Ein Empfinden für den Verlust der Heimat wecken

Montag, 23.12.2019

Die Regisseurin Caroline Link im Gespräch über ihre Judith-Kerr-Verfilmung „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“

Diskussion

Im Zentrum der Filme von Caroline Link stehen oft Familien, in denen es Konflikte und Zerwürfnisse gibt, die aber in der Lage sind, dafür Lösungen zu finden. In der Judith-Kerr-Verfilmung „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ kommen Flucht und Exil dazu. Ein Gespräch mit der Regisseurin.


Der Roman „Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr ist seit seinem Erscheinen ein Bestseller. Wann haben Sie den Roman zum ersten Mal in die Hände bekommen?

Caroline Link: Ich habe den Roman schon in den 1970er-Jahren gelesen. In meiner Kindheit war das Schullektüre. Ich glaube, dass es in der sechsten Klasse war, also am Anfang des Gymnasiums in Bad Nauheim. Das Buch hat mir damals gut gefallen. Ich war Judith Kerr sehr dankbar, dass es keine Geschichte war, vor dem man Angst haben musste. Es gibt in dem Buch nichts, das so grausam ist, das ist einen komplett verstört. Trotzdem besaß die Geschichte schon damals die Kraft, bei allen fröhlichen Erlebnissen einen schmerzvollen Unterton mit zu erzählen. Sie handelt ja auf eine sehr tiefe Weise vom Verlust der Heimat.

Riva Krymalowski spielt die kleine Anna Kemper in der Judith-Kerr-Verfilmung "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"
Riva Krymalowski spielt die kleine Anna Kemper in  "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Judith Kerr ist im Frühjahr 2019 verstorben. Sie waren mit ihr aber in Kontakt?

Link: Wir haben zweimal länger telefoniert, während ich am Drehbuch geschrieben habe. In diesen Telefonaten hat sie mir vor allem vermittelt, dass das Bild ihres Vaters nicht beschädigt werden soll. Nach der ersten Skizze, die ich ihr zu meinem Film geschickt hatte, fürchtete sie offenbar, dass wir ihren Vater zu kritisch zeigen könnten. Ich habe ihr meinerseits erzählt, dass ich Alfred Kerr ganz besonders interessant finde. Ich hatte gerade eine Biografie über ihn von Deborah Vietor-Engländer gelesen. In der steht vieles drin, was Judith Kerr selbst lange Zeit nicht wusste. Auch Dinge, die ihrem Roman ein kleines bisschen widersprechen. Denn Judith Kerr hat darin ja immer betont, dass die Zeit der Flucht mit der Familie die schönste Zeit ihres Lebens war, weil sie sich als Familie so nah gewesen sind, weil die Familie sich so gut verstanden hat und weil die Eltern die existenzielle Not und die Zustände auf der Flucht vor den beiden Kindern so gut zu verbergen wussten.

Wenn man dann aber liest, wie Alfred Kerr in den ersten Monaten der Emigration gelitten hat, wie er sich in Paris gedemütigt fühlte, und wie deprimiert die Mutter über ihre Situation war, dann kann man sich nicht so recht vorstellen, dass Judith Kerr als kleines Mädchen davon so gar nichts mitbekommen hat. Sie aber sagte: „So war es, mein Vater hat alles vor uns abgeschirmt, wir hatten eine wunderschöne Zeit. Wir haben die Flucht als Abenteuer verstanden, und so möchte ich das auch erzählen.“ Ich konnte ihr das auch zusichern, denn das Abenteuerhafte ist ja auch das, was an diesem Buch so toll ist.


Sie haben eine Drehbuchfassung gemeinsam mit Anna Brüggemann geschrieben. Wie war die Zusammenarbeit?

Link: Es war keine richtige Zusammenarbeit. Anna Brüggemann hat mit dem Drehbuch begonnen. Später, als ich mit meinem vorigen Film „Der Junge muss an die frische Luft“ fertig war, habe ich das übernommen, aber wir haben nicht zusammen gearbeitet. Das kann man nicht so nennen; ich will ihr da aber auch nichts wegnehmen. Sie hat ihre Fassung geschrieben, und die war auch gut, aber es war keine Zusammenarbeit.

Schulunterricht in Französisch: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"
Schulunterricht in Französisch: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"


Im Kino wandeln sich Romane zwangsläufig. Wie haben Sie den Stoff verändert?

