Die ganze Welt: Ein Interview mit Karim Aïnouz über seinen Film "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão"

Freitag, 27.12.2019

Diskussion

Er lebt in Berlin, wurde in Brasilien geboren und wuchs in Paris auf. Sein Vater ist Algerier, die Mutter Brasilianerin; zunächst studierte er Architektur und arbeitete in New York, doch seit 2002 dreht sich das Leben des Weltbürgers KarimAïnouz ganz um Film. Von dieser Pluralität erzählt auch "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" (jetzt im Kino), für den er beim Cannes-Festival 2019 den Hauptpreis der "Un Certain Regard"-Sektion gewann.


Sie gelten als brasilianisch-algerischer Filmemacher, leben aber seit Jahren in Berlin. Sind sie ein Reisender des Kinos?

Karim Aïnouz: (lacht) Ich wurde in Brasilien geboren. Mein Vater ist Algerier und meine Mutter Brasilianerin. Mein Vater verließ uns, und so wuchs ich bei meiner Mutter auf. Als Jugendlicher kam ich dann nach Paris, um dort mit meinem Vater zu leben. Ich fühlte mich in Paris allerdings nicht sonderlich wohl. Mein Vater war Algerier, daher mein arabischer Name. Das war hart. So nahm ich ein Stipendium in den USA an, um Architektur zu studieren. Ich blieb sehr lange in New York, insgesamt 15 Jahre lang, und beschäftigte mich als ausgebildeter Architekt dann auch mit Bildhauerei, Videos und langsam auch mit dem Kino. 2002 drehte ich meinen ersten Langspielfilm in Brasilien und löste mich langsam von den USA.


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Einige Jahre später erhielt ich in Berlin die Möglichkeit, ein Jahr lang in einer Künstlerresidenz zu leben. Dabei verliebte ich mich dermaßen in Berlin, dass ich seit 2010 dort wohne. Aber ich bleibe nicht nur an einem Ort, sondern reise viel. Das liegt mir wohl im Blut und hat viel damit zu tun, dass ich mit einem arabischen Namen in Brasilien aufgewachsen bin, mein Vater nicht bei uns lebte und ich mich so immer ein wenig fremd fühlte.

Carol Duarte in "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao"
Carol Duarte in "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao"

Das heißt, Sie wussten nicht so recht, wohin Sie gehören?

Aïnouz: Ja, so ging es mir als Kind. Als meine Mutter vor fünf Jahren starb und ich den Haushalt auflösen musste, fand ich alte Aufzeichnungen von mir, die ich im Alter von 8 Jahren gemalt hatte. Schon damals plante ich, die Welt zu bereisen. Heute glaube ich, dass dieses Gefühl, mehreren Kulturen anzugehören, ein Privileg ist. Als Kind in Brasilien konnte niemand meinen Namen aussprechen. Wir lebten in einer Stadt, die noch sehr konservativ-traditionell war. Und wenn man dann als Kind keinen Vater hat, sondern nur mit der Mutter und der Großmutter aufwächst, fühlt man sich immer leicht entwurzelt. Wir hatten nicht viel Geld und gehörten eher der Mittelschicht an. Aber meine Mutter sagte immer: Alles, was ich dir geben kann, ist Wissen. Sie träumte davon, eines Tages mit meinem Vater zusammen in Algerien zu leben, und wollte daher, dass ich Französisch lerne und später auch Englisch.

Sprechen Sie eigentlich Deutsch?

Aïnouz: Das ist etwas kompliziert. Ich habe jahrelang auf einer Sprachschule in Berlin-Neukölln Deutsch gelernt und kann es lesen, ganz gut verstehen, und ein wenig sprechen. Aber ich habe keine rechte Beziehung zu der Sprache, weil ich die Kultur nicht mitgelernt habe. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich Deutsch über Bücher gelernt und mit Geschichten wie bei den Brüdern Grimm. Stattdessen habe ich eher das Gefühl, dass man mir in der Sprachschule ein Deutsch beigebracht hat, das einem hilft, die Gebrauchsanleitung einer Waschmaschine zu lesen. Daher spreche ich nicht fließend Deutsch.

