Berlinale 2019: Der Wettbewerb - Ein Resümee

Freitag, 15.02.2019

Ein Rückblick auf die "Bären"-Konkurrenz kurz vor der Preisvergabe

Diskussion

Der Wettbewerb der 69. „Berlinale“ ist kämpferisch. Auch in der zweiten Hälfte präsentierte er Figuren, die sich im Kampf gegen übergeordnete Systeme aufreiben, denen sie im tiefsten Innern eigentlich angehören wollen. Als Highlights mit potenziellen „Bären“-Chancen entpuppten sich vor dem vorgezogenen Ende des Wettbewerbs am Donnerstag vor allem Dramen, in denen sich gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Schicksale vermengen.


Für einen Aufstieg kann der Weg nur hinabführen, von dem kleinen, fast ausgestorbenen anatolischen Bergdorf hinunter ins Tal. Dort, so glauben die letzten Dorfbewohner, sind noch Arbeit und gute Partien zu finden, eine Chance, noch etwas aus dem Leben zu machen, während bei ihnen anscheinend nur noch drei Sorten von Menschen ausharren: Die Alten, junge Männer ohne Talent oder Ehrgeiz und Frauen ohne Aussicht auf Verheiratung. Der Schäfer Şevket hat sich deshalb frühzeitig bemüht, seinen Töchtern eine bessere Zukunft zu verschaffen, doch diese finden sich allesamt bald wieder bei ihm ein. Was nur im Falle des jüngsten Mädchens Havva auf Pech zurückzuführen ist, da der junge Sohn der Familie, die sie aufgenommen hat, verunglückt ist, und die Hoffnung auf eine Vermählung sich damit zerschlagen hat.


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Ihre älteren Schwestern dagegen haben sich selber ihre beste Chance verscherzt: Reyhan durch ein uneheliches Kind, Nurhan durch aufmüpfiges Benehmen. Gleichwohl setzen beide darauf, die Sympathie ihres früheren Gast- und Arbeitgebers wiederzuerlangen, der Vater bringt derweil seine jüngste Tochter als bessere Alternative in Stellung. Da es nur eine „Gewinnerin“ in diesem Kampf geben kann, fechten die drei Schwestern mit immer härteren verbalen Mitteln, während sich in ihrer Umwelt ein weiterer Konflikt aufbaut: Reyhans überhastet geheirateter Mann Veysel hat genug davon, von allen als Versager und Trottel behandelt zu werden, und begehrt auf. In seinem Eifer, die verhasste Hirtenarbeit für einen Stadtjob einzutauschen, reißt er jedoch unbedacht sämtliche Verhaltensregeln der Gemeinschaft um.


"Kız Kardeşler"
"Kız Kardeşler"

Versuche der Auflehnung

Wie viele der Filme im diesjährigen „Berlinale“-Wettbewerb stellt auch der türkische Regisseur Emin Alper in seinem bildgewaltigen Drama „Kiz Kardeşler“ („A Tale of Three Sisters“) ein starres System und den Versuch einer Auflehnung dar. In schöner Abkehr von den Filmen der ersten Festivaltage ist es bei Alper allerdings die Rebellion eines Mannes als schwächstem Glied in der Familien- und Dorfgesellschaft, der die größte Dringlichkeit innewohnt – und die die größte Tragik entfaltet: Zu tolpatschig geht Veysel vor, wenn er seinen Schwiegervater und dessen Altersgenossen zwingen will, ihn anzuhören, zu unüberlegt macht er mit wenigen Worten Fortschritte wieder zunichte, zu deutlich erkennen seine Frau und ihre Schwestern seine Schwächen.

Der zu einem großen Teil in einer einzigen Nacht spielende Film wickelt sich im Wechsel von langen, pointierten Dialogpassagen und getragenen Momenten ab, in denen die eindrucksvolle Bergkulisse eine besondere Wucht entfaltet: Als Schutz- und Rückzugsort, aber auch als Region, in der sich unheimliche Gestalten herumtreiben und Gewalt mit impulsiver Härte ausbricht. Wenn sich die übriggebliebenen Figuren schließlich in eine Art Waffenstillstand ergeben, fällt auch dies zwangsläufig ambivalent aus: Abgekoppelt vom Rest der Welt, befreit sie nichts von ihrer Rolle in einer großen, übergeordneten Geschichte, die sich abspielt, ohne dass die Beteiligten sie aufhalten können.


