Filme über Frauen, die Filme machen

Samstag, 05.10.2019

Ein Gespräch mit der Filmmacherin Katja Raganelli, die sich auf dokumentarische Beiträge über Frauen hinter der Kamera spezialisiert hat, insbesondere über Stummfilm-Regisseurinnen und zeitgenössische Regisseurinnen

Diskussion

Sie ist eine Filmemacherin der Stunde, obwohl sie im November ihren 80. Geburtstag feiert. Denn Zeit ihres Lebens hat Katja Raganelli Filme über Filmemacherinnen gedreht, ihnen bei der Arbeit über die Schulter geschaut und zu den Kämpfen befragt, um sich als Frau auf dem Regiestuhl zu behaupten. Im Filmmuseum München läuft bis Dezember eine Reihe mit 14 ihrer filmischen Porträts, unter anderem auch „Alice Guy Blanché – Hommage an die erste Filmemacherin der Welt“.


Wie kam es, dass Sie sich der Geschichte und der Dokumentation von Frauen als Regisseurinnen zuwandten?

Katja Raganelli: Nach Abschluss meines Studiums an der Hochschule für Fernsehen und Film in München habe ich ein Drehbuch nach der Geschichte „Liebeszauber“ von Ludwig Tieck geschrieben und dieses beim ZDF eingereicht. Das wurde angenommen, aber inszenieren durfte ich es nicht, für die Regie ein damals renommierter Mann vorgesehen war. Ich hatte als Frau keine Chance, bei einem Spielfilm Regie zu führen. Da hörte ich von Agnès Varda, die an „Die eine singt, die andere nicht“ (1977) arbeitete, als Regisseurin und Produzentin. Ich wollte mit Konrad Wickler, meinem Kameramann und späteren Ehemann, unbedingt dorthin und filmen, wie die diese tapfere Frau dies macht. Ich war neugierig. Frieda Grafe, die Ehefrau von Enno Patalas und eine Nouvelle-Vague-Spezialistin, hat den Kontakt hergestellt, und dann sind wir zusammen mit ihr zu Agnès Varda gefahren. Varda befand sich in der letzten Phase der Dreharbeiten. Frieda Grafe hat ein paar theoretische Fragen gestellt, die sehr wichtig waren, hat sich dann aber zurückgezogen. Als Grafe abgereist war, hat sich Varda geöffnet, und es ist ein sehr persönliches Dokument geworden. Das war ein Anfang. Ab dann dachte ich, dass ich jetzt auch andere Frauen porträtieren muss, die die Kraft hatten, sich zu verwirklichen.

Wie entstand Ihr Film über Alice Guy?

Raganelli: Als ich „Unsichtbare Frauen. Filmemacherinnen in Hollywood“ gedreht habe, ließ ich mir in der Library of Congress alle Filme von Regisseurinnen in der Stummfilmzeit zeigen. Das war wunderbar. Ich konnte einiges sehen, darunter Arbeiten von Alice Guy und Lois Weber zu sehen. Ich hatte Fotos von Lois Weber und konnte sie in einigen Filmen identifizieren. Bei der Library war man sehr dankbar und hat uns Sekt serviert. Dann hatte ich das Glück, den Filmhistoriker Anthony Slide zu treffen, der ein Buch über Frauen im Stummfilm geschrieben hat. Er gab uns die Adresse von Guys Tochter Simone. Mit Konrad Wickler bin ich nach Pennsylvania gefahren und haben Simone Guy besucht. Diese war begeistert von der Idee, über die Mutter zu erzählen, und hat mir alles, was sie noch hatte und wusste, zur Verfügung gestellt, auch unveröffentlichte Teile aus Guys Autobiografie. Es war ein Riesengeschenk.

Katja Raganelli (r.) im Gespräch mit Simone Guy (l.)
Katja Raganelli (r.) im Gespräch mit Simone Guy (l.)

Sie haben zwei Filme über Alic Guy gedreht?

Raganelli: Der erste Film, „Mein Traumprinz war der Kinematograph“ entstand 1983 für das dritte Programm des Bayerischen Rundfunks. Eva Mattes hat die Texte von Alice Guy gesprochen. Der Film wurde mehrfach gesendet und auch von anderen Dritten Programmen übernommen. Als ich 1996 den zweiten Film herstellte, war dank meiner inzwischen 20-jährigen Recherchearbeit inzwischen sehr viel Material zusammengekommen, etwa auch die Aufnahmen für den Phonographen, in denen man Alice Guy als Regisseurin sehen konnte. Ich hielt es für eine gute Idee, Alice Guy dadurch näherzukommen, dass wir einige Szenen nachstellten, wenn die Tochter vom Leben ihrer Mutter erzählt. So habe ich dann Eva Mattes gebeten, Alice Guy zu spielen, was sie gerne gemacht hat.

