Heinz Brinkmann (24.6.1948-4.4.2019)

Montag, 08.04.2019

Ein Nachruf auf den Dokumentaristen, der in seinen Filmen oft gesellschaftliche Einschnitte und Umbrüche poetisch-humorvoll verdichtete.

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Die Insel Usedom war seine große Liebe. Geboren im Seebad Heringsdorf, kehrte Heinz Brinkmann auch als Regisseur immer wieder hierher zurück. In „Carmen – Haus am Meer“, einer Episode aus „Woher – Wohin. Heimatgeschichten“ (1991), fabulierte er von einer Strandvilla, die einst als Pension seiner Großmutter gehörte und 1953 im Rahmen der „Aktion Rose“, einer politisch motivierten Enteignungswelle, in staatlichen Besitz überging. In Usedom – ein deutsches Inselleben (1993) beschrieb er, welchen Veränderungen die Seebäder nach der Vereinigung unterworfen waren, und erinnerte an die alte Seebad-Kultur aus der Zeit vor 1933. „Akt(e) Peenemünde“ (1997) über die auf Usedom gelegene einstige Raketen-Forschungsstätte der Nazis thematisiert die Komplexität und Kompliziertheit des Umgangs mit Geschichte, und in InselLicht – Usedomer Bilder (2005) befragte er vier Malerinnen und Maler nach ihrem Verständnis von Kunst und Leben.

Wie in anderen seiner Arbeiten ging es dem Regisseur hier um das „Vergegenwärtigen des Standortes, ums Innehalten und Sammeln, was eine ebenso notwendige wie schwierige Aufgabe ist in Zeichen des nivellierenden Massentourismus, in der sich so manche Identität viel zu schnell auflöst“ (Horst Peter Koll). Noch in seinem letzten, auf der „Berlinale“ gezeigten Film Usedom – Der freie Blick aufs Meer (2018) erzählte er von den Villen an Europas längster Strandpromenade, von der Vertreibung jüdischer Mitbürger durch die Nazis, vom wenig regulierten Bauboom der jüngsten Zeit. In den Bildern schwang so etwas wie Abschiedsmelancholie mit, Brinkmann war während der Dreharbeiten bereits schwer krank. Anfang April ist er 70-jährig verstorben.

"Usedom - Der freie Blick aufs Meer"
"Usedom - Der freie Blick aufs Meer"

Von 1968 bis 1972 hatte Brinkmann an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg das Fach Kamera studiert und hier 1975 auch das Regie-Diplom erhalten. Danach war er als freiberuflicher Regisseur, Autor und Kameramann für die Defa-Wochenschau „Der Augenzeuge“ tätig. Doch nachdem er im November 1976 gemeinsam mit den Dokumentaristen Jürgen Böttcher, Richard Cohn-Vossen, Werner Kohlert, Heiner Sylvester und Günter Kotte einen Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR unterschrieben hatte und nicht bereit war, diese Unterschrift zurückzuziehen, erhielt er vom Defa-Studio für Dokumentarfilme keine Aufträge mehr. 1976 hospitierte er bei Benno Bessons Inszenierung des Heiner-Müller-Stücks „Die Hamletmaschine“ an der Berliner Volksbühne und 1978 bei Thomas Langhoffs „Sommernachtstraum“ am Maxim Gorki Theater Berlin. Voller Hoffnung, später als Spielfilmregisseur arbeiten zu können, wirkte er 1977 als Regieassistent an Egon Schlegels poetischem Kinderfilm „Das Pferdemädchen“ mit. Von 1983 bis 1991 kehrte er dann als Regisseur ins Defa- Dokumentarfilmstudio zurück und war seit 1991 freischaffend tätig.

Schon während seiner Zeit beim „Augenzeuge“ bevorzugte Brinkmann Sujets über den Alltag und spannende Biografien. Für die Defa-Kinobox, den feuilletonistischen Nachfolger der Wochenschau, stellte er unter anderem den 90-jährigen Stralsunder Maler Erich Kliefert vor oder skizzierte den Küstenschutz an der Ostsee. Mit einer „Ostseebox“ (1987), die mit skurrilen Porträts, surrealen Bildern und einer märchenhaften Erzählstruktur über die Sehnsucht nach Freiheit und ursprünglicher Natur philosophierte, konnte er seine künstlerischen Ansprüche deutlich machen. In der ebenfalls 1987 gedrehten, aber erst im März 1989 uraufgeführten Reportage „Die Karbidfabrik“ gelang es ihm, Szenen aus dem Innenleben eines technologisch veralteten Karbidwerkes im Chemiedreieck Halle-Merseburg-Leuna zu einer Parabel auf die Endzeitstimmung in der DDR zu verdichten. Von einer intakten Auenlandschaft zu Beginn des Films führen die Motive bis zu Arbeitern in einer Werkhalle, die sich als graue Gestalten hinter dicken Staubschichten bewegen.

