Günter Kunert (6.3.1929-21.9.2019)

Montag, 23.09.2019

Ein Nachruf auf den Lyriker und Schriftsteller, der sein Leben lang regelmäßig auch als Drehbuchautor für die DEFA und gelegentlich sogar auch fürs „Westfernsehen“ in Erscheinung trat.

Diskussion

In die Filmgeschichte trat der Schriftsteller Günter Kunert (6.3.1929-21.9.2019) mit Sketchen der satirischen Kurzfilmreihe „Das Stacheltier“ ein. Schon kurz nach deren Gründung im Sommer 1953 schrieb er unter anderem „Eine Liebesgeschichte“ (Regie: Richard Groschopp): Darin stellt ein Autor (Rudolf Wessely) zwei Redakteuren einen neuen Text vor, der aber wegen mangelnder Gegenwartsnähe keinen Gefallen findet. Der Autor arbeitet den Text nach den Vorstellungen der Herren um: Nunmehr porträtiert er ein Liebespaar vor rauchenden Fabrikschornsteinen, das mit einem Stück Stahl in der Hand der frohen Zukunft entgegenblickt. Als auch das nicht gefällt, rastet der Autor aus und droht, demnächst über „lebensechte Kunstsachverständige“ zu schreiben. Am Ende des Films verschwindet das Foto der beiden Redakteure in einer Mappe namens „Überflüssige Zeitgenossen“.

Kunert griff bei diesem kleinen Film auf eigene Erfahrungen als Mitarbeiter der satirischen Zeitschrift „Ulenspiegel“ zurück, bei der er seine journalistische Tätigkeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Der in Berlin geborene Lyriker und Erzähler, der in der NS-Zeit aus „rassischen“ Gründen bedroht war (seine Mutter war Jüdin), debütierte 1950 mit einem ersten Gedichtband und brachte 1954 einen ersten Sammelband mit Satiren heraus. Neben Lyrik- und Prosabänden schrieb Kunert bis zu seiner Ausreise aus der DDR 1979 regelmäßig auch fürs Kino und gelegentlich fürs Fernsehen.

Mitläufer gab es überall

Mit dem Kriminalfilm „Seilergasse 8“ (1960, Regie: Joachim Kunert) verwandelt er den Mikrokosmos eines Hauses zum Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Von der staatlich proklamierten „sozialistischen Menschengemeinschaft“ ist hier wenig zu sehen, stattdessen dominieren Egoismus, Einsamkeit und Voreingenommenheit gegenüber den Nachbarn. In „Das zweite Gleis“ (1962, Regie: Joachim Kunert) ließ der Autor die Schatten der faschistischen Vergangenheit auferstehen; die Hauptfigur, einen Eisenbahner, belastet eine ungesühnte Schuld. Mörder und Mitläufer, so zeigte der Film entgegen dem offiziellen Kanon, gab es eben auch in der DDR.

"Seilergasse 8" (1960)
"Seilergasse 8" (1960)

Der darauffolgende Fernsehfilm „Monolog für einen Taxifahrer“ (1963, Regie: Günter Stahnke) wurde verboten. Die Studie eines von Zweifeln an der Gesellschaft gepeinigten Chauffeurs (Fred Düren) passte nicht zum verordneten Optimismus der Kulturpolitik. Filmminister Hans Rodenberg entschied damals, dass es eine weitere Zusammenarbeit zwischen Kunert und Stahnke nicht geben dürfe. So verschwand auch deren Filmentwurf nach Mark Twains „Ein Yankee an König Artus’ Hof“, eine Musicalversion, unrealisiert in den Schubladen der DEFA-Dramaturgie. „Monolog für einen Taxifahrer“ erlebte erst nach Honeckers Sturz 1989 seine Uraufführung im DDR-Fernsehen.

Wenig bekannt blieben auch die Versuche Kunerts, gemeinsam mit dem Komponisten Kurt Schwaen moderne, experimentelle Filmopern zu realisieren: „Fetzers Flucht“ (1962, Regie: Günter Stahnke) wurde nach einmaliger Ausstrahlung und einer inszenierten negativen Leserbriefkampagne verboten; die nach biblischen Motiven gestaltete Kinderfilmoper „Vom König Midas“ (1963, Regie: Günter Stahnke), in der Jungen und Mädchen den Fall des von Gold besessenen Königs nachspielen, kam nur in Einzelvorstellungen zum Einsatz.

„Ich mache Euren Krieg nicht mit“

Es brauchte einige Jahre, bis Günter Kunert wieder von der DEFA verpflichtet wurde. Doch mit Abschied (1968) nach dem gleichnamigen Roman von Johannes R. Becker hatten er und sein Regisseur Egon Günther sofort wieder mit den Gralshütern der reinen Lehre zu tun. Einigen maßgeblichen Kulturpolitikern gefiel die freche, anarchistische und vor allem pazifistische Auslegung des Buches, die sehr aktuelle Verweigerung des Helden gegenüber der Elterngeneration nicht.

