Sturm vor der Ruhe

Mittwoch, 13.11.2019

Ein Interview mit der nordmazedonischen Regisseurin Teona Strugar Mitevska über ihren Film „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“

Diskussion

Die nordmazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska erzählt in ihrem fünften Film Gott existiert, ihr Name ist Petrunya (Kinostart am 14. November) von den Konflikten, die eine junge Frau in ihrer archaischen Dorfgemeinschaft auslöst, als sie sich gegen eine patriarchal-religiöse Tradition auflehnt. Der Film wurde bei der „Berlinale“ 2019 mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Ein Gespräch über die Last des Postkommunismus, erstarrte Strukturen und Grundlagen für Optimismus.


Der Filmtitel „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ (hier geht es zur Filmkritik) drängt die Frage fast auf: Ist Gott eine Frau?

Teona Strugar Mitevska: Wahrscheinlich hat Gott kein bestimmtes Geschlecht. Aber es ist absurd, dass die Menschheit über Jahrhunderte hinweg in der westlichen Welt immer wieder dieses Bild geprägt hat, dass Gott ein Mann ist.

Ist die Protagonistin Petrunya eine Kämpferin für eine bessere Welt? Was bringt sie dazu, in der zentralen Szene dem Kreuz hinterherzuspringen?

Strugar Mitevska: Petrunya hat ein feines Gespür für Ungerechtigkeit. Sie spürt diese Ungerechtigkeit in ihrer Umgebung, damit ist sie aufgewachsen. Aber sie ist keine geborene Kämpferin, sondern sie treibt etwas verloren inmitten dieser Zustände. Manche würden sie als Loser bezeichnen. Im Laufe der Handlung verschlimmern sich die Umstände, sodass sie irgendwann einfach reagieren muss. Dadurch wird sie stärker und findet zu sich selbst.

Petrunya ist Teil eines Ensembles starker Frauenfiguren von der Mutter über ihre Freundin bis zur Fernsehjournalistin. Spiegeln diese Figuren die Situation der Frauen in Nordmazedonien wider?

Strugar Mitevska: Die Situation von Frauen ist ein Thema aller meiner Filme, denn als Frau aus der Balkanregion kenne ich mich da aus und die Situation frustriert mich. Aber die Frustration ist auch eine große Quelle der Kreativität. Sie gibt uns die Kraft und den festen Willen, etwas zu ändern. Als wir die Charaktere um Petrunya herum entwickelten, war es uns wichtig, kein uniformes Bild zu zeichnen. Wir wollten keine Einheitstypen, weder Frauen noch Männer, denn wir alle reagieren in schwierigen Situationen höchst unterschiedlich. Meine Protagonistinnen werden von diversen Faktoren bestimmt. Da ist auf der einen Seite das Alter, auch die Angst vor dem Alter, das besonders die Konflikte zwischen Petrunya und ihrer Mutter bestimmt, aber auch der Konflikt um Tradition und Moderne. Die Differenz zwischen Klein- und Großstadt ist ebenfalls sehr wichtig, denn die Journalistin kommt aus Skopje und ist natürlich emanzipierter als die Frauen in der Provinz. Meine Idee war auch, dass alle Frauen auf irgendeine Weise Opfer ihrer Umgebung sind und jede auf ihre Weise versucht, sich zu befreien. Das gelingt dann aber nur Petrunya, nicht den anderen. Beim Schreiben ist man oft versucht, seine Protagonistinnen und Konflikte zu übersteigern oder zu idealisieren. Hier aber habe ich wirklich versucht, alles so wirklichkeitsnah wie möglich zu schildern. Die Wirklichkeit ist die Wahrheit, und was ist Kunst? Kunst ist doch nichts anderes als die Suche nach der Wahrheit.



Diesen Realismus spürt man besonders in der ersten Hälfte des Films. Wieweit spiegelt diese kleine Stadt die mazedonische Gesellschaft insgesamt wider?

Strugar Mitevska: Auf jeden Fall! „Petrunya“ beruht auf einem authentischen Fall. Für uns war klar, dass wir hier über das moderne Mazedonien sprechen, über die Beziehung zwischen Kirche und Staat, die Macho-Kultur, und die fehlende Freiheit des Individuums, aber ganz besonders auch über die Stellung der Frau. Das war eine großartige Gelegenheit. Im zweiten Teil verlegen wir die Konflikte in das Innere der Polizeistation. Dadurch werden die Machtstrukturen noch offensichtlicher. „Petrunya“ ist ein Porträt der mazedonischen Gesellschaft, aber auch ein Porträt der ganzen Balkanregion und großer Teile der Welt. Davor können wir nicht die Augen verschließen. Das Versprechen Gleichheit und Gerechtigkeit für alle ist bis heute unerfüllt. Deshalb kämpfen wir so darum. Der Film spricht Probleme an, die das Publikum weltweit beschäftigen, auch in ihren eigenen Gesellschaften.

