Tage des Glücks

Freitag, 10.05.2019

Die 65. Kurzfilmtage Oberhausen (1.-6.5.2019) zeichnete eine Vielfalt und Experimentierfreude des Programms aus, das immer noch zu wachsen scheint. Besonders schön blühten 2019 die Sonderprogramme

Diskussion

Die 65. Kurzfilmtage in Oberhausen (1.-6. Mai) verbanden in bewährter Manier einen Überblick über die internationale Jahresproduktion von Experimentalfilmen mit Programmen, die nach persönlichen Vorlieben kuratiert werden. Ein Pas de deux, der jedes Jahr aufs Neue wunderbar funktioniert.

Oberhausen lag dieses Jahr gefühlt in Österreich. Wenige Tage vor Beginn der 65. Ausgabe der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (1.-6. Mai) hatte der österreichische Kulturminister Gernot Blümel den Filmbeirat im Bundeskanzleramt, der für die Förderung „innovativer Projekte im Bereich des Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Experimentalfilms“ zuständig ist, ziemlich willkürlich neu besetzt, was dazu führte, dass österreichische Kollegen das ganze Festival über darauf aus waren, internationale Reaktionen anzustoßen. Oberhausen ist nicht der schlechteste Ort für ein solches Unterfangen; man staunt jedes Mal aufs Neue, wie viele internationale Besucher das Festival besuchen.

Das Programm scheint jedes Jahr nochmals zu wachsen, was wie bei anderen Festivals eine ebenso verlockende wie schwierige Tendenz ist. Neben den Wettbewerben für Kurzfilme aus aller Welt, aus Deutschland und aus Nordrhein-Westfalen gibt es Wettbewerbe zu Kurzfilmen für Kinder und Jugendliche sowie zu Musikvideos. Hinzu kommt eine Vielzahl von „Profilen“ einzelner Filmschaffender (in diesem Jahr unter anderem zu Alexander Sokurow, Kiri Dalena, Kayako Oki und Eva Stefani), Präsentationen von Verleihen und Archiven, ein umfangreiches Themenprogramm (etwa zu Filmtrailern als Sonderform des Kurzfilms) und diverse Sonderprogramme, Podiumsdiskussionen, Masterclasses und Vorträge. Die kluge Programmierung, die durch einen strikten Zeitplan leichte Wechsel zwischen den Programmen erlaubt, und die Tatsache, dass die meisten Vorführungen in den Sälen eines einzigen Kinos stattfinden, bewahren das Festival vor allzu starker Fragmentierung in parallele Welten.


Eine Befragung der Archive

Die Sonderprogramme blühten 2019 besonders schön. Tobias Hering führte in „re-selected“ seine vergleichende Befragung der Archive der Kurzfilmtage und des Berliner Arsenals fort. In drei Programmen präsentierte er Kinofilme aus den USA, dem ehemaligen Jugoslawien, Ägypten und dem Jemen. „re-selected“ wirkt in mehrfacher Weise: die Reihe arbeitet Schwerpunkte (und Schwachstellen) der beiden Archive heraus, dokumentiert teils bis in das Vorführmaterial die Geschichte der Filme und markiert die Differenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Festivalprogrammierung. Ein Film wie „An Thawra“ von Omar Amiralay über die jemenitische Revolution würde heute kaum noch Platz in einem Festivalprogramm finden. Als sich herausstellte, dass von Dejan Djurkovićs „Socijalni Eksperiment“ (1971) keine Kopie im Archiv der Kurzfilmtage erhalten ist, griff Hering zusammen mit der Künstlerin Romy Rüegger auf die Übersetzer-Liste der Filmdialoge mit handschriftlichen Notizen über die Filmhandlung des damaligen Einsprechers zurück und entwickelten daraus eine Performance.

"An Thawra" von Omar Amiralay
"An Thawra" von Omar Amiralay

Das Festival beschenkte sich selbst mit dem Auftakt einer neuen Reihe unter dem Titel „NRW in Person“, für die Rainer Knepperges ein Programm zusammenstellte. Der Bogen spannte sich von der spektakulären Verfolgungsjagd mit Spielzeugautos des damals 13-jährigen Robert Führer („Autojagd“, 1978) über Fritz Illings "Sie heirateten in Gretna Green“ (1965), einer farbenfrohen Ethnographie über Maibräuche im britischen Cornwall von Alan Lomax („Oss Oss Wee Oss!“, 1964) bis zu Knepperges’ eigenen Filmen: „Tour Eifel“ (2000) handelt von den Fallstricken der Kommunikation in Gruppen; „Das nasse Grab der Grenzbanditen – Pulverdampf ist kein Parfum“ (1998) ist sinnlich-spaßiger Genrefilm.


