„Man muss etwas riskieren“

Mittwoch, 22.05.2019

Ein Interview mit dem britischen Regisseur Simon Hunter zum Start von „Edie - Für Träume ist es nie zu spät“

Diskussion

In seiner Tragikomödie „Edie – Für Träume ist es nie zu spät“ (zur Kritik) porträtiert der britische Regisseur Simon Hunter einfühlsam eine 83-jährige Frau, die sich im hohen Alter endlich den Wunsch erfüllen will, den Mount Suilven in den schottischen Highlands zu besteigen. Der Film über einen späten Emanzipationsakt nach einem fremdbestimmten Leben entstand aus einer lebenslangen Faszination für den Berg und ist auch eine anrührende Hommage an seine Hauptdarstellerin, die gefeierte Theatermimin Sheila Hancock. Ein Gespräch über die Herausforderungen der Dreharbeiten, die Rolle der schottischen Landschaft und den Einbruch des Magischen.


Ich würde Sie zunächst bitten, zu erzählen, wer Sie sind und wie Sie im Filmgeschäft angefangen haben.

Simon Hunter: Ich bin 1969 in Leicester geboren, aber in Schottland aufgewachsen. Ich habe zunächst die Filmhochschule in Surrey in England besucht. Ich wollte schon immer Filmregisseur werden und habe meine ersten Kurzfilme in Schottland gedreht. Für mich war aber immer klar, dass ich lange Spielfilme machen möchte. Mein erster Spielfilm war dann Lighthouse – Insel des Grauens im Jahr 2000. Ich habe dann zwischendurch auch immer wieder Fernseh- und Werbefilme gedreht, auch Genrefilme wie Mutant Chronicles von 2008, mich dabei aber nie so recht wohlgefühlt. Ich wollte eher einen Film machen, der von Herzen kommt. Das Leben geht ja weiter, und ich möchte mich schon mit etwas beschäftigen, dass mir wirklich wichtig ist. Wenn ich den Film mag, mögen ihn andere vielleicht auch. Mit „Edie“ kehre ich zu meiner Kindheit zurück, weil ich schon als Fünfjähriger mit einer kleinen Kamera auf dem Mount Suilven war. Jetzt mit einer großen Kamera auf den Berg zurückzukehren, war schon faszinierend.

Würden Sie sich als cinephil bezeichnen? Gehen Sie gern ins Kino?

Hunter: Ja, natürlich. Wie kann man Regisseur sein und kein Cinephiler?

Aber es gibt schon Regisseure, die nicht gerne ins Kino gegangen sind, Federico Fellini zum Beispiel.

Hunter: Oder Orson Welles, der das Gleiche sagte: „Du wirst nicht dadurch inspiriert, indem du Filme schaust.“ Es gibt nichts, was dem Kino gleichkommt, wenn das Licht ausgeht und die Leinwand erstrahlt. Ich liebe vor allem das visuelle Kino. In dem Moment, wo die Dialoge aufhören und die Bilder die Geschichte erzählen – das liebe ich. Ich versuche das auch, so gut es geht, in meinen neuen Film einzubringen. Die erste halbe Stunde und das Ende kommen mit wenig Dialog aus. Hier ein bisschen, dort ein bisschen. Aber die Aktion treibt den Film voran.

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Sie haben auch das Original-Drehbuch geschrieben. Was war die Ausgangsidee?

Hunter: Zuallererst wollte ich einen Film über diesen Berg machen. Ich war bereits mehrmals dort, er ist sehr speziell. Ich traf einen Psychologie-Studenten, der aber eigentlich lieber Journalist werden wollte. Er war schon fast fertig mit dem Studium und hatte das Gefühl, nicht mehr wechseln zu dürfen. Und ich überlegte mir, wie es wäre, dieses Dilemma auf einen alten Menschen zu übertragen. Wir glauben ja immer, dass alte Menschen weise und ausgeglichen sind und gern auf ihr Leben zurückblicken. Das ist aber gar nicht so. Viele sind unglücklich und voller Reue, weil die Dinge nicht so gelaufen sind, wie sie das wollten. Viele glauben auch, dass es zu spät sei, die Richtung zu ändern. Sie haben Angst davor. Aber sie wollen etwas von dem wiederhaben, was sie mal glücklich gemacht hat. Und das ist der optimistische Aspekt an dieser Geschichte. Es sollte ein Feelgood-Film werden, bewegend und mitreißend. Das ist die Atmosphäre, die ich einfangen wollte.