Wenn Sie aus Ihrem Privatleben erzählen, spürt man schnell die Verbindungen zu Ihrem neuen Film „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“. Dort geht es ja um zwei Schwestern und eine ist alleinerziehende Mutter eines Sohnes…

Aïnouz: Das ist nun mein sechster langer Film und wenn ich zurückschaue, habe ich immer auch von persönlichen Erfahrungen erzählt, aber nie so direkt. Ich interessiere mich vor allem für gewisse Figuren. Bei diesem Film war es sehr einfach. Ich verlor meine Mutter im Jahr 2015. Sie war eine wunderbare Frau: die erste in ihrer Familie, die eine Universität besuchte; sie zog mich alleine auf. Sie war eine sehr starke Frau, wie so viele in ihrer Generation. Dabei war ihr Leben hart, aber sie beschwerte sich nicht. Es kam für sie auch nie in Frage, einen anderen Mann zu heiraten, nachdem mein Vater fortgegangen war. Auf ihrer Beerdigung beobachtete ich die Trauergemeinde und sagte mir nur: Sie haben wirklich keine Ahnung vom wahren Leben meiner Mutter. Sie kannten sie nur oberflächlich. Kurz darauf schickt mir mein Produzent einen Vorabdruck des Buches „Die vielen Talente der Schwestern Gusmão“ von Martha Batalha. Darin gab es viele Dinge, die mich sehr bewegten. Meine Mutter hatte auch eine Schwester. Beide wurden von meiner Großmutter alleine großgezogen, weil ihr Mann sie verlassen hatte. Die beste Freundin meiner Mutter, die für mich wie eine Tante war, hieß Guida. Ich fühlte auch eine Nähe zu dem Jungen in dem Buch, der allein bei der Mutter aufwächst. Da dachte ich mir, dass ich eine Geschichte über meine Mutter erzählen könnte, ohne lediglich ihre autobiografische Geschichte zu streifen. Ich wollte nicht alles aufdecken, aber die Figur aus dem Buch, die ich dann Guida nennen wollte, war der Auslöser für den Film.



Sie haben also Veränderungen am Buch vorgenommen?

Aïnouz: Ich nenne ein Beispiel. Im Roman verliebt sich Guida in einen mittellosen Mann aus Rio. In einer Erzählung ist das einfach, aber für einen Film hielt ich das für unglaubwürdig. Warum sollten sich die Schwestern in Rio niemals über den Weg laufen? Daher wollte ich, dass meine Guida zunächst sehr weit weg geht. Nun ist die Geschichte einer jungen Frau, die mit einem griechischen Matrosen nach Europa durchbrennt, nicht genau die Geschichte meiner Mutter. Aber auch sie wurde schwanger von einem Mann, der nicht bei ihr blieb. So ist mein Film eine Mischung aus den Geschichten und den Figuren des Buches und dem Leben meiner Mutter.

Wie gelingt es Ihnen als Mann, sich so in die Frauen hineinzufühlen? Bekommen Sie dafür in den aktuellen Diskussionen um die Rollen von Frauen viel Anerkennung?

