Interview mit Céline Sciamma

Samstag, 02.11.2019

Ein Gespräch mit der französischen Regisseurin Céline Sciamma anlässlich der Filmstarts von "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Diskussion

Die französische Regisseurin Céline Sciamma katapultierte sich schon mit ihrem Debütfilm „Water Lilies“ (2007) in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Mittlerweile ist sie Stammgast bei den großen Filmfestivals. Ihr jüngstes Werk „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist eine vielschichtige Liebesgeschichte zwischen einer Malerin und einer jungen Adligen, die sie porträtieren soll.


In Ihren ersten drei Filme „Water Lilies“ (2007), „Tomboy“ (2011) und „Mädchenbande“ (2014) geht es um das Erwachsenwerden der weiblichen Figuren, um ihre Suche nach Identität, auch sexueller Identität. Woher kommt dieses große Interesse für den Blick junger Frauen auf die Welt?

Céline Sciamma: Ich hatte das große Glück, schon als junge Frau Filme machen zu können und über Dinge zu reden, die ich kenne und verstehe. Darum waren meine ersten drei Filme eng mit der Kindheit und Jugend der Heldinnen verbunden, auch mit weiblicher Identität. Auch in meinem neuen Film „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ verfolge ich dasselbe Thema, diesmal mit erwachsenen Frauen. In den anderen Filmen gab es auch immer diese Sehnsucht nach Liebe, die auch die Entdeckung des eigenen Selbst ist. Dieses Mal wird die Liebe voll ausgelebt – daraus entsteht so etwas wie ein Dialog. Ich bin 40 Jahre alt – ich muss jetzt über diese Dinge reden. (lacht)

Es gibt aber auch noch das Thema des weiblichen Zusammenhalts, vor allem natürlich in „Mädchenbande“…

Sciamma: Ja, Sie haben recht. Je mehr sich meine Arbeit entwickelt, desto mehr kommt auch das Thema der Freundschaft hinzu, der Schwesternschaft, aber auch der Fähigkeit, das Leben voll auszukosten. Dazu gehört auch der Zusammenhalt, diese kleinen Inseln, die Frauen gemeinsam errichten. Sichere Räume, wo wir experimentieren können und unser Leben leben können. Meine Filme geben dieser Vorstellung Raum, in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ sogar noch sehr viel radikaler als in den vorangehenden Filmen.

Vier junge Frauen halten zusammen: "Mädchenbande"
Vier junge Frauen halten zusammen: "Mädchenbande"

Sie haben aber auch das Drehbuch zu André Téchinés Film „Mit siebzehn“ geschrieben, in den die beiden Hauptfiguren heranwachsende Jungs sind.

Sciamma: Für mich ist das dieselbe Arbeit. Es geht darum, wie man Charaktere erschafft, ohne sie zu Objekten zu machen, und einen Zugang zu ihren Erfahrungen zu finden. Der weibliche Blick bezieht sich ja nicht nur auf das Filmen von Frauen. Es geht auch darum, sich der Bilder und Darstellungen bewusst zu sein. Man muss sehr aufmerksam sein, wenn man etwas erfinden oder komponieren will. Sonst wird es konventionell, oder man kreiert Charaktere, die hohl sind. Das gilt für Männer und Frauen. Meiner Meinung nach schadet der männliche Blick der männlichen Repräsentation. Ich habe mir gedacht, dass es für mich sehr interessant sein könnte, es einmal anders zu machen.

Wie haben Sie mit André Téchiné beim Drehbuch zusammen gearbeitet?

Sciamma: In meiner Karriere als Drehbuchautorin war dies das einzige Mal, dass ich mit jemand anderem zusammen am Schreibtisch gesessen bin. Ich bewundere Téchinés Werk. Meine ersten cinephilen Emotionen sind mit seinen Filmen verbunden. Es hat darum sehr viel Spaß gemacht, seine Matrix zu betreten und Zugang zu seinem Denken zu erhalten, zum einen, um Anteil daran zu haben, zum anderen, um ihn bei seinen Zielen zu unterstützen. Die Tatsache, dass er einen Film über Jugend machen wollte, hat mich angespornt, aus ihm einen jungen Filmregisseur zu machen.

