„Mich fasziniert die Traurigkeit“

Montag, 26.08.2019

Ein Interview mit dem Schauspieler Louis Hofmann über seinen neuen Film „Prélude“ und seine außergewöhnliche Karriere

Diskussion

An Louis Hofmann kommt im deutschen Film niemand vorbei. Seit Jahren legt der gebürtige Kölner eine phänomenale Karriere hin. Schon mit 11 Jahren stand er vor der Kamera; der Durchbruch gelang ihm 2015 mit „Freistatt“ über die brutale „Fürsorge-Erziehung“ in den 1960er-Jahren. In Prélude (ab Donnerstag im Kino, zur FILMDIENST-Kritik) spielt er einen Musikstudenten, der an sich verzweifelt und auf den Abgrund zusteuert.


Welche Schnittmengen gibt es zwischen Ihnen und dem Protagonisten David?

Louis Hofmann: Ich mag seine Sensibilität und seinen großen Ehrgeiz, den ich persönlich sehr gut nachvollziehen kann. Diesen Willen, gut sein zu wollen, mehr zu wollen. Auch, dass er sich mit allem reinschmeißt und alles gibt, vor nichts zurückschreckt. Es ist dann natürlich sehr tragisch, dass alles, was er gibt, zunichtegemacht wird und letztendlich Druck, Angst und Frust überwiegen. Aber dieser Untergang hat auch etwas Romantisches. Mich fasziniert das dunkle Ende. Schon bei „Freistatt“ und bei anderen Figuren, die ich gespielt habe, bin ich von dieser tiefen Traurigkeit und der Verletzlichkeit sehr angetan gewesen.

Und was reizte Sie an der Geschichte?

Hofmann: Ich glaube an diesen Film und bin stolz auf die Regisseurin Sabrina Sarabi. Sie schafft den Spagat zwischen einem Jugendthema für junge Erwachsene und dem Umgang mit Druck, was wohl auch ältere Zuschauer anspricht. Der Film lässt sich Zeit für die Charaktere, hetzt nicht von Situation zu Situation. Es sind Momentaufnahmen. Ein langsames Kino mit Drive. Das gibt es nicht oft, und das genieße ich.

Wie gehen Sie persönlich mit Druck um?

Hofmann: Zuerst habe ich den nicht so richtig gespürt. Ich habe ja mit elf Jahren angefangen und das Ganze mehr als Hobby betrachtet. Erst mit Freistatt festigte sich der Gedanke, die Schauspielerei zum Beruf zu machen. Dann kamen die ersten Erfolge, und langsam entwickelte sich auch ein Erwartungsdruck. Richtig deutlich habe ich das erst 2017 gemerkt. Ein absolut aufregendes Jahr: Shooting Star bei der „Berlinale“, Dreharbeiten zu „Red Sparrow“ und „Nurejew - The White Crow“. Das hat sich alles überschlagen. Mir war klar, dass das Jahr 2018 nicht so werden kann, dass es immer mal hoch und runter geht und man nicht nur auf dieser unfassbaren Welle schwimmen kann. Aber dann war ich trotzdem überrascht und überrumpelt.

Wieso?

Hofmann: Weil ich einen neuen Druck gespürt habe, und zwar den Erwartungsdruck von außen. Dazu kommt, dass ich mir selbst Druck mache. Wie David bin ich schnell unzufrieden mit mir. Diese Mischung macht es einem schon schwer. Ich arbeite daran, nicht mehr alles so an mich rankommen zu lassen und mich nicht unnötig unter Druck zu setzen. Wie man in „Prélude“ sieht, ist Druck nicht unbedingt immer förderlich.

Der Durchbruch im deutschen Kino gelang Louis Hofmann 2015 mit "Freistatt".
Der Durchbruch im deutschen Kino gelang Louis Hofmann 2015 mit "Freistatt".

Können Sie privat schnell abschalten bei so einer Filmfigur?