Wenn Edie sich mit ihrer Tochter streitet, ruft sie einmal laut zur Rechtfertigung: „Ich tat meine Pflicht!“ Ist es das, was ihren Charakter ausmacht?

Hunter: In den 1960er- und 1970er-Jahren gehörte diese Einstellung zum Familienleben dazu, eine gute Mutter sein, sich um die Kinder kümmern, den Ehemann entlasten. Edie musste sogar einen Mann pflegen, der im Rollstuhl sitzt. Sie konnte dem nicht entfliehen. Es war ihre Pflicht, und so hatte sie eine schreckliche Zeit, wie eine lebenslängliche Haftstrafe. Warum ist ihr das passiert? Das Glück liegt doch auf der Straße. Allerdings auch das Pech, und so wird ihre Ehe zur Tragödie. Sie hat ihre Strafe abgeleistet, das meint sie mit diesen Worten. Nun will sie die Türen ihres Gefängnisses öffnen und sehen, was es draußen gibt – etwas, an das sie sich erinnern wird. Ist da noch etwas? Sie weiß es nicht. Immer wenn sie zweifelt und umkehren will, ist da jemand, der sie wieder antreibt.

Sheila Hancock in "Edie - Für Träume ist es nie zu spät"
Sheila Hancock in "Edie - Für Träume ist es nie zu spät"

Das zieht sich durch den ganzen Film, etwa wenn sie im Diner sitzt und noch einen Tee bestellen will und der Besitzer sagt: „Es ist nie zu spät für Sie“ und sich dabei eigentlich nur auf ihr spätes Erscheinen bezieht.

Hunter: Ja, das stimmt. Aber für sie bedeutet es einfach, dass es noch Zeit gibt, und sei es auch nur, dass sie bis zum Bahnhof kommt. Sie macht sich stets Sorgen, aber sie macht auch stets den nächsten Schritt. Sie macht weiter und hofft dabei, dass es besser wird.

Einmal steht sie im Hotel an der Rezeption und sieht einen alten Mann im Sessel sitzen und verlässt es daraufhin überstürzt…

Hunter: Dieser alte Mann versinnbildlicht, wohin sie zurückkehren würde. Da ist aber nichts, zu dem sie zurückkehren möchte. Als junger Mensch kümmert man sich nicht darum, weil man alles noch vor sich hat, man glaubt, alles haben zu können, wenn nicht jetzt, dann später. Doch im Alter bleibt nichts mehr übrig. Warum also nicht? Was hat man zu verlieren? Man muss etwas riskieren.

Wenn die Tochter Edies Tagebuch liest, hören wir eine Vielzahl von Stimmen, die uns verschiedene Aspekte einer Geschichte erzählen. Wie kam es zu der Idee?

Hunter: Es ging mir vor allem darum, diese Stimmung einzufangen, diesen Hass und Zorn, diese gemeinen dunklen Gefühle, die sich über die Jahre angehäuft haben. Nur in diesem Buch lassen sich über diese Worte Ehrlichkeit und Wahrheit finden. Es war immer alles da, es ist in ihrer Mutter drin, und die Tochter hätte nie gedacht, dass ihre Mutter je solche Gefühle hegte. Sie liest dieses Buch und entdeckt eine Person, die sie so noch nicht gekannt hatte. Das schockiert sie, das überwältigt sie. Ich wollte das auf der Soundebene nachempfinden – es wird ihr zu viel und schlägt sie nieder.

Manchmal fährt die Kamera rasch auf Edies Gesicht zu und zeigt es in Großaufnahme – so als ob Sie ihre Gedanken zeigen wollten.

Hunter: Es hat etwas Berührendes, wenn man dabei zusieht, wie sich jemand über etwas Gedanken macht und versucht, ein Problem zu lösen. Anstatt etwas ausdrücklich zu sagen, schaut man in die Augen der Hauptfigur und hört, was sie denkt. Es ist faszinierend, wie ein Gesicht so etwas ausdrücken kann. Man kann zeigen, wie eine Idee Formen annimmt, ob es Sorgen ausdrückt oder Verständnis. Ich bitte Schauspieler häufig, an etwas zu denken, während die Kamera ganz nah rangeht. Und das funktioniert. Sie müssen nicht sagen, dass sie Angst haben oder sich Sorgen machen. Man sieht, was in ihnen vorgeht. Wenn man es allerdings zu oft macht, weiß der Zuschauer nicht mehr, was los ist. Man muss das gut ausbalancieren. Es gibt nichts Schlimmeres, als zu deutlich zu sein. Und am Ende des Films kehrt es sich ja um – die Bilder weiten sich, die Geschichte wird offener. Ich mochte diesen Gegensatz.


