matthias Brandt am Sonntag, 16. Dezember 2018, als „Polizeiruf 110“-Kommissar Hanns von Meuffels (Das Erste, 20.15). Christian Petzold beschert der melancholischen Ermittlerfigur mit „Tatorte“ einen standesgemäßen Ausstand, in dem noch einmal alle Qualitäten der seit 2011 entstandenen Folgen zusammenkommen. Eine Würdigung zum Abschied.

„Schön war’s nicht bei Ihnen!“, sagt Anna, die Ex-Assistentin des Hauptkommissars Meuffels, und blickt ihn herausfordernd an. Er lächelt, ihm gefällt, wie Anna redet, ihre direkte Art. Sie sprechen über seine Wutanfälle, die Meuffels, der eigentlich die Zurückhaltung und Schüchternheit in Person ist, gelegentlich hatte und immer noch haben kann, und man spürt, dass Anna diesen eigensinnigen Sturkopf von Chef doch ganz gern mochte.

In den ersten fünf Folgen (2011 bis 2013) war Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) seine Assistentin; jetzt, beim 15. und letzten Fall, begegnen sie einander zufällig im Park. Sie sitzen auf einer Parkbank, rauchen Zigaretten wie Friedenspfeifen und erinnern sich. Anna murmelt: „Ist ja kein Beruf sowas!“, und fügt sogleich, seinem erstaunten Blick antwortend, hinzu: „Das haben Sie gesagt!“


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Ja, das hat er immer wieder mal in Momenten des Selbstzweifels gesagt, und nun, nach acht Dienstjahren, quittiert der bei Publikum und Kritik hoch geschätzte und beliebte Matthias Brandt alias Hauptkommissar Hanns von Meuffels seinen Dienst. Christian Petzold (Buch und Regie) präsentiert in seinem Abschieds-Fall einen Meuffels, dem alles zu entgleiten droht, vom Gang der Mordermittlungen bis zu seiner Liebesgeschichte mit der Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer).

Petzold balanciert dabei die melancholischen und tragischen Momente der Geschichte mit Ironie und allerlei bunten Reminiszenzen aus. Das beginnt mit dem kuriosen, neidvoll-anerkennend auf die erfolgreichste Krimi-Serie des deutschen Fernsehens verweisenden Titel „Tatorte“, und endet mit einem Laurel&Hardy-Slapstick-Zitat, einer rührend komischen und herrlich Happy-End-tauglichen Szene aus „Blockheads“, in der Ollie den schwerverletzten Stan auf Armen trägt.

Schwierige Liebesbeziehung: Constanze Hermann (Barbara Auer) und Hanns von Meuffels (Matthias Brandt)
Schwierige Liebesbeziehung: Constanze Hermann (Barbara Auer) und Hanns von Meuffels (Matthias Brandt)

Dass der Tatort in „Tatorte“ ein Autokino-Parkplatz ist, ergibt nicht nur eine hübsche Kino-Referenz, sondern erinnert auch daran, dass dieses Aschheimer Autokino bereits in Wim Wenders’ „Alabama“ (1969) ein magischer Krimi-Schauplatz war. Jetzt, bei der aktuellen Tatortbesichtigung, begegnet Meuffels hier seiner neuen Assistentin Nadja Micoud (Maryam Zaree), die klug, eifrig-übereifrig und stolz darauf ist, dass sie Meuffels zugeteilt wurde. Sie erklärt ihm die Ergebnisse der bisherigen Spurensuche – und kriegt sogleich seinen Spott ab. Denn sie duzt die lieben Kollegen der Spurensicherung, pflegt einen Ton kollegialer Vertrautheit, der Meuffels missfällt.