"Répertoire des villes disparues"
"Répertoire des villes disparues"

Kraftvoll und existenzialistisch, oft schonungslos, dabei aber mit einem lange bemerkenswert leichten Tonfall, gehört Alpers Film zu den stärksten Filmen eines Wettbewerbs, der sich im letzten Jahrgang von Festival-Direktor Dieter Kosslick als abwechslungsreich, wenn auch nicht unbedingt herausragend präsentierte. So führte der Kanadier Denis Côté in „Répertoire des villes disparues“ („Ghost Town Anthology“)vor, dass sich von ähnlichen Themen wie bei „Kiz Kardeşler“auch wesentlich träger erzählen lässt. Côtés Film (nach einem Roman seiner Landsfrau Laurence Olivier) hat eine ansprechende Grundidee im wörtlichen Verständnis von „Geisterstädten“: In dem kleinen Ort Irénée-les-Neiges assoziiert der Begriff nicht nur Landflucht und verwaiste Häuser, sondern bezieht sich konkret auf Verstorbene, die als manifeste Erscheinungen ihre Bande mit den nur noch 215 lebenden Bewohnern bekräftigen. Die teilweise schon Jahrzehnte, mitunter aber auch erst seit kurzer Zeit Dahingeschiedenen offenbaren sich als Teil der gemeinsamen Geschichte mit den Lebenden und als Zeugen des dahinfließenden Lebens. So sehr sich die Einwohner zuerst gegen die Heimsuchungen stemmen, finden sie allmählich doch einigen Trost in ihnen.


Die Toten, die Lebenden und die Landschaft

Als Dorfporträt krankt Côtés Film allerdings an seinen lasch charakterisierten Figuren und dem zähen, stur mit dumpfem Licht arbeitenden Handlungsgang. Abgeschmackter als diese eindimensionale Tristesse ist nur der wenig überzeugende Einsatz von Mystery-Stilmitteln. Von der als seltsam verschrienen Frau mit Medium-Talent, erstarrenden Blicken angesichts wundersamer Erscheinungen, dunklen Schatten, Schock-Soundsignalen und raunender Musik bis zur überlieferten Mordgeschichte erspart Côté einem kein Klischee – im überheblichen Vertrauen darauf, dass sein Publikum eher Arthouse-geschult als genrebeflissen ist.

Als wesentlich vielschichtiger in der Beschäftigung mit Landschaft und Charakteren, womöglich überholter Treue zu Traditionen und der Frage nach individuellem Ausbruch bleibt dagegen der mongolische Wettbewerbsbeitrag „Öndög“ von Wang Quan’an in Erinnerung. Auch der chinesische Regisseur, der 2007 den „Goldenen Bären“ für „Tuyas Hochzeit“ gewann, erzählt in seinem Film vom Umgang mit Fremdkörpern in einer kargen, fast menschenleeren Landschaft. Der deutlichste ist dabei die nackte, wohl unter gewaltsamen Umständen ums Leben gebrachte Frau, die inmitten der Steppe liegt und die ein kompliziertes Prozedere in Gang setzt: Der Polizeichef sieht sich überfordert und will sogleich Verstärkung beantragen, die Leiche darf daher zunächst nicht bewegt werden. Um diese zu bewachen und vor Wölfen zu schützen, bleibt ein junger Polizist zurück, zu dessen Unterstützung eine Hirtin abkommandiert wird.


"Öndög"
"Öndög"

Diese pflegt allerdings an und für sich einen autarken Lebensstil allein mit ihren Tieren (was gelegentliche Männerkontakte aber nicht ausschließt). Wang Quan’an lässt die selbstbewusste Frau und den schüchternen Polizisten bei der gemeinsam verbrachten Nachtwache einander näherkommen, ohne diese Vereinigung danach in vorhersehbare Bahnen abdriften zu lassen. Stattdessen gelingt ihm eine erstaunlich schlüssige Verbindung von Liebesplot, (nicht aufgelöstem) Krimiansatz und einer Studie der Wechselwirkung von Land und Bewohnern, wobei die Szenerie mitunter in Gefilde von Beckett-mäßiger Absurdität gleitet.