Hofmann: Nicht so richtig. Sie verfolgt einen abends und über den Dreh hinaus. Ich habe zu dieser Figur eine große Liebe entwickelt. David stand mir so nahe, dass ich danach lange gebraucht habe, alles zu verarbeiten. Auf der einen Seite finde ich das schlimm, auf der anderen genieße ich es fast, weil es mir eine Bestätigung gibt, dass meine Arbeit funktioniert, dass ich in der Figur bin. Das ist ein komisches, ambivalentes Gefühl, weil es mich beunruhigt und gleichzeitig beruhigt. Das empfinde ich teilweise schon als belastend.

Schauen Sie zur Entspannung Serien oder Filme oder tun Sie rein gar nichts?

Hofmann: Ich schaue Serien und Filme. In der letzten Zeit habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, meine Hobbys zu reaktivieren. Ich habe früher intensiv Schlagzeug gespielt, war skaten und snowboarden, kickte im Fußballverein. Durch den Wegzug aus Köln wurde dieser Rahmen aufgebrochen. Plötzlich war ich in Berlin, in einer neuen Stadt. Eigentlich sollte man sofort neue Verbindungen und ein Netzwerk aufbauen, doch ich bin direkt von der Schule ins Arbeitsleben eingestiegen und habe andere Dinge schleifen lassen. Erst in diesem Jahr habe ich wieder angefangen, mich um meine Hobbys zu kümmern. Es war wichtig, etwas ohne Output zu machen, nur für mich und nicht für jemand anderes.

Ich habe ein schönes Zitat von Ihnen gelesen: „Sinnlose Sachen zu tun, ist gar nicht so einfach.“

Hofmann: Das meine ich mit Output. Einfach mal nur Spaß haben wie etwa „sinnlos“ Schlagzeug spielen. Das ist nicht messbar, niemand bewertet das. Ich muss mich davon wieder lösen, mich selbst ständig zu bewerten. Es ist wunderbar, kein Resultat abliefern zu müssen. Seit meinem 11. Lebensjahr war ich gezwungen, Resultate abzuliefern.

Sie sind jetzt 22. Haben Sie manchmal das Gefühl, ein Stück Jugend verpasst zu haben?

Hofmann: Ich habe immer gesagt, dass ich nichts vermisse, nichts verpasst habe. Im Nachhinein stimmt das vielleicht nicht immer, aber ich bereue es nicht, so früh angefangen zu haben. Ich habe definitiv einen Teil meiner Jugend nicht wie andere genossen, weil ich sehr früh diszipliniert sein musste und das auch wollte; ich habe mich teilweise mehr mit Erwachsenen als mit Gleichaltrigen abgegeben. Dadurch bin ich notgedrungen schneller erwachsen geworden. Das macht es schwer, die jugendliche Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu bewahren.

Im "Oscar"-nominierten dänischen Nachkriegsdrama spielte Louis Hofmann einen jungen deutschen Soldaten, der Strände von Minen befreien muss.
Im "Oscar"-nominierten dänischen Nachkriegsdrama "Unter dem Sand" spielt Louis Hofmann einen jungen deutschen Soldaten, der Strände von Minen befreien muss.

In jungen Jahren muss man Fehler machen, wann denn sonst?

Hofmann: Ich durfte auch Fehler machen, aber ich habe mir immer weniger Fehler erlaubt. Letztes Jahr habe ich mir dann gesagt, dass ich mir auch mal verzeihen und milde mit mir selbst sein muss. Es führt zu nichts, wenn man sich permanent unter Druck setzt. Das war ein kleiner Aufwacher, ein Befreiungsschlag.

Hatten Sie ein strenges Elternhaus?

Hofmann: Nein, ich bin in einem Superelternhaus aufgewachsen. Mit Eltern, die mich in allem unterstützt haben, aber immer auch ein kritisches Auge hatten. Das fand ich gut. Ich bin gut erzogen worden, aber nicht streng.

Seit Herbst 2016 sind Sie einer der Hauptdarsteller in der deutschen Netflix-Serie „Dark“. Ende Juni startete die zweite Staffel, die dritte wird gerade gedreht. Was lockt Sie daran? Das Ausprobieren eines neuen Terrains, ein möglicher Karriereschub?

