© Primeira Idade (aus "A metamorfose dos pássaros")

„Berlinale“ 2020: Encounters - Bekenntnis zur offenen Form

Dienstag, 03.03.2020

Die neue Wettbewerbssektion der „Berlinale“ überzeugt durch ästhetischen Wagemut und gibt unkonventionelleren Formaten eine neue Plattform

Diskussion

Mit der „Encounters“-Reihe hat sich die „Berlinale“ eine experimentelle Sektion erschlossen, in der es um innovative Filmsprachen und erzählerische Wagnisse geht. Das Herzensprojekt von Carlo Chatrian überzeugte in seinem ersten Jahr durch ästhetischen Wagemut und die essayistische Durchdringung von erzählerischen und dokumentarischen Formaten.


Die Ankündigung einer neuen und experimentelleren Reihe hatte bereits vor Beginn der „Berlinale“ für Zustimmung wie Irritationen gesorgt. Zu unklar erschien die Abgrenzung von der Sektion des Forums, das bei der 70. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele ebenfalls ihr 50. Bestehen feierte. Nach der Ankündigung des Programms mit Beiträgen von Filmschaffenden wie Josephine Decker und Cristi Puiu wurden sogar Stimmen laut, die von einer Kannibalisierung der bestehenden Wettbewerbe sprachen. Für den neuen „Berlinale“-Chef Carlo Chatrian stellte die „Encounters“-Reihe jedoch ein Herzensprojekt dar, das er nicht als Konkurrenz, sondern kontrapunktisch zu den anderen Sektionen verstanden wissen wollte. Während des Festivals präsentierte er die 15 ausgewählten Beiträge persönlich dem Publikum, die ein äußerst vielschichtiges Programm boten.

Als roter Faden fungierte das titelgebende Konzept der Begegnung. Für die Rezeption der Filme betonte dies den Bruch mit konventionellen Erwartungen zugunsten einer Unvorhersehbarkeit. Begegnungen sind keine Verabredungen, sie ereignen und ermöglichen andere Beziehungen zur Zukunft. In einem Promo-Video der „Encounters“-Sektion sprach Chatrian von den Beiträgen als einem „Spiegel des 21. Jahrhunderts“; sie reflektierten, was in den nächsten zehn bis 20 Jahren für das Kino Relevanz erlangen werde. Anstatt ein bestimmtes Publikum im Sinn einer Zielgruppe zu adressieren, sollten die „Encounters“-Filme neue Zuschauer unter anderen Vorzeichen versammeln. Insbesondere dem Dokumentarfilm wurde dadurch eine größere Präsenz eingeräumt. Zugleich löste das Programm durch die Betonung der offenen Form die strikten Grenzen zwischen erzählerischen und dokumentarischen Formaten auf und rückte das Essayistische in den Vordergrund.


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An den Grenzen des Menschlichen

Statt auf klassische Narration zu setzen, erprobten die Beiträge neue Formen des filmischen Denkens, die das Philosophische und das Poetische zusammenbrachten. Die Integration der Preisvergabe durch eine dreiköpfige Jury im Zuge der „Bären“-Verleihung ermöglichte aufstrebenden Regisseurinnen und Regisseuren eine größere Aufmerksamkeit für ihre Arbeiten; insgesamt wurden drei Auszeichnungen vergeben; neben dem Hauptpreis gab es einen Spezialpreis der Jury sowie eine Ehrung für die Beste Regie.

"Werke und Tage (der Tayoko Shiojiri im Shiotanibecken)" © General Asst./Anders Edström
"Werke und Tage (der Tayoko Shiojiri im Shiotanibecken)" © General Asst./Anders Edström

Für große Resonanz sorgte „Gunda“ von Victor Kossakovsky, der neue Perspektiven auf den Tierfilm ermöglichte. Wie schon in seinem dokumentarischen Essay „Aquarela“ verzichtet Kossakovsky auf jeglichen Off-Kommentar. Stattdessen entstehen durch die Arbeit mit außergewöhnlichen Kameraanordnungen neue Sichtbarkeiten. So baute Kossakovsky um die titelgebende Sau Gunda einen eigenen Stall, ausgestattet mit Aufnahmegeräten, die einen 360-Grad-Rundumblick auf das Muttertier erlauben, während sie gerade einen Wurf kleiner Ferkel zur Welt bringt. Die nahen Schwarz-weiß-Einstellungen haben einen verblüffenden Effekt. Durch das Zurücktreten der Farbe kommt das Gestische der Tiere stärker in den Blick, und damit auch die Einzigartigkeit ihrer Wesenszüge. Unter den neugeborenen Ferkeln bilden sich mit der Zeit immer mehr Charaktere heraus, Mutige und Schüchterne, Gewitzte wie Unbeholfene.