"Komm in den Garten"
"Komm in den Garten"

Unmittelbar nach dem Sturz Honeckers im Oktober 1989 wurde der Film im Ost-Berliner Fernsehen als Beleg dafür gezeigt, dass die politische Zensur der Medien der DDR nun ein Ende habe. Unmittelbar nach der deutschen Vereinigung war Heinz Brinkmann als unermüdlicher Netzwerker daran beteiligt, der Filmkultur und -förderung in Mecklenburg-Vorpommern auf die Beine zu helfen. Er gehörte zu den Mitbegründern des Schweriner FilmKunstFestes, fungierte von 1991 bis 2006 als Vorsitzender des Mecklenburg/Vorpommern Film e.V. und war am Aufbau der Film- und Videowerkstätten im Landesfilmzentrum Schwerin und im Film- und Medienzentrum Wismar beteiligt.

Zugleich drehte er zahlreiche Filme, in denen er individuelle Erfahrungen mit zeitgeschichtlicher Analyse verknüpfte: In „Waldschlösschen“ (1991) über eine Staatssicherheits-Zentrale bei Schwerin kamen sowohl ehemalige Stasi-Mitarbeiter wie ein Pastor zu Wort, der sich in der Bürgerbewegung engagiert. „Das Feld brennt“ (1992) zeigt einen alten Kommunisten und Landarbeiter, der einsam am Rand einer Müllkippe lebt, die Politik hasst, an Gott zweifelt und nur der Natur vertraut. „Horno und anderswo“ (1995) dokumentiert den Kampf der Einwohner um ihre Heimat, gegen die Braunkohle im nordrhein-westfälischen Garzweiler und im brandenburgischen Horno. „Die Weihe der gottlosen Kinder“ (1997) fragt nach der einstigen und heutigen Bedeutung der Jugendweihe. All diese Filme reflektierten radikale gesellschaftliche Einschnitte und Umbrüche und ließen sich auf die oft widerstreitenden, mitunter radikal subjektiven Emotionen ihrer Figuren ein.

Zum größten Erfolg in Brinkmanns Schaffen wurde der gemeinsam mit Jochen Wisotzki gedrehte Film Komm in den Garten (1990), eine der letzten Produktionen der Defa. Hauptfiguren sind drei Freunde und Anpassungsverweigerer aus dem Berliner Prenzlauer Berg, die sich gegenseitig zu leben und zu überleben helfen: ein Maler, der in der DDR als „arbeitsscheu“ gebrandmarkt war und zehn Jahre im Gefängnis verbrachte, ein Journalist, der dem Alkohol verfiel, und ein Außenwirtschaftler, der aus der Akademie der Wissenschaften entlassen wurde und am S-Bahnhof Schönhauser Allee selbstgebastelte Lampen verkauft. Der poetisch-humorvolle Film beobachtet die drei Männer bei ihren täglichen Verrichtungen, lässt sie ausführlich zu Wort kommen, bietet ihnen die Gelegenheit zur Selbstinszenierung und reflektiert den existentiellen Widerspruch zwischen individuellem Freiheitsdrang und staatlicher Bevormundung. Fünf Jahre später verfolgte der Regisseur mit Der Irrgarten die Biografien der drei Männer weiter und dachte darüber nach, wie sehr Menschen gerade in Zeiten des Wandels nach innerem Gleichgewicht, Harmonie und Liebe suchen.

"Fallwurf Böhme"
"Fallwurf Böhme"

Ins Zentrum von Fallwurf Böhme (2012) rückte er das Schicksal des ehemaligen DDR-Handball-Nationalspielers Wolfgang Böhme, dessen Karriere auf Betreiben der Staatsicherheit vor den Olympischen Spielen 1980 beendet wurde. Wie hier, so verdichtete Heinz Brinkmann stets Lebensgeschichten zu Zeitbildern. Und immer näherte er sich seinen Figuren mit bedächtiger Neugier, leiser Empathie – so war er als Mensch, so waren seine Filme. Deren zärtliche Erzählungen werden dem deutschen Kino fehlen.


Fotos: Salzgeber, DEFA-Stiftung/Michael Lösche, Basis

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