Hofmann: Ich fand das Buch zur ersten Staffel phänomenal. So etwas hatte ich noch nie gelesen. Das ist nicht nur eine besondere Geschichte; auch die Erzählweise ist sehr speziell, hier traut man sich etwas Neues. Es war einfach aufregend, Teil dieses Projekts zu sein.

Erneut spielen Sie eine brüchige Figur, einen traumatisierten Jugendlichen in postapokalyptischen Zeiten…

Hofmann: Die Figur versucht alles richtig zu machen, aber es passieren nur schlimme Dinge. Mich fasziniert die Traurigkeit im Menschen, die Fragilität, durch die der Zuschauer tiefer in die Handlung eintaucht. Ich möchte allerdings auch mal jemanden spielen, der nicht sensibel ist.

Ehrgeiziges Projekt: Die erste deutsche Serie für die Streaming-Plattform Netflix.
Ehrgeiziges Projekt: "Dark", die erste deutsche Serie für die Streaming-Plattform Netflix.

Wahrscheinlich brodelt etwas unter Ihrer sanften Oberfläche.

Hofmann: Man macht immer Türen bei sich auf, um an die Gefühle heranzukommen und an die unterschiedlichen Charakterzüge, die in der Figur verstärkt werden. Da ist alles möglich, man muss es nur wecken.

Wie kam es, dass Sie schon früh vor der Kamera standen?

Hofmann: Wie jeder Junge träumte ich davon, Profi-Fußballer zu werden. Mit neun Jahren sammelte ich aber als Kindermoderator in der WDR-Sendung „Servicezeit“ erste Erfahrungen, mit elf stand ich dann in dem Fernsehfilm Der verlorene Vater vor der Kamera, und dann ging es irgendwie immer weiter. Nichtsdestotrotz habe ich die Schule abgeschlossen und das Abitur in der Tasche.

Alles ohne Schauspielschule. Fehlt Ihnen die manchmal?

Hofmann: Die halte ich nicht für zwingend. Dagegen sollte man versuchen, sich immer weiter zu entwickeln, als Schauspieler immer hungrig zu bleiben. Deswegen nehme ich jetzt Sprachtraining an einer Schauspielschule. Ich möchte keinesfalls stagnieren, sondern den Blick auf die Arbeit erweitern, auch mit Coaching. Vielleicht kriege ich mal Lust, Theater zu machen.

Was erwarten Sie von der Zukunft? Sind Sie offen für Überraschungen? Oder mehr der Plan-Typ?

Hofmann: Das Planen habe ich mir abgewöhnt. Ich will ja weg von Druck und Stress. Klar gibt es Träume. Aber die haben Zeit.

Sorgt Ihre Rolle in „Dark“ für neue Angebote?

Hofmann: Eigentlich wenig, ich bin ja für lange Zeit gesperrt. Vielleicht generiert die Serie mehr internationale Aufmerksamkeit, aber ich werde nicht von Angeboten erschlagen. „Unter dem Sand“ von Martin Zandvliet war schon ein großer Schritt für mich. Der Film lief international sehr gut, in Deutschland leider nicht.

Fuchst es Sie, wenn ein Film, an dem Herzblut hängt, nicht so gut läuft?

Hofmann: Das fuchst mich total und tut mir total weh, vor allem wenn Verleiher nicht verstehen, wie viel Arbeit und Herzblut darin stecken und wenn sie keine Ahnung von der Erfahrung haben, die wir alle miteinander kollektiv teilen. Manchmal aber funktioniert ein Film einfach auch nicht, selbst wenn der Verleiher tut, was er kann. Es ist schade, wenn kleine, gute Filme nicht ihr Publikum finden.

Als Spezialist für sensible Jugendliche überzeugte Louis Hofmann auch in "Die Mitte der Welt".
Als Spezialist für sensible Jugendliche überzeugte Louis Hofmann auch in "Die Mitte der Welt".

