Fassbinder: Eine Wiederbegegnung mit zwei Filmen

Freitag, 12.04.2019

Zwei Filme von Rainer Werner Fassbinder aus den späten 1970ern liegen nun digital restauriert vor: „In einem Jahr mit 13 Monden“ & „Die dritte Generation“

Diskussion

„Das einzige, was ich akzeptiere, ist Verzweiflung“, lautet einer der berühmtesten Sätze Rainer Werner Fassbinders (1945-1982). Viele Filme des manisch produktiven „Herz des Neuen Deutschen Films“ (Wolfram Schütte) erzählen exakt in diesem Tonfall von einer Welt und im Speziellen von einer BRD, die „unbewohnbar ist wie der Mond“ (Gerhard Zwerenz) und in der nach dem Glücksfall einer oktroyierten Demokratisierung allzu viele Chancen auf eine gerechtere und weniger verlogene Nachkriegsgesellschaft komplett verspielt wurden.

So lautete Fassbinders radikaler Tenor bereits in seinem preisgekrönten Frühwerk (Katzelmacher“/„Händler der vier Jahreszeiten“/„Angst essen Seele auf“), den er im Laufe seiner kurzen, aber immens einflussreichen Karriere immer noch einmal deutlich düsterer formulierte. Vor allem in dessen „kleinen, schmutzigen Filmen unter dem Radar“ (Dominik Graf), die er im Wechsel mit facettenreichen Fernsehspielen und Theaterinszenierungen realisierte, sowie den stetig größer werdenden Hollywoodproduktionen „made in Geiselgasteig“ („Despair – Eine Reise ins Licht“/„Berlin Alexanderplatz“/„Lili Marleen“/„Lola“), die sein schillerndes Spätwerk dominieren.


Depression, aber auch Slapstick-Momente, grandios verschachtelte Tonspuren und reichlich metatextuelle Anspielungen

Satansbraten“ gehört als grelle Farce in jene Kategorie. Genauso wie Fassbinders fulminanter Beitrag zum Omnibusfilm „Deutschland im Herbst“, der 1978 als direkte Reaktion der deutschen Autorenfilmer auf den RAF-Terror im „Deutschen Herbst“ und den Freitod von dessen Gründungsmitgliedern in Stuttgart-Stammheim im Jahr zuvor entstanden war. Radikal persönlicher inszenierte sich als Filmemacher wie als öffentliche Person kein anderer Vertreter des „Neuen Deutschen Films“, was auch noch in zwei besonders abgründigen Werken seinen Ausdruck findet: In „Die dritte Generation“, einem „Karnevalsfilm“ in der winterlichen Frontstadt (West-)Berlin, sowie in Fassbinders künstlerischer Verarbeitung des Selbstmordes seines Lebensgefährten Armin Meier („In einem Jahr mit 13 Monden“), die nun beide in puncto Bild- und Tonqualität brillant restauriert zum ersten Mal als Blu-ray-Discs vorliegen.

Terror-Karneval: Hanna Schyglla in "Die dritte Generation"
Terror-Karneval: "Die dritte Generation"

Trübsinn, Depression und Trauer, aber auch groteske Slapstick-Momente (zum Beispiel Gottfried John als Immobilienhai und Jerry-Lewis-Fanatiker Anton Saitz), grandios verschachtelte Tonspuren und reichlich metatextuelle Anspielungen, die vom Codewort „Bergen-Belsen“ bis hin zu Arthur Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ reichen, durchziehen die beiden ungleichen Geschwisterfilme. Auch bei einer Neusichtung im Jahr 2019 gehören jene kommerziell gefloppten Bekenntnisfilme zweifelsohne zum Aufregendsten, was der deutsche Autorenfilm auf die Kinoleinwand gebracht hat.

Während sich im ersten eine frustriert-gelangweilte Truppe West-Berliner Bohemiens in Analogie zur realen Schleyer-Entführung und der blutigen Ermordung Pontos als Terroristen der titelgebenden „Dritten Generation“ versuchen und im Setting einer rabenschwarzen Groteske vom Staatsapparat und einem ominösen Konzern zunehmend ausspioniert und manipuliert werden, überzeugt „In einem Jahr mit 13 Monden“ neben seiner unbestechlichen Qualität als Moritat frei von Moral zugleich als tief berührendes Requiem für die transsexuelle Elvira, die im Bauboom Frankfurt am Mains als Ausgestoßene elendig zugrunde geht und sich am Ende für den Selbstmord entscheidet.