Bilder öffnen Möglichkeitsräume

Die Wettbewerbe sind in Oberhausen eine Art Wundertüte. Jenseits von wiedererkennbaren Namen hat man als Zuschauer kaum eine Ahnung, was die Programme und ihre einzelnen Filme bringen. So herausfordernd diese Verunsicherung bisweilen sein mag, so befreiend wirkt sie doch. Der Kontrast zur aktuellen Fixierung auf die Drehbuchfeuerwerke von Serien des Quality-TV und Superheldenfilmen könnte nicht stärker sein. Bei den Festivalfilmen in Oberhausen weiß man nie, welche Volten die Narration schlägt; narratives Kino ist als solches die Ausnahme. Das Augenmerk verlagert sich deshalb zurück auf die Bildfindungen der Filme. In dieser Betonung des Bildes öffnen sich die Möglichkeitsräume filmischer Gestaltung ungleich weiter als in den vergleichsweise festgelegten narrativen Formaten. Die Narration ist in Oberhausen nur ein mögliches Element filmischer Gestaltung neben Bild, Ton, Schnitt oder anderen. Vier oder fünf Tage Experimentalfilme pusten den Kopf gehörig durch.

Vor allem in den Programmen des Internationalen Wettbewerbs zeigte sich aber auch, dass dieser Balanceakt mitunter schiefgehen kann. Etwa wenn ein ganzer Trupp junger russischer Filmemacher durch kryptisch-prätentiöse Statements vor dem Film „IO“ (Russland 2018) Erwartungen weckt, der sich als aufgeblasene Übersprungshandlung entpuppte, oder wenn allzu oft Dagewesenes wiedergekäut wird wie die Optik von analogen Tonspuren in Stefano Canapas „The Sound Drifts“ (Frankreich 2019) oder das Porträt einer älteren Dame in einem imposanten Garten („amelina“ von Rubén Guzmán, Argentinien 2018).

"The Sound Drifts" von Stefano Canapa
"The Sound Drifts" von Stefano Canapa

Thematische Trends waren eher wenige zu erkennen. Am stärksten fiel das Interesse vieler Filme an Architektur als umbauter Form sozialen Lebens auf (etwa in „60 Elephants. Episodes of a Theory“ von Michael Klein und Sasha Pirker, „Student Bodies“ von Ho Rui An, „L’oiseleuse“ von Hayoun Kwon, „stadt-Gegenstadt“ von Arne Schmitt). Positiven Eindruck hinterließ die beinahe durchgängig gute Qualität der Programme im deutschen Wettbewerb. Um den Experimentalfilm muss man sich in Deutschland keine Sorgen machen.


Vom Abschweifen, Driften und Finden

Das Programm der Kurzfilmtage lädt zum Umherschweifen und Abdriften ein, und nicht selten wird man mehr oder weniger zufällig mit Höhepunkten belohnt. Beim „Profil“ der japanischen Filmemacherin Kayako Oki musste man zunächst viel Sitzfleisch aufbringen, um die eher werkbiografisch interessanten Annäherungen an den Experimentalfilm durchzustehen, bevor man mit einer ganzen Reihe von Kleinoden beschenkt wurde. Der Überblick über die Jahresproduktion von Experimentalfilmen in den Wettbewerben steht neben Programmen, die nach persönlichen Vorlieben kuratiert werden. Das Zusammenspiel dieser beiden Programmstränge bewährt sich Jahr für Jahr aufs Neue. Die Kurzfilmtage sind für Besucher Tage des Glücks.


Nachfolgend eine recht subjektive Auswahl wichtiger Entdeckungen bei den 65. Kurzfilmtagen in Oberhausen:


„An Thawra“ (Jemen 1978). Regie: Omar Amiralay (27 Min.)

