Drama | Deutschland/Frankreich 2018 | 101 Minuten

Regie: Christian Petzold

Freie Adaption von Anna Seghers’ gleichnamigem Roman (1944) um das Schicksal von Flüchtlingen vor dem NS-Regime, die in Marseille auf eine Schiffspassage nach Übersee hoffen, bevor die Deutschen in der Stadt einmarschieren. Regisseur Christian Petzold spielt hintersinnig mit den Zeitebenen, indem er die Adaption, was Dialoge und Handlung angeht, zwar in den 1940er-Jahren ansiedelt, jedoch gegenwärtige Kostüme und Schauplätze einsetzt. Die Geschichte um einen jungen Deutschen, der die Identität eines toten Schriftstellers annimmt, um dessen Transit-Visum nutzen zu können, und sich beim Warten in Marseille in dessen Frau verliebt, entwickelt so vielfältige Bezüge: Zu Seghers’ Text, zum Werk von Christian Petzold, dessen Motive sich in dem Stoff wiederfinden, und zur gegenwärtigen Situation in Europa in Zeiten der Flüchtlingskrise. Eine ebenso kluge wie dank guter Darsteller ergreifende Aktualisierung des historischen Stoffs.

Filmdaten

Originaltitel
TRANSIT
Produktionsland
Deutschland/Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Christian Petzold
Buch
Christian Petzold
Kamera
Hans Fromm
Schnitt
Bettina Böhler
Darsteller
Franz Rogowski (Georg) · Paula Beer (Marie) · Godehard Giese (Richard) · Lilien Batman (Driss) · Maryam Zaree (Melissa)
Länge
101 Minuten
Kinostart
05.04.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Drama | Historienfilm | Literaturverfilmung
Diskussion
„Die Vermarktung von Literatur in Formen veralteten Kinos ist uns Gegenstand gewesen der Verachtung nicht erst seit kurzem.“ Dieser wunderschön gebaute Satz stammt weder von Anna Seghers noch von Christian Petzold. Er steht in der „Filmkritik“ vom Februar 1978, die sich ausführlich und materialreich dem selten gezeigten Film „Fluchtweg nach Marseille“ von Ingemo Engström und Gerhard Theuring widmet. Fast ein Jahrzehnt umspannte die Arbeit an „Fluchtweg nach Marseille“, der – bezugnehmend auf Walter Benjamin und Bertolt Brecht – den Untertitel „Bilder aus einem Arbeitsjournal (1977) zu dem Roman ‚Transit‘ (1941) von Anna Seghers“ trägt. In dem Material zu ihrem Film beschreiben Engström und Theuring auch ihren schwierigen Versuch, „den Text, nach fast vier Jahrzehnten, an den Ort seiner Handlung zurückzubringen.“ Gemeint ist damit nicht nur Marseille, sondern genauer das Café, in dem sich der Erzähler des Romans und sein Zuhörer treffen: „Aber vor dieser Konsequenz sind wir zurückgeschreckt. Die ununterbrochenen Autoschlangen, die die Cafés vom Alten Hafen abschneiden (…), der unerträgliche Lärm und Schmutz in der Luft, die hektische Bewegung der Menschen, das alles hat uns schließlich vertrieben bis zu einem der wenigen von Touristik und Stadtplanung nicht zerstörten kleinen Fischerhäfen, die es in Marseille noch gibt.“ Christian Petzold hat sich in seiner gleichfalls ausgesprochen langen und intensiven Auseinandersetzung mit Anna Seghers’ Text nicht von der Gegenwart Marseilles an den Rand der Stadt vertreiben lassen, sondern die Figuren seines Films mitten hinein in die Gegenwart der Stadt gesetzt und diesen Verfremdungseffekt auf seine Art produktiv gemacht, bezugnehmend auf einen Begriff von Georg K. Glaser („Geheimnis und Gewalt“), der ihn – Petzold – seit langem umtreibt: „Geschichtsstille“. Im Transit, diesem Nicht-Ort, sind die Figuren, Versprengte, buchstäblich aus dem Fluss der Zeit gefallen, haben keinen Ort mehr, sind unsichtbar in der reinen Gegenwart des Wartens. Sie haben keine Vergangenheit mehr und nur vielleicht eine Zukunft. „Uns bleibt immer noch Paris!“, dieser schwer romantische und entlastende Satz des Verzichts aus dem thematisch und strukturell verwandten „Casablanca“ (fd 19 478) gilt für das Personal von „Transit“ nur bedingt. Aber genau um dieses Defizitäre kreist Petzolds „Transit“ in einer fast schon grotesken Choreografie des Repetitiven. Es geht nicht um Flucht und nicht um Exil, sondern um das Dazwischen, den Stillstand auf der Flucht. In Paris gelangt der vor den Nazis flüchtende Georg (Franz Rogowski) durch einen Zufall, einen Botengang an die Transitvisa des bekannten Schriftstellers Weidel, der sich aus Furcht vor den vor Paris stehenden Deutschen das Leben genommen hat. Gemeinsam mit seinem verletzten Genossen Heinz flieht Georg nach Marseille, dabei die Hinterlassenschaften Weidels – darunter ein Manuskript und ein Brief seiner Frau – studierend. Während um ihn herum verzweifelt, gestorben und verhaftet wird, bewegt sich Georg in einem fast märchenhaft schützenden Kokon unter den Gestrandeten. In Marseille zu einigen Wochen Aufenthalt bis zur Passage verdammt, trifft sich Georg mit der Frau des mittlerweile verstorbenen Heinz und freundet sich mit dessen Sohn Driss an. Es kommt zu weiteren stets flüchtigen Begegnungen mit anderen Flüchtlingen, die sich verzweifelt um die nötigen Papiere bemühen und ihre Geschichten loswerden wollen, um sich ihrer Vergangenheit zu versichern und vielleicht etwas Sinnhaftes in der gegenwärtigen Situation zu entdecken. In Seghers’ Roman liest sich das so: „Sind Sie ihrer nicht vollständig überdrüssig, dieser spannenden Erzählungen von knapp überstandener Todesgefahr, von atemloser Flucht? Ich für mein Teil habe sie gründlich satt.