Filmklassiker: „Dazed and Confused“

Freitag, 23.08.2019

Richard Linklaters Kultfilm aus dem Jahr 1993 ist als Mediabook neu erschienen

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Ein letzter Schultag am 28. Mai 1976 und die Initiation der „Freshmen“ ins wilde Leben: Richard Linklaters 1993 entstandener Film fiel in die Blütezeit der High-School-Komödien, gab dem Genre aber dank Linklaters Verpflichtung gegenüber der eigenen Erinnerung eine ganz eigene, authentische Prägung. Jetzt ist der Film neu auf BD als Mediabook erschienen.


Der Nostalgie ist schwer zu entkommen. Wie ein Parfüm, das sich nicht abschütteln lässt, klebt sie an den Erinnerungen, und wenn man nicht aufpasst, hat sie uns all der unangenehmen Momente beraubt, die uns genauso geprägt haben wie die guten. High-School-Filme, selbst wenn sie tragische Geschichten erzählen, kommen selten ohne diesen billigen Duft aus. Er ist auch ein probates Mittel, um eine Brücke zu bauen zwischen der jugendlichen Zielgruppe und ihren Eltern, bei denen die Verklärung bereits begonnen hat. Nur: Wer möchte einen Teenagerfilm überhaupt mit seinen Eltern anschauen?

Richard Linklaters „Dazed and Confused“ gehört zur anderen Sorte der High-School-Filme. Jenen, die darauf bedacht sind, nicht nur den Glanz dieser ein Leben prägenden Primärerfahrungen des Erwachsenwerdens hervorzuputzen, sondern auch ihre Schattenseiten: Die Schmach, nicht dazuzugehören. Den unverdienten Ruhm der Älteren, der Cooleren. Das einseitige Verliebtsein. Und nicht zuletzt die endlosen Durststrecken zwischen diesen Erfahrungen. Die Langeweile, die sich wie Kaugummi ausdehnt, weil wir uns in der Pubertät so viel schneller entwickeln als alles, was uns umgibt.

Aus der goldenen Ära des Teenagerfilms

In den späten 1970er-Jahren begann mit den anarchischen High-School-Filmen „Wut im Bauch“ („Over the Edge“) und Rock’n’Roll Highschool die goldene Ära des amerikanischen Teenagerfilms, die bis in die mittleren 1990er-Jahre andauerte. So wie es nie wieder Gangsterfilme geben wird wie in den 1930er-Jahren, Detektivfilme wie in den 1940ern oder Musicals wie in den 1950er-Jahren, bleibt dieser Kanon ein Schatz für die Ewigkeit. Um nur einige Titel zu nennen: „Die Outsider“, „Stand by Me – Geheimnis eines Sommers“, „The Breakfast Club“, „Ferris macht blau“, „Heathers“, „Pretty in Pink“.


Als „Dazed and Confuzed“ 1993 erschien, waren all diese Meisterwerke bereits entstanden, nicht zu vergessen als Vorbote der erste moderne Jugendfilm über das Aufwachsen in der Provinz, Peter Bogdanovichs „Die letzte Vorstellung“, an den Linklaters Film manchmal erinnert. Ungewöhnlich zunächst der Verzicht auf dramatische Höhepunkte, Schicksalsschläge oder den „point of no return“ in der Entwicklung. Das größte Drama besteht darin, dass der angekündigte Höhepunkt, eine Party in einer sturmfreien Bude, abgesagt wird, weil die Eltern von Kevin (Shawn Andrews) Wind davon bekommen. Doch das ist schnell verwunden – so erlebt der „Freshman“ Mitch Kramer (Wiley Wiggins) seine Initiation ins „richtige“ Abhängerleben eben in der örtlichen Billardhalle.

Randall Floyd (Jason London), genannt Pink, einer der „Seniors“, die zu Beginn des Films den Neuankömmlingen ein böses Begrüßungsritual bereiten, hat ihn unter seine Fittiche genommen. Da lernt er auch Julie Simms kennen, die zwar ein Jahr über ihm ist, aber trotzdem sein Interesse an ihr erwidert. An diesem Abend wird Mitch viele neue Freunde kennenlernen, Bier trinken, zum ersten Mal Marihuana rauchen und sich am Mailbox-Baseball beteiligen: Aus dem Auto mit Baseballschlägern die Briefkästen vor den Häusern herunterschlagen. Was für ein Streich.

Immun gegen jeden Einbruch filmischer Konvention

Es ist nicht viel, was sich für ihn an diesem Abend ereignet, aber es ist genug, am Ende des Films, nach einer ernsten Ermahnung seiner Mutter, zufrieden ins Bett zu fallen, den Song „Slow Ride“ von Foghat auf den Ohren. Pink hat einen größeren Kampf gewonnen; der Star des Football-Teams der Schule hat sich erfolgreich gegen den Druck seines Coachs gewehrt, einen Vertrag zu unterschreiben, bis zur Meisterschaft nicht mehr zu trinken oder zu kiffen.


Obwohl der Film an einem einzigen, genau bestimmten Tag spielt, dem 28. Mai 1976, und historisch akkurat ausgestattet ist, vermeidet Linklater jede „ikonische“ Überinszenierung – wie oft sehen die 1970er-Jahre im Kino schriller und bunter aus, als sie im Alltag tatsächlich waren. Der Soundtrack vermittelt die Zeitgeschichte subtil, etwa wenn Bob Dylans „Hurricane“ an die damalige Kontroverse um die Verurteilung des später freigesprochenen Boxers Rubin Carter wegen Mordes erinnert. Statt der großen Pophits der Zeit hört man Rocksongs, wie sie bei den Jugendlichen im texanischen Austin, einer liberalen Oase, beliebter gewesen sein dürften, von Alice Cooper, Deep Purple, Kiss oder ZZ Top. Der eindrucksvollste musikalische Moment gehört freilich der damals gerade 16-jährigen Milla Jovovich, die ihren eigenen „Alien Song“ auf der Gitarre spielt. Zu den weiteren Stars, die am Anfang ihrer Karrieren zu entdecken sind, zählen Matthew McConaughey und Ben Affleck.

Wenn dieser Film heute so frisch aussieht, als wäre er gerade erst gedreht, liegt das wohl an Linklaters Immunität gegenüber den Moden und Vorlieben der eigenen Zeit. Ähnlich Bogdanovichs „Die letzte Vorstellung“ trotzt die autobiographische Perspektive, die Verpflichtung gegenüber der eigenen Erinnerung, jedem Einbruch filmischer Konvention. Das macht diesen Film auch im Kanon der großen Teenagerfilme der 1980er- und 1990er-Jahre, die oft von einer Studioästhetik geprägt waren, zu einem Markstein der Unabhängigkeit.


„Dazed and Confused“ ist bei Koch Media als BD in einer Mediabook-Edition erschienen, die diverse Bonusmaterialien wie geschnittene Szenen, ein Making Of, und einen Blick „Hinter den Kulissen“ sowie Bildergalerien umfasst.


Fotos: Koch Media

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