Aïnouz: Es gibt ja diese Diskussionen: Darf ein Mann eine solche Geschichte über Frauen erzählen? Wie legitim ist das? Das sind auch wichtige Fragen. Mir ist klar, dass ich als Mann nie ein Kind zur Welt bringen werde. Diese Erfahrung kann ich nie machen. Als ich dann die Geburtsszene drehte, beriet ich mich mit meiner Kamerafrau Hélène Louvart, die fünf Kinder hat und eine sehr enge Mitarbeiterin ist. Erst nach Drehschluss wurde mir dann aber bewusst, dass die Männerfiguren im Film für mich sehr viel komplizierter waren als die Frauenfiguren. Ich bin nicht mit einem Mann im Hause aufgewachsen. Selbst in meinen Freundeskreisen bin ich eher von etwas älteren Frauen umgeben. Aber das ist normal. Ich wuchs ja auch unter älteren Frauen auf. Meine Mutter war 37, als sie mich bekam. Meine Großmutter wurde 107 Jahre alt. Männer, Väter, Ehemänner sind mir eher fremd. Aber man muss ja auch gute Antagonisten finden, sonst ist ein Film nicht interessant. Das fiel mir bei den männlichen Antagonisten durchaus schwer. Im Drehbuch waren sie als Figuren auch noch viel schwächer. Erst beim Drehen wurden sie langsam komplexer. Natürlich sind diese Männer etwas feige. Sie überspielen das nur und tun so, als seien sie die starken Kerle. Die Frauen sind eigentlich viel stärker, aber dennoch ist der Einfluss dieser eher schwachen Männer fatal. Sie selbst sind keine Monster, aber was sie den Frauen antun – auch gesellschaftlich –, ist monströs. Wie der Vater mit den beiden Schwestern umgeht, ist schrecklich, weil er eben meint, er müsse eine Vaterrolle so ausüben. Er behauptet, er wolle die Familie zusammenhalten und trennt die beiden Schwestern und nimmt in Kauf, dass seine Frau langsam vor Kummer stirbt. Was genau meint er, zusammenhalten zu müssen? Diese Männer sind wie Marionetten in einem System und sie machen sich schuldig. Dennoch habe ich sie nicht als Marionetten, sondern als Menschen gezeigt.

Mir gefällt der Rhythmus des Films. Er erinnert mich an die seriellen Epen eines Raoul Ruiz. Und dann machen Sie etwas Verblüffendes in der letzten halben Stunde. Warum dieser enorme Zeitsprung?

Aïnouz: (lacht) Ja, wir überspringen dann 50 Jahre. Das war zunächst im Drehbuch nicht so radikal geplant. Aber im Schnitt hörte ich dann auf meine Produzenten. Es ist ja ein Film über Abwesenheit, über 50 Jahre, die unsichtbar bleiben. Zunächst dachte ich, das Publikum wird diesen Zeitsprung niemals akzeptieren. Aber die Schauspielerin, die nun die andere Schwester Eurídice im hohen Alter verkörpert, verfügt über so eine starke Aura, dass es funktioniert. Zunächst sollte der Film eine ganz andere Schnittfolge haben. Was jetzt der Anfang ist, war einmal das Ende.



Ist der Film in Brasilien schon ins Kino gekommen?

Aïnouz: Er startete dort Ende November in den Kinos. Ich bin mit dem Film durch zehn Städte gereist. Vielleicht ist es ein Film, der ein größeres Publikum erreichen könnte. Mein brasilianischer Verleiher wollte, dass er nur in kleineren Arthouse-Kinos läuft. Ich habe dagegen auf Testvorführungen beharrt. Dabei stellte sich heraus, dass „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ auch ein größeres Potential haben könnte.

Sie leben seit fast zehn Jahren überwiegend in Berlin und haben hier den Dokumentarfilm „Zentralflughafen THF“ gedreht. Möchten Sie hier nicht auch einmal einen Spielfilm machen?

Aïnouz: Ich kam ja nach Berlin aus Liebe zum Kino und aus Liebe zu Rainer Werner Fassbinder. Derzeit arbeite ich an einem fiktionalen Stoff, der in Halle-Neustadt spielt. Diese Stadt verfolgt und interessiert mich. Es geht dabei auch um Fragen nach dem Osten und dem Westen. Dieses Projekt enthält auch Science-Fiction-Elemente. Und dann habe ich noch einen weiteren großen Traum: Ich würde sehr gerne „Angst essen Seele auf“ neu verfilmen. Das ermöglich mir dann vielleicht auch, endlich richtig Deutsch zu sprechen.


Alle Fotos: © Piffl Medien

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