Ganz normale Superkräfte

Dienstag, 09.04.2019

Schauspielerin Brie Larson im Porträt

Diskussion

Brie Larson feiert diesen Oktober ihren 30. Geburtstag. Gerade hat sie in der Titelrolle von „Captain Marvel“ „Wonder Woman“ als Kassenmagnet übertrumpft; ihr Regiedebüt „Unicorn Store“ ist vor Kurzem auf Netflix gestartet. Ein Porträt von Hollywoods derzeit erfolgreichstem „All American Girl“.


Brie Larson war 27 Jahre alt, als sie 2016 den „Oscar“ für ihre beklemmend realistische Darstellung in Lenny Abrahamsons „Raum“ erhielt. Ungeschminkt, mit wildem, ungekämmtem Haar überzeugte sie in der Rolle der Joy, die mit ihrem Sohn in einem kleinen Schuppen gefangen gehalten wird. Der zweite Teil des Films erzählt von der Rückkehr in das Haus ihrer Eltern und dem langsamen Erwachen aus dem Trauma.

Eine intensive Rolle, die Larson als Charakterdarstellerin bekannt machte, sie verletzlich und sympathisch zeigt, als eine Figur, die einem sehr nahegeht. Ihre fast schon durchschnittliche Schönheit mit dem runden Gesicht, sich andeutenden, aber nicht ausgeprägten Grübchen und einem Körper, der in Jeans und T-Shirt das Merkmal „unisex“ ausstrahlt, dabei gleichermaßen universell und natürlich wirkt, macht sie zur durch und durch menschlichen Schauspielerin: sie ist mehr das „All American Girl“ als die unerreichbare Filmdiva, anders als etwa die mit weiblichen Idealmaßen ausgestattete und entsprechend inszenierte Angelina Jolie.

Letztere war kurz im Gespräch für die Regie von „Captain Marvel, in dem Brie Larson jetzt die Leinwände der Multiplexe mit einer außerordentlich physischen Performance erobert. „Ich wollte nie, dass mein Körper Gesprächsstoff wird“, sagte Larson jedoch im Interview. Lieber wolle sie sich durchs Bewusstsein definieren. Das gelingt ihr mit den überaus starken weiblichen Hauptrollen, die sie bekommt. Nie ist sie nur die Stichwortgeberin oder das schmückende Beiwerk an der Seite eines männlichen Hauptdarstellers. Was auch daran liegen mag, dass sie öfters in Filmen spielte, in denen Frauen das Drehbuch schrieben, wie in Anna Bodens „Captain Marvel“ (Co-Regie: Ryan Fleck), Amy Schumers „Dating Queen“ (2015, Regie: Judd Apatow) oder Emma Donoghues „Raum“ (Regie: Lenny Abrahamson).

Marvels erste Solo-Titelheldin: "Captain Marvel"
Marvels erste Solo-Titelheldin: "Captain Marvel"

Einhorn und Superkräfte

Bevor Brie Larson 2016 weltweit bekannt wurde, war sie bereits in etlichen kleineren Rollen und in der Serie „Taras Welten“ zu sehen. Und schon mit 22 Jahren begann die – wie ihre Kollegin Greta Gerwig, mit der sie in „Greenberg“ auftrat – aus Sacramento stammende Kalifornierin, eigene Filme zu machen. Ihr Langfilmdebüt „Unicorn Store“, das 2017 in Sundance Premiere feierte, ist jetzt auf Netflix zu sehen. Als sie den Film drehte, stand bereits seit einem Jahr fest, dass sie in „Captain Marvel“ die Hauptrolle übernehmen sollte. „Unicorn Store“ ist ein Independent-Film, der einen Teil des Budgets auch durch offensichtliche Produktplatzierungen erwirtschaftete. Samuel L. Jackson unterstützte als charismatischer Einhorn-Verkäufer ihr Projekt, bei dem sie selbst die Hauptrolle übernahm, bevor beide ein zweites Mal in „Captain Marvel“ zusammen zu sehen waren.

Der Film erzählt die etwas zu süßlich geratene Geschichte von der Künstlerin Kit, die mit ihren regenbogenfarbenen Visionen in der Kunstwelt scheitert, in ihrem Elternhaus Zuflucht sucht, um sich dann den Herausforderungen freudloser Arbeitstätigkeit zu stellen. Der Film wirkt auch wie ein Echo auf die schauspielerische Initialerfahrung, die Larson mit „Raum“ erlebte. Bemerkenswert sind wiederkehrende narrative Versatzstücke, die suggerieren, Larson habe sich hier an genau dem Film abgearbeitet, der ihr den großen Ruhm beschert hatte. So kehrt der Schuppen, in dem Joy für ihren Sohn eine möglichst heile Kindheit durch fantasievolle Wirklichkeitsinterpretationen schuf, in „Unicorn Store“ als Unterschlupf für ein märchenhaftes Einhorn wieder. Auch die Zuflucht zu den Eltern war bereits in „Raum“ ein Thema, ebenso wie die Notwendigkeit, sich nach einem Schicksalsschlag aufzurappeln. Aber hier ist alles ungleich lichtvoller und optimistischer.