Und der Mob, diese kahlgeschorenen jungen Männer mit den nationalistischen Tattoos?

Strugar Mitevska: In gewisser Weise sind die Männer auch Opfer, denn in einer solchen Macho-Kultur, in der man immer der Stärkste und Brutalste sein muss, zerbrechen auch die Männer. Wir sprechen über Petrunya und die anderen Frauen, wie schlecht es ihnen geht und dass sie Opfer ihrer Umgebung sind. Aber eben nicht nur sie. Auch Männer sind Opfer dieser Umgebung, denn wenn man hier groß geworden ist, dann man gar nicht anders als ein Macho sein. Männer haben keine Möglichkeit, sich zu verändern. Der junge Polizist, der als einziger Petrunya ernst nimmt und sich etwas in sie verliebt, sagt einmal zu ihr: „Ich wünschte, ich hätte deinen Mut, ich wünschte, ich wäre wie du. Aber ich bin es nicht.“ Er wäre wirklich gerne anders, als er ist, aber mit diesen Kollegen und in diesem Umfeld schafft er es nicht. Bei Petrunyas Mutter ist es ähnlich: Sie steckt so in ihren Traditionen fest, dass sie ebenfalls ein Opfer dieser Strukturen ist. Der Film beschwört Freiheit und Selbstbefreiung, was aber nicht heißt, dass man alle Traditionen und unsere Geschichte über Bord werfen soll! Geschichte ist wichtig. Nicht ohne Grund ist Petrunya Historikerin. Wir definieren uns über unsere Geschichte und über unsere Traditionen, aber wir können uns auch von schweren Lasten auf unseren Schultern befreien, etwas Besseres aufbauen und die Regeln neu bestimmen.

Teona Strugar Mitevska mit Zorica Nusheva bei der Premiere ihres Films im deutschen Filmmuseum in Frankfurt/Main
Teona Strugar Mitevska mit Zorica Nusheva bei der Premiere ihres Films im deutschen Filmmuseum in Frankfurt/Main

Viele aktuelle Filme aus Osteuropa schlagen Alarm, was die Fremdenfeindlichkeit und den Vormarsch der extremen Rechten im Postkommunismus betrifft.

Strugar Mitevska: Menschen brauchen Zeit, um mit den politischen Entwicklungen Schritt zu halten. Zeit, um zu verstehen, und Zeit, um Wege zu finden und vorwärtszukommen. Auf dem Balkan haben wir lange in einer Art Wolke gelebt. Wir haben nichts aufgebaut, wir haben nur überlebt. Plötzlich tauchen dann all die Rechtsradikalen und Rechtspopulisten auf und geben den Ton an. Das macht Angst. Vielleicht aber ist es der Sturm vor der Ruhe. Ich bin eher optimistisch und glaube an die Menschheit. Ich glaube, dass jeder von uns ein Gespür dafür hat, was gut und was schlecht ist. Ich glaube auch, dass wir vom Kapitalismus und einer patriarchalen Gesellschaft und der Religion, die dazu gehört, vergiftet sind, von Strukturen, die sich über Jahrhunderte etabliert haben und die nur auf Profit beruhen. Wie kann man eine gerechtere Gesellschaft errichten, wenn alles nur auf Gewinnmaximierung beruht? Den eisernen Regeln des Finanzkapitalismus? Wenn man mich fragen würde, was man machen muss, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, dann würde ich den Kapitalismus einschränken. Es gibt ja Hoffnungszeichen, etwa die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern, das ist so erfrischend. Ich hoffe, dass sich auch auf dem Balkan politisch bald etwas ändert.



Hat sich die Rolle der Frau und die Macht der Religion nach dem Kommunismus verändert?