Was hat sie an den Filmen von Alice Guy fasziniert?

Raganelli: Ich schätze ihren Sinn für Humor und eine gewisse Leichtigkeit, mit der sie inszeniert hat. Ich kenne aber nur einen kleinen Teil ihrer Filme; der größte Teil ihres Werks ist verloren, und viele Filme sind erst in den Jahren nach der Fertigstellung meines Porträts restauriert und wieder verfügbar gemacht worden.

Sehr beeindruckend sind die Aufnahmen, in denen die US-Schauspielerin Bessie Love über Alice Guy spricht.

Raganelli: Ich wollte unbedingt eine Zeugin ihrer Arbeit finden, und da habe ich in London zufällig den Filmhistoriker Kevin Brownlow getroffen, der als Fachmann für den Stummfilm galt. Ich fragte ihn, ob irgendjemand noch lebe, der mit Alice Guy gearbeitet hat. Er machte mich auf Bessie Love aufmerksam, die in einer Künstlervilla im Süden von London lebte und dort junge Künstler coachte. Als wird dort vorstellig wurden, war Bessie Love gerade damit beschäftigt, Vanessa Redgrave auf eine US-amerikanische Rolle vorzubereiten. Als wir mit ihr sprachen, war sie begeistert, zog sie aus einem Schrank Fotos und konnte uns sehr viel über Alice Guy erzählen. Sie schätzte vor allem ihren Humor. Brownlow hatte sein Equipment dabei, und noch am gleichen Tag haben wir das Interview mit ihr gedreht. Das ist das Schöne an der Arbeit zu so einem Dokumentarfilm, wenn sich plötzlich die Tore öffnen und man ein Stückchen Wahrheit erlebt.

Der Sohn von Alice Guy ist in Ihrem Film aber nicht zu sehen.

Raganelli: Richard Blaché wollte sich vor der Kamera nicht äußern, weil er nur 20 Jahre mit seiner Mutter gelebt hatte und dann nach Amerika zurückgegangen ist. Er war der Meinung, dass seine Eltern, Herbert Blaché und Alice Guy, sich eigentlich nicht geliebt hätten, sondern dass nur die Arbeit sie verbunden hat. Er war verletzt, weil sein Vater sich nie um die Kinder gekümmert hatte. Er war aber bei meinem Interview mit seiner Schwester Simone immer dabei, hat alles genau beobachtet. Ganz am Ende, als wir die Aufnahmen abgeschlossen hatten und uns schon verabschiedeten, kam er mit einem Super8-Film, den er gemacht hatte, als Alice Guy im hohen Alter ihn zusammen mit Simone besucht hatte. Den schenkte er mir. Es war sehr schön, dass ich die Aufnahmen am Ende meines Films einfügen konnte.

Lebens- und Arbeitspartner: Katja Raganelli und Konrad Wickler (r.)
Lebens- und Arbeitspartner: Katja Raganelli und Konrad Wickler

Sie haben Ihre Filme mit Ihrer eigenen Firma produziert. Wie kam es dazu?

Raganelli: Nachdem ich mit „Die Schlossküche“ und „Golubic, Einmal im Jahr“ zwei erfolgreiche Filme für die von Christian Rischert konzipierte Serie „A la carte“ gedreht hatte, gründete ich zusammen mit Konrad Wickler die Diorama-Film GmbH. Ich wollte die Freiheit haben, auch Filme zu ganz anderen Themen zu entwickeln. Als eigene Produzenten konnten wir ein Projekt anfangen, drehen und den fertigen Film dann dem Fernsehen anbieten. Konrad hatte ich bei den Dreharbeiten zu „Golubic“ kennengelernt. Als wir in diesem kleinen bosnischen Dorf Golubic drehten, legte Konrad eine Sensibilität und Respekt gegenüber mir und allen anderen Menschen an den Tag, die mich zutiefst beeindruckte. Ein Jahr später fragte ich ihn, ob er mit mir in die Diorama Film GmbH einsteigen will. Er war der einzige Kameramann beim Bayerischen Rundfunk, der bereit war, mit mir als einer unerfahrenen Filmemacherin an Weihnachten im ehemaligen Jugoslawien zu arbeiten. Er war mutig genug, nach 15 Jahren seine Anstellung beim Bayerischen Rundfunk zu kündigen. Es entstand eine 33-jährige Zusammenarbeit. Er war in allen meinen Filme Kameramann und Produzent. Ich verdanke ihm alles. Wir haben uns telepathisch verstanden: Ich war seine Inspiration, er war mein Gewissen.

