Realität und Dichtung

Sonntag, 30.06.2019

Festivalblog vom Filmfest München 2019. Die in vielen Filmen manifeste Spannung zwischen ernüchternd realem Leben und der Verheißung auf ein anderes Dasein spiegelt unterschwellig auch die verordnete Neuorientierung des Festivals wider

Diskussion

Beim 37. Filmfest München waren in den ersten Tagen viele Filme zu sehen, deren Figuren die Spannung zwischen ihrem oft ernüchternd realen Leben und der Verheißung auf ein anderes Dasein am eigenen Leib erfuhren. Was sich auf der Leinwand als Spiel mit Wirklichkeit und Wunschexistenz in effektvollen, aber auch beunruhigenden Formen ausbreitet, spiegelt unterschwellig auch die verordnete Neuorientierung des Festivals wider.


Der Übergang in die andere Welt muss nicht spektakulär ablaufen. Im Falle des schüchternen Buchhalters Casey reichen ein paar seltsame Schreie, die aus einem unscheinbaren Fabrikgebäude dringen, um ihn zu einem neuen Leben zu führen. „Der wichtigste Schritt war es, diese Tür aufzustoßen“, lässt ihn der toughe Sensei wissen, der in dem Haus eine Karateschule führt und ein beunruhigend insistierendes Interesse an dem neuen Kampfsport-Schüler entwickelt.

Mit The Art of Self-Defense eröffnete das 37. Filmfest München (27.6.-6.7.2019) mit einer surrealen Komödie, die von der irdischen Höllenfahrt eines verletzlichen Jedermann-Charakters erzählt, für den Jesse Eisenberg auf den Punkt genau besetzt ist. Seine Figur ist ewigen Demütigungen und Beleidigungen ausgesetzt; ein nächtlicher Überfall durch eine maskierte Motorradgang befördert Casey ins Krankenhaus und nach seiner Entlassung in eine noch größere Isolation. Der Eintritt in die Karateschule ist ein erster neuer Kontakt mit der Welt und eine unerwartete Perspektive. Während er zuvor noch eine Schusswaffe als Selbstverteidigung bestellt hatte, holt er diese nun nicht mehr ab, sondern setzt darauf, seinen schmächtigen Körper zur Waffe zu stählen. Ein Plan mit Fallstricken, die insbesondere mit den fragwürdigen Methoden der Schule zusammenhängen.


Höllenfahrt eines Jedermanns

Der Film des texanischen Regisseurs Riley Stearns lebt von einem durchgestylten Set-Design in Retrofarben und mit ausrangierten technischen Apparaten, die auf eine Handlungszeit in der Vergangenheit hindeuten, und dem präzise schauspielerischen Duell zwischen Eisenberg und dem ebenso brillanten

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