Ein umstrittener Meister

Sonntag, 16.06.2019

Nachruf auf den italienischen Opern-, Theater- und Filmregisseur Franco Zeffirelli (12.2.1923-15.6.2019)

Diskussion

Shakespeare und die großen Opern des 19. Jahrhunderts waren der Stoff, aus dem die künstlerische Welt des italienischen Regisseurs Franco Zeffirelli erwuchs. Der Streit, den seine Werke oft auslösten, entzündete sich meist an der Kollision von Oper und Kino. Seine konservativen Positionen, auch als Abgeordneter für Berlusconis „Forza Italia“, sorgten ebenfalls für Aufregungen. Doch 2017 widmete ihm Florenz ein Kulturzentrum, in dem sein Archiv für die Nachwelt erschlossen wird.


Am 15. Juni 2019 starb Franco Zeffirelli mit 96 Jahren in Rom, seiner „Wahlheimat“, wie in zahlreichen Nachrufen zu lesen ist. Seine wahre Heimat, so wird suggeriert, war hingegen Florenz, die Stadt, in der er am 12. Februar 1923 als unehelicher Sohn unter dem bürgerlichen Namen Gianfranco Corsi geboren wurde. Doch nicht nur wegen seiner Herkunft war Zeffirelli ein „echter Florentiner.“ Blickt man auf die großen Kunstwerke der Stadt, auf Dantes Dichtung, das „Decamerone“ von Boccaccio oder auf das Schaffen von Leonardo da Vinci, so fällt ein gemeinsamer Zug zum Streitbaren, zur trotzigen Konfrontation auf. Zeffirelli war zeitlebens eine streitbare Figur, egal ob als Opern-, Theater- und Filmregisseur oder als Abgeordneter von Berlusconis „Forza Italia“-Partei.

Bei dem Streit, den seine Filme immer wieder auslösten, ging es ums Ganze, um den Kern von Zeffirellis künstlerischem Schaffen. Ein Zeffirelli-Film ist eine Kollision von Oper und Kino. Das Opernhafte verbindet ihn mit Luchino Visconti, von dem er gefördert wurde und bei dessem „La Terra Trema“ (1948) er zusammen mit Francisco Rossi als Regieassistent mitwirkte. 


Der Opernfilm-Boom der 1980er-Jahre

Doch Zeffirelli ging in seinem Kunstschaffen einen Schritt weiter. Anders als Visconti adaptierte er seine opulenten Operninszenierungen, die er in Mailand, London, Berlin oder New York auf die Bühne brachte, auch für die Leinwand. Sobald sich der Vorhang einer Zeffirelli-Oper hob, brach das Publikum in Beifall über das aufwändig-detailreiche und vielschichtige Bühnenbild aus. Während er auf der Bühne die Schranken des Guckkastens nicht antastete, wenngleich er den Blick des Publikums durch eine umfassende Durchgestaltung befreite, löste er sich in seinen Filmen von jeglicher räumlichen Beschränkung. 

Opulente Inszenierung: "La traviata" (1982)
Opulente Inszenierung: "La traviata" (1982)

In La traviata (1982) durchquert die Kamera die Wohnung Violettas (Teresa Stratas) rasant zu Musik von Guiseppe Verdi und verdoppelt sie durch verglaste und verspiegelte Wände, deren Grenzen immer mehr verschwimmen. Zeffirelli verformte den Raum durch Montage, Licht und Farbe. Als Violetta, nach der schicksalhaften Begegnung mit Alfredo (Placido Domingo), „Follie! Follie“ singend und schließlich in dem Wunsch „Sempra libra!“ ausbrechend, von Zimmer zu Zimmer läuft, kippt die Beleuchtung von Blau ins Rot, von einer Möbelfülle hin zur vollkommenen Entleerung des Raums.


Begeisterung für große Stars

Mit La traviata revitalisierte Zeffirelli nicht nur das uritalienische Genre des Opernfilms, sondern löste noch mehr als Joseph Losey mit Don Giovanni (1979) den Opernfilm-Boom der 1980er-Jahren aus, die vor dem Hintergrund einer postmodernen Vermischung von U- und E-Kultur und einem ästhetischen „anything goes“ skurrile Blüten trieb. Zeffirelli hatte darin mit weiteren Adaptionen wie „Otello“ seien Anteil, war aber kein absichtlicher Camp-Regisseur, obgleich die Inszenierungen seines Privatlebens mit Luxus und Dandytum nicht weniger überbetont waren als seine Filme.

Zeffirellis Opernkonzeption wurzelt tief in der italienischen Tradition des späten 19. Jahrhunderts. Doch seine Kunst ist kein phantasmatischer Blick zurück. Zeffirelli blickt auf diese Tradition, am liebsten von außen. Nicht zufällig begann seine Regielaufbahn mit zwei Shakespeare-Adaptionen, die in Padua beziehungsweise Verona spielen. Sein Debütfilm Der Widerspenstigen Zähmung (1967) bot mit Elizabeth Taylor und Richard Burton die damals größten internationalen Stars auf. Die auch im Privaten zügellosen Schauspieler entfachen darin ein wahrhaft opernhaftes „fuoco sacro“.