Eine Eröffnungssequenz: Die sonnengegerbte Haut eines alten Mannes, in die sich Jahrzehnte körperlicher Arbeit eingeschrieben haben, ein roter Stern, singende Frauen beim Tanzen, marschierende Armeestiefel, ein pflügender Traktor, Fischer am Meeresufer, die Oberkörper der marschierenden Soldaten, Männer, die am Strand trommeln. Der syrische Filmemacher Omar Amiralay dreht im Auftrag der Regierung zum 10. Jahrestag der Unabhängigkeit der Demokratischen Volksrepublik Jemen einen essayistischen Film über das Alte und das Neue, sichtbar beeinflusst vom sowjetischen Montagefilm der 1920er-Jahre. Stark rhythmisiert werden Bilder der kolonialen Unterdrückung den Bildern der Aufstände und der Befreiung gegenübergestellt. Die Slums weichen nach und nach modernen Mietskasernen. In Gesprächen vergleichen Menschen ihr Leben während und nach der Unabhängigkeit. Ein rares Dokument hoffnungsvoller Jahre im Jemen.


„Edge“ (USA 2019). Regie: Steven Subotnick (3 Min.)

Ein schwarzer Strich bebt auf hellgrauer Leinwand. Zitternd verschwindet der Strich aus dem Blickfeld, ein weißes Rechteck erscheint. Musik setzt ein, das weiße Rechteck wird zur vertikalen Trennlinie, dreht sich mit der Musik, weitet sich und zieht sich zusammen. Die Rechtecke überlagern sich und bilden neue geometrische Formen. Mit nur acht einzelnen Bildern schafft der US-Filmemacher Steven Subotnick eine zarte visuelle Welt.

"Edge" von Steven Subotnick
"Edge" von Steven Subotnick

„Elvis: Strung Out“ (Kanada 2018). Regie: Mark Oliver (5 Min.)

Die bunten Lichter der Leuchtreklamen von Las Vegas. Zum Kreischen der Fans und einer souligen Basslinie treten ein paar Unterschenkel in weißer Hose mit weißen Schuhen ins Bild, Troddeln baumeln neben dem linken Bein. Aufnahmen von Elvis Presley bei einem Konzert in den 1970er-Jahren. Lässig mit dem Bein wackelnd, steht Elvis auf der Bühne und redet von Gerüchten, denen er keinen Glauben schenkt. Gerüchten über seine Drogensucht. Zum Rhythmus der Basslinie tauchen Bilder von ihm und den Fans auf, verschwinden wieder in Schwarzbildern. Energisch verwahrt sich Elvis dagegen, jemals von etwas anderem als Musik „strung out“ gewesen zu sein. Eine Aufnahme zweier Background-Sängerinnen, die mit versteinerter Miene Elvis’ Monolog lauschen, hebt sich von den lachenden, begeisterten Gesichtern der Fans ab und wirkt wie ein Kommentar. In einer kurzen Musikvideoparaphrase bearbeitet der kanadische Filmemacher Mark Oliver sie zu einer Reflexion über Sucht und Leugnung, Bewunderung und Schein.


„ma nouvelle vie européenne“ (Deutschland 2019). Regie: Abou Bakar Sidibé, Moritz Siebert (22 Min.)

Zwei junge Männer gehen durch ein Dorf in Deutschland, bewundern die Häuser und die Autos. „ma nouvelle vie européenne“ folgt Abou Bakar Sidibé und einigen seiner Freunde nach seiner Ankunft in Deutschland. Vor drei Jahren hatte der Dokumentarfilm Les SauteursAbou Bakar Sidibé und andere bei ihren endlosen Versuchen gezeigt, den spanischen Grenzzaun von Melilla zu überwinden. Jetzt, in Deutschland, die sich zerdehnende Zeit im Wohnheim, die immer gleichen Ausflüge in die Stadt, mit den immer gleichen Begleitern. Dosen sammeln, Pfand einlösen, Zigaretten kaufen. Ein Leben, das zehrt. „Dieser Film wird meine Situation nicht verändern, aber er wird beweisen, dass ich existiere.“ Die Kamera als unterstützende Begleiterin, die entstehenden Bilder als Selbstbehauptung. „ma nouvelle vie européenne“ ist eine Selbstbeobachtung in den zermürbenden Mühlen der Asylrechtsbürokratie. Nüchterne Bilder des Alltags, in denen das Tanzen in der Garage zum Aufbegehren wird, die Blicke des Publikums zur Bestätigung der eigenen Existenz.

"ma nouvelle vie europßeenne"
"ma nouvelle vie europßeenne"


„Sabaudia“ (Österreich/Italien 2018), Regie: Lotte Schreiber (24 Min.)