Er: „Wir haben’s mit Vornamen?!“

Sie: „Ist doch netter!“

Er: „Ist wie Ikea.“

Meuffels hasst hemdsärmelige Kumpanei, und es ist ihm völlig egal, wenn ihm das als Arroganz ausgelegt wird. In allen seinen Fällen hat er das zur Geltung gebracht, am deutlichsten in „Morgengrauen“ (Regie: Alexander Adolph), wo er mit einem Kollegen aus Wien zu tun hat, der als Prototyp aufdringlicher, vulgärer und übergriffiger Kumpanei nur hassenswert sein kann. Dass Meuffels in jeder Lebenssituation, ob beruflich oder privat, erst einmal auf Distanz geht, hat nichts mit soziopathischer Absonderung oder Einsamer-Wolf-Attitüde zu tun, sondern gehört zu seiner Grundhaltung der Höflichkeit und des Respekts.


Als Melancholiker ein emphatisches Genie

Ein anderer, immer präsenter Wesenszug ist seine Fähigkeit zur Einfühlung, sein empathisches Genie. Wie die meisten Melancholiker ist er ein Meister darin, sich in andere hineinfühlen und hineindenken zu können. Das macht ihn zum erfolgreichen Ermittler. Er kann tief in die Abgründe der Täterpsyche eintauchen und die Tat erschließen. Einfühlung ist aber auch ein Herzstück der Schauspielkunst, und so ergibt sich eine interessante Parallele in der Art, wie der Ermittler Meuffels das Verbrechen erkundet, und wie der Darsteller Brandt in seine Meuffels-Rolle hineinfindet.

Als Matthias Brandt für diese Rolle beim Fernsehfilmfestival Baden-Baden ausgezeichnet wurde, lobte die Jury sein Einfühlungsvermögen gerade auch mit Blick auf die unterschiedlichen Regisseurs-Temperamente: „Er schwingt mit den verschiedensten Regisseuren stets kongenial mit, ohne dabei seinen eigenen Stil der kleinen präzisen Gesten je zu verleugnen.“

Hanns von Meuffels wahrte stets etwas Distanz zu seinen Mitmenschen, so auch zu seiner neuen Kollegin Nadja Micoud
Hanns von Meuffels wahrte stets etwas Distanz zu seinen Mitmenschen, so auch zu seiner neuen Kollegin Nadja Micoud

Zum Reichtum der Meuffels-Figur gehört, dass die diversen Regisseure ihr auch verschiedene Facetten entlocken. Es ist die Ambition der BR-Redaktion, dass die Regisseure der Meuffels-„Polizeirufe“ über eine eigene, markante Handschrift verfügen und möglichst auch Kinoerfahrung mitbringen. Die Liste ihrer Namen imponiert als Who-is-Who eigenwilliger, jenseits der Routine arbeitender Top-Regisseure: Dominik Graf, Jan Bonny, Hans Steinbichler, Leander Haußmann, Marco Kreuzpaintner, Alexander Adolph, Hendrik Handloegten, Hermine Huntgeburth, Rainer Kaufmann, Christian Petzold.

Die BR-Redakteurin Cornelia Ackers: „Das Format ,Polizeiruf 110‘ mit Matthias Brandt ist deswegen für Kino-Regisseure interessant, weil es Inhalte bewegt und ermöglicht, die immer seltener im Kino zu sehen sind. Immer wieder klagen Regisseure bei mir darüber, dass sie von Verleihern und auch Förderern zu hören bekommen, dass nur noch Komödien und Kinderfilme im Kino eine Chance hätten. So braucht es Freiräume, wie der ,Polizeiruf 110‘ des Bayerischen Fernsehens sie bietet.“

Und die Regisseure wissen diese Freiräume zu schätzen. Marco Kreuzpaintner: „Für mich war die Regiearbeit an ‚Und vergib uns unsere Schuld‘ die erste Arbeit im deutschen Fernsehen. Als Kino-Regisseur hatte ich da zugegebenermaßen vorher Dünkel und Vorurteile, insbesondere, was die erzählerische Qualität anbelangt… aber die Zusammenarbeit mit Redakteurin Cornelia Ackers, die eine künstlerische Instanz auf allen Ebenen der Herstellung war, hat mir das Vertrauen gegeben, etwas ganz Eigenes wagen zu dürfen.“