Strugar Mitevska: Das ist die Tragödie der Balkanstaaten und insbesondere die Ex-Jugoslawiens, dass im Kommunismus alle gleich waren, offiziell zumindest. Inoffiziell galt das nur mehr oder weniger, es gab Korruption und Nepotismus. Die Religion war nicht verboten, hatte aber keinen großen Einfluss. Nur die Alten, meine Großmutter etwa, die gingen immer in die Kirche. Ich hatte nie die Bibel gelesen und fragte meinen Vater danach. Er antwortete, dass ich die Bibel schon noch lesen werde, früher oder später. Er gab mir etwas anderes – den Koran. Das fand ich sehr spannend, denn er war eigentlich ein orthodoxer Christ. Doch er wollte, dass ich den Koran lese, damit ich etwas über andere Religionen lerne. Das spiegelt das entspannte Verhältnis zu den Religionen im alten Jugoslawien wider. Mit dem Krieg und dem Ende Jugoslawiens sind wir dann in eine Periode der Hysterie eingetreten, die bis heute anhält. Im hysterischen Nationalismus oder beim religiösen Fanatismus will sich jeder als Angehöriger einer Ethnie oder einer Religion definieren. Das ist absurd. Als ob es keine wichtigeren Probleme auf der Welt gäbe.

Was wird die Zukunft von Petrunya sein? Wird sie in ihrer Heimat bleiben?

Strugar Mitevska: Der echten „Petrunya“ war es nicht möglich, nach der Hasswelle und der Ablehnung, die sie erfuhr, nachdem sie das Kreuz ergriffen hatte, in ihrer Heimatstadt zu bleiben. Sie wurde fast gesteinigt! Heute lebt sie in London, in einer viel demokratischeren Gesellschaft. Wir haben den Film in der gleichen Stadt gedreht, in der auch die reale Geschichte passiert ist. Als wir mit unserem Team ankamen, waren die Leute sehr abweisend. Der Priester sagte: „Gott existiert, aber er ist keine Frau, er ist ein Mann!“ Doch diese negative Stimmung hat sich gewandelt. Heute springen die Frauen genauso wie die Männer ins Wasser, um das Kreuz zu fangen. Das ist kein Verdienst des Films, aber vielleicht haben die Diskussionen um den Film und nach dem Film doch ein wenig dazu beigetragen, dass sich manches gelockert hat. Dieses Jahr hat erneut ein Mädchen das Kreuz gefangen und keiner hat sich darüber geärgert. Im Gegenteil, alle waren froh. Das ist positiv. Doch was ist die Zukunft von Petrunya? Ich glaube, dass sie andere Konflikte finden wird, andere Themen, für die sie kämpfen kann!

Wie war es möglich, diesen Film zu produzieren?

Strugar Mitevska: Wir sind Teil des europäischen Filmförderungssystems und das ist eine große Chance. Der Film wurde zu 40 Prozent aus mazedonischen Geldern finanziert, der Rest kam aus europäischen Töpfen und von Euroimage. Vor dem Dreh haben wir das Buch an verschiedene Script-Entwicklungsprogramme geschickt, nach Sarajevo und nach Paris. Mit dem Drehbuch fanden wir Co-Produktionspartner in fünf Ländern: Nordmazedonien, Kroatien, Slowenien, Frankreich und Belgien. Es ist also ein wirklich europäisches Projekt.



Ist es schwerer, Regie bei einem Projekt mit so vielen internationalen Partnern zu führen?

Strugar Mitevska: Für mich nicht, es ist mein fünfter Film und alle meine Filme waren Co-Produktionen. Es war für mich schwerer, die erste Frau auf dem Regiestuhl zu sein und nicht zum mazedonischen Boys-Club zu gehören. Ohne europäische Unterstützung hätte ich meine Filme nicht machen können. Früher bekam ich immer zuerst finanzielle Unterstützung aus dem Ausland, aus Deutschland, aus Belgien und anderen Ländern und dann erst aus Nordmazedonien. Doch das hat sich inzwischen geändert. Ich habe von Anfang an immer mit europäischen Partnern gearbeitet. Mein Kameramann kommt aus Belgien, meine Ausstatter stammen aus Slowenien. Ich suche mir zuerst meine Mitarbeiter aus, ehe ich in deren Ländern nach Filmförderung anfrage. Zusammen schaffen wir ein überzeugendes Resultat. Wir achten darauf, dass die Co-Produktion dem Film nicht schadet. Für eine europäische Co-Finanzierung würde ich niemals inhaltliche Einschränkungen machen.





Fotos:  Porträts von Strugar Mitevska: © Ralf Werner/ jip film & verleih; Filmstills: ©Ralf Werner/ jip film & verleih

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