Er ist jetzt 76 Jahre alt.

Sciamma: Ja, genau. Er war 73, als wir zusammen arbeiteten. Aber es fühlte sich nie so an, als wenn es zwischen uns eine große Altershierarchie gegeben hätte. Ich bewundere ihn sehr, er hat meinen Ehrgeiz sehr angestachelt, und wir haben eine sehr intensive Beziehung.

Was mögen Sie mehr: Drehbücher schreiben oder Filme inszenieren?

Sciamma: Das hat sich geändert. Ich mochte immer die Balance zwischen beidem, auch die Tatsache, dass ich mich nicht immer nach meinen eigenen Wünschen richten musste, sondern auch in andere Logiken und Welten eintauchen und mich so ablenken konnte. Doch mit den Jahren bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ich keine Zeit mehr verlieren möchte. Es ist natürlich kein Zeitverlust, für andere zu arbeiten. Aber manchmal muss man sich mit großen Projektverschiebungen abfinden. Zum ersten Mal sein langer Zeit habe ich keinen Drehbuch-Auftrag, und dieses Gefühl gefällt mir. Allerdings weiß man nie, was passieren wird. Ich war wirklich gesegnet mit einigen Projekten. Bei „Mein Leben als Zucchini“ hat es mir einfach Freude bereitet, einen Film für Kinder schreiben zu dürfen. Wenn sich so etwas wieder ergeben sollte, würde ich es umgehend machen.

Berührender Kinderfilm: "Mein Leben als Zucchini"
Berührender Kinderfilm: "Mein Leben als Zucchini"

Ihre ersten drei Spielfilme spielten in der Gegenwart, nun aber gehen Sie mit „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ 250 Jahre in die Vergangenheit zurück. Warum?

Sciamma: Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen wollte ich über Kunst und Gemälde sprechen. Wenn man sich diese Periode anschaut, war es eine sehr reiche Zeit für Frauen, für Künstlerinnen. Es gab zu dieser Zeit Hunderte von Malerinnen, die auch erfolgreich waren. Doch in der Kunstgeschichte finden sie nicht statt. Diese Tatsache, die mich sehr interessierte, gab dann den Zeitrahmen vor. Zurück in die Zeit zu gehen fühlte sich dabei nicht falsch oder wie eine Konvention an. Diese Geschichte, die nie erzählt wurde, gehört definitiv der Gegenwart. Ich habe bei dem Film auch nicht an ein Genre gedacht, das ich respektieren sollte und das mich in eine gewisse Position zwingt, die mich in die Filmgeschichte einordnet. Auch ein Genrefilm ist immer Kino. Man zeigt eine Haltung. Für mich fühlte es sich aber nicht wie ein Entfernen von meiner bisherigen Arbeit an. Was mir gefallen hat, ist, dass es eine Rekonstruktion einer Vergangenheit ist, auch wenn wir vorgeben, dass dem nicht so ist. Es ist nämlich trotzdem dieselbe Arbeit. Man muss jedes Outfit auswählen, man muss Entscheidungen für das Set Design treffen, und auch wenn man junge Mädchen in den Vororten von Paris in einem Raum zeigt, werden meine Sets doch immer extra gebaut, genauso wie hier. Beim neuen Film hat das vielleicht mehr Geld gekostet, aber nicht sehr viel mehr. Was ein „Period Piece“ anbelangt, geht es fast nicht mehr billiger. Für mich war es derselbe Job, aber in einem größeren Maßstab. Ich fühlte mich aber nicht verloren, es gab auch keinen Druck. Es hat einfach Spaß gemacht.

Was sind dann die Herausforderungen, wenn man eine Ära kreiert, die so lange zurückliegt?

