Ein großer Schritt

Mittwoch, 17.07.2019

Eine Chronologie filmischer Mondmissionen zwischen Euphorie und Ernüchterung

Diskussion

Seit Georges Méliès „Die Reise zum Mond“ (1902) haben Filmemacher den Flug zum Erdtrabanten vorweggenommen. Als vor 50 Jahren die Apollo-11-Fähre auf dem Mond aufsetzte, war das lunare Projekt keine Science Fiction mehr.


Ausgerechnet auf den Namen „Friede“ ist die Rakete getauft, die in Fritz Langs Stummfilm „Frau im Mond“ zum Erdtrabanten rast. 1929 wurde der Film uraufgeführt, an dem mit Hermann Oberth ein Pionier der Raketenforschung beteiligt war. Als die Nazis 1937 mit den Entwicklungen der V1- und V2-Raketen begannen, wurde „Frau im Mond“ aufgrund seiner Realitätsnähe verboten.

In „Krieg und Kino“ hat der Philosoph Paul Virilio die Verzahnung von Film- und Militärtechnologie beschrieben und dabei die ästhetischen Parallelen von Krieg und Kino skizziert. In „Frau im Mond“, auf den Virilio kurz zu sprechen kommt, sind militärische Zwecke ausgeklammert. Der Film kreist um technische Visionen, um Goldvorräte auf dem Mond, um Gier, Abenteuerlust, Liebe und Eifersucht.

"Frau im Mond"
Technikfantasie trifft Melodram: "Frau im Mond"

Noch heute fesselt die 161 Minuten lange Originalversion, weil die Drehbuchautorin Thea von Harbou die verwickelte Story um eine Mondexpedition mit vielen Konflikten unterfütterte. Im Mittelpunkt steht ein verhindertes Liebespaar, der Flugwerftbesitzer Wolf Helius und die Astronomie-Studentin Friede Velten (nach der das Raumschiff benannt wird). Als Helius die Rückreise vom Mond nicht antreten kann, da der Sauerstoffvorrat des Schiffs nicht für alle reicht, bleibt Friede, die eigentlich mit ihrem Verlobten, dem Ingenieur Windegger, den Rückflug antreten soll, mit dem heimlich Geliebten zurück.

    

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Ein Countdown macht Schule

Beim Raketenstart und während des Mondflugs bleibt Lang im wissenschaftlichen Rahmen; er erfindet jedoch den Countdown, den Wernher von Braun später bei den Saturn-Raketen in Cape Canaveral als spannungsfördernden Gimmick einführt. Wenn einer der Mondpioniere sich nach der Landung seiner Atemmaske entledigt, werfen Lang und Harbou aber sämtliche Wahrscheinlichkeiten über Bord. Die „Frau im Mond“ läuft ins Abenteuergenre über.

1936, als sich auch in Deutschland der Tonfilm durchgesetzt hatte, brachte der russische Regisseur Vasilij Uravlëv den Science-Fiction-Film „Kosmische Reise“ ins Kino, der einige Parallelen zu Langs Mondabenteuer aufweist. Auch Jouravlev verzichtet auf fantastische Mondbewohner, die bei Georges Méliès noch für einigen Thrill bei der „Die Reise zum Mond“ (1902) gesorgt hatten. Doch der russische Regisseur betrieb beim Realismus der Szenen auf dem Mond einen höheren Aufwand als Lang: seine Astronauten trugen Taucheranzüge. An elastischen Seilen aufgehängte Darsteller und Marionetten simulierten die Auswirkungen der schwächeren Gravitation des Mondes. „Kosmische Reise“ fällt in eine frühe Phase des sozialistischen Realismus. Weil er sich propagandistisch nicht ausschlachten ließ, wurde „Kosmische Reise“ schnell wieder abgesetzt und geriet in Vergessenheit. Erst in der Ära Gorbatschow entdeckt man den Film neu.

