Ein Wort, ein Mann

Freitag, 13.09.2019

Eine Wiederbegegnung mit der Figur und den Filmen über John J. Rambo anlässlich der Wiederaufführung von "Rambo" I-III und des Kinostarts von „Rambo: Last Blood“

Diskussion

Mit Rambo entstand in den 1980er-Jahren eine Ikone des Actionkinos, die seitdem unverwüstlich durch die Kino- und Kulturgeschichte wandelt und sich sogar im Sprachgebrauch eingenistet hat. Rambo ist inzwischen nicht mehr nur eine Figur, sondern eine Art, mit der Welt umzugehen. Eine Begegnung anlässlich der Wiederaufführung von „Rambo“ I-III ab 13. September und des Kinostarts von „Rambo: Last Blood“ am 19. September.


Allein das Wort „Rambo“ beschwört Explosionen vor dem inneren Auge. Sylvester Stallones wortkarger Vietnam-Kriegsveteran hat sich tief in den Sprachgebrauch gekämpft und verteidigt seit Jahrzehnten seine Stellung im kollektiven Bewusstsein. Rambo ist ein geflügeltes Wort; Polizisten stürmen Flüchtlingsunterkünfte „in Rambo-Manier“, das Unternehmen Uber „boxt sich“ mit „Rambo-Methoden durch“. Wo es brachial wird, wo man die direkte Konfrontation wählt, da ist der uramerikanische Held nicht weit.

Jeder Mensch ein potenzieller Rambo, im Guten wie im Schlechten. Rambo ist längst mehr eine Art, mit der Welt zu interagieren, als Figur oder Körper. Und das, obwohl die Filmfigur doch so stark in der Popkultur verankert ist, und ihr wohldefinierter Körper durch jedes Martyrium immer noch weiter über sich hinauswächst.

Der einzige Kampf, den Rambo je verloren hat, ist der gegen sich selbst. Jeder neue Film, jeder Comic, jedes Videospiel und jede Parodie hat die Figur weiter von ihren Ursprüngen weggeführt. Ursprünglich sollte Rambo am Ende des ersten Films sterben, genauso wie in dem gleichnamigen Roman von David Morrell aus dem Jahr 1972. Doch das Testpublikum reagierte ablehnend und verdammte den Soldaten zum ewigen Zombie-Dasein. Wer „Rambo“ sagt, meint deshalb meistens nicht den gebrochenen US-Veteranen, der schwere Tränen an der Schulter seines früheren Vorgesetzten vergießt. Die traurige Figur einer vergangenen Ära, die nicht mehr in die Zeit passt. Das Relikt.

Wie alles anfing: "Rambo: First Blood"
Wie alles anfing: "Rambo: First Blood"

Rambo hat den Krieg verinnerlicht und führt ihn in seinem Kopf weiter, kann ihn aber nie dort behalten. Er dringt nach außen, wie Blut aus einer Wunde, fließt durch die Hände, durch das Messer und die Kugeln. Nein, mit Rambo meint man nie den seelisch zertrümmerten Mann, der stumpf und traurig ins Nichts starrt, durch die Menschen und Dinge hindurch, als gäbe es sie nicht, als wären sie nur ein bösartiges Trugbild. Solche Figuren werden kein popkulturelles Massenphänomen, niemand kauft Merchandise mit dieser Art von Held als Motiv.


Der Held für den Rechtsruck der Reagan-Ära

Am 19. September 2019 kommt der fünfte „Rambo“-Teil in die Kinos. Ab 13. September laufen dort auch die ersten drei Teile der Reihe als sogenannte „Special Night“-Vorführungen in restaurierten 4k-Fassungen, insgesamt 290 Minuten mit annähernd ähnlich vielen Toten. Drei vergleichsweise leicht austauschbare Regisseure – Ted Kotcheff, George Pan Cosmatos, Peter MacDonald – und ein unersetzbarer Star. Am Stück gesehen, formen sie eine eigene Dramaturgie. Jeder neue Film ist länger, lauter und absurder als der vorangehende; das zeichnet die Überbietungslogik von dem vor, was heute „Franchise“ genannt wird. Mehr Explosionen, mehr Tote, mehr nationalistischer Pathos. Auch mehr Muskeln und mehr Waffen.