Sciamma: Man muss viel recherchieren, besonders was die Situationen der Künstlerinnen angeht. Man muss wirklich forschen, weil das dicke Buch darüber noch nicht geschrieben ist. Die andere Herausforderung ist die Zusammenarbeit mit den anderen. Das ist die Schönheit des Kinos. Der Kostüm-Designer recherchiert über jene Zeit, der Set Designer macht dasselbe. Dies ist meine dritte Zusammenarbeit mit meinem Set Designer Thomas Grézaud (der auch in „Mädchenbande“ und „Tomboy“ mit Sciamma zusammenarbeitete, Anm. d. Red.). Er schlägt immer etwas vor, das dann in den Film einfließt. Wenn es um geschichtliche Filme geht, ist Akkuratesse sehr wichtig. Doch manchmal ist die Überlegung auch interessant, was man nicht mit ins Bild nimmt. Zum Beispiel gibt es jetzt in dem Film kaum Möbel. Die wenigen Stücke haben wir selbst gebaut, aus Holz und mit Baumwolle. Es ging mehr darum, ans Kino zu glauben, an die Aktion, an klare Linien.

Nuancierte Darstellerinnen: Adèle Haenel (l.) und Noémie Merlant (r.)
Nuancierte Darstellerinnen: Adèle Haenel (l.) und Noémie Merlant (r.)

Sie arbeiten also sehr eng mit Kostüm- und Set-Designer zusammen?

Sciamma: Ja, da gibt es eine sehr enge Abstimmung. Ich wollte zum Beispiel für die Charaktere so etwas wie eine Uniform. Wir haben uns dann zahlreiche Kostüme angeschaut. Sie durften nicht aus Seide sein, eher schwere Stoffe, die die Schauspielerinnen einengen, in ihre Rolle zwingen und gleichzeitig die Soziologie ihrer Figuren beschreiben. Ich wollte auch, dass die Kostüme der Malerin Taschen hat, auch wenn mir andere sagten, dass das zu anachronistisch oder zu modern sei. Tatsache ist aber, dass es damals schon Taschen gab und sie dann im 19. Jahrhundert verschwanden. Die „femme bourgoise“ wurde erfunden, und so ging die Mode einen Schritt rückwärts. Mir gefiel die Idee dieser Silhouette, die darüber hinaus auch noch akkurat ist. Das ist der Job, den wir machen: Wir versuchen, den Frauen von damals ihre Gegenwart zurückzugeben.

Wie haben Sie dann die Schauspielerinnen gefunden?

Sciamma: Teil der Sehnsucht, diesen Film zu machen, war es, wieder mit Adèle Haenel zu arbeiten, weil „Water Lilies“ im Jahr 2007 unser gemeinsames Filmdebüt war und uns seitdem ein lange Beziehung verbindet. Ich wollte von ihr Seiten zeigen, die wir noch nicht an ihr gesehen haben. Die andere große Sehnsucht bestand darin, beim Dreh eines Films jemanden zu treffen, den ich bislang noch nicht kannte. Das Model – das kannte ich sehr gut. Aber die Malerin, Noémie Merlant – die musste ich mir noch anschauen, während sie gleichzeitig das Model anschaut. Im Grunde schaute Noémie Merlant auch mich an, um sehen, wie sie agieren sollte, und wir haben Adèle Haenel, und ich schaue auch auf sie, und diese Zirkulation der Blicke erzählt viel darüber, wie wir den Film geschaffen haben. Noémie Merlant kam sehr früh im Casting-Prozess dazu. Sie war sehr bemerkenswert. Das Vorlesen war sehr spielerisch. Doch als sie dann mit Adèle Haenel im selben Bild stand, war die Entscheidung gefallen. Da war dieser große physische Kontrast, diese Dynamik, nach der ich suchte. Sie bilden ein sehr kinogerechtes Duo, körperlich, aber auch psychisch. Sie sind beide sehr starke, sehr intensive, entschlossene und mutige Schauspielerinnen. Ich wollte niemanden, den das Publikum schon kannte. Es geht ja um eine lesbische Liebesgeschichte, der man glauben soll. Mit berühmten Schauspielerinnen, die das nur „dargestellt“ hätten, hätte das nicht geklappt. Ich wollte ein ikonisches, neues Juwel schaffen. Das ist auch eine der großen Freuden am Kino.

Ein ikonisches Juwel: "Porträt einer jungen Frau in Flammen"
Ein ikonisches Juwel: "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Sie sprachen von einer „Zirkulation der Blicke“. Zwischen den Schauspielerinnen gibt es kurze und lange Blicke, schüchterne und neugierige. Wie haben Sie dieses „Ballett der Blicke“ konzipiert?