“ Georg scheint diese Einstellung zunächst zu teilen, doch dann begegnet er der geheimnisvollen Marie, die immer wieder die Straßen, Bars und Cafés durchstreift. Marie, so stellt sich heraus, ist die Frau des Dichters Weidel, von dem sie sich einst getrennt hatte, sich dann aber mit ihm versöhnen wollte, um gemeinsam Europa hinter sich zu lassen. Georg, wissend, dass ihre Suche nach Weidel vergeblich ist, hält dieses Wissen aber geheim, weil Weidels Transitvisa ihm selbst die Flucht ermöglichen sollen. An den offiziellen Stellen tritt er als Weidel auf, was wiederum Marie zugetragen wird, die glauben muss, dass ihr Mann nicht nur noch lebt, sondern sich in Marseille aufhält. Marie selbst lebt mittlerweile in einem Hotel zusammen mit einem Arzt, der davon spricht, in Mexiko ein Krankenhaus zu eröffnen. Erst die Begegnungen mit Driss und mit Marie erden die Luft-Existenz Georgs: er wird vom Beobachter zum Handelnden. Seghers’ Roman ist auch ein Entwicklungsroman. Georg lernt, der Flüchtigkeit Widerstand entgegenzusetzen. Im Presseheft äußert sich Petzold dazu wie folgt: „Er (Georg) verliebt sich, er hat ein Ziel, obwohl alles auf Lüge aufbaut, mit der Identität eines Anderen. Aber er bekommt im Laufe der Geschichte eine Identität als einer, der wünscht, der begehrt, der am Schluss sogar Opfer bringt.“ Und in Bezug auf Driss: „Nach Jahren auf der Flucht ist der Egoismus stärker als die Solidarität. Aber er empfindet Schuld darüber, und dieses Schuldgefühl ist etwas Neues für ihn.“ Petzold erweist sich hier etwas skeptischer als die Romanvorlage, die das Erzählen selbst als Akt des Widerstands nimmt. Für die Liebesgeschichte zwischen Marie und Georg ist allerdings konstitutiv, dass es für sie kein „Uns bleibt immer noch Marseille!“ gibt. Wie stets bei Christian Petzold ist hier alles erschöpfend durchdacht und zudem durch entsprechende, bereits vor dem Kinostart platzierte Paratexte zum Film (Presseheft, Interviews etc.) auch vor dem Interessierten ausgebreitet, dass dem Zuschauer eigentlich nur Genuss durch Nachvollzug bleibt. „Transit“ macht auch deutlich, dass Petzold mühelos den Stoff mit allerlei Motiven und Gedanken seiner früheren Filme zu verknüpfen und zu bündeln versteht. Immer schon ging es in seinen Filmen um Geschichtsstille, um das Transitorische („Yella“ (fd 38 327), „Gespenster“ (fd 37 227)), um „falsche“ Identitäten („Wolfsburg“ (fd 36 150), „Phoenix“ (fd 42 594)), um Gespenster, Passagen und Nicht-Orte im öffentlichen Raum. „Transit“ könnte insofern ein Schlusspunkt sein, der auf den nächsten Kinofilm Petzolds besonders gespannt macht. Jetzt aber staunt man noch über den unvermittelten Einsatz des lange ortlosen Voice-over, das eine weitere Erzählperspektive des Beobachtens und Bewertens ins Spiel bringt, sich aber gleichzeitig als unzuverlässig erweist, genau dadurch aber einen reizvoll-spielerischen Umgang mit der Romanvorlage erlaubt. Man kann sich nicht Sattsehen am sehr körperlichen Spiel Franz Rogowskis und mag kritisieren, dass Paula Beer ihre Rolle vielleicht etwas zu schattenhaft angelegt hat. Die grotesk-verzweifelten Loops des Rauf-aufs-Schiff und Wieder-runter-vom-Schiff spielen mit der Dialektik vom Stillstand in der Hektik. Letztlich erweist sich Maries Liebe zu Weidel stärker als ihre Gefühle zu Georg, was für diesen eine schmerzhafte Erkenntnis ist. Das Neu-Verwurzeln, das Seghers dem Erzähler in ihrem Roman gönnt („Wenn man auf einem vertrauten Boden verblutet, wächst etwas dort von einem weiter wie von den Sträuchern und Bäumen, die man zu roden versucht.“), spart sich Petzold bewusst. Schließlich ahnt auch Seghers’ Erzähler im letzten Satz des Romans: „Ich werde eher des Wartens müde als sie des Suchens nach dem unauffindbaren Toten.“ So positioniert sich „Transit“ (der dem verstorbenen Mentor und Partner Harun Farocki gewidmete Film) sehr klug zwischen den Zeiten, spielt mit der literarischen Vorlage als Memento mori und Baustein eines anderen, antifaschistischen Deutschland, und ist zugleich eine Intervention in Sachen Verschärfung des Asylrechts. Zugleich entwirft der Film erste Bilder einer vom rechten Backlash gezeichneten europäischen Zukunft. Ganz am Schluss hören wir die Talking Heads mit „Road to Nowhere“ und denken an den Titel dieses alten Films von Herbert Vesely, der einst vom Aufbruch kündete: „…nicht mehr fliehen.“
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