„Es ist verboten, aber gerecht“

Mittwoch, 09.10.2019

Ein Interview mit Louis-Julien Petit zu seinem Film „Der Glanz der Unsichtbaren“

Diskussion

Der 1983 geborene französische Regisseur Louis-Julien Petit stellt in seinem Film Der Glanz der Unsichtbaren (Kinostart: 10.10., zur Kritik) Menschen ins Zentrum, vor denen die Gesellschaft oft den Blick verschließt: Die warmherzige Sozialkomödie erzählt von obdachlosen Frauen und von Sozialarbeiterinnen, die angesichts der Schließung ihres Tageszentrums eine Offensive starten. Ein Gespräch über die aufbauende Kraft des Humors und die Rolle des Kinos in Zeiten humanitärer Krisen.


Handelt es sich bei „Der Glanz der Unsichtbaren“ wirklich um eine Komödie?

Es ist eher eine „Dramedy“ im angelsächsischen Sinne oder eine realistische Komödie. Das Filmgenre wird durch die Frauen definiert. Sie befinden sich in einer dramatischen Lage, aber sie sind selbstironisch, können über sich selbst lachen. Die Komödie ist das Verbindungsglied zwischen dem Zuschauer und diesem Thema, an das man sich nicht so gerne heranwagt. Mit diesem Film versuchen wir genau das zu machen, was man sonst nie tut. Wenn wir auf Obdachlose auf der Straße treffen, senken wir den Blick. Wir wissen nicht, wie wir reagieren sollen, welche Lösungen zu finden sind und befürchten instinktiv, selber einmal obdachlos zu werden. Mit diesem Film schlage ich dem Zuschauer vor, den Blick zu erheben, sich mit diesen Frauen auf der Straße eine Stunde und 42 Minuten zu umgeben. Man soll nicht über das Thema lachen, aber zusammen mit ihnen, mit diesen Frauen.

Der Ausgangspunkt waren ein Dokumentarfilm und ein Buch?

Die Journalistin Claire Lajeunie verbrachte sechs Monate lang zusammen mit obdachlosen Frauen und drehte mit ihnen einen Dokumentarfilm für das Fernsehen. Danach schrieb sie ein Buch über ihre Erfahrungen, kam damit zu mir und sagte: „Ich habe viel gelacht, mit ihnen zusammen. Geh einfach einmal in diese Aufnahmezentren. Schau es dir an und vielleicht kann daraus ein Kinofilm werden.“

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Warum haben Sie ausgerechnet im Nordfrankreich gedreht? Sind Frauen dort mehr von Obdachlosigkeit betroffen als woanders?

Diese Prekarität betrifft Frauen auf der ganzen Welt. Aber ich habe in Nordfrankreich in der Nähe von Valenciennes gedreht, weil es dort eine Ausbildung gibt, die Frauen befähigt, technische Geräte zu reparieren. So können sie sich sprichwörtlich auch selber „reparieren“. Diese Arbeit hat etwas Therapeutisches. Und gerade um gegen Klischees anzugehen, drehte ich im Norden, weil ich zeigen wollte, wie man dort nach Lösungen sucht und anbietet. Auch darin liegt das Thema des Films: Man soll sich nicht selbst bemitleiden, sondern nach dem Licht, der Hoffnung suchen. Es geht um dieses Licht, den Glanz, den der deutsche Titel des Films auch anspricht.

Vereint gegen Tristesse und soziales Elend: Die Sozialarbeiterinnen von L'Enrol.
Vereint gegen Tristesse und soziales Elend: Die Sozialarbeiterinnen von L'Enrol.

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Härte man in Frankreich auf sozial Schwache oder Migranten reagiert und gleich die Polizei einsetzt. Woher kommt diese Härte?

Die Flüchtlingskrise und soziale Not betreffen ja ganz Europa. Die deutsche Kapitänin Carola Rackete ist ja zunächst in Italien verhaftet worden, weil sie über 40 Flüchtlingen einfach nur half. Das sind vor allem humane Probleme. Ich sage nur, man muss sich mit den Menschen befassen, die sich in einer prekären Lage befinden. Und diese Unsichtbaren im Film sind ja nicht nur die obdachlosen Frauen. Wir gehören alle irgendwie einer Minderheit an und sind für die Anderen dann unsichtbar. Ganz gleich, ob es um eine ethnische, eine sexuelle oder religiöse Minderheit geht. Mein Film ist ein Angebot und wirft ein Licht auf einige dieser Unsichtbaren. Ich habe ihn mit viel Liebe, Humor und Menschlichkeit gedreht. Damit wollte ich auch Lösungen anbieten und moderne Widerstandskämpferinnen zeigen, so ganz im Sinne von Carola Rackete zum zivilen Ungehorsam aufrufen: Es ist zwar verboten, aber gerecht. Auch unsere Sozialarbeiterinnen im Film handeln so. Das Kino muss heutzutage auch diesen Platz einnehmen.

