Das unabhängige US-Kino

Politische Filme jenseits des US-Mainstreams formulieren eine kritische Perspektive auf das zerrüttete Land

Diskussion

Wie politisch ist das amerikanische Kino? Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und den Debatten um „Diversity“ und das Geschlechterverhältnis scheint kritisches Denken in Hollywood ja en vogue zu sein. Echt Gegenpositionen zu den Missständen findet man jedoch meist nur im unabhängigen US-Kino – und das hat es trotz neuer Verbreitungswege über die Streamingdienste weiterhin schwer.


"Sie haben hier einst Brot gebacken, aber jetzt leben wir im Zeitalter der Krümel." (aus dem Film „A Bread Factory“ von Patrick Wang)

Charlie Chaplin war eine der ersten, weitverbreiteten Antworten vieler cinephiler Socia-Media-Nutzer auf den drohenden Kollaps der US-amerikanischen Demokratie, als Donald Trump im Herbst 2016 zum neuen US-Präsidenten gewählt wurde. Chaplins finaler Monolog aus „Der große Diktator“, ein Plädoyer für Humanismus und Toleranz, wurde zigtausend Mal geteilt und angeschaut.

Diese Szene wie der ganze Film haben nichts von ihrer Dringlichkeit und Relevanz verloren. Doch es ist bezeichnend, dass die englischsprachige Öffentlichkeit auf der Suche nach massentauglichem Kino-Widerstand auf einen Film aus den 1940er-Jahren zurückgreifen muss. Dabei hat kritisches Denken eigentlich Konjunktur in Hollywood. Gender- und Diversitätsdebatten haben ein merkliches, wenn auch oft sehr oberflächliches Umdenken eingeleitet. Eine ästhetische Revolution oder ein dezidiert politisches Kino hat das bislang allerdings nicht zur Folge; dafür ticken die Geldzähler des sich rapide verändernden Marktes zu unbarmherzig.

Davor sind auch unabhängigere Positionen im US-Kino nicht gefeit. Nachdem Streamingdienste wie Netflix oder Amazon zunächst wie eine existenzrettende Plattform für unabhängiges Filmschaffen wirkten, haben sich die Konzerne inzwischen mehr und mehr auf Flaggschiff-Produktionen und Serien verständigt. Zudem dominiert die Sundance-Maschine mit ihrer Betonung von starbesetzten Tragikomödien die „American Independents“, was den unscharfen Begriff weiter verwässert.

Einen sehr guten Überblick über das, was man wirklich unter unabhängigem US-amerikanischen Kino verstehen könnte, liefert seit einem Jahrzehnt das „Unknown Pleasures Festival“ in Berlin. Immer wieder wird man hier überrascht, welche grandiose Filme es gibt, die dann aber vom Markt verschluckt werden, als hätte es sie nie gegeben. Findet man dort oder in anderen Nischen des US-Kinos Stimmen des Widerstands? Natürlich, nur eben anders als man glaubt.


Man filmt, was man gern hat

Ein gutes Beispiel dafür ist der Filmemacher Patrick Wang. Sein Diptychon „A Bread Factory“ beobachtet verspielt und mit herzerwärmender Nähe zu den brillant gezeichneten Figuren das Leben rund um die titelgebende Brotfabrik, ein alternatives, von einer Frauengruppe enthusiastisch geleitetes Kulturzentrum. Die Ereignisse und Episoden rund um die in ihrer Existenz bedrohten Institution in einer Kleinstadt im Osten der USA erinnern strukturell an Serien.

"A Bread Factory" von Patrick Wang
"A Bread Factory" von Patrick Wang

Im Tonfall ist der Film – und mit ihm vieles, was im US-Kino heute als aufmüpfig erscheint – angelegt zwischen Lena Dunhams „Girls“und David Lynch. Auf der einen Seite gibt es ein großes Bedürfnis, narrative Klischees zu hinterfragen, mit ihnen zu spielen, um endlich genauer, überraschender, vielfältiger und tiefer zu erzählen, auf der anderen Seite liegt in dieser Verspieltheit auch eine Subversion, die sicher geglaubte Realitäten hinterfragt und einem beim Sehen den Boden unter den Füßen entzieht.

Man kann die plötzlichen Musical-Passagen oder die direkten Zuwendungen zur Kamera bei Wang kaum mit der Lynchschen Mindfuck-Metaphysik vergleichen, doch der sich von erzählerischen Zwängen befreiende Gestus ist der gleiche.

Wang hat sich bereits mit seinen Filmen „In the Family“ (2011) und „The Grief of Others“ (2015)als eine Stimme etabliert, die vor allem in den feinen Nuancen von Figuren ein tiefes Potenzial für mitreißende Emotionen und Empathie entdeckt. Diese Empathie wird auch in einer humorvollen Szene in „A Bread Factory“ thematisiert, als eine Regisseurin die Teilnehmer eines Filmmaking-Workshops anschreit, dass man etwas gern haben müsse, wenn man darüber einen Film machen wolle.

