Marxist in Marseille

Mittwoch, 27.03.2019

Über das Kino des französischen Filmemachers Robert Guédiguian

Diskussion

Der französische Filmemacher Robert Guédiguian verknüpft in seinen Werken immer wieder liebevolle Blicke auf seine Heimatstadt Marseille mit leidenschaftlichen Schulterschlüssen mit der Klasse der Arbeiter und Migranten. Seine Filme handeln von der Reibung zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, sind aber stets vom festen Glauben an ein friedliches Zusammenleben der Menschen geprägt. Ein Porträt zum Kinostart von „Das Haus am Meer“.


Mit der in Deutschland von Walter Benjamins „Haschisch in Marseille“ oder Angela Schanelecs „Marseille“ (2004) geprägten vorherrschenden Wahrnehmung der südfranzösischen Hafenstadt als einem Rückzugsort der Einsamen und Suchenden oder auch dem geschichtlich bedeutenden Rettungshafen Europas aus Christian Petzolds Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ (2018) hat das Bild, das der 1953 in Marseille geboreneRobert Guédiguian von seiner Heimatstadt zeichnet, genauso wenig gemein wie mit den zahlreichen Kriminalfilmen, die dort in den Industrie- und Hafengegenden entstanden sind. Guédiguian, für den Marseille gleich einer wiederkehrenden Figur eine zentrale Rolle in seinen Filmen einnimmt, tritt mehr in die Fußstapfen von Jean Renoir und dessen Marseille-Film „Toni“ (1934), wenn er sich leidenschaftlich auf die Seite der Arbeiter und Migranten stellt und in seinen Filmen ein lebendiges Vermischen von Klassen und Kulturen fordert. Für ihn trägt Marseille keine Bedeutung außer der des Lebens selbst.

Das Arbeitermilieu von Marseille ist Schauplatz der meisten Filme von Robert Guédiguian.
Das Arbeitermilieu von Marseille ist Schauplatz der meisten Filme von Robert Guédiguian.

„Ich wollte niemals irgendwo anders arbeiten. Marseille ist meine Sprache. Das Licht, die Fauna, Flora, das Meer, der Lehm, die Ziegel, die Materie, die Farbe konstituieren mein ­Vokabular. Jeder trägt die Träume der Welt in sich“, sagte Guédiguian einmal und obwohl es ihn seit 2005 und seinem „Le promeneur du Champ de Mars“ („Letzte Tage im Elysee“) inzwischen auch an andere Orte getragen hat, schlägt doch das Herz von Marseille in allen seinen Arbeiten. Es bildet einen von zwei entscheidenden Polen, die sich durch sein inzwischen zwanzig Filme umfassendes Œuvre ziehen: Das Vertraute und das Fremde. Marseille gehört dabei mit Sicherheit zur ersten Kategorie. Guédiguian, der über seinen väterlichen Großvater armenische und über seine Mutter deutsche Wurzeln hat, ist in L’Estaque aufgewachsen, einem Arbeiterviertel mit archaischen Bauwerken aus dem 19. Jahrhundert, die nach und nach hässlichen Hochhausprojekten weichen mussten. Sein Vater arbeitete in den Docks, seine Mutter als Haushälterin. Sie wählten die kommunistische Partei. Zusammen mit Gérard Meylan, der bis heute in zahlreichen seiner Filme spielt und auch anderweitig mit Guédiguian kollaboriert, organisierte er bereits als Jugendlicher während des Mai 1968 Demonstrationen.

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Es sind auch diese Treue zu seinen politischen Überzeugungen und die feste Gruppe an Freunden, mit denen Guédiguian seine Filme realisiert, die das Vertraute in seinem Werk ausmachen. Neben seinem Jugendfreund Meylan (der als Krankenpfleger arbeitet und fast nur für seinen Freund vor der Kamera steht) sind das vor allem seine Ehefrau Ariane Ascaride und Jean-Pierre Darroussin. Das Kino, so äußert sich Guédiguian regelmäßig, wäre für ihn eine Art, mit Freunden zu leben. Womöglich liegt hier die wahrhaft utopische Kraft seiner Arbeit. In Filmen wie seinem größten Publikumserfolg „Marius und Jeannette – Eine Liebe in Marseille“ (1996) oder seinem auf 16mm realisierten Debüt „Der letzte Sommer“ (1981) überträgt sich diese Arbeit unter Freunden in eine beherzte Energie, die stets nach dem affirmativen Blick sucht und ein Zusammenleben propagiert, ohne sich von Realitäten abzuwenden. Wie stark sich dieses Zusammenleben inzwischen in seine Filme eingeschrieben hat, zeigt sich in seinem „Das Haus am Meer“ (2017), in dem er Bilder aus seinem Ki lo sa?(1986) verwendet, die dieselben Schauspieler im gleichen Setting nur drei Jahrzehnte früher zeigen. Ein wenig also wird hier an einer Antoine-Doinel-Geschichte gearbeitet, einer fortlaufenden Arbeit, einem Leben mit und vor der Kamera. Darin liegt tatsächlich ein gelebtes Ideal.