Link: Das Abenteuerhafte ist besonders schön an dem Stoff. Trotzdem hat er einen Unterbau aus Kummer und Schmerz und Sehnsucht nach dem Zuhause, das immer weiter wegrutscht. Um das herauszuarbeiten, entstand die Idee, einen roten Faden einzuführen, der nicht in dem Buch enthalten ist: dass sich das Mädchen einen Kalender bastelt, in dem sie die Tage zählt und solange Kreuze macht, bis sie wieder nach Hause fahren – um dann irgendwann zu verstehen: Das macht jetzt keinen Sinn mehr. Ich werde nie mehr nach Hause fahren.

Andere Elemente wollte ich im Film hingegen verstärken. So wie Judith Kerr im Roman den Verlust des rosa Kaninchen beschreibt und mit diesem Kaninchen natürlich alles meint, was ihr Zuhause war, so haben wir im Film versucht, durch die Hausangestellte Heimpi, die im Roman keine große Rolle spielt, einen Menschen hinzuzufügen, der stellvertretend für viele andere zurück bleibt.

Im Paris-Abschnitt haben wir noch andere Dinge verändert. Es gibt im Roman ja auch noch die Figur der Omama, der Schwiegermutter von Alfred Kerr. Die war etwas vermögend. Das fand ich für unsere Geschichte nicht hilfreich, denn solange es so eine wohlhabende Großmutter im Hintergrund gibt, kann die Not nicht allzu groß sein; die hätte ihnen natürlich etwas gegeben. Alfred Kerr hat sich mit seiner Schwiegermutter übrigens nicht gut verstanden. Deswegen haben wir sie die im Film dann ganz weggelassen

Auf der anderen Seite war mir aber wichtig, die Geschichte nicht durch äußere Faktoren zu dramatisieren. Es gab in der Vorbereitung sehr wohl Ideen, Tipps und Wünsche von Dramaturgen und anderen, insbesondere die Zeit in Paris noch weiter zuzuspitzen. Dass dann eben vielleicht doch der Hunger größer wird, oder die Nazis an die Tür klopfen, oder irgendeine andere Form einer ganz konkreten Bedrohung auf den Plan tritt. Das aber wollte ich nicht. Ich wollte vielmehr, dass dem Film gelingt, was dem Buch ja auch über so viele Generationen gelungen ist: die Geschichte so unaufgeregt und so leise zu erzählen und trotzdem relevant zu sein. Also, dass sie nicht oberflächlich oder verharmlosend wirkt, sondern dass man durch die vielen kleinen, sehr individuell erlebten Details dennoch das ganze Ausmaß des Geschehens und des Kummers erzählt. Also einen Satz wie „Man muss tapfer sein, wir müssen trotzdem weitergehen, wir müssen das Gute sehen im Jetzt und im Morgen, und an dem, was wir alles erleben dürfen in fremden Ländern“ als das nehmen, was er ist – und in ihm dennoch den Unterbau des Schmerzes spürbar machen, diese Wehmut und den Verlust der Heimat.


Haben Sie sich ein Publikum vorgestellt? Das Buch würde man ja immer als Kinderbuch beschreiben, aber als eines, das man auch als Erwachsener lesen kann. Wer ist das Publikum Ihres Films?

Link: Über solche Fragen mache ich mir nicht zu viele Gedanken. Das habe ich bei all meinen Film nicht gemacht, höchstens bei der Kästner-Verfilmung „Pünktchen und Anton“. Da wusste ich, dass das ein Kinderfilm wird. Aber in dem Buch von Judith Kerr steckt so viel drin, was uns auch als Erwachsener interessieren kann: Fremdenfeindlichkeit, aufkommender Antisemitismus, Vertreibung und Flucht. Auch die Frage: Was teile ich als Erwachsener mit meinen Kindern? Was mute ich ihnen zu? Wie viel Kraft bekommt man, wenn die Familie zusammenhält?

Als Kinderfilm geplant: "Pünktchen und Anton" (1998)
Als Kinderfilm geplant: "Pünktchen und Anton" (1998)

Ich wollte mit „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ keinen Kinderfilm machen. Ich glaube, dass ich vielleicht sowieso ein Publikum habe, das mir durch meine Filme folgt. Dieses Publikum war schon bei meinem ersten Film, als ich selbst noch relativ jung war, relativ erwachsen: hauptsächlich Frauen ab 35. Das bleibt so; die werden wahrscheinlich auch bei diesem Film mein Publikum sein. Hoffentlich gehen sie mit ihren Kindern und vielleicht sogar schon mit den Enkelkindern rein. Ich weiß nicht, ob sich Jugendliche das anschauen, aber das war noch nie meine Zielgruppe, eher die Jüngeren, die Kinder.


Bei Jugendlichen ist das Tagebuch der Anne Frank eine beliebte Lektüre zur NS-Zeit. Das ist dann aber etwas ganz anderes; das gibt es eine Identifikation mit den Eingeschlossenen...