"Kosmische Reise"
Im Taucheranzug ins All: "Kosmische Reise"

Schon George Méliès Pionierfilm „Die Reise zum Mond“ basierte zu Teilen auf dem Roman „Menschen auf dem Mond“ von H. G. Wells (1866-1946). In den 1930er-Jahren beteiligte sich der britische Science-Fiction-Autor am Drehbuch von „Was kommen wird“ (1936), dessen Romanvorlage ebenfalls von Wells stammte. Der Film von William Cameron Menzies blickt 100 Jahre voraus in die Zukunft der Metropole Everytown. Dort gelingt im Jahr 2036 der Start einer Mondrakete mittels einer elektromagnetischen Kanone, obwohl ein Künstler einen Volksaufstand gegen die Pioniertat anzettelt. Im Bild des Artilleriegeschützes, das die Rakete abfeuert, verschmelzen Mondmission und Militärtechnik. Doch weder Wells noch Menzies rechneten – vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – damit, dass eine forcierte Technologie das Kriegsrisiko steigern könnte. Technik, Aufrüstung und Frieden sind in „Things to come“, so der Originaltitel, fast synonym gedacht.

"Was kommen wird"
Schöne, neue Zukunftswelt: "Was kommen wird"

„Spacesuit-Filme“

Die Kino-Reisen zum Mond nach 1945 stehen im Zeichen des Kalten Krieges und des Rüstungswettlaufs. In Irving Pichels „Endstation Mond“ (1950) kooperieren ein Industrieller und ein General mit Blick auf eine Mondmission, um zu verhindern, dass der Erdtrabant von den Feinden „der freien Welt“, nämlich den Vereinigten Staaten, erobert werden kann. In dem Buch „The Spacesuit Film“ des Filmhistorikers Gary Westfahl sind alle zwischen 1918 und 1969 (also bis zur wirklichen Mondlandung) produzierte Filme aufgelistet. Westfahl stuft Raumreisen, in denen terrestrische Schurken oder gar Aliens auftreten, dabei als „Pseudo-Spacesuit-Filme“ ein. Eine „authentische Erfahrung von Raumreisen“ gebe es erst seit „Endstation Mond“, weil das Projekt der Mondlandung darin ohne fantastische Zutaten als humanes und technisches Abenteuer gestaltet ist.

Obwohl die NASA bei ihrer für das Jahr 2024 geplanten neuerlichen Mondmission eine Astronautin als Crewmitglied angekündigt hat, blieb die „Frau im Mond“ bislang ein uneingelöstes Versprechen, was auch für das Kino gilt: Frauen blieb beim „Take off“ nur das Winken. Kann es sein, dass die Frauenfigur auch bei Lang/Harbou lediglich für die Melodramatik benötigt wurde? Der Trailer, mit dem „Endstation Mond“ 1950 beworben wurde, bietet unfreiwillige Satire, wenn er über dem Bild einer Astronautengattin den Text „Never before has any woman...“ einblendet und damit Hoffnungen auf eine Weltraumpionierin weckt, um dann mit der Ergänzung „...sent her man on such an exploit!“ zu enttäuschen.

"Endstation Mond"
Mondfahrt als technisches (Männer-)Abenteuer: "Endstation Mond"

Mit Westfahls Terminologie kann man auch Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ in seinen realistischen Sequenzen als „Spacesuit-Film“ betrachten. Minutiös erfindet Kubrick Routine und Alltag in einem Space-Hotel, das um den Erdtrabanten kreist. Dann schickt er den Protagonisten Dr. Floyd zur Lunarstation Clavius und zu einem Mondkrater, in dem der rätselhafte Monolith entdeckt wurde. Kubrick verleiht diesen Szenen einen beinahe dokumentarischen Look. Bemerkenswert ist der Einsatz der Handkamera ausgerechnet in dem Moment, in dem ein antirealistisches Pfeifgeräusch den bis hierhin etablierten Authentizitätscharakter durchkreuzt. Das Fantastische bricht hier als Störsignal herein.


Ein kleiner Schritt zurück

Am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr betritt der erste Mensch den Mond. Mit Neil Armstrongs legendärem „kleinen Schritt“ ist die Mondfahrt keine Science-Fiction mehr. Die fantastischen Visionen werden von realen Bildern verdrängt. Als sich Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins auf dem Hinflug 20000 Kilometer von der Erde entfernt hatten, fotografierte einer von ihnen die fragile blaue Kugel. Bereits die Apollo-8-Mannschaft hatte das Motiv im Sucher gehabt: „Earthrise“ – die Erde geht über dem Mond auf, den die Mission sieben Monate vor Apollo 11 nur umkreiste.