Neben so bekannten, französischen Schauspielerinnen wie Audrey Lamy oder Noémie Lvovsky in den Rollen der Sozialarbeiterinnen sieht man ja auch viele nichtprofessionelle Schauspielerinnen. Wie haben Sie mit Ihnen gearbeitet?

Im Film treten Frauen auf, die einmal auf der Straße gelebt haben und die prekäre Lage erlebten. Zu Beginn des Films hatten jedoch alle Frauen wieder ein Dach über dem Kopf, ihre Situation hatte sich stabilisiert. Und bei Adolpha van Meerhaeghe, die im Film Chantal spielt, ist es wirklich auch ihre eigene Geschichte. Sie wurde von ihrem Mann jahrelang zusammengeschlagen und beschloss, ihn aus Notwehr zu töten. Sie musste dann elf Monate ins Gefängnis und lernte dort, wie man elektrische Geräte repariert. Viele der Frauen verfügen über eine Berufsausbildung, haben studiert und Diplome, sprechen mehrere Fremdsprachen. Sie können etwas anbieten und wollten ihre Geschichte auch erzählen. Und sie hatten ja ein Leben, bevor sie auf der Straße landeten. Genau das wollte ich im Film thematisieren. Und wir haben ein Casting mit über 300 Frauen organisiert und dann in Theaterworkshops mit ihnen gearbeitet.

Mit wie vielen der 300 Frauen haben Sie dann in den Workshops gearbeitet?

Es waren 50 Frauen, und bei dieser Arbeit bat ich sie, sich einen Künstlernamen zuzulegen wie Lady Di, Chantal Goya, Edith Piaf, Brigitte Macron oder Beyoncé… In den Aufnahmezentren macht man das so, um ihre Anonymität zu wahren. Man will nicht, dass sie für eifersüchtige Ehemänner oder andere Menschen, die ihnen Böses wollen, auffindbar sind. Während des Drehs und auch heute noch sprechen wir uns immer mit diesen Pseudonymen an. Das ist sehr witzig, wenn es dann heißt: „Beyoncé, geh doch mal bitte zu Lady Di, oder: Edith Piaf und Chantal Goya, ihr seid als Nächste dran.“ So konnten die Darstellerinnen spielerisch mit den angenommenen Identitäten umgehen. Sie sollten ja Spaß haben, über sich selbst lachen, sich mit all ihren Emotionen einbringen.

Motiviert, aber oft ein wenig zu offen: Chantal (Adolpha Van Meerhaeghe).
Motiviert, aber oft ein wenig zu offen: Chantal (Adolpha Van Meerhaeghe).

Der Film wurde in Frankreich mit 1,4 Millionen Zuschauern ein enormer Erfolg und hat soziale Debatten ausgelöst. Und weil wir schon von Brigitte Macron reden. Haben Politiker wie Emmanuel Macron den Film gesehen?

Wir haben den Film obdachlosen Frauen gezeigt, den „unsichtbaren“ Sozialarbeiterinnen, vielen Stiftungen und Vereinen und sind sehr viele Partnerschaften eingegangen. Und ich habe Lady Di und Chantal Goya mitgenommen zum Präsidenten der Republik in den Élysée-Palast, zusammen mit Sozialarbeiterinnen. Wir haben dann miteinander über die Probleme und Lösungen der Eingliederung gesprochen, auch über den sogenannten „Plan gegen die Armut“. Aber ich bin nicht naiv. Mein Film wird die Welt nicht verändern. Ich glaube aber an lokale Aktivitäten und kleinere, sozial engagierte Stiftungen. Die gibt es mit Sicherheit auch in Deutschland, wenn der Film in den Kinos läuft.

In Frankreich startete der Film ja im Januar 2019, als die „Gelbwesten“ noch wöchentlich demonstrierten. Erhielt „Der Glanz der Unsichtbaren“ dadurch eine zusätzliche Dimension?