Auch in „Das Haus am Meer“ agiert wieder Robert Guédiguians Stammbesetzung: Jean-Pierre Darroussin, Ariane Ascaride, Gérard Meylan (von links).
Auch in „Das Haus am Meer“ agiert wieder Robert Guédiguians Stammbesetzung: Jean-Pierre Darroussin, Ariane Ascaride, Gérard Meylan (von links).

Guédiguians politische Haltung formiert sich allerdings nicht immer derart klar. Denn seiner widerständigen, marxistischen Gesinnung wird nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, dass sie in seinem Kino simplifiziert wird. Immer gibt es einen ideologischen Überbau, der allzu einfach in dramaturgische Entscheidungen mündet. Anders formuliert: Guédiguian macht ein kritisches Kino, das sich nicht traut, das Kino selbst zu hinterfragen. Er hängt zwischen dem engagierten Marxisten und dem braven Geschichtenerzähler. Nicht immer ist das ausreichend. Zumal manche Plotentwicklung wie in einer seiner stärksten Arbeiten, „Der Schnee am Kilimandscharo“ (2011), allzu holprig und konstruiert daherkommt. Im Film geht es, wie so oft bei Guédiguian, um die Ambivalenzen eines Klassenkampfs. Als das ältere Ehepaar Michel und Marie-Claire eines Tages brutal ausgeraubt wird, entdeckt Michel zufällig das seltene Spiderman-Comicheft, das ihm beim Raub entwendet wurde, in den Händen zweier Kinder in einem Bus.

Diese Art von Zufall zeigt letztlich, wie wenig Guédiguian an überzeugenden Plots interessiert ist. Was ihn antreibt, ist der Subplot, die Schere zwischen Arm und Reich, moralische Fragen und ein Einflechten zeitgenössischer Themen (Arbeitslosigkeit, Flüchtlingskrise, Aids, Rassismus, Aufarbeitung von Kriegsverbrechen et cetera). In dieser Hinsicht könnte man ihn als Seelenverwandten von Ken Loach sehen. Ein weiterer Filmemacher, bei dem die politischen Überzeugungen nicht bis zur Art und Weise des Filmens reichen. Ein systemtreues Kino, das das System hinterfragen möchte. Vielleicht aber ist Guédiguian einfach nicht so sehr interessiert an den formalen Möglichkeiten des Kinos. Er selbst sagt immer wieder, dass er von außen auf das Kino blickt, es eher als Mittel zum Zweck versteht.

Passend in dieser Hinsicht erscheint, dass Guédiguian bei der Premiere von Woody Allens „Midnight in Paris“ in Cannes wütend beklagte, dass Allen ein durch und durch verklärtes Bild von Paris zeige und all jene Pariser nicht vorkämen, die unter dem Mindestlohn verdienen würden. Guédiguian hat sich in seinen Filmen immer besonders um die Außenseiter und vom System Benachteiligten kümmert. Oft – und damit sind wir bereits beim Fremden in seiner Arbeit – erscheinen die Menschen, denen er allen immer auf Augenhöhe begegnet, zunächst wie Fremdkörper. Dabei sehen Guédiguians Filme aber eigentlich gar nicht so anders aus als jene von Allen. Das südfranzösische Sommerlicht, die schönen Gärten, das Glitzern im Meer wie in Mon père est ingénieur (2004), dazu betont populäre Musik wie von Blondie und Robert Palmer, all das erinnert an die filmischen Postkarten, die der New Yorker Filmemacher vor allem in den letzten 12 Jahren vermehrt entworfen hat. Aber Guédiguian inszeniert immer auch gegen das Setting, muss erst beweisen, dass es sich um reale Orte und Probleme handelt.