Ohne je in eine gezielte Vermenschlichung zu kippen, enthüllt der Film Sensibilität und Eigensinn der Tiere. Auf dem ökologischen Bauernhof, der als Drehort diente, gelangen Kühe und Hühner aus Mast- und Käfighaltung mit der freien Natur in Berührung. Die zaghafte Kralle eines Huhns, das erstmals auf Gras tritt, macht spürbar, welchem Leid die Tiere in Gefangenschaft ausgesetzt sind. In einer Sondervorführung für Kinder erwies sich diese Strategie als umwerfender Erfolg: Die langen kommentarlosen Einstellungen auf die Tierwelt bewirkten nicht nur unerwartete Faszination, sondern führten auch zu viele Fragen an den russischen Regisseur, beispielsweise, wohin Gundas Ferkel am Ende des Films gebracht werden, nachdem sie in einen Käfig getrieben wurden und eine sichtlich trauernde Mutter zurücklassen.

Kossakovsky gelingt es mit diesen Bildern, Verleugnungsprozesse offenzulegen, die beim Konsum von Fleisch immer noch die Alltagswahrnehmung dominieren. In der filmischen Begegnung mit Gunda und ihren Nachkommen entsteht eine außergewöhnliche Nähe, die Grenzen zwischen Mensch und Tier in Frage stellt. Als ausführender Produzent von „Gunda“ fungierte der Schauspieler Joaquin Phoenix, der sich für Veganismus und gegen Massentierhaltung engagiert.

"Gunda" © Egil Håskjold Larsen/Sant & Usant
"Gunda" © Egil Håskjold Larsen/Sant & Usant

„The Trouble with being born“

Auch die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz fordert die vermeintliche Sonderstellung des Menschen heraus. In ihrem Diplomfilm „The Trouble With Being Born“ gelingt der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner eine provokative Perspektive auf den Umgang mit Androiden. In sanften und schwebenden Einstellungen nähert sie sich einer unheimlichen Beziehung zwischen einem Vater und seiner kleinen „Tochter“, deren puppenhafte Züge sie erst nach einer Weile als künstliches Wesen entlarven. Eine pointiert eingesetzte Voice-Over-Ebene sorgt für Einblick in die Gedankenwelt der KI, die philosophische wie psychologische Fragen aufwirft.

Gehören die Erinnerungen dem ewig jungen Mädchen? Oder sind sie Reminiszenzen eines verstorbenen Kindes, für das der Androide ein Ersatz ist? Gibt es ein Containment im Computer? Als das künstliche Wesen seiner sexuellen Ausbeutung entkommt, gerät es in den Besitz einer älteren Dame, die es zum Ebenbild ihres ebenfalls in jungen Jahren verstorbenen Bruders ummodelliert. Doch obwohl Geschlecht und Gedächtnis des Androiden gelöscht wurden, tauchen immer wieder Fragmente des Missbrauchs auf. Ist Psyche ausgedehnt, wie Sigmund Freud schreibt, und damit nicht nur auf den einzelnen Menschen begrenzt? Kann eine künstliche Intelligenz, die über die Komplexität eines Bewusstseins verfügt, traumatisiert werden? Die unterkühlten Bilderwelten des Films ermöglichen Begegnungen mit dem Unmenschlichen, das als Folge von Ausbeutungsverhältnissen auftritt. Dafür wurde Sandra Wollner mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.


Aufeinandertreffen im Ensemble

Die US-amerikanische Independent-Regisseurin Josephine Decker adaptiert in „Shirley“ den gleichnamigen Roman von Sarah Gubbins über weibliche Krisen. Elisabeth Moss verkörpert höchst eindringlich die Schriftstellerin Shirley Jackson bei einer tiefgreifenden Schreibblockade, die auch ihre Ehe belastet. Als ihr Gatte, ein Professor, einen neuen Mitarbeiter und dessen schwangere Frau vorübergehend in ihrem gemeinsamen Haus einquartiert, entspinnt sich ein Drama, das in seiner Intensität an Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erinnert.