Ihr Film heißt „Edie“, sie ist die Hauptfigur. Doch da ist noch Jonny, dieser junge Kerl, und für mich geht es in dem Film auch um ihn, um seinen Job, seine Beziehung, seine Zukunft.

Hunter: Ja, das stimmt. Es geht darum, dass Jonny so wie Edie werden könnte, wenn er sich nicht ändert, natürlich auf seine Art, in seiner Zeit, mit seinen Erfahrungen. Er ist in eine Falle geraten – so wie Edie. Eigentlich will er das nicht, er ist ein Freigeist. Er würde am liebsten sein Leben unterwegs mit dem Rucksack verbringen. Mit den Anforderungen des Lebens, mit dem Geschäft, hat er nur ungern zu tun. Er hat Angst, darin stecken zu bleiben. Je besser er Edie kennen lernt, umso mehr hofft er, von ihr zu lernen. Auch wenn man alt ist und am Ende des Lebens steht, kann man mit seiner Weisheit jungen Leuten etwas geben, auch wenn es nur heißen würde: „Werde nicht so wie ich!“ Jonny wird nun, weil er Edie getroffen hat, ein besseres Leben führen. Was bedeutet, dass er auch schwere Entscheidungen treffen muss.

Ein wenig mutet die Beziehung zwischen Jung und Alt wie ein Generationenkonflikt an.

Hunter: Ich hatte eigentlich das Gegenteil beabsichtigt. Für mich geht es um die Verbindung der Generationen. Edie und Jonny sind sich doch sehr ähnlich. Und ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, dass man mit jemandem nicht besser auskommt, nur weil er gleich alt ist. Man mag mehr Erfahrungen in derselben Altersgruppe miteinander teilen. Man schaut dieselben Filme, sieht dieselben Fernsehsendungen. Doch Weltanschauungen oder Lebenstüchtigkeit, Humor oder Problemlösungen sind doch altersunabhängig und zeitlos. Das sind Dinge, die sich durch die Generationen ziehen. Edie ist selbst ein Freigeist, und sie bekommt durch Jonny eine Ahnung davon, wie sie als junger Mensch einmal gewesen ist. Es kommt hinzu, dass Jonny sich mit seinen Altersgenossen gar nicht so wohlfühlt. Sie wollen sich betrinken und Spaß haben – so ist Jonny aber nicht.

Jonny wandelt sich auch am meisten. Zuerst hat der Zuschauer den Eindruck, dass er nur auf Edies Geld aus ist.

Hunter: Ja – er sieht das irgendwie kommen. Zuerst denkt er gar nicht so viel darüber nach. Sein Kompagnon redet ihn in diese Sache hinein. Er nimmt das Geld und freut sich darüber. Doch das ändert sich nach einer Weile. Die Schlüsselszene ist jene, in der er Edie die Bergspitze zeigt und dann nachts in seinem Zelt noch einmal alles Revue passieren lässt: „Warum mache ich das? Muss ich es nicht anständig machen? Hör auf mit dem Unsinn! Nimm das ernst.“ In dem Moment engagiert er sich und verlangt auch von Edie, dass sie die Sache ernst nimmt. Er fühlt sich auch ein bisschen wertlos: er ist nur ein Angestellter in einem Campingladen, seine Freundin ist unzufrieden mit ihm, seine Freunde betrinken sich nur. Darum begreift er die Bergbesteigung als Chance. „Die alte Dame will diesen Berg besteigen, und ich helfe ihr dabei.“


Ein weiterer Hauptdarsteller des Films ist die schottische Landschaft. Sie zeigen sie sehr häufig in ihrer ganzen Schönheit, aus dem Zug, aber auch von hoch oben. Welche Funktion erfüllt die Landschaft für den Film?

Hunter: Die Landschaft wird durch Edies Augen gesehen. Die Idee dahinter ist, dass die Landschaft immer schon da war und sich im Laufe der Zeit nicht verändert hat. Die Sorgen der Menschen erscheinen daneben sehr klein. Wenn Edie die Natur anschaut, und sei es nur ein Blatt, scheint alles miteinander verbunden zu sein. Die Natur öffnet Edie. Sie hat bislang immer nur in London gelebt, vielleicht war sie einmal am Meer. Nun ist sie allein mitten im Nirgendwo und erlebt die Weite und die Schönheit. Das beruhigt sie, und vielleicht kommt dieses angenehme Gefühl auch erst mit dem Alter. Sie überlässt sich dem völlig, ohne Reue oder Bedenken. Sie erfreut sich daran, und das merkt man auf dem ganzen Weg, egal ob sie Wanderer trifft oder die Abkürzung mit dem Boot über den kleinen See nimmt. Auch wenn einiges schiefgeht, der Verlust des Ruders oder die ungemütliche Nacht im Zelt – nun ist alles schön und warm. Irgendwie fügen sich die Dinge, sie wird ihren Weg finden. Und Edie belohnt sich mit dem Anblick dieser Landschaft und dem Einssein mit der Natur.

