Nur scheinbar das Gleiche

Freitag, 06.09.2019

Ein Porträt des israelischen Filmemachers Nadav Lapid zum Start von „Synonymes“

Diskussion

Der 1975 geborene Israeli Nadav Lapid hat sich mit wenigen Werken international als aufregender Filmemacher etabliert; für seinen dritten Spielfilm „Synonymes“ (seit 5.9. im Kino, zur Kritik) gewann er 2019 den „Goldenen Bären“. Lapids Filme prägen vielfach gebrochene Blicke auf seine Heimat sowie Männlichkeits- und Gesellschaftsbilder, die selbst in der Abneigung noch etwas Zärtliches haben. Eine Annäherung an den Regisseur.


Es ist komplizierter, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Wird man mit einem nackten Körper konfrontiert, lösen sich mögliche Vorurteile und festgezurrte Meinungen in Luft auf. Die Körper können bedrohlich und zerbrechlich zugleich wirken, Klassenunterschiede werden aufgehoben, religiöse Unterschiede erst recht. In einem nackten Körper steckt Begehren, Verletzlichkeit, Offenheit und Selbstbezogenheit. Man will ihn betrachten, aber traut sich nicht. Nadav Lapid zeigt nackte Menschen. Sie tanzen, um zu beeindrucken, wie in seinem Debütfilm Policeman. Sie waschen sich, um vergeblich nach Erhabenheit zu greifen wie in seinem Film Ich habe ein Gedichtoder sie stolpern befreit von jeglicher Identität in ein neues Leben wie in Synonymes.

Nackte Körper hängen im Kino oft an niederen Motivationen. Sie sind Ausdruck einer kapitalistischen und sexistischen Maschinerie, ihr Auftreten ist unecht und pornografisch. Bei Lapid ist das anders, ehrlicher. Die Bilder nackter Körper lassen ihn näher an eine Moral herankommen. Es ist weniger eine Moral des Blicks als eine Moral der Blicke. Eigentlich sind es Moralen, denn keine Moral existiert bei Lapid für sich allein. Eine Moral, das ist eine ethische Gesinnung, eine sittliche Ordnung, eine Sitte, Sittlichkeit, Wertmaßstäbe, Wertvorstellungen.

Auch die Sprache ist wichtig. Er macht Filme über Sprache und über Nacktheit. Vielleicht weil das eine das andere bedecken kann. Oder aber weil er in beiden die gleiche Ambivalenz entdeckt. In Synonymes erlernt der Protagonist, wie einst auch der Regisseur, die französische Sprache anhand von Synonymen. Worte, die allerdings nur scheinbar das Gleiche bedeuten. Denn jede Wortwahl beeinflusst die Beziehung zu dem, was das Wort bezeichnet.

Nadav Lapid beim Dreh zu "Synonymes"
Nadav Lapid beim Dreh zu "Synonymes"

Vielschichtige Anti-Haltung und zärtlicher Blick

Ursprünglich kommt der Sohn einer Cutterin und eines Schriftstellers von der Literatur. Er hat als Literaturkritiker gearbeitet und Romane veröffentlicht. Einen davon hat er mit Policeman selbst verfilmt. Sein Debüt fand großen Anklang, vor allem in seiner Wahlheimat Frankreich. Denn in Israel, so wird er nicht müde zu betonen, habe er es nicht ausgehalten. Er wollte als freier Mensch leben.

Policeman provozierte in Israel Proteste und sorgt überall dort, wo er gezeigt wird, für eine ungemütliche Atmosphäre. Auch Synonymes wird eine anti-israelische Haltung vorgeworfen. Doch zum einen hat Lapid wie viele andere Künstler ein ähnlich kritisch-gespaltenes Verhältnis zu seiner Heimat, und zum anderen ist es auch mit dieser Anti-Haltung nicht so einfach. Seine Filme betrachten die Welt grundsätzlich zärtlich. Die Kamera filmt oft aus niedriger Position, Figuren und Konflikte werden idealisiert, es gibt ein immenses Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und für die Ausgeschlossenen der Gesellschaft.

Jede Abneigung, jeder Hass ist zudem Ausdruck einer möglichen Poesie. In Synonymes gibt es folglich auch ein bemerkenswertes Hass-Gedicht über Israel. Dort existiert eine aufwühlende Bindung, während Frankreich eine bloße Sprache bleibt, eine Idee von Kultur, Leben und Kino. Selbst in der Abneigung findet Lapid noch etwas Zärtliches.