"Abschied" (1968)
"Abschied" (1968)

Obwohl der Film wie auch schon der Roman am Vorabend des Ersten Weltkrieges spielt, war er deutlich als Gegenwartsparabel angelegt. Ein Satz der Hauptfigur wie „Ich mache Euren Krieg nicht mit“ konnte durchaus auf den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die CSSR bezogen werden: „Abschied“ feierte zwei Monate nach diesem traumatischen Ereignis Premiere.

Auch formal wagten Kunert und Günther einen experimentellen Zugriff: Realität und Traum fließen ineinander, es gibt Brüche, Extemporés, nicht zuletzt auch erotische Sequenzen, die der Obrigkeit missfielen. Überliefert ist ein Satz, den Lotte Ulbricht, die Frau des damaligen SED-Parteichefs, zur Premiere gesagt haben soll: „So war unser Hans nicht.“

Möglicherweise ist es der Witwe von Johannes R. Becher, Lily Becher, zu verdanken, dass der Film, den sie mochte, damals nicht verboten wurde, sondern wenigstens für Einzelvorstellungen zur Verfügung stand.

Kunert nutzte anschließend die Chance, für den Regisseur Bernhard Wicki das ARD-Fernsehspiel „Karpfs Karriere“ (1971) zu schreiben: wieder eine Satire, diesmal über einen kleinstädtischen Polizisten und seine Frau, die über ein berufliches Fortkommen und das dafür notwendige Kapitalverbrechen nachdenken. Ein Kritiker befand, dass „mit diesem ,Macbeth in der Kleinstadt‘ eins der überzeugendsten Kammerspiele gelang, die seit langem über den Bildschirm gingen“.

"Beethoven - Tage aus einem Leben" (1976)
"Beethoven - Tage aus einem Leben" (1976)

Arbeiten fürs westdeutsche Fernsehen

Auch später arbeitete Kunert mehrfach fürs westdeutsche Fernsehen, etwa für die Regisseure Jürgen Klauß („Die Rückkehr der Zeitmaschine“, 1983) und Rolf von Sydow („Der Schiedsrichter“, 1985). Ein großer Kinofilm gelang ihm noch einmal mit „Beethoven – Tage aus einem Leben“ (1976, Regie: Horst Seemann). Wer von Kunert ein konventionelles Biopic erwartet hatte, sah sich getäuscht. Stattdessen verdichtete er das Leben und Wirken Beethovens zu einer Parabel auf das Verhältnis zwischen Kunst und Macht. Besonders deutlich arbeitete er die Abhängigkeitsmechanismen zwischen Auftraggebern und Künstlern, aber auch Momente von staatlicher Einflussnahme heraus. Beethoven als progressiver Künstler, der von den Ideen der Französischen Revolution infiziert ist, bekommt es in Metternichs reaktionärem Österreich mit Spitzeln aller Art zu tun: Auch das war, wie in „Abschied“, ein Thema von durchaus aktuellem Bezug.

1976 gehörte Günter Kunert zu den Erstunterzeichnern gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. Gerade hatte ihn die DEFA noch eingeladen, gemeinsam mit Regisseur Horst Seemann ein Kinoprojekt über Albert Einstein zu versuchen. Kunert entschied sich jedoch, die Arbeit niederzulegen: Einsteins Leben, so teilte er dem Studio mit, verlaufe ihm zu widerspruchslos; es sei „kein ansatzweiser Konflikt erkennbar, der thematisierbar“ wäre. Außerdem entspräche Einsteins Haltung nicht „der offiziellen DDR-Politik“. Die dafür gelieferten Argumente erschienen der DEFA-Dramaturgie zwar nebulös, doch an Kunerts Entschluss war nicht zu rütteln.

"Endstation Harembar" (1992)
"Endstation Harembar" (1992)

Nachdem ihm von einem hoch angebundenen Ästhetik-Professor „Skeptizismus“ und „historischer Pessimismus“ vorgeworfen worden war, sah Kunert keine Möglichkeit mehr, in der DDR zu publizieren. Als freier Schriftsteller lebte er fortan in der Bundesrepublik. Sein letzter Roman, die veritable, noch in der DDR verfasste Satire „Die zweite Frau“, erschien erst 2019. Sein letzter Film blieb der 1992 von Rainer Wolffhardt inszenierte Fernsehfilm „Endstation Harembar“, frei nach dem Roman „Ein ernstes Leben“ von Heinrich Mann, eine Studie über die Endzeit-Agonie der Weimarer Republik.


Fotos©: Wallstein Verlag, DEFA-Stiftung/Karin Blasig (Seilergasse 8) bzw. /Peter Dietrich, Wolfgang Ebert (Abschied) bzw. /Waltraut Pathenheimer (Beethoven - Tage aus einem Leben), ZDF

Kommentar verfassen

Kommentieren