Richard Burton und Elisabeth Taylor in "Der Widerständen Zähmung"
Richard Burton und Elisabeth Taylor in "Der Widerständen Zähmung"

Was in Taylor & Burton in „Der Widerspenstigen Zähmung“ brennt, glüht auch in den damals unbekannten Schauspielern Leonard Whiting und Olivia Hussey, die Zeffirelli wenig später in den Titelrollen für Romeo und Julia (1968) besetzte. Die Art, wie die Capulets und Montagues zornig durch die sonnendurchfluteten Straßen der italienischen Stadt ziehen, macht „Romeo und Julia“ zu einem Film der sozialen Protestbewegungen, mehr noch als die Ode an die Hippies Bruder Sonne, Schwester Mond (1973). Zu Shakespeare kehrte Zeffirelli zwei Jahrzehnte später nochmals zurück, mit Hamlet (1990), in dem neben Mel Gibson und Glenn Close vor allem die zerklüfteten britischen Landschaften zum Ausdruck von Hass, Vereinsamung und Wahn werden. Die englischen Szenerien transportieren auch in Jane Eyre zentrale Elemente; doch in dieser Brontë-Adaption schlägt Zeffirelli erstmals zurückhaltende Töne an und besetzte die britische Theaterschauspielerin Joan Plowright in einer Nebenrolle, die fortan in allen seinen Filmen auftrat.

Joan Plowright, Liz Taylor, Glenn Close, von Maria Callas und Joan Sutherland in seinen Operninszenierungen ganz zu schweigen: Zeffirelli verstand Kino (und Oper) als Anwesenheit von Stars und Idolen. Der Star wird bei ihm zum Fetisch. Wenn er von seinem schweren Verkehrsunfall erzählte, in dessen Folge sein verletztes Gesicht steinern verhärtete, vergaß er nie zu erwähnen, dass Gina Lollobrigida am Steuer saß. Und auch in Jesus von Nazareth (1977) spielte von Anne Bancroft bis Fernando Rey alles mit, was Rang und Namen hatte.

Robert Powell und Claudia Cardinale in "Jesus von Nazareth"
Robert Powell und Claudia Cardinale in "Jesus von Nazareth"

Schlägt man den Film über den italienischen Dirigenten Arturo Toscanini, „Il giovane Toscanini“ (1988), seinen autobiografischen Filmen zu, erkennt man auch in dem Dirigenten, der von dem Wunsch getrieben ist, die zurückgezogene Diva Nadina Bulichoff (Elizabeth Taylor) als Sopranistin zu gewinnen, Zeffirellis Begeisterung für große Stars. In Tee mit Mussolini (1999), einem Historienfilm über Zeffirellis Jugend im faschistischen Florenz, ist es eine Gruppe eigensinniger, auf Kunst versessener englischer Damen, die der Knabe zutiefst verehrt.

So spielt auch Fanny Ardant die Titelrolle in „Callas Forever“ (2002), in dem Zeffirelli über seine gemeinsame Zeit mit der Opern-Diva kurz vor ihrem frühen Tod erzählt. Der Regisseur Larry Kelly (Jeremy Irons) will dem Publikum, ähnlich wie Toscanini die Bulichoff, die Callas wieder präsentieren. Seinen Vorschlag, dank verbesserte Synchronisationstechniken einen Opernfilm zu drehen, in dem die stimmlich sehr angegriffene Callas nur als Schauspielern agiert, die ihre Lippen zu früheren Aufnahmen bewegt, lehnt die Sängerin ab. Der Starkult droht die Kunst zu verfälschen. Nach viel Streit vernichtet der Regisseur schließlich das bereits gedrehte Material.


Eigenes Kulturzentrum in Florenz

Der Kunstkritiker Giorgio Vasari warnte im 16. Jahrhundert die Künstler vor der Stadt Florenz, weil diese Künstler zunächst forme, aber ebenso verbrauche und zerschleiße. Es scheint, als ob Zeffirelli vor einem solchen Schicksal weitgehend verschont blieb. Trotz schwulenfeindlicher Äußerungen des homosexuellen Zeffirellis, trotz Reden gegen Islam und Frauen und trotz aller Vorwürfen wegen sexueller Belästigung scheint der Streit um seine Person in den letzten Jahren abgeebbt zu sein. Während sich auf den großen Opernbühnen zuweilen beobachten lässt, wie eine Zeffirelli-Inszenierung an Kraft einbüßt, wenn das Bühnenbild nachlässig behandelt wird, erstrahlen in dem 2017 ihm zu Ehren eröffneten Kulturzentrum in Florenz die Relikte seines Schaffens in typisch Zeffirellischem Glanz.

Der italienische Regisseur Franco Zeffirelli (1923-2019)
Der italienische Regisseur Franco Zeffirelli (1923-2019)

Fotos: Pictures Alliance

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