Wider das ideologische Korsett

Mittwoch, 03.07.2019

„Tausendschönchen“ und die Tschechoslowakische Neue Welle der 1960er-Jahre: Ein lesenswerter Reader erinnert an die filmischen wie gesellschaftlichen Aufbrüche in Prag und der FAMU

Diskussion

Im Juli 1969, vor 50 Jahren, lief Vĕra Chytilovás "Tausendschönchen" erstmals in deutschen Kinos. Der Film ist ein Schlüsselwerk jener "Tschechoslowakische Neue Welle", die damals durchs Kino der Ostblock-Nation spülte und international für Aufsehen sorgte. Ein außergewöhnlicher Reader erinnert an den filmischen wie gesellschaftlichen Aufbruch der damaligen Jahre.


Als Kind liebte ich das tschechische Fernsehen. Neben dem Kultfilm Drei Nüsse für Aschenbrödel waren das Sechs Bären und ein Clown sowie die Serien „Die Märchenbraut“, „Pan Tau“ und „Luzie, der Schrecken der Straße“. Das tschechoslowakische Kino war mir hingegen unbekannt. Als ich in den 1980er-Jahren zum ersten Mal die Filmadaption des Musicals Hair (1979) sah, wusste ich vermutlich nicht einmal, dass der Regisseur Miloš Forman aus der Tschechoslowakei stammte.

Als Filmwissenschaftler begann ich vor etwas mehr als zehn Jahren, mich intensiver mit der offenen Form im Film zu beschäftigen. Es sollte meine Habilitation werden. Wie treiben Filme ihre Form an die Grenzen des Narrativen, so dass man von einem „Kunstwerk in Bewegung“ (Umberto Eco) sprechen kann? Indem die Grenze zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm aufgelöst wird? Oder die Narration zum Experiment wird? Das filmische Kunstwerk erst in der Rezeption vollendet wird? Darum sollte es gehen. Im Zuge dessen sah ich zum ersten Mal Tausendschönchen von Vĕra Chytilová. Der Film war eine Entdeckung.

Startschuss an der FAMU in Prag

Die Habilitation kam dann in ihrer ursprünglichen Form nicht zustande, weshalb ich die Auseinandersetzung mit dem tschechoslowakischen Film der 1960er-Jahre vertagte. Bis sie vor einigen Monaten wieder begann, mit dem Erscheinen des Buchs „Tschechoslowakische Neue Welle“, herausgegeben von Andreas Rauscher, Josef Rauscher und Jonas Engelmann.

Anders als die französische Nouvelle Vague erschloss sich die „Nová Vlna“ das Filmemachen nicht über das Schreiben über den Film, sondern durch eine solide Ausbildung an der Filmhochschule. Wer Filme machen wollte, studierte an der 1946 gegründeten FAMU in Prag. Beiden Neuen Wellen war gemeinsam, dass sie sich als „Gegenbewegung zu den etablierten Konventionen“ verstanden, formalästhetisch neue Wege gingen, sich nicht in ein ideologisches Korsett drängen lassen wollten und es ihnen auf einen „unverstellten Blick auf die Wirklichkeit“ ankam, wie im einleitenden Kapitel zu lesen ist. Die filmischen Mittel aber waren heterogen – e

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