Meuffels & Brandt passen sich den Gepflogenheiten an

Wie zeichnen sich die verschiedenen Regisseurs-Handschriften in den Konturen der Meuffels-Figur ab? Bei Kreuzpaintner und Steinbichler, die erzählerisch und inszenatorisch einen melodramatischen Stil pflegen, wird Meuffels beispielsweise mit Pathos-Situationen konfrontiert, die ihn zu hochdramatischer Emotionalität herausfordern. Im Universum eines Regisseurs wie Leander Haußmann, der theatralische Situationen liebt und seine Figuren gerne an den Rand des Nervenzusammenbruches treibt, wird auch Meuffels (in „Kinderparadies“) ordentlich durch die Mangel gedreht. Man kommandiert ihn ab zur Kinderbetreuung, die ihn nachhaltig nervt, er muss in seinen Dienstwagen einen Kindersitz installieren und einem Zweijährigen seinen Job als Kommissar erklären – woraus sich herrlich komische Szenen ergeben.

Ganz anders als der kantige, hartgesottene Detektiv eines Noir-Krimis zeigt sich Meuffels in Huntgeburths „Sumpfgebiete“, aber am meisten bei sich erscheint er dort, wo er schüchtern und versponnen sein darf, mit einer Neigung zu gelegentlichen Wutausbrüchen. Dominik Graf interpretiert Meuffels Schüchternheit (in „Cassandras Warnung“ und „Smoke on the Water“) als ein Manko der Gehemmtheit, bei Petzold und Adolph hingegen gewinnt die Schüchternheit Charme und Zauber und gehört zu den Kostbarkeiten seines Charakters. Adolph nutzt das in „Morgengrauen“, um ihn mit einer etwas verschrobenen Oberregierungsrätin (Sandra Hüller) zu einem wunderbaren Schüchternheits-Duo zusammenzuspannen und in die schönste Liebesgeschichte zu schicken.

Die Schauplätze der Meuffels-„Polizeirufe“ meiden das München der Wahrzeichen und touristischen Spots; sie suchen vielmehr Orte der Anonymität, wie sie überall zu finden sind: Wohnblocks, Tiefgaragen, Unterführungen, Stadtrand-Tristesse. Thematisch finden sich in den Meuffels-Geschichten die klassischen Tat-Motive Eifersucht, Rache, Außenseitertum, es werden aktuelle Fragen wie Rechtsradikalismus oder Transsexualität verhandelt. Erstaunlich häufig drehen sie sich jedoch um Machtmissbrauch, zugespitzt in „Sumpfgebiete“ oder in „Smoke on the Water“ von Dominik Graf: „Gewalt und Gegengewalt gehen hier von Repräsentanten des Staates aus, von Politikern und Polizisten. Eine korrupte Beamten-Diktatur wähnt sich im straffreien Rausch.“


Auf Matthias Brandt folgt Verena Altenberger

Freilich gilt, was Jan Bonny anlässlich „Das Gespenst der Freiheit“ gesagt hat: „Ich bin der Auffassung, dass man keinen Film über Themen, sondern über Figuren macht. Es sind gegenwärtige Figuren und die spezielle Art und Weise, wie sich diese Figuren erzählen lassen, hat mich fasziniert.“ Meuffels-„Polizeirufe“ sind keine Themenfilme, sondern immer große, lebendige Figurenzeichnung.

Matthias Brandt ist der dritte Münchner „Polizeiruf“-Kommissar, der 2011 auf Edgar Selge und Jörg Hube folgte. Gegen den fiebrig-flackernden Selge und den bajuwarisch-coolen Hube setzte Brandt seinen adligen Kommissar als Genie der Zurückhaltung und des Feingefühls in Szene. Man darf gespannt sein, wie sich seine Nachfolgerin zu dieser Erbschaft verhalten wird. Sie heißt Hauptkommissarin Elisabeth Eyckhoff und wird von der hochtalentierten, vielfach ausgezeichneten österreichischen Schauspielerin Verena Altenberger verkörpert.


Fotos: BR/Claussen+Putz Filmprod./Christian Schulz

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