Schnipsel #8: Sommerfilmtage

Freitag, 29.11.2019

In Erfurt startet ein Projekt, das die Alltagsgeschichte des DDR-Kinofilms erarbeiten will. Dabei lief ein Film, den ein Sammler aus dem Keller des Kinoklubs gerettet hatte. Eine der vielen Facetten im Kampf um die Bewahrung des Filmerbes

Diskussion

In Erfurt startet ein Projekt, das die Alltagsgeschichte des DDR-Kinofilms erarbeiten will. Beim Auftakt lief eine unbekannte Dokumentation über Erfurt, die ein privater Sammler aus dem Keller des ehemaligen Kinoklubs der thüringischen Hauptstadt gerettet hatte. Eine der vielen Facetten im vielfältigen Kampf um die Bewahrung des Filmerbes.


In Erfurt wurde am 16. November ein „bürgerwissenschaftliches Forschungsprojekt“ vorgestellt. „Anhand von Zeitzeugenberichten, Beschreibungen und überlieferten Dokumenten soll in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Erfurt eine Alltagsgeschichte des DDR-Kinofilms erarbeitet werden“, heißt es in der Projektbeschreibung auf der dazugehörigen Website.

Es geht also nicht nur um DEFA-Filme, auch wenn bei der Auftaktveranstaltung durch einen Impulsvortrag über das Trickfilmstudio der DDR-Filmgesellschaft ein Akzent in diese Richtung gesetzt wurde. Die anschließende Publikumsdiskussion ließ dann aber erkennen, was für das Forschungsprojekt spezifisch und problematisch zugleich sein könnte: dass Erinnerungen an die Zeit vor 1990 offenbar auch dann unter Rechtfertigungsdruck geraten, wenn es um ein vergleichsweise unpolitisches Thema wie den Kinobesuch geht.


„Erfurt – Geschichte eines Bezirkes“

Einen Programmpunkt beim Auftakt bildete die Vorführung einer apokryphen Dokumentation aus dem Jahr 1979, die unter dem Titel „Erfurt – Gesichter eines Bezirkes“ gezeigt wurde. Der tatsächliche Name fehlte auf der Rolle, ebenso wie weitergehende Hinweise; bislang ist lediglich sicher, dass der Film von der DEFA fürs Fernsehen der DDR produziert wurde.

Vorgeführt wurde der Film von Hannes Ziegenhorn, dessen Geschichte ein interessantes Schlaglicht auf die weitverzweigten Kräfte bei der Bewahrung des Filmerbes wirft.

Ziegenhorn ist Jahrgang 1994 und arbeitet als Ingenieur für Elektrotechnik. Er stammt aus Großbreitenbach, einer knapp 3 000 Einwohner großen Gemeinde 20 Autominuten südlich von Ilmenau. Ziegenhorn war ein Teenager, als „Avatar“ in die Kinos kam und die Digitalisierung von Produktion und Projektion den Kinofilm entscheidend prägte.

Dennoch gehört der junge Mann, der sich selbst als „technikaffinen Menschen“ beschreibt, zu der Handvoll Sammler analoger Technik und alter Filmrollen, die es in Thüringen gibt; ein über Foren und soziale Netzwerke verbundener Teil einer Szene von Privatleuten, die ohne Auftrag an der Bewahrung einer obsolet gewordenen Kulturpraxis wirken.

Die Sammlung von Ziegenhorn umfasst etwa 100 Filme, hälftig Blockbuster und Entdeckenswertes, dazu ein kleiner Teil, der, „böse gesprochen, Arthouse-Müll“ ist, sowie ein paar türkische Filme, die in einem zu räumenden Lager in Sachsen untergebracht waren. Die auf der Auftaktveranstaltung des Forschungsprojekts gezeigte Dokumentation stammt dagegen aus dem Keller des Kinoklubs der Thüringer Landeshauptstadt, dem 1975 eröffneten und mittlerweile ältesten Kino von Erfurt.


Mit angeschlossener Kleingastronomie

Ursprünglich war das Klubkino gegründet worden, um die kulturelle Versorgung der werktätigen Bevölkerung in den DDR-Jahren in geselliger Atmosphäre mit einer angeschlossenen Kleingastronomie zu befördern. Seit 1990 fungiert der Kinoklub am Hirschlachufer als kommunales Kino.

Das Interesse von Ziegenhorn am Kinobetrieb gilt auch den Maschinen. Zur Sammlung gehören ein Dutzend Standprojektoren und knapp zehn portable Projektoren, die in autodidaktisch angeeigneter Heimarbeit wiederhergerichtet und gepflegt werden. Der Begriff des Heimkinos im elterlichen Haus in Großbreitenbach, das sich in einer einstigen Gastwirtschaft mit angeschlossener Kegelbahn befindet, wird dadurch weitergefasst als die Möglichkeit, Blu-rays auf eine Leinwand zu werfen.

Die Projektoren sind aber auch äußerst hilfreich, um bei einer Vorführung wie bei der „Kino in der DDR“-Veranstaltung Filme auf dem Land vorzuführen. Mehrmals im Jahr rückt Ziegenhorn mit Kombi und Anhänger in die nähere Umgebung aus, um Filme vom analogen Projektor vorzuführen, etwa zum 50. Geburtstag des Freibads in Dachwig, einem Ort 20 Kilometer nördlich von Erfurt. Oder um im heimischen Großbreitenbach an eine Tradition aus vergangener Zeit anzuschließen.

Die Gemeinde verfügte nicht nur über ein eigenes Kino, sondern nannte bis 1992 auch eine Freilichtbühne auf dem lokalen Campingplatz ihr Eigen. Diese wurde im Rahmen der DDR-weiten Sommerfilmtage bespielt und mitunter von Filmprominenz besucht; so war unter anderem Gojko Mitic zu Gast. Das Gestell für die Leinwand ist noch erhalten, der Vorführraum dagegen wurde abgerissen, so dass Ziegenhorn seinen Projektor jetzt unter einem provisorischen Pavillon aufbaut.


Ein Blick auf die Technik

Was mit Blick auf die Präsenz der überkommenen Technik durchaus ein Vorteil ist: Während sich die Veränderungen bei der Projektionstechnik in Kinos mit geschlossenen Vorführkabinen für das Publikum praktisch unsichtbar ereigneten, ist es für die Besucher des Großbreitenbacher Campingplatzkinos sichtbar, wie der Film auf die Leinwand gelangt – als ratternder Analogfilm im klassischen Projektor.


Alle „Schnipsel-Blog-Beiträge und Essays, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums von Matthias Dell entstehen, finden sich hier.


Foto: Uni Erfurt/Kino in der DDR



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