Hat dieses Modell, Filme selbst zu produzieren und dann ans Fernsehen zu verkaufen, gut funktioniert? Es war doch riskant, Filme ohne eine absicherte Finanzierung zu produzieren.

Raganelli: Gerade die Frauen-Filme waren teuer. Der Fernsehverkauf des Varda-Films für eine einmalige Ausstrahlung hat nur ein Drittel der Herstellungskosten eingebracht. Das konnten wir uns nur leisten, weil wir von anderen Auftragsproduktionen wie den Filmen für „A la carte“ gelebt haben. Es gab beim Fernsehen durchaus Leute wie Dietrich von Watzdorf und Hans-Peter Kochenrath, die meine Arbeit schätzte. Kochenrath lernte ich kennen, als er noch Redakteur beim Saarländischen Rundfunk war. Konrad und ich hatten Delphine Seyrig in Paris getroffen und zeigten ihm unser Filmmaterial. Er hatte gerade „India Song“ von Marguerite Duras gekauft, in dem Seyrig mitspielt, und war dabei, den Film zu synchronisieren. Kochenrath war ein großer und begeisterungsfähiger Cineast. Als er zum ZDF ging und dort das Filmforum leitete, intensivierte sich unsere Zusammenarbeit. Es war für uns eine große Erleichterung, dass wir einige der Filmemacherinnen-Porträts als Auftragsproduktionen für ihn herstellen konnten.

Gibt es einen Film, den sie fertiggestellt haben und den dann kein Fernsehsender haben wollte?

Raganelli: Der Film „Margery Wilson. Vom Stummfilmstar Hollywoods zur Filmregisseurin“ wurde von keinem Sender angekauft. Wir hatten 1980 ein langes Interview mit Margery Wilson für „Unsichtbare Frauen“ aufgenommen. Sie war die letzte lebende Filmemacherin und Produzentin aus der Hollywood-Stummfilmzeit. In allen ihren Filmen spielte sie auch die Hauptrolle, führte Regie und übernahm die Produktion sowie den Verkauf. 1998 haben wir ihr dann einen eigenen Film gewidmet, der nun im Herbst 2019 im Filmmuseum München zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden wird.

Hatten Sie damals Kontakt zu anderen Filmemacherinnen oder Filmhistorikerinnen, die sich mit Frauenfilmgeschichte beschäftigten? Es gab in Berlin ja die Zeitschrift „frauen & film“ und das Frauenfilmfestival in Créteil?

Raganelli: Es war immer eine sehr einsame Arbeit. Ich war Ausländerin. Ich war mit 23 Jahren als Kroatin nach Deutschland gekommen, meine deutschen Sprachkenntnisse waren nicht gut. Außerdem habe ich immer gedacht, dass ich meine Zeit darauf konzentrieren müsse, etwas zu erforschen und vorzubereiten. Das Filmemachen war sehr zeitaufwändig, gerade wenn man selbst produziert. Ich musste alle Interviews auf meiner Schreibmaschine abtippen und dann wieder übersetzen. Da blieb gar keine Zeit, um mich mit anderen im größeren Stil zu vernetzen.

Haben Sie mit den aktiven Filmemacherinnen, die Sie interviewt haben, über die Pioniere wie Alice Guy gesprochen?

Raganelli: Jede war mit ihrem Leben und ihren Projekten beschäftigt. Ich bin aber auch jemand, der sehr intensiv zuhört und auf das jeweilige Gegenüber konzentriert. Ich nehme mich selbst zurück; und nur dann öffnen sich die Menschen. Das ist immer ein Geschenk.

Gab es Rückmeldungen von den Filmemacherinnen, die Sie porträtiert haben? Haben sie sich Ihre Filme angesehen?

Raganelli: Ich habe einen sehr netten Brief von Anja Breien bekommen. Sie war sehr beeindruckt von meinem Film. Mai Zetterling hat mich persönlich besucht, um den Film zu sehen. Sie kam und war sehr gerührt, auch weil sie es uns nicht leicht gemacht hatte. Am Anfang war sie sehr abweisend gewesen und hatte sich erst mit der Zeit geöffnet, nachdem wir sie auch bei Dreharbeiten in England begleitet hatten. Am Ende war es ein wirklich toller Besuch bei ihr. Sie wollte nach diesem Film etwas in ihrem Leben ändern. Sie hatte eine schwierige Beziehung zu ihrer Tochter, da fühlte sie sich schuldig. Drei Jahre später hat sie mich noch einmal besucht. Da war sie schon krank und starb dann 1994 in London. Unter den Filmemacherinnen, die ich porträtierte, war sie die exzentrischste und radikalste.