Der Rechtsruck der Reagan-Ära vollzieht sich in und durch eine Filmreihe. In der Fiktion noch gieriger und fanatischer als in der Realität. Das Kino als Steroid für die Historie; die Wirklichkeit verschwindet und weicht zunehmend einem Comic. Jeder neue „Rambo“-Teil wirkt mehr wie das Resultat einer Partie „Stille Post“, wie die Überlieferung einer alten Legende, der jeder Erzähler neue absonderliche Einfälle beigefügt hat.

Rambo“, im Original „First Blood“, ist in jeder Hinsicht ein Übergangsfilm. Ästhetisch ein Produkt der New-Hollywood-Ära, das sich immer mehr in einen Action-Blockbusterfilm der 1980er-Jahre verwandelt. Der Film erschien 1982, zu Beginn der Regierungszeit von Ronald Reagan, war inhaltlich aber auf die Legislaturperiode von Jimmy Carter bezogen. John J. Rambo sucht nach einem Freund aus Kriegszeiten, doch der ist mittlerweile an Krebs gestorben. Auf der Durchreise gerät er an einen unfreundlichen Sheriff. Ihr Streit wird zum gewalttätigen Kleinkrieg im Herzen Amerikas. Man kämpft in der fiktiven Überallstadt mit dem sprechenden Namen Hope.



Die Revision des Vietnam-Traumas

„Rambo“ ist ein faszinierender Film, eine großes psychologisches Experiment, ein kurioses, perfides Rollenspiel, in dem Täter zu Opfer werden und von dessen tatsächlichen Opfern nur eine vage Erinnerung bleibt. Plötzlich übernimmt ein US-Amerikaner die Rolle der Vietcong und kämpft im Dschungel gegen einen zahlenmäßig und technologisch überlegenen Feind. Ein einzelner Mann verkörpert alle Veteranen eines Krieges. „Ich habe nichts getan!“, skandiert er, wieder und wieder, während die Zivilgesellschaft aus allen Rohren auf ihn feuert.

Die wird ausgerechnet von schwerbewaffneten Polizisten verkörpert. Ein rechts-libertäres Weltbild formt sie durch ihren Status als Staatsvertreter zu jenen Schurken, die das starke Soldaten-Individuum zurückhalten. Für das heutige konservative Amerika wäre das undenkbar. Schuld an Rambos Gewalt tragen im ersten Film all jene, welche die heroischen Veteranen des Landes nicht mit Paraden, sondern mit Skepsis empfangen haben. Der Film ist eine Revision des großen Traumas, ein Befreiungsschlag, die Rückkehr der „echten Männer“. Ein gewaltiger Erfolg an den Kinokassen.



Rambo wird als Kontrastfigur gezeichnet: ein Soldat unter Zivilisten, ein Stummer unter Schwätzern, ein Harter unter Weichen. Ein Fels in der Brandung zwischen lauter Treibgut. Aber eben auch ein Leidender unter Gesunden, belastet mit einer Erfahrung, die keiner außer ihm verstehen kann. Wenn er früh im Film aus der Polizeistation auf die Straße stürmt und Passanten erschrocken zur Seite springen, dann wirkt er wie ein Actionheld, der in ein Drama platzt. Die Distanz zwischen ihm und dieser Welt könnte beim Zusammentreffen von Realfilm und Cartoon-Animationen, wie etwas in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ oder „Space Jam“, nicht größer sein.