"Oscar"-würdiger Auftritt: Brie Larson in "Raum"
"Oscar"-würdiger Auftritt: Brie Larson in "Raum"

Kind oder Ikone

Das macht das Regie-Debüt auch zum Kompensationsfilm. „Es gibt ein Kind in mir, das keine Stimme hat“, offenbarte Larson in einem Interview. Diese verträumte, unschuldige Seite in ihr, gepaart mit der Hoffnung und einer grundsätzlichen optimistischen Einstellung mag die intensive Performance in „Raum“ erst ermöglicht haben und zeigt sich jetzt offen in „Unicorn Store“. In dem Namen ihrer Hauptfigur Kit schwingt so natürlich immer auch „Kid“ mit, das Kind. Die naiv wirkende, jedoch realistisch angelegte und psychologisch ausdeutbare Figur, die ihre mädchenhafte Fantasie-Welt gegen die graue Welt der Erwachsenen starkmacht, kann so auch als Alter Ego von Brie Larson gelten.

Bemerkenswert ist, wie Larson mit dem Film einen Raum für ihre Fantasien erschafft, die das genaue Gegenteil des sehr düsteren und auf bemerkenswerte Weise schlechten Fantasy-Films „Kong: Skull Island“ darstellen, bei dem sie im selben Jahr mitspielte. Larson hat hier einen eher untergeordneten Part in einer Expedition, die sich auf eine abgeschiedene Insel begibt, um die dortige Monster-Fauna zu erkunden. Aber selbst in der Sidekick-Rolle zeigen sich die Qualitäten von Brie Larson, lebendig, natürlich und energiegeladen zu wirken. Gerne lehnt sie sich gegen die Männer auf, die wie in „Unicorn Store“ auch Stellvertreter für die Welt der Erwachsenen sein können. Sie setzt ihren Kopf durch, auf der Leinwand genauso wie im wirklichen Leben, dies wird deutlich, wenn man sich die Unbekümmertheit vor Augen hält, mit der sie ihren eigenen Film realisierte. „Unicorn Store“ eignet sich so für Larson auch, den großen Hollywood-Erwartungen für einen kurzen Moment zu entkommen.

Brie Larson am Set ihres Langfilmdebüts "Unicorn Store"
Brie Larson am Set ihres Langfilmdebüts "Unicorn Store"

Seit ihrer Rolle als Captain Marvel, die sie zur ersten weiblichen Solo-Superheldin des Marvel Universe macht (und jetzt mit einem weltweiten Einspielergebnis von über einer Milliarde „Wonder Woman“ des konkurrierenden DC Universe übertrumpft), eignet sich Larson gar als Ikone der Selbstbestimmtheit und als Role Model für junge Frauen, die die Power ihrer Figur auf sich wirken lassen. Das für Hollywood übliche Narrativ von den vielen Monaten im Fitnessstudio bedient Larson natürlich, ebenso wie sie gerne erzählt, dass sie viele Stunts selbst ausgeführt hat. Zum Image der menschlich angelegten Superheldin gehört aber auch, dass Larson Zuschreibungen auch immer wieder abstreift und in Interviews ihre Rolle als feministische Botschafterin kleinhält. Wenn man sie auf der Leinwand als mit den Superkräften von CGI ausgestattete Heldin gesehen hat, kann man sich gut vorstellen, dass sie so auch versucht, die Welt wieder in realistische Maßstäbe zu rücken.

Das Larson-Universum

Larson weiß sehr genau, was sie macht. Selbst in ihrem etwas verunglückten Regie-Stück „Unicorn Store“ wirft sie Themen auf, die sie an den Puls der Zeit bringen. Passend zu ihrem „Aufruf zur Fantasie“ ist das Ensemble bunt und divers, und den zudringlichen Chef der grauen Arbeitswelt bringt Larson ganz unverblümt in Zusammenhang von #MeToo. Zugleich zeigt sie, wie man sich den Übergriffen und dem grauen Alltag entziehen kann, indem man sich für eine Welt der Gegenwerte starkmacht. Egal, was die anderen von einem denken.

Lob auf produktiven Eigensinn: "Unicorn Store"
Lob auf produktiven Eigensinn: "Unicorn Store"

Hochgradig parodistisch und in einer der besten Szenen nimmt sie dabei auch auf die Formel „Sex sells“ Bezug, mit der ein Staubsauger in einer PR-Kampagne promotet wird. Gezeigt wird auf einem Plakat eine Frau, die von den Zuschreibungen, zugleich karrierebewusst, sexy, Mutter und perfekte Hausfrau sein zu müssen, geradezu überfrachtet ist: Blonde Haare, ein ultrakurzes Minikleid, ausladende Kurven und ein Baby auf dem Arm sind die Zutaten dieser offen sexistischen Kampagne. Unwillkürlich denkt man angesichts des staubsaugenden Superweibs auch an die umstrittene Kunstperformance von Jennifer Rubell, die die Präsidententochter Ivanka Trump karikierte. Was aufzeigt, wie sehr Larsons Film, trotz der Schwäche, die Welt allzusehr in Zuckerwatte zu packen, doch immer wieder auch ein Gespür für starke Bildinszenierungen beweist. Kit schiebt das sexistische Abziehbild männlicher Projektionsfantasie kurzerhand durch ihre eigenwillige Staubsauger-Präsentation zur Seite. Als unbändiger, in Grün und Pink glitzender Lametta-Derwisch wirbelt sie in einer vitalen Tanzperformance die geordnete Welt der vorgefassten Meinungen durcheinander. Ihre Energie und die Lust auf Verwandlung setzen dem Marvel Universe an dieser Stelle ein ganz eigenes Larson-Universum entgegen, was auf die nächsten Filme der Brie Larson hoffen lässt.


Fotos: © Netflix, Universal, Walt Disney


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