Am Schneidetisch mit Mai Zetterling (l.)
Am Schneidetisch mit Mai Zetterling (r.)

Sie haben Agnès Varda, Delphine Seyrig, Liliane de Kermadec, Margarethe von Trotta, Márta Mészáros, Valie Export, Joan Micklin Silver, Joan Twekesbury, Cindy Sherman, Anja Breien, Mai Zetterling, Barbara Loden, Liv Ullman, Gunnel Lindbom, Ingrid Thulin, Margery Wilson interviewt und bei Dreharbeiten gefilmt sowie Porträts über Alice Guy, Dorothy Arzner und Lotte Reiniger gedreht. Gab es Filmemacherinnen, denen sie vergeblich hinterhergelaufen sind? Oder ein Projekt, das sich nicht realisieren ließ?

Raganelli: Vielleicht Liliana Cavani, die wollte ich treffen und war sogar schon bei ihr zu Besuch. Sie hatte eine Wand mit Gesichtern von ihr, und Augen, die Spiegelaugen waren. Da wusste ich, dass sie uns betrachtet, aus dem anderen Raum. Ich hatte wirklich einen großen Anlauf genommen, doch dieser Empfang bei ihr hat mich entmutigt, dieses die-absolute-Kontrolle-haben-Wollen. Ich wollte auch noch einen eigenen Film über Lois Weber drehen. Aber es gab absolut kein Interesse. Ich konnte solch einen Film nirgendwo unterbringen.

Waren Ihre Filme auch außerhalb des Fernsehens zu sehen?

Raganelli: Bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck liefen meine Filme über „Die Frauen in Ingmar Bergmans Filmen“ und „Vielleicht bin ich wirklich eine Zauberin – Filmregisseurin Mai Zetterling und ihre Filme“. Das war aber die Ausnahme. Wenn meine Frauen-Filmporträts im Herbst im Filmmuseum München laufen, werde ich sie zum ersten Mal auf der großen Leinwand sehen. Dass ich dies miterleben darf, ist eine große Freude. Nach dem Tod von Konrad hatte ich schon mit allem abgeschlossen und bin viele Jahre lang gar nicht mehr ins Kino gegangen.

Einer der beeindruckendsten Filme ist Ihr Porträt von Barbara Loden, die sie noch kurz vor ihrem Tod besucht haben, und das jetzt bei der Criterion-Collection verfügbar ist.

Raganelli: Als wir „New York – Babylon der Küchen“ für „A la Carte“ drehten, erfuhr ich, dass Barbara Loden im Lincoln-Center Schauspielunterricht gab. Wir sind einfach hin, haben uns vorgestellt und gefragt, ob wir drehen könnten. Sie hat es zugelassen. Wir waren ganz diskret und leise, haben uns sehr zurückgenommen und auch kein Licht gesetzt – Konrad war jemand, der das gut konnte. Sie hat Vertrauen gefasst und lud uns zu sich nach Hause ein. Elia Kazan, ihr Ehemann, war auch zu einem Interview bereit, ebenso Nicholas Proferes, der Kameramann von „Wanda“. Ich hatte dabei aber immer so das Gefühl, dass etwas merkwürdig war. Diese Art von Ehrlichkeit war wie bei einem Psychologen. Sie hat über ganz tiefgreifende Momente in ihrem Leben gesprochen. Einmal habe ich sie gefragt, warum sie so traurig sei, und sie sagte: „Weißt Du, ein guter Freund von mir liegt im Sterben, und einer von Euren Regisseuren ist dabei und dreht.“ Den Namen Nicholas Ray hat sie nicht genannt. Ich fragte: „Sag mal, könntest Du so etwas machen?“ „Nein, nein, das könnte ich überhaupt nicht“. Unsere Tonmeisterin Morning Postorock erzählte, dass sie im Team von Wim Wenders war und bei den Dreharbeiten zu „Nick’s Film – Lightning over water“ den Ton gemacht hat. Und das war wirklich hart. Nick hat immer wieder „Cut“ und „Don’t Cut“ gesagt, er hat alles noch immer bestimmt. Manchmal hat er so gehustet, dass man dachte, er stirbt. Ich bin mit ungutem Gefühl nach Hause gefahren und habe einen Monat später von Paul Mann einen Brief bekommen, dass Barbara Loden gestorben ist und dass sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte. Unser Film war eine Art Testament für ihre Söhne, Elia Kazan und die Nachwelt. Wir haben noch zehn Jahre gebraucht, bis 3sat und arte unseren Film ankauften.