Böse sind immer die, die nicht kämpfen

Mit diesem Kontrast verschwindet in Teil 2 und Teil 3 dann auch die Figur. Ein rotes Objekt vor rotem Grund ist wenig aufregend, es fehlt die Dissonanz. Rambo nach Vietnam zu schicken, widerspricht jeder dramaturgischen Logik – eine Figur mit Höhenangst will man auch lieber in den Bergen als in einem U-Boot sehen. Rambo ist fortan nur noch ein kämpfender, leidender Körper, der am Ende der Filme die jeweilige Botschaft verkünden darf. „Ich will, was die da wollen, was auch jeder andere wollte, der hier rüberging, sein Blut vergoss und alles gab, was er hatte! Ich will, dass uns unser Vaterland genauso… genauso liebt, wie wir es lieben... Das ist alles, was ich will!“, heißt es am Ende von „Rambo II“.

Ein Statement, das den Film zumindest inhaltlich ersetzen könnte. Subtilität war nie das Ziel. Böse sind immer die, die nicht kämpfen. Das System da oben, über den einfachen Soldaten, das Rambo über den Haufen schießt. Rein symbolisch, versteht sich. Das Sturmgewehr verwandelt Militärtechnologie, Computer, Radare & Co. am Ende in Elektroschrott. Körper wie Maschinen, statt Maschinen. Eine Art konservative Gesellschaftskritik, die aber nie den Krieg in Frage stellt, sondern immer nur verhandelt, wie er geführt werden sollte.

"Rambo II"
"Rambo II"

Die Kraft der filmischen Fantasie wächst; zuerst werden vergangene Konflikte rückwirkend gewonnen, dann bestehende. In „Rambo II“ (1985) rettet er US-Kriegsgefangene aus dem vietnamesischen Dschungel, in „Rambo III“ (1988) bekämpft er gemeinsam mit den Mudschaheddin die Sowjetarmee in Afghanistan – so liebevoll blickte Hollywoods Kamera nie mehr auf die selbsternannten Gotteskrieger. Alles wird Märchen, Mythos und Cartoon. Zeitlupen und die Musik von Jerry Goldsmith träufeln schwere Ölfarbe auf große Schlachtengemälde. Rambo ist ab der Rückblende im ersten Film eine Heiligenfigur, die seine Kreuzigung in Vietnam zeigt. Es folgen lächerlich viele Kreuzwege und Martyrien. Die schiere Wiederholung von Folter und Leid macht allerdings noch aus dem Heiligen Stephanus einen Wile E. Coyote. Stets heilt der Schmerz; Nadel und Faden durchstechen die Haut, Schießpulver brennt offene Wunden aus. Wer Rambo sagt, meint kaum den quasi-religiösen Sadomasochisten. Zombies spüren keinen Schmerz.


Ernstes und Lächerliches

Der vierte Teil mit dem Titel „John Rambo“ (2008) verwandelte 20 Jahre nach Teil 3 die seit Jahrzehnten schwelenden Konflikte in Myanmar in einen gewaltigen Schießstand. Der politische Kontext wird minimal andeutet, eine sich selbst genügende Gewalt rückt in den Mittelpunkt.

Die Zeit der asymmetrischen Kriegsführung hat eigentlich keine Verwendung für einen kalten Krieger wie Rambo, deshalb wird sein Morden privatisiert: „Du hast nicht für dein Land getötet, sondern für dich selbst.“ Er kämpft vor allem gegen seine eigene Obsoleszenz.

Sylvester Stallone ist ein interessanter Darsteller, mehr Autor seiner Filmografie als andere Action-Stars der 1980er-Jahre. Für die Figuren, die ihn definieren, hat er die Drehbücher immer selbst geschrieben, später auch oft Regie geführt. Die vielen „Rambo“-Fortsetzungen fügen sich lückenlos in sein vom ewigen Konflikt definiertes Weltbild. Genau wie die „Rocky“-Filme ziehen sie sich bis in die Gegenwart, immer im direkten Austausch mit dem Zeitgeist und dem Verfall von Stallones Muskelbergen.