Es ist ein Schrei nach Empathie, der zu jenem Monolog von Chaplin zurückführen könnte. In der Zuwendung zu Menschen, in der Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen formuliert der Film einen Akt des möglichen Widerstands. Wang, der Wirtschaft studiert hat und wie viele spannende unabhängige US-Filmemacher als cinephiler Quereinsteiger zum Kino kam, ist sich allerdings nicht sicher, ob er seine Karriere als Regisseur weiter fortsetzen kann. Es gibt keinen Markt für ihn.

"Silk Tatters" von Gina Telaroli
"Silk Tatters" von Gina Telaroli

Gina Telaroli, eine andere vielversprechende Filmemacherin aus dem Kreis der Aufmüpfigen, hat einmal treffend formuliert, dass es für unabhängiges Filmschaffen in den USA überhaupt keinen Markt gibt. Die Idee, dass man etwas kreieren würde, was plötzlich großen Erfolg hat, sei veraltet. Stattdessen bestehe die unabhängige Szene aus einer überschaubaren Familie von Menschen, die Zeit und Geld hätten, um solche Filme zu drehen. Die extreme Vernetzung innerhalb der Filmzirkel, in denen die Filmemacher des unabhängigen US-amerikanischen Kinos oft in verschiedensten Rollen agieren, erzählt viel davon. Die Regisseure arbeiten als Übersetzerinnen, Filmvorführerinnen und Videoessayisten. In der Regel kennen sie die Kritiker, die über sie schreiben, persönlich. Das ist Segen und Fluch zugleich. Denn wer sieht ihre Filme außerhalb dieses eingeweihten Kreises?


Was macht das Kino politisch – Filmemacher oder Zuschauer?

In einem von Telarolis Arbeiten, der intimen Found-Footage-Hypnose „Silk Tatters“, in dem sie Krümel der Kinogeschichte zu einer faszinierenden Bestandsaufnahme ihrer eigenen Gefühlswelten verbindet, spielt Charlie Chaplin eine große Rolle. Eine der größten Figuren Hollywoods, Ikone ganzer Generationen, ist heute eine Art Schutzpatron des freien Kinos. Ob in der propagierten Freiheit des Schaffens aber eine direkte Adressierung, eine politische Positionierung gegenüber der US-Regierung erkennbar wird, ist eine andere Frage.

Altmeister Frederick Wiseman, vielleicht einer der letzten Filmemacher, der im Stil eines John Fords in seinen Filmen eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Seele versucht, hat in Interviews zu seinem jüngsten Film „Monrovia, Indiana“ eine wohl überlegte Antwort auf die Frage nach dem Elefant im Raum parat. Für ihn wäre das ständige In-Relation-Setzen zu Trump, die beinahe schon zwanghafte Suche nach dem politischen Potenzial der Filme, eine Frage der Rezeption, nicht eine der Filmemacher. Es sei schwer, sich amerikanischen Filmen heute zu nähern, ohne an den Präsidenten zu denken. Selbst das Vermeiden politischer Themen wirke heute extrem politisch. So sei sein eigener Film „Ex Libris: The New York Public Library" schon als ein immenser Anti-Trump-Film interpretiert worden, weil er die Wichtigkeit von Kultur und ihrer Vermittlung so nachdrücklich betont.

"Ex Libris: The New York Public Library" von Frederick Wiseman
"Ex Libris: The New York Public Library" von Frederick Wiseman

Man darf Wisemans politische Bescheidenheit aber auch nicht unterschätzen. Er hat mit seinen Filmen immer auf Tendenzen und Ungerechtigkeiten innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft reagiert. „Monrovia, Indiana“ ist ein gutes Beispiel dafür. Kann es Zufall sein, dass sich Wiseman ausgerechnet jetzt mit einer Dokumentation in eine Region begibt, die zu zwei Dritteln Trump wählte? Wohl kaum. Ebenso erscheint es folgerichtig, dass der Film wieder weitaus kritischere Haltungen einnimmt als die letzten, äußerst warmen Filme von Wiseman.


Fokus auf das Leben in Kleinstädten

Generell lässt sich im unabhängigen wie auch im industriellen US-Kino ein großes Interesse an Kleinstädten feststellen. Das gilt für Filme wie den architektonisch sehr ansprechenden „Columbus“ von Kogonada oder den wunderbaren „Certain Women von Kelly Reichardt. Die Hinwendung zur Kleinstadt ist auch ein Kampf gegen das Klischee der Landbewohner. Insgesamt 150 Stunden hat Wiseman gedreht, und in den schnellen Montagen seines Films taucht immer wieder der Gedanke auf, dass eine Kleinstadt viele Gesichter hat.