Neuverhandlung über gesellschaftliche Regeln

„Öndög“ ist mit seiner nach ihren eigenen Regeln lebenden Hauptfigur auch ein Film, der ein beliebtes Motiv vieler diesjähriger Wettbewerbsbeiträge auch filmisch originell umzusetzen verstand: Vor allem weibliche, in einigen Fällen aber auch männliche Charaktere, die festgezurrte Systeme durcheinanderwirbeln, denen sie gar nicht grundsätzlich feindlich gesonnen sind – als Ziel erschien sehr oft nicht die Zerschlagung des Systems, sondern eine Neuverhandlung über deren Regelwerk, die auch die Filmprotagonisten ihren Platz darin finden lässt. Dazu zählen schwächere Filme des Wettbewerbs wieFrançois Ozons Priester-Missbrauchsopfer-Drama Grâce à Dieu“ („Gelobt sei Gott“) oder Hans Petter Molands naturraunendes Familien- und Sommersaga „Ut og stjæle hester“ („Out Stealing Horses“), doch fallen vor allem die Wettbewerb-Höhepunkte darunter.

Die auch im Gesamtrückblick im Gedächtnis bleibenden weiblichen Hauptfiguren von „Gospod postoi, imeto i’e Petrunija“ („God Exists, Her Name Is Petrunija“), „Der Boden unter den Füßen“ und dem programmatisch betitelten „Systemsprenger“ mit ihren jeweils eigenen Konfliktfeldern lassen sich ebenso dazurechnen wie die 15-jährigen Halbstarken, die in Claudio Giovannesis „La paranza dei bambini“ (nach Roberto Savianos Tatsachenroman „Der Clan der Kinder“) ein Viertel unsicher machen. Zuerst vor allem im bekannten Zwist mit anderen Jugendlichen-Gangs, suchen die Jungs um den gewitzten Nicola bald die Aufmerksamkeit der bewunderten Camorra-Bosse und verdienen sich ihre Sporen als Dealer und Geldeintreiber. Als dann ein umfassender Polizeizugriff sämtliche Spitzen eines Camorra-Clans für unbestimmte Zeit aus dem Verkehr zieht, stoßen die Jugendlichen in die unerwartete Lücke vor, spielen Mitglieder verschiedener Banden gegeneinander aus und räumen Widerstände mit Waffengewalt aus dem Weg.


"La paranza dei bambini"
"La paranza dei bambini"

Diese Gangster-Aufstiegsstory erinnert zwangsläufig immer wieder an andere Genre-Vertreter bis hin zu Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“, findet aber durch ständige Rückbezüge auf das Pubertätsalter der Figuren eine spannende zweite Erzählebene: Die ständig eng aneinanderklebenden Jungs pflegen ein unausgesprochenes, aber unübersehbar homophiles Verhältnis zueinander, Selfies und Handyvideos sind soziale Verpflichtung. Für Nicola wird zudem die Liebe zu einem Mädchen aus einem anderen Viertel zur Belastungsprobe für sein entstehendes Gangster-Selbstverständnis ebenso wie seine Treue zu einem stigmatisierten Brüderpaar aus der Nachbarschaft. Und nachdem das erste Geld in Designerklamotten, teure Clubs und protzige Anschaffungen geflossen ist, weht für Momente sogar ein Hauch von Utopie durch die engen Gassen des Viertels, mit abgeschafften Schutzzahlungen und einem Einsatz der Jugendlichen für ein sichereres Umfeld statt einem unsicheren.

Zwingende Favoriten für den Hauptpreis des „Goldenen Bären“ haben auch die beiden letzten Wettbewerbstage nicht gebracht, obwohl sich mit Isabel Coixets Schwarz-weiß-Drama „Elisa y Marcela“und Wang Xiaoshuais „Di jiu tian chang“ („So Long, My Son“) zumindest zwei starke Anwärter noch ins Spiel brachten – während sich zumindest unter einigen Kritikern auch die üblichen Freunde des gepflegten Nichterzählens von Angela Schanelec (im Wettbewerb mit „Ich war zuhause, aber...“) und die der Dramen über Israelis in der Identitätskrise (bei Yadav Lapids „Synonymes“) fanden. Isabel Coixets Film hatte bereits im Vorfeld einige Wogen geschlagen, da deutsche Kinobetreiber die Bereitschaft des produzierenden Netflix-Konzerns bezweifelten, diesen auch nur in Spanien und für kurze Zeit in den Kinos zu zeigen (mehr dazu hier).