"Shirley" © 2018 LAMF Shirley Inc.
"Shirley" © 2018 LAMF Shirley Inc.

Über die Erforschung des Falls einer verschwundenen Studentin nähern sich die beiden ungleichen Frauen ihrer eigenen Destruktivität an und begegnen einander dabei neu. Inszenatorisch öffnet Decker dabei die Statik und Enge der kammerspielhaften Sequenzen zu Gunsten einer entfesselten Kamera, die Symbiose und Verstrickung der beiden Protagonistinnen in Szene setzt.


Raum für Leerstellen

Zwischen der Gewaltsamkeit des Aufeinandertreffens und unerwarteten Momenten der Nähe spielt sich auch Melanie Waeldes vielgelobter Debütfilm „Nackte Tiere“ ab. Es zeigt den Alltag einer Gruppe perspektivloser Jugendlicher im Berliner Umland, ohne in die Klischee-Falle zu geraten und alles auszubuchstabieren. Stattdessen lässt der Film Raum für die Leerstellen, welche die oft von häuslicher Gewalt geprägten Biografien der Protagonisten prägen.

Schon zu Beginn des Festivals sorgte der rumänische Regisseur Cristi Puiu mit seiner außergewöhnlichen Literaturadaption „Malmkrog“ für Aufsehen. Auf der Basis von Texten des Religionsphilosophen Wladimir Solowjow setzt Puiu einen Diskursfilm in Szene, dessen vermeintlich strikte Kontinuität von Zeit und Raum in seinem dreieinhalbstündigen Verlauf immer mehr Risse bekommt. Während ein Großteil der Handlung in den Innenräumen eines gehobenen russischen Landsitzes um 1900 spielt und fünf Figuren beim Debattieren über Krieg, Moral und Staatsräson folgt, scheint die äußere Welt sich aufzulösen, ja geradezu zu derealisieren. Das Dorf Malmkrog liegt eigentlich in Rumänien; ein Christbaum taucht darin eine Weile auf und verschwindet wieder, die Gewalt bricht ein, doch wenig später scheint es, als sei nichts geschehen. Die formale Strenge der Anordnung wird von etwas Gespenstischem heimgesucht, das sich schon in Diskussionen über den Antichristen abzeichnete. Für seinen ästhetischen Wagemut wurde Puiu mit dem Regie-Preis geehrt.


Die Wahrnehmung wird in Frage gestellt

Einen beinahe umgekehrten Zugang sucht der poetische Dokumentarfilm „Die Metamorphose der Vögel“ der portugiesischen Regisseurin Catarina Vasconcelos. In ihrer künstlerischen Annäherung an die eigene Biografie erforscht sie nicht nur Momente persönlicher Trauer über den Tod von Mutter und Großmutter, sondern erzählt das Private durch die Traumata, die das Salazar-Regime in der portugiesischen Gesellschaft hinterlassen hat. Redeverbote und Verschwinden prägen die Lebensgeschichten der Menschen; das Schweigen setzt Vasconcelos über eine assoziative Bildsprache in Bewegung. In Einstellungen voller entrückter Schönheit lässt sie das Verlorene in verwandelter Form wiederkehren; dafür wurde sie mit dem FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik ausgezeichnet.

"Malmkrog" © Mandragora
"Malmkrog" © Mandragora

Den Hauptpreis in der Sektion „Encounters“ gewann ein Film, in dessen Format die Begegnung bereits angelegt ist: die Ethnografie „Werke und Tage (der Tayoko Shiojiri im Shiotanibecken)“. Acht Filmstunden mit drei planmäßig integrierten Pausen ermöglichen es dem Publikum, am Alltagsleben einer japanischen Bauernfamilie teilzuhaben und sich mit den eigenen Wahrnehmungsgewohnheiten auseinanderzusetzen. Das Regie-Duo C.W. Winter und Anders Edström konfrontiert mit den Lebensbedingungen ländlicher Regionen, ohne sich in einer meditativen Exotik zu verlieren. Statt Entschleunigung gibt es viel zu sehen – und vor allem zu hören. Denn das Vergehen der Zeit wird durch die Arbeit mit einer atmosphärischen Tonspur auf eine Weise erlebbar, die sich den Wirkweisen der Klangkunst annähert und damit auch auditiv herkömmliche Formate überschreitet.

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