Ein Comic über Gérard Depardieu

Mathieu Sapins "Gerard - Fünf Jahre am Rockzipfel von DEPARDIEU"

Diskussion

Pinkeln im Flugzeug, Steuerflucht nach Belgien, Staatsflucht nach Russland! Das sind die Schlagzeilen, mit denen der französische Schauspieler Gérard Depardieu in den letzten Jahren am meisten Aufsehen erregt hat. Zeitgleich hat er in vielen Filmen mitgespielt – in mittelmäßigen, aber auch in bemerkenswerten wie „Mammuth“ und „Saint Amour“ von Gustave Kervern und Benoît Délepine oder „Valley of Love“ von Guillaume Nicloux, in denen er tolle Charakterrollen hatte. Und er war als Comicfigur zu sehen: In den Realverfilmungen der „Asterix“-Comics spielt er – das liegt bei dem 140-Kilogramm-Koloss auf der Hand – den Obelix, zuletzt 2012. Die circa zweihundert Filme, in denen er seit den späten 1960er-Jahren auftrat, kann man nicht mal ansatzweise aufzählen: „Die Ausgebufften“, „Die letzte Metro“, „Die Frau nebenan“, „Cyrano de Bergerac“ – unvergessen auch sein kurzer Auftritt auf einem weißen Pferd in Serge Gainsbourgs „Je t’aime“. Dass die Presse in der letzten Zeit eher über private Skandale als über seine Arbeit als Filmschauspieler berichtet, liegt nicht am Mangel neuer Filme. Es liegt an Depardieus ungehemmter Selbstdarstellung. Er weiß das selber: „Karikaturen kenn’ ich zur Genüge. Bin selber eine ...“, sagt er zu dem Comiczeichner Mathieu Sapin einmal während einer Russlandreise. Was auch Sapin längst erkannt hat.

Weil der französische Zeichner gerade an einer Comic-Reportage über den Wahlkampf von François Hollande gearbeitet hatte, wurde er 2012 von den Produzenten der TV-Doku „Reise durch den Kaukasus“ mit Gérard Depardieu gebeten, das Filmprojekt zeichnerisch zu begleiten und zugleich im Film als direkter Gesprächspartner des Schauspielers zu fungieren. Als Sapin zusagte, war ihm wohl noch nicht ganz klar, auf was für eine Tour de Force er sich da einlassen würde. Im Nachhinein erfährt er, dass sein berühmter Atelierkollege Christophe Blain auch für den Job angefragt worden war. Der hatte abgelehnt mit den Worten: „Ich bin doch nicht verrückt!“



Depardieu als Witzfigur darzustellen, wäre zu einfach

„Was für ein Brocken!“ Das ist Sapins erster Gedanke, als er Gérard Depardieu zu einem Vorgespräch trifft. Depardieus Produzent und Freund Arnaud Frilley warnt ihn vor: „Entweder er kann dich riechen – oder eben nicht. Schlimmstenfalls zerfleischt er dich. Das ist dann echt nicht schön.“ Während der Reise nach Aserbaidschan lernt er den Schauspieler mit all seinen Macken kennen: Ständig besucht er Restaurants, isst sehr viel und trinkt noch viel mehr. Er ist unwirsch und aufbrausend, wenn ihm was nicht passt. Er sagt seinem Gegenüber direkt ins Gesicht, was er von ihm hält. Meist redet er ununterbrochen, wechselt aber abrupt das Thema oder bringt Sätze nicht zu Ende. Dann wieder starrt er gedankenverloren vor sich hin. Sapin ist nach der Reise erst mal fix und fertig. In den kommenden zwei Jahren sinkt Depardieus Ansehen durch den Skandal um seine vermeintliche Steuerflucht nach Belgien und die Einbürgerung nach Russland; die Presse über ihn ist außerordentlich schlecht. Langsam keimt in Sapin der Gedanke an einen Comic über Gérard Depardieu. Dass die Figur sehr viel komisches Potential hat, ist ihm sicherlich klar; Depardieu als Witzfigur darzustellen, ist ihm aber zu einfach. Depardieu ist wider Erwarten einverstanden: „Aber wenn Du’s machst, dann richtig: Depardieu, wie er sich mit dem Roller auf die Fresse legt… oder wie er in ein Flugzeug pisst...“

Sapin begleitet Depardieu für diese Comic-Biografie weitere anderthalb Jahre. Sein Comic ist so ganz anders ist als die Menge der Comic-Biografien, die in den letzten Jahren auf den Markt strömten. Denn: „Gérard“ erzählt nicht die Lebensgeschichte von Depardieu. Und der Comic nimmt auch nicht Depardieus Filmografie unter die Lupe. Zwar erzählt Depardieu im Gespräch mit Sapin am Rande von seiner schwierigen Jugend, von Erlebnissen bei Drehs und plaudert auch über Kollegen aus der Filmbranche. Aber all das geschieht beiläufig. Und sein Privatleben bleibt komplett außen vor. Ehefrauen und Freundinnen tauchen ebenso wenig auf wie seine Kinder, zum Beispiel das schwierige Verhältnis zu seinem Sohn Guillaume oder dessen tragischer Tod.


