Nachruf auf Václav Vorlícek

Zum Tode des großen tschechischen Filmemachers (3.6.1930-5.2.2019)

Diskussion

Der große tschechische Märchenfilmer, dessen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ Jahr für Jahr die Weihnachtstage schmückt, ist tot. In Erinnerung bleibt Václav Vorlícek aber nicht nur mit seinen charmanten Kinderfilmen, sondern auch mit skurrilen Komödien für Erwachsene, die mit leisem Spott den Alltag für Possen und Satiren plünderten.


Der tschechische Regisseur Václav Vorlícek (3.6.1930-5.2.2019) wird in Deutschland vor allem mit einem Film assoziiert: mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973) nach dem gleichnamigen Kunstmärchen von Bozena Nemcová. Besonders zur Weihnachtszeit greifen die Fernsehanstalten gerne auf diesen Klassiker zurück; dazu gibt es in Konzerthallen gut besuchte Events, bei denen Orchester die Originalmelodien parallel zum Film live einspielen. Die Faszination dieses „Aschenbrödel“, einer Gemeinschaftsproduktion zwischen dem Prager Barrandov-Studio und dem DEFA-Studio für Spielfilme, resultiert vor allem aus der gelungenen Symbiose zwischen Sentiment und Humor, Trick und Musik: eine Klaviatur, die Václav Vorlícek meisterhaft beherrschte.

Verlässliche Weihnachtsbescherung: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"
Verlässliche Weihnachtsbescherung: "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"

Geboren in Prag, studierte Vorlícek von 1951 bis 1956 Regie an der FAMU in seiner Heimatstadt. Anschließend arbeitete er als Regieassistent und drehte einige Kurzfilme, bevor der mit einem heiteren Kriminalfilm für Kinder, „Der Fall Lupinek“ (1960), seine erste eigene Regiearbeit vorlegte – über einen Jungen, der für Sherlock Holmes schwärmt und gestohlene Marionetten wiederfinden will.

In der Zeit des Prager Frühlings brachte Vorlícek dann seinen ersten überragenden Kinoerfolg auf die Leinwand: „Das Ende des Geheimagenten W4-C“ (1967), eine aufwändige und stilistisch überbordende James-Bond-Parodie. Hier und in dem bereits zuvor gedrehten Film „Wer will Jessie umbringen?“ (1966) ließ Vorlícek seiner Liebe zum Comic-Genre freien Lauf: Superhelden nutzen Zauberpillen aus einer Fantasiewelt, um in der Realität zu ihren Zielen zu gelangen; ihre Dialoge fanden mitunter in Form von Sprechblasen statt.


Volícek entschied sich für Familie und Kollegen

Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings dachte auch Vorlícek kurze Zeit darüber nach, in den Westen zu emigrieren, entschied sich dann aber, bei seiner Familie und seinem Publikum zu bleiben. Zudem wollte er auf die erfolgreiche Zusammenarbeit mit seinen bevorzugten Autoren Milos Macourek und Bohumila Zelenková nicht verzichten.

Seine ebenso poesievollen wie charmanten Kinder- und Märchenfilme, aber auch die Komödien für Erwachsene, in denen skurrile und absurde Elemente eine große Rolle spielten, wurden zu Markenzeichen fürs tschechische Kino und zu begehrten Exportartikeln: „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ (1971), in dem eine junge Hexe aus der Zauberschule in die Menschenwelt flüchtet, „Wie soll man Dr. Mracek ertränken oder Das Ende der Wassermänner in Böhmen“ (1974), „Wie man Prinzessinnen weckt“ (1977), „Prinz und Abendstern“ (1978) und andere.

"Das Mädchen auf dem Besenstiel"
"Das Mädchen auf dem Besenstiel"

Fürs Fernsehen, in Gemeinschaft mit bundesdeutschen Sendern, realisierte er sein komplexestes Projekt, die Serie „Die Märchenbraut“ (1980) über die schöne Arabela und ihre Ausflüge ins Menschenreich, danach „Der Zauberrabe Rumburak“ (1984), „Der fliegende Ferdinand“ (1982–84) und „Die Rückkehr der Märchenbraut“ (1994). Wie in „Das Mädchen auf dem Besenstiel“ und „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ stellte er auch hier ein Mädchen in den Mittelpunkt, das schwierigste Situationen mit Klugheit, Kraft und Geschick bewältigt. Die Frage, ob er sich als „Feminist“ verstand, hätte er allerdings wohl eher belächelt.


Das Geheimnis des Jungbrunnens

Häufig filterte Vorlícek aus dem modernen Alltag Vorlagen für Possen und Satiren, die er einem erwachsenen Publikum kredenzte: In „Grüne Welle“ (deutsch: „Ein schönes Wochenende“, 1982) fädelte er 40 Geschichten zu einem Episodenfilm über Prag und Prager am Freitagabend: jene Zeit, „in der viele Leute von den Sorgen des Alltags weg ins Wochenende fliehen“ (Vorlícek). Die überdrehte Groteske „Wie wäre es mit Spinat?“ (1977) porträtiert zwei kleine Gauner, die dem Geheimnis eines Verjüngungsapparats für Rinder auf die Schliche kommen wollen und dabei im Kosmetiksalon eines Devisenhotels allerlei Unheil anrichten: der titelgebende Spinat dient dabei als Quell der Rückverwandlung gleichsam vom Greis zum Kind. In „Junger Wein“ (1986) blickt Vorlícek mit leisem verzeihenden Spott auf den Umgang einer Dorfgemeinschaft mit der modernen Computertechnik: Während die einen den Computer ablehnen, weil ihnen die damit verbundenen Lernprozesse zu unbequem sind, stützen sich andere wie besessen in die neue Technik und vergessen darüber beinahe zu leben: ein fast prophetischer Film.


Späteren Arbeiten wie etwa dem deutsch-tschechischen Gemeinschaftsfilm „Feuervogel“ (1997) oder „Falkner Thomas“ (2000) wurde von der Kritik eine gewisse Glätte und ein Hang zur Veräußerlichung vorgeworfen, der das zauberische Moment von Verwandlung missverstehe. Zuletzt kehrte Vorlícek zu einer seiner Lieblingsfiguren zurück, der Hexe Saxana, die er in „Saxana und die Reise ins Märchenland“ (2011) noch einmal auf Abenteuer schickte.

"Saxana und die Reise ins Märchenland"
"Saxana und die Reise ins Märchenland"

Von Vorlícek stammen Sätze wie: „Das Lachen der Zuschauer ist der Motor meiner Arbeit“. Oder: „Wenn wir die Zuschauer davon überzeugt hatten, dass Unsinn wirklich geschehen kann, dann war das für uns die Basis, dass sie mitmachen und es für sie amüsant ist.“ Realität und Nonsens, Wirklichkeit und Phantasie als komische Melange. Am 5. Februar ist Václav Vorliícek in Prag gestorben.

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