Bissige Kommentare zum Zustand Westdeutschlands in den späten 1970ern

In auffällig hyperrealistischer Grundierung, mit bitterbösen Dialogzeilen (Hark Bohm: „Ich hatte neulich einen Traum, da hat das Kapital die Terroristen erfunden, um den Staat zu zwingen, es besser zu schützen. Sehr komisch, nicht? Hahaha!“) und mit starken Schauspielleistungen von Volker Spengler, Eddie Constantine, Hanna Schygulla, Bulle Ogier und Elisabeth Trissenaar gehören beide ebenso schnell wie billig produzierten Filme zum Nukleus des Fassbinderschen Gesamtwerks. In ihnen offenbart sich ein ausgesprochen freigeistiger Autorenfilmer, der mit postmodernen Verfremdungseffekten und aufgebrochenen Genrekonventionen zweimal einen außerordentlich bissigen Kommentar zum kritischen Zustand Westdeutschlands in den späten 1970er-Jahren ablieferte.

"In einem Jahr mit 13 Monden"
"In einem Jahr mit 13 Monden"

Nicht zufällig ließ Rainer Werner Fassbinder den Satz „Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme“ auf das Filmplakat zu „Die dritte Generation“ drucken. Eine clownesk maskierte Hanna Schygulla zielt dazu mit dem Blick einer Irren und gezückter Maschinenpistole in der Hand direkt in die Richtung des Betrachters. Wie überhaupt nahezu alle Inszenierungsmittel in Fassbinders komplexer Terroristen-Farce, die stumpfsinnige Knallmomente wie autoreferenzielle Anspielungen keineswegs ausspart, immer ein Stück weit „over the top“ sind. Durchwegs an der Überforderung des Zuschauers arbeitend, ist Fassbinder in erster Linie auf der Audioebene (Tonmischung: Milan Bor) einer der spannendsten deutschen Filme nach 1945 geglückt, der in seiner wahnwitzigen Tonmontage zeitlos aktuell geblieben ist und heute wie ein kluger Blick voraus in die permanente Nachrichtenflut der Gegenwart wirkt.

„Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme“

In dieser bizarren West-Berliner „Komödie in 6 Teilen um Gesellschaftsspiele von Spannung, Erregung und Logik, Grausamkeit und Wahnsinn, ähnlich den Märchen, die man Kindern erzählt, ihr Leben zum Tod ertragen zu helfen“, wie Fassbinders „Die dritte Generation“ im Untertitel lautet, ist von vornherein vieles auf Nicht-Verständnis und offene Provokation angelegt. Im blinden Aktionismus jener bunt zusammengewürfelten Salon-Kommunisten, die Weltrevolution spielen wollen und am Ende doch nur kapitalistisch ausgenutzt werden, manifestiert sich Fassbinders pessimistische Grundeinstellung, die seiner realen Persona („Meine Filme kreisen um das Problem, dass Leute überhaupt Beziehungen haben. Ob sie nun schwul sind oder normal sind oder lesbisch sind oder was weiß ich...“) und seinem extrem eigensinnigen Oeuvre durchgängig zu eigen ist.

"Die dritte Generation"
"Die dritte Generation"

Er wolle angesichts der gesellschaftlichen Zustände im geteilten Deutschland und der fehlenden Förderung für einige seiner nächsten Filmprojekte (u.a. „Kokain“ und „Soll und Haben“) „lieber Straßenkehrer in Mexiko sein“ als in der BRD zu bleiben, hatte Rainer Werner Fassbinder ein Jahr zuvor noch in einem großen „Spiegel“-Interview erklärt. Und so wirken auch Erwins respektive Elviras todtraurige Augen in „In einem Jahr mit 13 Monden“, ob in der Spielhalle oder im Schlachthof und zur kongenialen Musik von Roxy Musics „A Song for Europe“ („Now, only sorrow – No tomorrow“) und Suicides „Frankie Teartrop“, wie der weltabgewandte Blick seines Regisseurs, der angesichts persönlicher wie politischer Krisen schlichtweg nicht mehr weiterweiß und künstlerisch am Scheitelpunkt steht. Die unwirtlich-kalte Betonarchitektur von Frankfurt am Main und das melancholische Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie, das zuvor schon Luchino Visconti in Tod in Venedig verwendet hatte, gehen in Fassbinders vielleicht bestem Spielfilm eine bittersüße Allianz ein, die extrem lange nachwirkt.


"Die dritte Generation" und "In einem Jahr mit 13 Monden" liegen seit dem 28.02.2019 digital restauriert auf BD und DVD vor. Anbieter: StudioCanal/Arthaus



Fotos:  oben: Volker Spengler in "In einem Jahr mit 13 Monden". Alle Bilder © Studiocanal

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