Das bestätigte vor allem, dass man das Menschliche zu lange vernachlässigt hat. In Frankreich gibt es eine humanitäre Krise. Unsere menschlichen Beziehungen haben sich so verändert. Man hat keine Zeit mehr füreinander und es gibt überall diese Verpestung: Es ist zu laut, zu hektisch, man zerstört die Umwelt etc. Aber es ist ein Zufall, dass unser Film nach drei Jahren in der Vorbereitung und Produktion nun am 9. Januar 2019 in Frankreich genau dann startete, als die „Gelbwesten“ immer heftiger protestierten. Ihr Unmut entzündete sich ja ursprünglich an der Erhöhung der Benzinpreise, weil sie das Auto für die Arbeit brauchen. Danach weiteten sich die Proteste aus. Ich finde diese Bewegung der „Gelbwesten“ schon interessant, weil es um Menschen geht, die befürchten, in die Prekarität abzurutschen. Sie fordern ja nicht mehr, sondern wollen nur behalten, was sie haben. Einige Zahlen sind alarmierend. Ein Sechstel aller Franzosen lebt unter der Armutsgrenze und von zehn Obdachlosen auf der Straße sind vier Frauen.

War es bei diesem harten sozialen Thema schwer, den Film zu finanzieren?

Erstaunlicherweise war es nicht so kompliziert. Mein erster Spielfilm „Discount“ versuchte sich bereits an einem ernsten Thema, mit komödiantischen Elementen. Nur weil man in der „Scheiße“ steckt, heißt das ja noch lange nicht, dass man darüber nicht lachen kann. Und in meinem aktuellen Film geht es um Elend, aber auch um Glanz. Die Frauen bemitleiden sich nicht. Sie laufen zunehmend mit erhobenem Kopf durchs Leben. Wir haben chronologisch gedreht, so kann der Zuschauer auch mitverfolgen, wie der Glanz in ihren Augen immer mehr zunimmt. Das finde ich schön. Was nun die Finanzierung betrifft, hatten wir schnell ziemlich viele Partner. Das lag auch an meinem Debütfilm. Natürlich war es ein Wagnis, aber so ist es bei jedem Film. In Frankreich ist das aufgegangen.

Das jüngste Mitglied im Team des Tageszentrums: Angélique (Déborah Lukumuena).
Das jüngste Mitglied im Team des Tageszentrums: Angélique (Déborah Lukumuena).

Bevor Sie Ihre eigenen Filme drehten, haben Sie lange als Regieassistent gearbeitet, auch in größeren Produktionen. Was waren das für Erfahrungen?

Unter anderem habe ich für Sandra Nettelbeck gearbeitet, bei Mr. Morgan’s Last Love, der größtenteils in Köln gedreht wurde. Aber auch für Luc Besson bei seinen Werbefilmen oder für Quentin Tarantinos Inglourious Basterds. Dort war ich vor allem für die Komparsen zuständig. Etwa zehn Jahre lang arbeitete ich in diversen Funktionen als Assistent. Das formt einen und ist eine gute Ausbildung.

Und was kommt als Nächstes?

Ich habe die Rechte an einem Dokumentarfilm erworben für einen neuen Spielfilm. Es ist noch zu früh, um darüber zu reden, aber es geht erneut um eine Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Ich versuche in meinen Filmen soziale Probleme aufzugreifen, aber mit den Mitteln des Kinos. Dabei geht es mir auch darum, Lösungen anzubieten und Fragen zu stellen nach dem, was gerecht oder ungerecht, was verboten ist und was nicht. Ich möchte, dass man darüber nachzudenkt, wie wir besser zusammenleben können. Mir haben die Frauen in meinem Film so viel beigebracht. Ich bewundere sie für ihre Lebenskraft.

Haben Sie den Kontakt aufrechterhalten?

Wir stehen immer noch in engem Kontakt. Der Film läuft noch in den Kinos, obwohl er bereits auf VoD und DVD erschienen ist. Die Frauen begleiten ihn in einigen Vorführungen. Aus einem so intensiven Film kommt man nicht „unbeschadet“ heraus (lacht). Ich bin da reingeraten, und nun gibt es kein Zurück mehr. Die Frauen sind in den sozialen Netzwerken sehr präsent auf Facebook und Instagram. Sie können sich also mit ihnen in Verbindung setzen.


Porträt Julien-Louis Petit © Naïs Bessaih; Filmfotos: Piffl

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