Guédiguians Oeuvre prägt der fast utopische Glaube an die Möglichkeit der Verzeihung.
Guédiguians Oeuvre prägt der fast utopische Glaube an die Möglichkeit der Verzeihung.

Ein komischer, manchmal überraschender Effekt entsteht, wenn man zwischen den glatten, leichten und schönen Bildern die ungerechten oder gar brutalen Kanten der Realität spürt. Je mehr Filme man von Guédiguian sieht, desto unsicherer wird man bezüglich dessen, was als nächstes passieren könnte. Das gilt auch für seinen Blick auf die eigene, die herrschende Klasse. Das, was vertraut erscheint, vermag einem ganz schnell fremd zu werden. Die Lügen und Unsicherheiten, das oftmals hilflose Bemühen darum, soziale Grenzen zu überwinden, werfen einen erstaunlich offenlegenden Spiegel auf die Bourgeoise. Am Ende aber gilt das Prinzip, dass alle Menschen im Herzen gute Menschen sind. Auch darin gibt es ein Harmoniebestreben, das vielleicht utopisch ist. Oft stehen in seinen Filmen die Botschaften eines Träumers. Durch ein Verzeihen, eine Erkenntnis oder eine Überwindung wird ein kollektives Zusammensein möglich. Eine Anti-These etwa zu Michael Haneke.

Ganz konkret mit dem Fremden in sich selbst beschäftigt sich Guédiguian zum Beispiel in „Le Voyage en Arménie“ (2006), in dem eine Frau ihrem geflüchteten, kranken Vater, begleitet von etwas arg aufdringlicher armenischer Musik, in mal mehr, mal weniger gelungenen tragikomischen Reaktionsketten durch dessen Heimat Armenien folgt. Oder in „Rouge midi“ (1984), der die Geschichte von Emigranten durch die Jahrzehnte begleitet. In diesem Aufeinandertreffen von Vertrautem und Fremdem findet der Filmemacher immer auch eine lokale Spezifik, die erst in einem weiteren Schritt zu universaler Gültigkeit führt.

Außer an seinen eigenen Filmen arbeitet Guédiguian auch als Produzent mit Agat films & Cie, wobei er mit Filmen wie Raoul Pecks „Der junge Karl Marx“ oder „1001 Nacht“ von Miguel Gomes durchaus Stoffe unterstützt, die seiner eigenen Gesinnung nahe sind. „Ich bin davon überzeugt – auch wenn manche mich deshalb für verrückt halten –, dass die Idee des Kommunismus unverzichtbar ist, um einen Gegenentwurf zum derzeitigen kapitalistischen System zu erfinden. Da muss ein kollektiver Denkprozess stattfinden. Meiner Ansicht nach ist der Kommunismus die einzige Idee, die in der Lage ist, eine Alternative zu diesem aus den Fugen geratenen derzeitigen System zu bieten“, sagte er einmal.

Hinter schönen Bildern zeigt sich oft die ungerechte Realität: „Café Olympique“.
Hinter schönen Bildern zeigt sich oft die ungerechte Realität: „Café Olympique“.

Es gab wohl selten einen Filmemacher, der sich derart vehement gegen etwas positioniert hat und dabei so wirkte, als wäre er mittendrin in der Geschichte, die er verändern wollte. In Guédiguian spiegelt sich jene Tendenz unserer Gesellschaft, die in Zeitungen von Klimaschutz schreibt und diese dann in Plastikverpackungen verschickt. Allein deshalb schmerzt eine Begegnung mit seinem Kino, das trotz allem oder gerade deshalb aufrichtig ist.

Dieser Tage wird in Marseille wie in ganz Frankreich demonstriert. Tausende „Gelbwesten“ ziehen durch die Straßen. Zuletzt verlief es friedlicher in Marseille, man spürt dennoch eine große Wut. Online kann man in Videos von Plakaten, die ein Ende der Islamophobie fordern, über Erinnerungen an den Algerienkrieg bis zu rechter Wut über Arbeitslosigkeit alles sehen. Ob es diese Form des Zusammenschließens ist, die Guédiguian in seinem Schaffen thematisiert, ist unklar. Klarer scheint, dass er sich auch mit diesen aktuellen Entwicklungen in seiner Heimat filmisch beschaffen wird.


Fotos: Film Kino Text, Arsenal, Schwarz-Weiss

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