Sciamma: Das stand so schon im Drehbuch, vor allem der Rhythmus der Blicke, wann sie einander anschauen. Das haben die Schauspielerinnen sehr genau gewusst. Es geht nicht darum, ihnen vorzuschreiben, was sie tun müssen. Es ist vielmehr ein Weg, die Konversation zu beginnen, ihre Bindung zu zeigen oder ihre Absichten kundzutun. Sie müssen „tanzen“. Ich selbst nenne es eine Kollektion von Blicken. Wie Sie schon sagten: Wir haben diesen Blick, wir haben jenen Blick. Das ändert sich mit jeder Szene. Und zeigt, wie gut die Schauspielerinnen sind. Wenn es im Drehbuch steht, sind sie sehr, sehr gut. Sonst würden sie vielleicht Vorschläge machen, die nicht passen. Man muss gleich beim ersten Mal sehen, dass sie sich begehren. Das machen die beiden genial.

Ich mochte den Beginn des Films, wenn Marianne einfach aus dem Boot springt, um ihren großen Koffer wiederzubekommen. Eine Frau tut so etwas nicht, und so zeigt Marianne, dass sie anders ist als andere…

Sciamma: Und der Film zeigt es auch: Dies ist eine Frau, die nicht den Konventionen gehorcht. Sie springt ins Wasser, um ihre Sachen zu holen. Das Wichtige aber ist: Der Film springt auch ins Wasser. Die Kamera geht auch ins Wasser, wir schwimmen mit ihr zusammen. Das sind zwei Informationen: Dieser Charakter wird sich aktiv verhalten, und der Film wird diesen Sprung mitmachen.

Auf der Insel leben nur Frauen…

Sciamma: Nein – wir zeigen die Männer nur nicht.

Die Insel erscheint wie ein Refugium oder sogar ein Utopia.

Sciamma: Ja – das stimmt. Im Kino geht es um die Entscheidung, was im Bild zu sehen ist. Ich wollte keine Männer zeigen, weil es sonst auch um den Druck und die Dominanz gegangen wäre, die in der damaligen Zeit existierten und auch heute noch existieren. Wir schauen jetzt auf das, was möglich ist, auf das Potenzial der Frauen. Man kann es auch ein Utopia nennen, doch das sind keine imaginären futuristischen Träume, es beruht auf Lebenserfahrung, vielleicht auf einem höheren Level, wenn sie mehr auf Gegenseitigkeit beruhen würde. Auch politische Utopien – es muss einen Platz geben, wo die Wirtschaft nicht alles bestimmt, wo es keinen Sexismus und keinen Rassismus gibt. Diese Plätze gibt es, in Familien, Gemeinschaften, vielleicht in einer Stadt. Diese Kultur muss wachsen. Dieses Utopia erwächst aus den Erfahrungen, die wir machen, und wandelt sich zu Ideen.


Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Landschaften wie Gemälde aussehen. Wie haben Sie das mit der Kamerafrau Claire Mathon erarbeitet?

Sciamma: Irgendwie war es sicher, dass Zuschauer Referenzen für Gemälde finden würden. Wir haben aber nicht danach gesucht; nur bei den Gemälden, die im Film vorkommen, ging es darum. Wir wollten, dass der Film wirklich sehr, sehr schön wird. Wir stellten uns die Fragen eines Malers, aber wir fanden die Antworten im Kino. Das macht die Schönheit des Kinos aus, dass man Fragen aus den anderen Künsten stellen kann. Die Fragen des Malers nach dem Rahmen und dem Licht und der Anordnung der Figuren innerhalb des Rahmens, die Fragen des Musikers nach dem Sound, die Fragen des Schriftstellers nach Dialogen und dem Schreiben – das alles beantwortet meine Fragen nach dem Kino.

Die Malerei befragt, mit den Mittel des Kinos geantwortet: "Porträt einer jungen Frau in Flammen"
Die Malerei befragt, mit den Mittel des Kinos geantwortet: "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Foto oben: Porträt von Céline Sciamma; © Claire Mathon. Andere Fotos:  © Peripher, Pro-Fun, Polyband, Alamode

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