Ein Israeli in Paris: Tom Mercier in "Synonymes"
Ein Israeli in Paris: Tom Mercier in "Synonymes"

In Policeman geht es um Israel. Genauer gesagt, geht es um ein Israel, das weniger über den Konflikt mit Palästina definiert wird, als über seine innere Spannungen. Nämlich die zwischen nationalistischen Polizisten und linksradikalen Rebellen. Beide Gruppen, so zeigt Lapid, haben mehr gemeinsam, als man glaubt, in beiden dekonstruiert Lapid bürgerliche Haltungen. Er tut das anhand von Körpern. Hier die Alpha-Männchen, Muskelprotze mit dicken Sonnenbrillen, die sich im Spiegel betrachten und jeder Frau hinterherblicken. Dort die schöne und idealistische Jugend, die sich aneinanderschmiegt, die sich im Protest attraktiver findet. Beide Seiten werden von Körperlichkeit und Sexualität getrieben.

Körperliches Begehren funktioniert bei Lapid sehr animalisch. In seinen Filmen gibt es immer wieder Augenblicke, in denen die Körper eine andere Geschichte erzählen als die Worte, in denen Körper die Kontrolle übernehmen. Aber auch das ist bei Lapid nicht so einfach. Denn dort, wo die Macho-Kultur versagt, gibt es auch Momente der Hingabe und Nähe. Und dort, wo ein linkes Heuchlertum am Furchtbarsten aufscheint, gibt es eine ernstgemeinte Verzweiflung.


Selbstreflexive Blicke auf das Konstrukt der Welt

Die Körper drücken sich bei Lapid durch die Erzählungen, aber noch viel mehr kommen die Erzählungen aus den Körpern. Sein grandioser mittellanger Film „Aus dem Tagebuch eines Hochzeitsfotografen“ wird von einer wilden, gefährlichen Körperlichkeit getragen. Anhand dieser Körperlichkeit erzählt Lapid von der Fragilität des Moments, der Unberechenbarkeit von Intimität. Jede Erwartung trägt bei ihm schon ihre Enttäuschung in sich. Es ist bezeichnend, dass Lapid diese widersprüchlichen Gefühle am deutlichsten in einem Film einfängt, der die Kamera thematisiert. Durch die Linse sieht man intensiver, genauer, freier. Sein Kino ist im höchsten Sinne selbstreflexiv.

AuchSynonymes spielt derart gekonnt mit den Erwartungen der Zuschauer, mit dem, was man weiß und nicht weiß, dass man weder vergessen soll noch kann, dass diese Bilder gemacht sind. Zu Beginn von Ich habe ein Gedicht stößt ein Mann zweimal gegen die hinter ihm platzierte Kamera. Die Körper stoßen gegen die Grenzen des Apparats; Lapid lässt uns das Konstrukt einer Welt spüren, die immer auch die Weltsicht der Protagonisten wiedergibt.

Körperlichkeit in "Policeman"
Körperlichkeit in "Policeman"

Die langen, nahen und durchaus neurotischen Einstellungen in Ich habe ein Gedicht erzählen vom Seelenleben der Protagonistin. Die hektischen und verwirrten Schwenks durch die urbane Landschaft von Paris geben in Synonymes die Beziehung des Protagonisten zu seiner Umgebung wieder. Räume erschließt Lapid folgerichtig immer mit den Protagonisten. Er verzichtet fast völlig auf Establishing-Shots, die eine Übersicht über Ort und Verhältnisse zu Beginn einer Szene geben. Es sind die Blicke und Bewegungen seiner Protagonisten, die einen Raum bestimmen. Dadurch fühlt man sich ausgeliefert, auf die Körper derer, denen man folgt, zurückgeworfen. Wiederholt tauchen Menschen oder räumliche Besonderheiten auf, die man zu Beginn einer Szene nicht erwartet hatte. Alles bleibt dynamisch, nichts gesetzt. Körper sind per se entweder die ganze Identität oder von jeglicher Zugehörigkeit befreit.


Fragen der Autorschaft

In Synonymes hat Lapid seine Erfahrungen als junger Mann verarbeitet, der in Paris mit aller Kraft seine israelische Identität hinter sich lassen wollte. Er betont gerne die autobiografischen Aspekte seiner Arbeit. Auch Ich habe ein Gedicht, in dem eine Kindergartenlehrerin und selbstberufene Poetin ein übermäßig großes Interesse an der unschuldigen Sprachkunst eines jungen Buben entwickelt, basiert auf persönlichen Erlebnissen. Lapid hatte als kleiner Junge Lyrik verfasst. Manche der im Film zu hörenden Gedichte stammen aus seiner Feder. Sein Kino verhandelt Fragen der Autorenschaft. Wem gehört eine Geschichte, wer erzählt sie? Wie assimiliert der Markt einen Künstler? Was bedeutet es, als Israeli Kunst zu machen?