Katja Raganelli (r.) unterwegs mit Barbara Loden (l.)
Katja Raganelli (r.) unterwegs mit Barbara Loden (l.)

Dorothy Arzner haben Sie nicht mehr filmen können?

Raganelli: Sie ist leider 1979 im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Autounfalls gestorben, kurz bevor wir eintrafen. Ich hatte noch mit ihr kommuniziert und alles vorbereitet. So konnten wir nur noch in ihrem Haus in der Wüste in La Quinta filmen, in dem sie gelebt hatte. Ich stand inmitten von Dorothy Arzners vereinsamtem Lebensset. Es war, als ob sie nur für einen Augenblick weggegangen wäre. Trotz ihrer unsichtbaren Gegenwart wurde mir damals bewusst, dass mir ihre Gedanken und Gefühle für immer verborgen bleiben. Trotzdem setzte ich meine Reise nach Hollywood fort, auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, und habe ihren cineastischen und privaten Lebensweg nachgezeichnet.

Konnten sie damals Arzners Filme überhaupt sehen? Viele der frühen Filme von Frauen sind doch erst in den letzten Jahren restauriert worden.

Raganelli: Einige der Tonfilme von Arzner wie „Christopher Strong“ mit Katharine Hepburn waren zugänglich. „Dance, Girl, Dance“ habe ich sogar in Kroatien gesehen, ganz normal im Kino. Andere Filme wie „The Wild Party“ habe ich als 16mm-Kopien bei einem Sammler in Los Angeles gefunden. Da war schon etwas; Mitte der 1980er-Jahre war sie kein ganz unbekannter Name mehr. Als ich Simone Blaché gesagt habe, dass die Filme ihrer Mutter Alice Guy eines Tages wiederentdeckt und mit Musikbegleitungen aufgeführt werden, hat sie geweint. Fast 40 Jahre später ist mein Versprechen bei den Bonner Stummfilmtagen eingelöst worden! Es war wunderbar, zu erleben, wie einfühlsam Elisabeth-Jane Baldry „Falling Leaves“ mit der Harfe begleitet hat. Stephen Hornes Komposition zu „Matrimony’s Speed Limit“ war furios. Und zutiefst berührt hat mich, wie Joachim Bärenz „The High Cost of Living“ dramatisierte.


Die Frauenfilmporträts von Katja Raganelli:

Die Frauen sind auf natürliche Art schöpferisch – Agnès Varda“ (1977, 45 Min.)

Die Liebe ist ein Mythos – Delphine Seyrig“ (1978, 60 Min.)

Die Frauen müssen zweimal geboren werden – Liliane de Kermadec“ (1979, 45/60 Min.)

Margarethe von Trotta – Porträt einer Filmregisseurin“ (1979, 45 Min.)

Márta Mészáros – Portrait einer ungarischen Filmregisseurin“ (1979, 60/90 Min.)

Unsichtbare Frauen – Filmemacherinnen in Hollywood“ (1981, 45 Min.)

Valie Export – Porträt einer Filmregisseurin“ (1981, 45/90 Min.)

Joan Micklin Silver – Begegnung mit der New Yorker Filmregisseurin“ (1983, 45 Min.)

Mein Traumprinz war der Kinematograph – Das Leben der Alice Guy-Blaché“(1983, 45 Min.)

Sehnsucht nach Frauen – Dorothy Arzner“ (1985, 45 Min.)

Ich möchte gerne strahlenförmig leben – Anja Breien, Filmregisseurin in Norwegen“ (1987, 45 Min.)

Vielleicht bin ich wirklich eine Zauberin – Filmregisseurin Mai Zetterling und ihre Filme“ (1989, 45 Min.)

Ich bin Wanda – Porträt der Schauspielerin und Regisseurin Barbara Loden“ (1993, 60 Min.)

Alice Guy Blaché – Hommage an die erste Filmemacherin der Welt“ (1996, 60 Min.)

Margery Wilson – Vom Stummfilmstar Hollywoods zur Filmregisseurin“ (1996, 45 Min.)

Lotte Reiniger – Hommage an die Erfinderindes Silhouettenfilms (1999, 9 Min.)


Hinweis

Die Retrospektive „Katja Raganelli. Vierzehn Filmmacherinnen“ im Filmmuseum München läuft noch bis zum 18. Dezember, jeweils mittwochs um 19 Uhr Die Filmemacherin ist bei den Vorstellungen anwesend. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite des Filmmuseum München.


Fotos: Katja Raganelli und Konrad Wickler (oben); © Filmmuseum München


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