"Elisa y Marcela"
"Elisa y Marcela"

Zwischen Utopie und wehmütiger historischer Bilanz

Unabhängig von solchen Auswertungsfragen, die einmal mehr den Umgang der großen Filmfestivals mit Netflix-Produktionen problematisierten, fiel der Film durch eine sensible Formsprache und feine Bildästhetik auf, die angesichts manch anderem eher groben Wettbewerbsbeitrag umso mehr hervorstach. Coixet erzählt in „Elisa y Marcela“vom ersten historisch gesicherten weiblichen Paar aus Spanien, das sich im Jahre 1901 trauen lassen konnte, weil sich eine der beiden Frauen gegenüber Priester und Behörden erfolgreich als Mann ausgab. In dem Film, der sich im Spiel von Licht und Schatten, der ausgreifenden Musik und sanften Irisblenden mit vielen Stummfilmanleihen schmückt, entfaltet sich der historische Stoff als sehr sinnliche Geschichte von der ersten Begegnung der Hauptfiguren als Schülerinnen bis zu der von vielen Angriffen geprägten Beziehung. Hier widersteht Coixet dem Drang zur simplen Verzeichnung und deutet die Widersacher der Frauen nur mit wenigen Aspekten an. Viel stärker als die repressive Gesellschaft erscheint der Bund zwischen Elisa und Marcela (exzellent verkörpert von Natalia de Molina und Greta Fernández), an dem sie auch festhalten, nachdem ihr Hochzeitsbetrug aufgeflogen ist und sie nach Portugal fliehen müssen. Ein konzentrierter Film, schön ausbalanciert zwischen Utopie und wehmütiger historischer Bilanz.

Ähnlich gelungen in der Verflechtung individueller Schicksale mit historischen Entwicklungen und Umwälzungen war nur noch der zuletzt vorgeführte Film im Wettbewerb 2019. Das dreistündige Drama „Di jiu tian chang“ („So Long, My Son“) des Chinesen Wang Xiaoshuai behandelt über einen Zeitraum von Anfang der 1980er-Jahre bis heute das Schicksal des Ehepaares Yaojun (Wang Jingchun) und Liyun (Yong Mei) vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen und Umwälzungen: die Rückkehr zur Normalität nach der Kulturrevolution, die Öffnung zur Marktwirtschaft, die Massenbewegung vom Land in die Metropolen.


"Di jiu tian chang"
"Di jiu tian chang"

Für Yaojun und seine Frau Liyun ereignen sich nach glücklichen Jahren mit guten Jobs, befreundeten Kollegen und der Geburt eines Kindes mehrere schmerzhafte Zäsuren. Deren härteste sind eine betrieblich vorgenommene Abtreibung als Maßnahme der Ein-Kind-Politik und das Ertrinken ihres Sohnes, beides Ereignisse, in die eine zweite Familie schuldhaft verstrickt ist. Auch durch Umzüge und die Adoption eines Jungen können die beiden Trauernden nicht vor dem Schicksal entfliehen, das noch weitere Male zuschlägt.

In chronologisch verschachtelten Sequenzen wechselt der Film souverän zwischen den Stimmungen, wobei eine Tendenz zur Melancholie überwiegt. Mit diesem liebevollen und detailreichen, am Ende versöhnlichen Film schenkte Wang Xiaoshuai dem Wettbewerb einen späten Höhepunkt. Der zweite chinesische Wettbewerbsbeitrag „Yi miao zhong“ („One Second“) von Zhang Yimou, der am Freitag seine Weltpremiere erfahren sollte, wurde hingegen kurzfristig mit der Begründung „Probleme in der Post-Produktion“ zurückgezogen.


Fotos: oben: "La paranza dei bambini", © Palomar. Weitere Bilder: © Li Tienan, Dongchun Films ("So Long, My Son") / Netflix ("Elisa y Marcela") / © Emre Erkmen ("Kız Kardeşler") / Wang Quan'nan ("Öndög") / screengrab ("Repetroires des villes diparues")

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