Solche Bilder befeuerten die Ökobewegung, als deren Beginn heute das 1962 erschienene Sachbuch „Der stumme Frühling“ der Biologin Rachel Carson gilt. Obwohl noch bis 1972 Astronauten im Rahmen des Apollo-Programms auf dem Mond landeten, war Umkehr angesagt – auch für das Zukunftskino. Nachdem die Fernsehbilder vom trostlos-staubigen Trabanten den Mond entzauberten, hätte das Kino eigentlich weiterziehen können, zum Mars oder Richtung Alpha Centauri. Weit gefehlt. Apoll machte schlapp.

In den 1970ern weicht die "Space Age"-Euphorie der gesellschaftskritischen Dystopie: "Jahr 2022...Die überleben wollen"
Wo die "Space Age"-Euphorie der gesellschaftskritischen Dystopie weicht: "Jahr 2022...Die überleben wollen"

Stattdessen avancierte Charlton Heston zum Science-Fiction-Ritter der eher traurigen Gestalt. Als „Der Omega Mann“ (1971) oder im „Jahr 2022 ... die überleben wollen“ (1973) ficht er einen aussichtslosen Kampf auf verbrannter Erde. Bezeichnenderweise hatte sich auch schon der „Planet der Affen“ (1967) als schnell gealterter Heimatplanet entpuppt. Am Ende des vor der Mondlandung von Apollo 11 gedrehten Films erkennt die von Heston gespielte Figur, dass er nicht durch den Raum, sondern durch die Zeit gereist ist. Die Menschheit hat darin einen gewaltigen Rückschlag erlebt und wurde von den Affen intellektuell überholt.


Reisen ins Nirgendwo

In den 1970er-Jahren bleibt man auf der Erde. Oder man hebt ab, ohne auf dem Mond oder einem anderen Planeten inner- oder außerhalb des Sonnensystems anzukommen. Wer ausnahmsweise doch irgendwo landet, erlebt einen Pyrrhussieg. 1972 verfilmte Andrej Tarkowskij Stanislaw Lems Roman „Solaris“ über einen Planeten, der die Erinnerungen der ihn umkreisenden Kosmonauten materialisiert. Sich selbst kann der Mensch nicht entrinnen. In Douglas Trumbulls „Lautlos im Weltraum“ (1972) und John Carpenters „Dark Star“ (1974) gibt es nur Raumschiffe, kein konkretes Ziel. Das Transportmittel wird zur Metapher eines schwer manövrierbaren „Raumschiffs Erde“. Spätere filmische Repräsentationen dieser Idee einer kollektiven Reise ins Ungewisse, die man bestenfalls überlebt, sind Danny Boyles „Sunshine“ (2007) oder jüngst „High Life“ von Claire Denis. Boyles Besatzung verglüht in der Sonne, Denis’ Raumfahrer trudeln in ein Schwarzes Loch.

Grenzerfahrungen: "High Life"
Grenzerfahrungen: "High Life"

Verständlicherweise will die von Sandra Bullock gespielte Astronautin Ryan in „Gravity“ (2013) einfach nur auf die Erde zurück. Von der schwierigen Rückkehr aus der Erdumlaufbahn, und nur davon, erzählt Alfonso Cuarón in seiner auf paradoxe Art kammerspielhaften Weltraumoper. Die Frau im All erlebt Einsamkeit und Angst. Heldengeschichten sind am Horizont verschwunden. Von Isolation bedroht ist auch die junge Mixtekin Cleo in Cuaróns Film „Roma“ (2018), in der Cuarón seine Kindheit in Mexico-City aufarbeitet. In einer Szene im Jahr 1970 ist in einem Filmtheater ein Ausschnitt aus „Verschollen im Weltraum“ (1970) von John Sturges zu sehen. Dieser Film war ein frühes Beispiel für nüchtern-semidokumentarische Science-Fiction, die die Risiken der Raumfahrt beleuchtete. Die Handlung um drei Astronauten, die aufgrund der Belastung im Weltraum aus dem Orbit auf die Erde zurückgeholt werden müssen, was sich als extrem schwierig herausstellt, scheint Cuarón schon als Kind beeindruckt zu haben. In „Gravity“ finden sich viele Parallelen. Bei „Roma“ markiert das Filmzitat den Umschwung der Familiengeschichte, in der Hoffnungen scheitern.