Manchmal erinnert Stallone an ein Körperwelten-Exponat. In „Rambo I“ wirkt sein durch eine Lähmung reduziertes Mienenspiel arg heimgesucht, in späteren Teilen oft sogar ein wenig tumb. Aber sein Auftreten irritiert auf dieselbe Weise wie seine Dialoge: offenkundig Ernstes und Lächerliches finden zusammen.

"Rambo III"
"Rambo III"

Der heilige US-Amerikaner trägt Vokuhila statt Dornenkrone, und in den Dialogen trifft Krieger-Lakonie auf dümmlichste Oneliner. Zunächst sanfte, später oft bemühte Selbstironie ringt mit großer Aufrichtigkeit – ohne eindeutigen Gewinner. Alle „Rambo“-Sequels können nichts anderes als Kultfilme sein, so sehr zerfallen sie in das, was errettet werden kann, und in das an die Zeit Verlorene. Für manchen russischen Akzent der Filme würde man heute vors Kriegsgericht gezerrt.


Das Loch in der Volksseele stopfen

Über die „Rambo“-Reihe ist viel geschrieben worden, man hat sie bis in ihren Kern analysiert. Durch den zeitlichen Abstand wirkt der imperialistische Kern der Reihe heute fast schon drollig. Alte Propaganda hat immer etwas Rührendes, weil sie mit vehementer Leidenschaft auf eine Situation zielt, die es nicht mehr gibt. In der Zeit eingefroren, müht sie sich verzweifelt, das längst Verlorene zu bewahren. John J. Quichotte. Ab Teil 2 sind die Rambo-Filme eine ewige Rettungsmission: Kriegsgefangene in „Der Auftrag“, Rambos früherer Vorgesetzter in Teil 3, die Missionare in Teil 4, von einem Menschenschmuggler-Ring entführte Mädchen in Teil 5. Immer neu muss das klaffende Loch in der US-amerikanischen Volksseele gestopft werden. Doch die Leere wird nie gefüllt, der gierige Hunger bleibt für immer.

Keine Ruhe für den Helden: "Rambo: Last Blood"
Keine Ruhe für den Helden: "Rambo: Last Blood"

Die alten „Rambo“-Filme sind längst selbst wie Rambo. Kontrastfiguren, Artefakte, denen man ihre alte Stärke wie ihre tiefe Müdigkeit anmerkt. Sie wirken so fernab von allem, obwohl sie es eigentlich nicht sind. Abseits vom heutigen Kino, von der heutigen Politik. Ihnen zu begegnen, ist ein kleiner Schock, weil sie vieles, was selbstverständlich erscheint, als Produkt der jüngeren Vergangenheit offenbaren.

Wenn der Rambo aus unser Sprache nur noch wenig mit dem in den Filmen zu tun hat, zumindest mit dem Ursprünglichen, dann ist das nicht überraschend. Den Filmen gelingt kaum mehr die Interaktion mit dem Jetzt. Und das, obwohl der Film doch sogar ein Stichwortgeber für den Präsidenten der Vereinigten Staaten war. „Im Geist von Rambo – diesmal werden wir gewinnen“, verkündete Ronald Reagan einst.

Jetzt dringt nur noch der Affekt durch die Zeit. Aber wie! Die endlosen Explosionen und die Materialschlachten überwältigen wie am ersten Tag. Die handgemachte Qualität macht diese Gefechte aufregender und intensiver als all die dumpfen Zuckerguss-Kriege in den Marvel-Filmen. Die beziehen sich mit ihrer Militärpropaganda, man denke nur an „Captain Marvel“, ganz direkt auf die Gegenwart. Heute sollte Rambo Latexanzüge tragen. Doch nein, er reckt seine vernarbte Brust zur Welt hin und erwartet den nächsten Schlag, dumm und stolz zugleich.




Fotos: Studiocanal ("Rambo" I-III); Universum ("Rambo: Last Blood")

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