Diese Fragen erwachsen auch aus dem Selbstverständnis eines lebenslangen Künstlerdaseins. Ausgebildet im Bereich der Philosophie und später an der renommierten Sam Spiegel Film and Television School in Jerusalem, hat Lapid keine Angst vor solchen Fragen. Er umarmt sie, drückt sie, nimmt sie in die Arme, umfasst sie, umgibt sie, umklammert und umrankt sie. Auch er selbst steht nackt vor und mit seinen Filmen.

„Revolution ist keine Poesie. Sie ist Prosa“, sagt eine Figur in Policeman. Auch wenn Lapid wiederholt auf die Wichtigkeit von Sergej Eisenstein für seine Arbeit hingewiesen hat, so ist sein Kino doch prosaisch. Meist in Verbindung mit enthemmten, heftigen, heißblütigen, hemmungslosen, hitzigen, leidenschaftlichen, maßlosen, orgiastischen, stürmischen, temperamentvollen, turbulenten, überschwänglichen oder unbändigen Tanzszenen. Auch in diesen steht die reine Körperlichkeit im Mittelpunkt sowie eine irrationale Kraft, die als starker Kontrapunkt in seinen Filmen angelegt ist.

Die Blicke bestimmen den Raum: "Ich habe ein Gedicht"
Die Blicke bestimmen den Raum: "Ich habe ein Gedicht"

Ob sein Kino revolutionär ist, bleibt eine andere Frage. Lapid trifft jedenfalls einen Zeitnerv, indem er einfache Moralurteile verkompliziert. Statt schneller Werturteile, die heute jeden politischen Diskurs bestimmen, blickt Lapid zwei-, drei- oder viermal hin. Statt zu argumentieren, dokumentiert er. Jeder potenzielle Sexismus trägt bei ihm Humor in sich, jeder Rassismus Liebe, jede Fürsorge ein Stück Obszönität. Der dokumentarische Impuls prägt seine Fiktionen. Frei nach Jean Eustaches Prinzip, dass man Fiktionen so drehen solle wie Dokumentationen und andersherum, dachten Zuschauer bei der bislang einzigen Dokumentation von Lapid, die innerhalb des Kollektivprojekts Proyect Gvul” in Jerusalem entstand, dass seine Protagonisten fiktional seien.


Tragik und Komik eines Klassenbewussten

Der Humor ist eigenwillig, unangepasst. Schon in seinem Kurzfilm „Emile’s Girlfriend“ versprach Lapids Kino Züge eines Ernst Lubitsch, ja sogar eines Woody Allen. Die Komik entsteht bei Lapid aus einer gleichzeitig analytischen und erfahrungsbezogenen Haltung. Sein Blick auf die Welt ist immer distanziert und mittendrin zugleich. Es sind die Wechsel zwischen beiden Ebenen, die komisch sein können. So wie ein plötzlicher Blick auf die sonnenbrillentragende Macho-Brigade der israelischen Terrorabwehr am Strand.

In dieser Gleichzeitigkeit erinnert Lapid durchaus an Rainer Werner Fassbinder. Wie Fassbinder schreckt Lapid nicht vor großen Themen zurück und ist dezidiert daran interessiert, ein Kino zu machen, das auf seine Zeit reagiert. Beide Filmemacher eint ihr großes Klassenbewusstsein. Sie begnügen sich nicht damit, einen Unterschied sichtbar zu machen, sondern füllen diesen mit der ganzen Tragik und Komik des angelegten Widerspruchs.

Die Begegnungen zwischen Arm und Reich sind nicht, wie etwa beim diesjährigen Cannes-Gewinner "Parasite" von Bong Joon-ho, eine Frage des Widerstands und Kampfes, sie sind vielmehr die Scham einer Gesellschaft. Lapid gibt sich keine Sekunde als einer der Benachteiligten aus. In seinen Filmen geht der Blick am Ende immer von den Privilegierten zu den an den Rand Gedrängten. In diesem Blick findet er weder Abneigung noch Idealismus, sondern schlicht ein Loch, das dort nicht sein müsste, und jene Ungerechtigkeit, die aus Prosa Poesie werden lässt.

Auch Fassbinder war ein großer Filmemacher nackter Körper. Sie stehen vor der Kamera. Hilflos und doch stolz, frei und sich schämend, unbeholfen und schön. Entblößt, nackt, ohne Bekleidung, barfuß bis zum Hals, entblättert, hüllenlos, unbedeckt, unbekleidet und enthüllt.


Fotos: Grandfilm

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