Die Fiktion pausiert

Filmhistorisch ist das Drama auch deshalb interessant, weil es die Beinahe-Katastrophe der Apollo-13-Mission vorwegnahm: Statt wie vorgesehen auf dem Mond zu landen, sahen sich die Astronauten Haise, Lovell und Swigert mit der Explosion eines Tanks konfrontiert – „Okay, Houston, we've had a problem here“. Verfilmt wurde das Drama erst spät, 1995 mit Tom Hanks als Kommandant Lovell („Apollo 13“). Bis in die 1980er-Jahre konzentrierte sich Hollywood vorzugsweise auf die US-amerikanischen Siege im Wettlauf der Systeme. 1983 feierte Philip Kaufman die Pioniere der US-Luft- und Raumfahrt (bis zum Ende des Mercury-Programms) mit „Der Stoff, aus dem die Helden sind“.

Im derzeitigen Retro-Rummel um die Apollo-11-Landung werden keine neuen Geschichten erfunden. Das wahre Apollo-Abenteuer verfügt noch über genügend Strahlkraft. „Apollo 11“ und „Armstrong“ sind ganz aus historischem Material kompiliert. Bereits 2018 erschien der Historienfilm „Aufbruch zum Mond“ (2018) von Damien Chazelles, in dem Ryan Gosling den „First Man“ Neil Armstrong verkörpert, wie er sich eisern diszipliniert und opferbereit am Menschheitsprojekt abrackert.

Arbeit am Mythos: "Aufbruch zum Mond"
Arbeit am Mythos: "Aufbruch zum Mond"

Kennt man den Mond jetzt wirklich? Der Trabant, der sich synchron zu seiner Bahn um die Erde um sich selbst dreht, zeigt uns immer nur die eine Seite. Es gibt noch die andere, die dunkle Hälfte. In der Romantik drohte der Mensch beim Anblick des Mondes den Verstand zu verlieren. „Lunatic“, lautet der englische Begriff für einen „Wahnsinnigen“. Falls auf dem Mond wider Erwarten doch etwas lebt, müsste es monströs sein. Georges Méliès „Die Reise zum Mond“ führte 1902 zur Begegnung mit den kriegerischen Seleniten. 1990, in dem billig produzierten Horrorfilm „The Dark Side of the Moon“, mutieren tote Astronauten auf der erdabgewandten Mondseite zu Zombies, die ihre lebenden Kollegen bedrohen. Und in der Science-Fiction-Groteske „Iron Sky“ (2012) von Timo Vuorensola stoßen US-Astronauten, die 50 Jahre nach Apollo 11 erstmals wieder den Mond betreten, auf eine geheime Mondstation der Nazis, die aus ihrem Versteck heraus eine Invasion der Erde planen. In Washington regiert dann eine US-Präsidentin, die zum Gegenangriff bläst.

Krieg und Kino kommen wieder zusammen. Stellen wir uns verrückt und betrachten „Iron Sky“ als späte Fortsetzung von „Frau im Mond“: Wolf Helius und Friede Velten als erste Mondmigranten, sie ruhen in Frieden, während ihre Nazi-Nachfahren schon wieder einen Krieg anzetteln. Fritz Lang, der Hitlerdeutschland 1933 verließ, hätte das gewiss nicht gewollt.



Fotos: oben: ais "Apollo 11", © Schülke Cinema. Andere Fotos: © Murnau Stiftung ("Frau im Mond"), Edition Filmmuseum ("Kosmische Reise"), HMH Hamburger Medien Haus ("Was kommen wird"), SchröderMedia ("Endstation Mond"), Warner Home ("Jahr 2022...Die überleben wollen"), Pandora ("High Life"), Universal ("Aufbruch zum Mond")

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