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Passionen: Picard

Donnerstag, 30.01.2020

Zwei Jahrzehnte nach den Ereignissen um „Star Trek: Nemesis“ wird der Captain der „Enterprise“ reaktiviert.

Diskussion

Wenn ein alter weißer Mann aus dem Ruhestand zurückkehrt, um der Welt noch einmal zu zeigen, wo es langgeht, klingt das eher reaktionär als nach einem Grund zur Freude. Doch wenn dieser Mann Jean-Luc Picard heißt, sieht die Sache anders aus. Der von Patrick Stewart gespielte Captain, der zwischen 1987 und 1994 in der Serie „Star Trek – Das nächste Jahrhundert“ und bis 2002 („Star Trek: Nemesis“) in diversen Kinofilmen auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise stand, feiert mit der Serie „Star Trek: Picard“ derzeit sein Comeback (auf Amazon Prime) – und scheint eigens dafür angetreten, um der auftrumpfenden Stillosigkeit und Egozentrik realer Führungspersönlichkeiten à la Donald Trump, Boris Johnson & Co. ein positives Gegenbild entgegenzustellen.

Dass Picard als Earl-Grey-Trinker, Liebhaber klassischer Musik und Shakespeare-Kenner zur Bildungselite gehört, hat ihm die „Star Trek“-Fangemeinde nie übelgenommen. Denn seine Kultiviertheit kommt ohne Arroganz aus und geht mit Respekt für andere und einer sympathischen Neigung einher, die eigene Position zu hinterfragen; der Mann ist durch und durch eine Reminiszenz ans humanistische Erbe, und dessen Ideale in die Zukunft zu projizieren, war ein wichtiger Impuls von Gene Roddenberrys Science-Fiction-Universum. Die Macher von „Star Trek: Picard“ führen das mit Gusto weiter; gleichzeitig suchen sie den Anschluss an die Gegenwart und holen Picard als Identifikationsfigur für den Widerstand gegen das, was dort schiefläuft, aus dem Ruhestand. Eine Flüchtlingskrise, auf die statt mit Solidarität mit einer Tendenz zum Isolationismus à la Brexit reagiert wird – die Entwicklungen, die die Sternen-Föderation in der neuen Serie durchgemacht hat, sind unschwer als Kommentar zur Jetztzeit dechiffrierbar.

Aufrecht wie eh und je: Patrick Stewart zurück in seiner Paraderolle
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Die Utopien von einst scheinen ausgeträumt

Entsprechend geht es in der ersten Folge der neuen Serie unter anderem um die Verbitterung des gealterten Helden: Im Jahr 2399, etwa zwei Jahrzehnte nach den Ereignissen in „Star Trek: Nemesis“, lebt er zwar äußerlich idyllisch – mit Hund Nr. 1 – umgeben von Weinbergen auf dem französischen Chateau Picard, schleppt aber böse Erinnerungen und Enttäuschungen mit sich rum. Dafür liefert die Serie (dramaturgisch etwas behäbig in Form eines Interviews, das eine junge Journalistin mit Picard führt) ganz im Sinne ihrer an Archäologie und Geschichte interessierten Hauptfigur erstmal den historischen Hintergrund: Die Chance, dem romulanischen Imperium in der Stunde der Not bei der Zerstörung ihres Heimatplaneten zur Hilfe zu eilen und so aus Feinden Freunde zu machen, wurde aus Egoismus und mangelndem Mut versäumt; die Folgen davon wirken bis in die Gegenwart.

Die Utopien scheinen ausgeträumt, selbst die technischen: Androiden wie Picards Kollege Data (ein schöner Cameo-Auftritt als Erinnerung in Picards Kopf: Brent Spiner), der in „Star Trek: Nemesis“ sein Leben für seine Crew opferte, gibt es nicht mehr; seit einem verheerenden Anschlag von Androiden auf dem Mars wurde die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz (zumindest offiziell) auf Eis gelegt; Androiden sind unerwünscht.

Die Begegnung mit einer jungen Frau mit mysteriösen Fähigkeiten wird zur Initialzündung für eine neue Mission des Helden
Die Begegnung mit einer jungen Frau mit mysteriösen Fähigkeiten (Isa Briones) wird zur Initialzündung für eine neue Mission des Helden

Von der Desillusionierung zu neuer Energie

Blade Runner“ lässt da von fern grüßen, und mit ihm die Dystopie. So geht es auch gleich düster zur Sache, mit einem Handlungsstrang, der dann die Serienhandlung erst richtig in Gang setzt. Eine junge Frau mit erstaunlichen Fähigkeiten gerät ins Visier dubioser Attentäter und wendet sich hilfesuchend an Picard, weil sie ein mysteriöses Band mit ihm verbindet (dessen Enthüllung die Serie lose an eine der denkwürdigsten Episoden aus der dritten Staffel von „Star Trek – Das nächste Jahrhundert“, „The Offspring“, rückkoppelt).

Was ist dabei aus dem optimistischen Blick in die Zukunft geworden, der einst den Zauber des „Star Trek“-Universums ausmachte? Was aus dem Glauben an die Menschheit und ihre Entwicklungsmöglichkeiten, der in Zeiten von Klimawandel, Rechtsruck und Dschungelcamp ohnehin so schwer zu bewahren ist?

Es sind die schmalen, aber nach wie vor beneidenswert zähen und ungebrochen integren Schultern Picards, auf denen die Last der hoffnungsvollen Erwartungen liegt. Die politische Rückendeckung der Sternenflotte mag ihm fehlen; eine loyale Crew wie einst die der „Enterprise“ muss er erst noch um sich scharen – doch die loyalen Fans, die hat er mit dem Auftakt von „Star Trek: Picard“ wieder voll hinter sich.

Die erste Folge von "Star Trek: Picard" läuft seit 24.1. bei Amazon Prime; wöchentlich geht eine neue Folge online

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