Landschaftsaufnahmen einer Region, deren Existenz von der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchtränkt ist. Die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe war ein Prestigeprojekt des Faschismus in Italien. Als die Sümpfe trockengelegt waren, errichtete der Faschismus auf dem neu gewonnenen Land eine Handvoll Städte, in denen die zentralen Gebäude allesamt mit Balkon ausgestattet wurden – für die Ansprachen. „Im Sumpfgebiet des Agro Pontino gingen sie daran, eine moderne Utopie zu verwirklichen. Die Schaffung einer von ihrer traditionellen Unterordnung unter die Metropole erlösten Welt.“ Neben den Städten entstanden Kleinsthöfe, „poderi“, auf denen die Arbeit und die Gesinnung überwacht wurden. Später wurde aus Sabaudia, einer der neu gegründeten Städte, ein Ferienort. Dacia Maraini, ihr Mann Alberto Moravia und Pier Paolo Pasolini verbrachten dort ihre Sommer. Die österreichische Experimentalfilmregisseurin Lotte Schreiber zeigt Bilder des Stadtlebens und Landschaften, auf denen man etwas sieht, das nicht zu sehen ist: die geschichtliche Gewordenheit des Gezeigten. Eukalyptusbäume, die nicht an diesen Ort gehören, Felder, wo früher Sümpfe waren. Die Bilder, die auf diesen Motiven verharren, sind eine Befragung dessen, was man in ihnen sieht, ein Versuch, ihnen Antworten zu entlocken.


„Student Bodies“ (Singapur 2019) Regie: Ho Rui An (27 Min.)

Eine Geschichte Asiens, erzählt entlang von Studentenbewegungen. Zwischen 1883 und 1885 werden japanische junge Männer trotz offiziellen Verbots von Auslandreisen heimlich nach Großbritannien geschickt, um dort die Moderne zu studieren. In der Meiji-Ära im späten 19. Jahrhundert machen sie allesamt Karriere. „Student Bodies“ befragt Kontinuitäten und Brüche im Typus des Studenten in unterschiedlichen asiatischen Ländern. Die Universitäten als Räume, die Aufstieg verheißen, wandeln sich in der Nachkriegszeit in den späten 1960er-Jahren zu Orten potenzieller Rebellion. Die Bekämpfung der Aufstände schreibt sich fortan in universitären Neubauten ein. Der Film zeichnet anhand der Figur des Studenten die politischen Beziehungen der Nachkriegszeit, die Konkurrenz zu den USA und der Länder untereinander nach. Mit einer Vielzahl von Zitaten und gedruckten Materialien, die sich über Aufnahmen aus der Gegenwart schieben, rückt Ho Rui An die Komplexität der Traditionslinien, Verwerfungen und Konflikte ins Bild, indem er einzelne Elemente übereinanderschichtet. Überlagerungen, Reibungsflächen und Wechselwirkungen werden sichtbar.

"Student Bodies" von Ho Rui An
"Student Bodies" von Ho Rui An

„Textilm vol 06“. The Amaryllis Musical Box (Japan 2013). Regie: Kayako Oki (4 Min.)

Die regelmäßigen Drehungen einer Ballerina auf einer Spieluhr werden in Kayako Okis „Textilm vol. 06“ zur Projektionsebene. Die Bezeichnung „Textilm“ ist eine Zusammenziehung aus „Textil“ und „Film“ und verweist auf die Ursprünge der Filmemacherin in der Textilgestaltung. In den früheren Filmen der Reihe nutzte Kayako Oki Film wie Stoff, zerschnitt und verwob ihn. In „Textilm vol. 06“ wird der Film selbst Stoff. Die handkolorierten Farben, die die Ballerina umspielen, verweisen auf Farbtechniken der Stummfilmzeit zurück. Einige Kratzer in der Filmoberfläche erzeugen Landschaften, durch die die Ballerina schwebt. Die Mechanik der Spieluhr und des Films kontrastieren mit der Unregelmäßigkeit des Farbauftrags und der Kratzer im Film. Ein spielerisch-tänzelnder Ausflug in die kunterbunte Märchenwelt des Experimentalfilms.

Weitere Informationen finden sich auf der Website der Kurzfilmtage Oberhausen.


Foto oben: „ma nouvelle vie européenne“ von Abou Bakar Sidibé und Moritz Siebert.  Alle Fotos: © Kurzfilmtage Oberhausen


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