Link: Wenn man eine unmittelbare Wirkung erzielen möchte, ist Anne Frank natürlich gut, weil es diese unfassbare Grausamkeit und die Ungerechtigkeit sehr stark erzählt. Mein Film hat eine andere Aufgabe. Ich habe das Gefühl, dass dieser Film eine Sensibilität in den Herzen und Köpfen von Kindern erzeugen kann. Eine Empfindsamkeit für Menschen, die ohne eigenes Verschulden von heute auf morgen in eine Situation geraten, in der sie ihre Heimat verlassen müssen, den Ort, der ihnen innerlich vertraut ist. Und eine Ahnung, wie schwer es ist, auf der Flucht zu sein und sich in einem neuen Land und einer fremden Gesellschaft zurechtzufinden, deren Sprache man nicht spricht und deren Spielregeln man nicht kennt. Auch eine Ahnung davon, wie wertvoll es ist, wenn einem die Menschen entgegenkommen, wenn sie diese Situation verstehen und helfen. Wenn der Film erreicht, dass man durch dieses Mädchen, das einem sympathisch ist, ein bisschen offener auf andere Menschen zugeht, egal ob die aus Syrien oder aus Afrika kommen, wäre viel erreicht.


Gibt es etwas, was alle Ihre Filme verbindet? Wie würden Sie die Kontinuitäten seit „Jenseits der Stille“ (1996) beschreiben?

Link: Ich erzähle offensichtlich immer irgendwie über Familien. Nicht als einem idealen Ort der Übereinstimmung oder Harmonie, aber doch so, dass es dort eine Lösung gibt oder dass es eine Verständigung geben kann. Meine Filme sind relativ optimistisch und hoffnungsvoll, auch wenn sie von zwischenmenschlichen Konflikten handeln oder wenn es Zerwürfnisse gibt. Am krassesten vielleicht bei „Im Winter ein Jahr“ (2008). Familien bestehen nun mal aus den Menschen, mit denen wir verwachsen sind, sodass man sich mit den anderen zwangsläufig auseinandersetzen muss. Dass das auch gelingen kann, ist der Kern dessen, was ich zu erzählen versuche.

Konfliktreiches Familienleben: "Im Winter ein Jahr" (2008)
Konfliktreiches Familienleben: "Im Winter ein Jahr" (2008)

Gibt es in der deutschen Filmlandschaft Orte, Gruppen, Regisseure, zu denen Sie sich hingezogen fühlen? Oder empfinden Sie sich eher als Solitär?

Link: Es gibt immer wieder einzelne Filme, die ich sehr schön finde. In jüngster Zeit zum Beispiel „Systemsprenger“, auch darin geht es ja um ein starkes Kind. Dann muss ich Edgar Reitz’ erste „Heimat“ nennen; die hat mich in den 1980er-Jahren sehr gerührt. Reitz hat mir beigebracht, wie man großes politisches Geschehen im Kleinen erzählt, in einem Dorf, mit ganz einfachen Menschen, wo Geschichte in den Details stattfindet. So wie Judith Kerr über das rosa Kaninchen spricht, und dieses Kaninchen eine ganze Welt meint. Doch das sind einzelne Begegnungen. Ansonsten: Nein, eher nicht. Ich schöpfe nicht aus dem Vergleich mit Kollegen, sondern ich muss mich immer wieder einen Schritt aus der Filmbranche zurückziehen, damit ich nicht in Gefahr laufe, mich zu vergleichen oder irgendetwas in die Bewertung miteinfließen zu lassen. Ich muss nur mir selbst trauen und ein oder zwei Menschen.


Manche ihrer Filme wirken im Vergleich mit vielen deutschen Filmen fast ein wenig anders…

Link: Ja, weil nicht so viele Regisseure in Deutschland emotionales Kino machen. Es gibt ja viele Komödien, es gibt karge, wortkarge Arthouse-Filme, es gibt auch Entertainment und Versuche, so amerikanisch wie möglich zu sein, aber es gibt nicht so viel Dramen, die eine emotionale Kraft haben. Wenn man mit Kindern erzählt, ist es dagegen immer sehr emotional. Das verstehen wir alle.


Ist das der Grund, warum Sie immer wieder mit Kindern arbeiten. Weil man da eine andere Form von direkter Emotionalität zeigen kann?