Es gibt ein schönes Musikthema, das sich an gewissen Stellen mehrmals wiederholt. Wie eng haben Sie mit der Komponistin Debbie Wiseman zusammengearbeitet?

Hunter: Sehr eng. Debbie ist als Komponistin sehr bescheiden. Sie hat keine Angst vor Einfachheit. Sie würde bei einem Film nie sieben oder zehn Themen einführen, um zu zeigen, was sie alles kann. Sie benutzt also nur ein oder zwei Themen, um zu illustrieren, wie sich eine Stimmung ändert. Das ist ihre „Grammatik“: Am Anfang fängt sie mit einigen „Buchstaben“ an, mit einem einfachen Thema für die Gitarre, und dann wird es immer voller und üppiger. Sie weicht auch nicht sehr ab. Das Thema gehört Edie, es geht von ihr aus. Es ist ein sehr schönes Motiv, das gut zu ihr passt.

Am Schluss des Films gibt es noch eine Szene, die etwas sehr Traumähnliches und Unwirkliches hat, als ihr ein älterer Mann in einem heruntergekommenen Backsteinhaus Schutz gewährt und wir nicht wissen, ob dies wirklich passiert.

Hunter: Ich wollte etwas Magisches in den Film einbringen. Man kann es so verstehen, wie es gezeigt wird. Es gibt in Schottland diese leeren Häuser, in denen man Schutz suchen kann. Und manchmal leben auch Menschen dort, außerhalb der Gesellschaft, ohne Steuern zahlen. Hier ist es ein Mann, der Kaninchen jagt und davon lebt. Es könnte aber auch ein Engel sein, der sich in dieser Nacht um Edie kümmert. Es könnte auch jemand anderer sein, ihr Vater zum Beispiel, es könnte auch einen religiösen Bezug haben. Wenn der Mann zum Beispiel etwas sagen würde, wäre die Szene sehr viel realistischer, doch dann wäre auch die Magie weg.


Sheila Hancock, die Hauptdarstellerin, ist in Deutschland kaum bekannt. Wie sind Sie auf sie gestoßen?

Hunter: Sheila ist in England sehr bekannt. Sie arbeitet für das Theater, Radio und Fernsehen, gelegentlich auch im Film. Dort hatte sie aber nie eine tragende Hauptrolle. Ich habe immer gedacht, dass sie sehr unterschätzt ist. Ich wollte einfach die beste Schauspielerin, die ich in England finden konnte, die diese Rolle wirklich ausfüllen würde. Ich hätte eine Schauspielerin nehmen können, die mit dem Hubschrauber auf den Berg geflogen wird. Aber ich wollte wirklich jemanden, der uns begleitet und wirklich den Berg bis zum Gipfel besteigt – als körperliche Herausforderung. Dieser Berg ist nämlich nicht ohne. Man muss fast 15 Kilometer laufen, nur um ihn zu erreichen. Dann muss man vier Stunden auf Händen und Knien krabbeln, und dann eine weitere Stunde aufrecht laufen. Sheila war zur Drehzeit 83 Jahre alt. Ich bat sie also, den Berg zu erklimmen, und sie versprach, es zu versuchen. Im Londoner Richmond Park hat sie dann zusammen mit Nordic Walkern trainiert und auch ein Konditionstraining absolviert. Sie hat sich voll auf diese Aufgabe konzentriert. Sie wollte es wirklich schaffen, und sie ist unglaublich. Wir haben immerhin vier Nächte am Mount Suilven im Zelt verbracht, haben jeden Morgen unsere Rucksäcke gepackt, die ganze Ausrüstung, die Verpflegung, und sind weitergewandert, haben sie wieder ausgepackt und gefilmt, wieder gezeltet. Das war schon anstrengend. Es ist nicht „Fitzcarraldo“. Aber für Sheila war es in ihrem Alter schon sehr hart. Sie hat sich nie beklagt.


Fotos: Weltkino

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