Zwischen schöngeistiger Zartheit und laut polterndem Affront

Stattdessen steht der Mensch hinter den Filmen und den Schlagzeilen im Mittelpunkt. Anfänglich sehr vorsichtig, gewinnt Mathieu Sapin nach und nach das Vertrauen des nicht immer einfachen Schauspielers. Ein bisschen – gibt Sapin im Epilog zu – habe er sich dumm gestellt, um die Wahrheit herauszufinden. Wir erfahren, dass Depardieu sich selber nicht sonderlich mag, es ist ihm aber auch komplett egal, wenn andere ihn nicht mögen. Er hingegen mag Fanny Ardant, mit der er einen Stalin-Film dreht. Stalin mag er nicht, Hollande auch nicht so sehr, Putin findet er wiederum gut und an Amerika hasst er fast alles. Kunst liebt er ebenso wie Motorradfahren, auch wenn das in volltrunkenem Zustand nicht immer so gut klappt. Angst hat er nie, außer vielleicht davor, allein zu sein. Wenn er nicht allein ist, redet er unaufhörlich und hat zu allem eine starke Meinung. Dann gibt er Aphorismen wie „Schönheit ist Geld und Großzügigkeit“ von sich, denen man nur zur Hälfte zustimmen möchte. Dann wieder sagt er, Geld interessiere ihn nicht – aber warum ist er noch mal nach Belgien gezogen? Oder er verkündet feierlich, dass ihn abgesehen von Musik nichts wirklich berührt. Nach einem Weinchen philosophiert er auch mal über sein Verhältnis zur Raumzeit: Das „Danach“ mag er lieber als das „Jetzt“ und am liebsten ist er sowieso „anderswo“. Keine Frage, der Mann hört sich gerne reden!

Gérard Depardieu, so wie uns ihn Sapin zeigt, ist ein wandelnder Widerspruch zwischen schöngeistiger Zartheit und laut polterndem Affront. Die Onomatopoesien purzeln ihm nur so aus dem Mund: Knurren, Grummeln, Wüten und Toben – in typischer Comicmanier kann sich Sapin lautmalerisch austoben, um sein Forschungsobjekt angemessen zu charakterisieren. Und so ist er auch in ständiger Furcht, dass Depardieu beim Durchblättern seiner Skizzenbücher auf Zeichnungen und Zitate stößt, die zu einem erneuten Wutanfall führen. Doch hinter all dem Gepolter findet Sapin zunehmend tiefe Einblicke in die Psyche des Charakterdarstellers. Der Leser findet neben übergriffigem Verhalten in jeder Form, fragwürdigen Urteilen und Verurteilungen und ebenso zweifelhaften Vorlieben immer wieder ganz leise und sensible Gedanken des scheinbar grobschlächtigen Schauspielers.


„Grmblll“, „Krrrrr“, „Grmpf!“

Dieses energetische Gesamtpaket macht es sicher schwer, mit ihm zu arbeiten oder gar mit ihm zu leben. Géraldine Pailhas, Depardieus Co-Darstellerin in der Netflix-Serie „Marseille“, sagte in einem Interview nach den Dreharbeiten zur ersten Staffel, dass er als Schauspieler sehr diszipliniert sei. Sie sagte aber auch: „Er weiß zu allem alles und das kann sehr ermüdend sein.“ Ihn in der Distanz eines gezeichneten Protagonisten eines Comics zu erleben ist hingegen faszinierend. Man könnte es Verharmlosung nennen, was Sapin mit viel Humor auf Papier bannt, und seine Ehefrau bezichtigt ihn gar der „Arschkriecherei“. Tatsächlich sammeln sich um Depardieu herum auffällig viele Ja-Sager und Duckmäuser. Was aber generell ein Problem berühmter und mächtiger Menschen ist.

Der Running Gag, dass Sapin fürchtet, für seine Arbeit von Depardieu „zerfleischt“ zu werden, löst sich im Epilog auf: Sapin zeigt dem Schauspieler den ersten Entwurf seines Comics. Depardieu: „Grmblll.“ Und dann: „Krrrrr“ und „Grmpf!“ Ihm passt so einiges nicht an seiner Darstellung. Sapin bietet an, einige Stellen zu ändern. Aber schließlich sagt Depardieu, der sich über so viel aufregt, dem am Ende aber vielleicht doch das meiste, was in der Welt so passiert, einschließlich des Geredes um ihn selbst, ziemlich egal ist: „Nein, Nein – ist eben so.“


Mathieu Sapin: "Gerard - Fünf Jahre am Rockzipfel von DEPARDIEU". Aus dem Französischen Übersetzt von Silv Bannenberg. Reprodukt-Verlag, 2018. 160 Seiten, farbig, 20,5 x 27,5 cm, Hardcover, 24,00 EUR.

Fotos: ©Reprodukt

Kommentar verfassen

Kommentieren