Link: Es ist eher deshalb, weil es mir Spaß macht, mit Kindern zu arbeiten. Weil ich mit denen einfach gut kann. Kinder stressen mich nicht. Mit Kindern kann ich so direkt und so unmittelbar arbeiten, wie es meiner Sprache entgegenkommt. Man muss natürlich das richtige Kind finden. Da war bei meinen jüngsten beiden Filmen ein echtes Geschenk. Dann ist es nicht schwer. Mir geht es eher so, dass das Angenehme mit Kindern auf die Arbeit mit Erwachsenen abfärbt. Mit erwachsenen Schauspielern finde ich es oft unnötig kompliziert. Am liebsten würde ich denen die Regieanweisung geben: Macht doch einfach! Schau! Wie die Kinder. Wir müssen nicht alles zu Tode diskutieren, man kann es auch einfach mal machen.

Ungekünstelte Darsteller: die Kinder in "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"
Ungekünstelte Darsteller: die Kinder in "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Wie haben Sie denn die erwachsenen Schauspieler ausgewählt? Man kann ja sehen, dass Sie oft mit anderen Schauspielern arbeiten.

Link: Ich schreibe keine Drehbücher für Schauspieler. Ich versuche aber, für jeden Stoff die richtigen Darsteller für die Rollen zu finden. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es angenehmer wäre, mit Freunden zur arbeiten. Es muss einfach stimmen. Bei „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ bin ich relativ schnell auf Oliver Masucci gekommen, weil ich primär nach dem Schriftsteller Alfred Kerr gesucht habe, nicht nach einem liebenden Vater. Dass dieser durchaus gefürchtete Mann dann als Vater weich und zärtlich wird, fand ich umso berührender. Carla Juri ist mir in verschiedenen Filmen als eine ganz besondere Erscheinung aufgefallen und als eine sehr undeutsche, internationale Frau. Sie ist immer noch ein relativ unbeschriebenes Gesicht. Ich wollte hier nicht eine der üblichen Besetzungen.


Auf diesem Film liegen viele Erwartungen. Wie wichtig ist es Ihnen, publikumswirksam zu sein und ein breites Publikum anzusprechen? Machen Sie dafür Kompromisse?

Link: Das ist eine Bestseller-Verfilmung, bei der es natürlich schön wäre, wenn sie ihr Publikum findet. Es ist aber nicht so, dass ich einen besonderen Druck verspürt hätte, gerade nach dem Erfolg von „Der Junge muss an die frische Luft“. Das war eher entspannend. Wenn „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ komplett floppen würde, wäre das schmerzhaft. Aber ich erwarte auf keinen Fall einen ähnlichen Zuspruch. Es muss nicht immer alles so grandios kommerziell funktionieren.

Bei der Auswahl der Stoffe und beim Drehen denke ich gar nicht an Zuschauerzahlen. Ich möchte die Filme machen, die ich drehen kann. Klar, man könnte auch sagen: Geh’ doch mal weg von den Kindern, mach’ mal wieder was Erwachsenes. Doch es macht mir Spaß und ich glaube, dass ich ein ganz gutes Händchen für Kinder habe. Ich möchte aber auch etwas erzählen, das mir persönlich nahegeht. Das kann ich bei diesen Familiengeschichten machen. Wenn man mich aber fragen würde, ob ich nochmal „Im Winter ein Jahr“ drehen wollte, der von allen meinen Filmen am wenigsten Zuschauer fand – das waren damals 250.000, was vergleichsweise wenig war –, dann würde ich sofort ja sagen. Das ist ein Film, auf den ich sehr stolz bin.

Großer Erfolg: "Der Junge muss an die frische Luft" (2018)
Großer Erfolg: "Der Junge muss an die frische Luft" (2018)

Viele sprechen heute von der deutschen Kinokrise. Betrifft Sie dieses Krisengerede, beeinflusst es den Blick auf die Arbeit? Und wären Serien für Streamingdienste eine interessante Alternative? Angebote dürfte es ja geben...

Link: Ich habe keine Lust, unter wahnsinnigem (Zeit-)Druck zu arbeiten. Ich möchte die Dinge so machen, wie ich sie mache. Mittlerweile kann ich das auch fordern. Ich arbeite auch nur mit Partnern, die mir diese Zeit zur Verfügung stellen. Wenn es so wäre, dass man mir diese Möglichkeiten einräumen würde und ein Film nach meinen Vorstellungen entstehen könnte, dann gerne.

Kinofilme müssen immer ein intensives Erlebnis sein. Kino muss entweder emotional oder besonders witzig oder spannend sein, es muss in irgendeiner Weise eine Wucht haben. Wenn das passiert, dann glaube ich, dass das Kino weiterlebt. Im Augenblick ist es so, dass wir nicht nur in Deutschland sehr viele Filme haben, von denen wahrscheinlich nicht alle ins Kino gehören.



Fotos: © Warner Bros., Buena Vista, Constantin

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