Wie geht es Ihnen, wenn Sie bei internationalen Produktionen wie etwa in „Nurejew - The White Crow“ oder in „Red Sparrow“ mitspielen? Sind Sie relaxt oder haben Sie im Vorfeld ein mulmiges Gefühl?

Hofmann: Klar habe ich das. Man hofft, dass man gut aufgefangen wird. Bei „Red Sparrow“ habe ich Jennifer Lawrence kennengelernt. Sie hat mir nicht das Gefühl gegeben, dass ich weniger wert bin. Das nenne ich ein gutes Auffangen, dann lässt der Stress nach. Ansonsten ist das Team größer, das Budget höher, und am Set wird Englisch gesprochen. Aber in puncto Professionalität, Ambition oder Präzision sehe ich keinen Unterschied zu „Prélude“.

Was zieht Sie mehr an – die Arbeit an deutschen oder an internationalen Produktionen?

Hofmann: Beides. Im Ausland werden vielleicht andere Geschichten erzählt und ich spiele gerne auf Englisch. Aber es wäre dumm, sich jetzt nur auf internationale Projekte zu fokussieren. Es gibt so viele gute deutsche Filmemacher und so viele gute deutsche Geschichten. Ich wähle die aus, die mich am meisten interessieren.

Es ist auch besser, hier die Nummer Eins zu sein, statt in Hollywood die Nummer 25 und zu scheitern…

Hofmann: Das ist nicht mein Plan. Obgleich es auch spannend wäre, mal die Nummer 25 sein. Obwohl es auch schwierig ist, bei internationalen Großproduktionen nur für einen oder mehrere Drehtage in ein gefestigtes Team hineinzuplatzen. Das ist fast noch schwieriger als eine lange Probezeit und von Anfang bis Ende bei einem Film dabei zu sein. „Dark“ war eine tolle Erfahrung, aber ich freue mich schon auf das nächste Filmprojekt mit einer Geschichte, die in vier oder sechs Wochen abgeschlossen ist.

Das nächste große deutsche Spielfilmprojekt läuft am 3.10. an: "Deutschstunde" mit Levi Eisenblätter, Tobias Moretti und Johanna Wokalek.
Das nächste deutsche Spielfilmprojekt (Start: 3.10.): "Deutschstunde" nach Siegfried Lenz.

Wo liegt der Unterschied zwischen einer Serie und einem Film?

Hofmann: Bei einer Serien-Staffel geht es um eine große Geschichte, der ein Jahr später eine zweite große Geschichte für die zweite Staffel folgt. Das Spannende daran ist, dass man eine Figur über einen längeren Zeitraum entwickeln kann. Man muss sich in eine Routine einfinden und gleichzeitig eine Frische bewahren.

Rechnen Sie mit der Fortdauer des Serien-Hypes?

Hofmann: Der Trend hält sicherlich länger als fünf Jahre, aber der Boom wird nachlassen. Dieses Format, das gerade alle für sich entdecken, wird sich irgendwann wieder einpegeln.

Sehen Sie Netflix als Konkurrenz fürs Kino?

Hofmann: Netflix wird uns nicht den Film wegnehmen, da es mit der Online-Auswertung andere Prioritäten setzt. Die Crux ist die Bequemlichkeit; von der profitiert Netflix. Bleiben wir zu Hause, weil wir Netflix haben? Oder gucken wir Netflix, weil wir zu Hause bleiben? Schade ist es, wenn darunter der Kinobesuch leidet. Gleichzeitig erhalten Filmemacher die Möglichkeit, Filme schneller zu finanzieren und zu produzieren. Und nicht zu vergessen: 190 Millionen Abonnenten weltweit. So viele Menschen erreicht man im Kino nicht. Schön wäre es, wenn Netflix neben der Plattformnutzung auch eine Kinoauswertung in Betracht ziehen würde. Zu zweit oder allein auf der Couch zu sitzen ist nicht vergleichbar mit dem Erlebnis, einen Film auf großer Leinwand mit entsprechendem Sound im Kino zu sehen.


Fotos: X-Verleih, Salzgeber, Koch, Netflix, Universum, Wild Bunch/Central

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