"Columbus" von Kogonada
"Columbus" von Kogonada

In politischen Fragen weniger subtil als Wiseman agiert ein anderer Filmemacher, der sich mit seinem neuen Film ebenfalls in eher ländliche Regionen vorwagt: Travis Wilkerson, der in „Did You Wonder Who Fired The Gun?“ einen roteingefärbten Himmel über Alabama erzeugt und schonungslos von Rassismus und Verbrechen in seiner eigenen Familie erzählt. Wie viele seiner Kollegen arbeitet er sich nicht nur an der politischen Geschichte des Landes ab, sondern auch an der Kinogeschichte. Immer wieder tauchen in dem wütenden, anklagenden Film Bilder von „Wer die Nachtigall stört auf: Hollywood als US-amerikanisches Gedächtnis, als Illusion, die es zu hinterfragen gilt. Darin spiegelt sich auch das Bedürfnis nach einer ästhetischen Revolution oder Rückbesinnung.

Mit bereits gedrehtem Material arbeitet auch Bill Morrison. Allerdings handelt es sich bei ihm kaum um Hollywoodbilder. In „Dawson City: Frozen Timespielt der Filmemacher mit beschädigten Nitro-Film, das am Goldrush-Hotspot Dawson City gefunden wurde. Aus dem Material rekonstruiert Morrison die Geschichte des Ortes, aber auch eine Kritik am Kapitalismus. Dabei spielt die Zersetzung des Materials eine große Rolle. Im Zerfall werden die Narben der US-Seele erkennbar.


Sehnsucht nach einer anderen Art von Dasein

Beispiele für formal hochwertiges Kino liefern auch die beiden jungen Filmemacher Ricky d’Ambrose und Ted Fendt. D’Ambrose interviewte in kurzen Videovignetten Filmemacher (unter anderem Gina Telaroli), bevor er mit „Notes on Appearance“ einen streng komponierten, äußerst einfühlsamen Film über die Verlorenheit in einer großen Welt drehte. Es ist ein Werk voller Entfremdung, Flüchtigkeit und Banalität, das eine tiefe Sehnsucht nach einer anderen Art des Daseins durchscheinen lässt.

Gar nicht so unähnlich zu Fragen der Verlorenheit verhält es sich mit dem Kino des in Berlin lebenden Ted Fendt. Sämtliche seiner kurzen und langen Filme sind präzise Studien einer Ostküsten-Vorort-Banalität. Die bisweilen kauzigen, manchmal nerdigen, immer etwas unbeholfenen Figuren leben in einer Art Stagnation. Ausbrüche beschäftigen sie, allerdings wissen sie nicht ganz genau, wie sie ihr Leben verändern können oder ob sie dies in letzter Instanz auch wollen.

„Classical Period“ ist die mit Abstand bislang beste Arbeit von Fendt. Darin betont er eine Differenz zwischen einem Leben in Theorien und existenziellen Bedürfnissen. Das ist ein wenig so wie die Differenz zwischen einem Film mit politischen Botschaften und dem Demonstrieren auf der Straße. Die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann stellt in „Waldheims Walzer“ einmal die Frage, ob man dokumentieren solle oder demonstrieren. Im unabhängigen US-Kino fallen diese Begriffe – wie übrigens auch bei Beckermann – zusammen.

"Classical Period" von Ted Fendt
"Classical Period" von Ted Fendt

Man filmt, was man gern hat, um was man sich sorgt, was einem wichtig ist. Im Kino lieben lernen. Dieses Bestreben ist im unabhängigen US-Kino klar zu erkennen. Sei es in den sinnlichen Nahaufnahmen in Stephen Cones „Princess Cyd“, in der zärtlichen Lichtsetzung von Kelly Reichardt, in den Tränen einer Figur bei Patrick Wang oder dem verzweifelte Blick von Ethan Hawke in Paul Schraders faszinierendem „First Reformed“.

Die Frage ist, in welcher Form diese Zärtlichkeiten in der aktuellen Kinolandschaft überleben können. Unterschiedliche Strategien lassen sich beobachten. Filmemacher wie die Gebrüder Safdie oder Gustin Guy Defa holen sich Stars an Bord, um ihre Filme besser verkaufen zu können; andere drehen neben ihrem Brotjob Filme.

Betrachtet man, unter welchen Verbiegungen und persönlichen Opfern die Filme entstehen, findet man den Widerstand bereits in der Existenz dieser Arbeiten. Von James Benning und Julie Dash über Thom Andersen und Alfred Guzzetti bis zu Kelly Reichardt, Alex Ross Perry oder Patrick Wang hat es im US-Kino nie an Stimmen gefehlt, die sich wehren, die unangepasst sind, die etwas verändern wollen.

"Dawson City: Frozen Time" von Bill Morrison
"Dawson City: Frozen Time" von Bill Morrison

Man kann und soll sich weiter Chaplin ansehen. Aber aus den Krümeln, die die Randfiguren des US-amerikanischen Kinos produzieren, lässt sich ganz ausgezeichnet eine zeitgenössische Haltung ablesen, die weder mit der aktuellen politischen Lage noch mit dem dominanten Kino der USA zufrieden ist. Vielleicht kann man daraus keine spektakulären Social-Media-Posts generieren, aber eine starke, ansteckende Haltung lässt sich sehr wohl erkennen. In diesen Filmen herrscht ein anderer Blick auf die USA, der ein größeres Verständnis für eine globale Krise möglich macht.


Fotos oben: "Princess Cyd" von Stephen Cone

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