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Niemals jung, niemals alt: Nachruf auf Max von Sydow

Dienstag, 10.03.2020

Zum Tod des schwedischen Schauspieler (10.4.1929-8.3.2020)

Diskussion

Mit seinen asketischen Gesichtszügen war der schwedische Schauspieler Max von Sydow für tiefgründige Figuren wie geschaffen. Zunächst für Ingmar Bergman, später aber auch für viele andere Regisseure wurde er zum vielgefragten Charakterdarsteller, dessen einzigartiges Charisma auch Bösewichter adelte. Ein Nachruf auf einen Giganten der Filmgeschichte.

Er spielte Schach mit dem Tod, verlor am Ende, stellte aber die richtigen Fragen. Er sah dem Bösen ins Gesicht, selbst wenn Dämonen ihm ins Gesicht spieen. Er besaß Moral und Gewissen, selbst wenn er die amoralischten Figuren spielte. Max von Sydow (10.4.1929-8.3.2020) war ein Schauspieler, dessen Bandbreite von Jesus Christus (in „Die größte Geschichte aller Zeiten“, 1965) über einen Tankstellenarbeiter („Wilde Erdbeeren“, 1957) hin zum Weltraum-Eroberer („Flash Gordon“, 1980) reichte.

Der schwedische Schauspieler konnte brillant und scheinbar mühelos hochkomplexe Charaktere und ihre komplizierten Dialoge zum Leben erwecken. Ihre Gesichter, ihr Verhalten und ihre Motive hallten auch dann noch nach, wenn die eigentliche Story längst verblasst war. In seinen besten Rollen vermittelte er den Zuschauern, dass es auf der Erde nichts einfach so gibt, dass jede Entscheidung ihren Preis hat und jede Tat Folgen nach sich zieht.

Ingmar Bergman & „Das siebente Siegel“

Carl Adolf von Sydow wurde am 10. April 1929 in Lund, Schweden, geboren. Der Vater war ein Professor, die Mutter unterrichtete. Ein Lehrerskind also. Nach der Schule und dem Militärdienst studierte er Schauspiel in Stockholm und fand rasch den Weg auf die Bühne und die Leinwand. 1955 traf er Ingmar Bergman, dessen Alter Ego er für die folgenden zwei Jahrzehnte wurde. Die Darstellung des Ritters Antonius Block in Bergmanns „Das siebente Siegel“ machte Sydow im Alter von 27 Jahren weltberühmt.

Ikonisch: Max von Sydow als Ritter beim Schachspiel mit dem Tod in "Das siebente Siegel" (©Studiocanal)
Ikonisch: Max von Sydow als Ritter beim Schachspiel mit dem Tod in "Das siebente Siegel" (©Studiocanal)

Das Schwarz-weiß der frühen Bergmann-Filme unterstrich seine asketischen Gesichtszüge und gab ihm eine Gravitas, die ihn zum heroischen „Erwachsenen“ schlechthin machte; sie verlieh ihm aber auch ein einzigartiges Charisma als moralische Instanz. Das machte ihn international zum geschätzten Charakterdarsteller, der jeden Film mit seinem Auftritt adelte.

Ein undurchschaubarer Gigant

Die Filmwelt bediente sich seines großen Talents auf die unterschiedlichste Weise und entführte ihn nach und nach aus Schweden: George Stevens besetzte ihn als Gottes Sohn, George Roy Hill als Priester in „Hawaii“. 1973 spielte er die Figur des greisen Father Merrin in William Friedkins „Der Exorzist“, unzweifelhaft einer der nachhaltigsten Rollen in der Populärkultur des 20. Jahrhunderts. Mit dem Auftragskiller Joubert in Sydney Pollacks „Die drei Tage desCondors (1975) schuf er die vielleicht eindringlichste seiner vielen Hollywood-Rollen. Es war die Blaupause für seine künftigen Rollen im US-amerikanischen Erzählkino als mächtiger, undurchschaubarer Mentor oder Gegenspieler des Helden.

Nebenher spielte er für das Who´s Who der jüngeren Filmgeschichte: Bertrand Tavernier, Francesco Rosi, Woody Allen, Martin Scorsese, Penny Marshall, Krzysztof Zanussi und Wim Wenders sind nur einige der Regisseure und Regisseurinnen, mit denen er arbeitete. Seine Karriere war dank seiner ungeheuren dramatischen Integrität scheinbar unantastbar: Für John Milius stand er als Osric an der Seite von Arnold Schwarzenegger in „Conan der Barbar“ vor der Kamera, für David Lynch war er der Chefwissenschaftler in „Dune“, und selbst ein Film wie „Judge Dredd“ tat seinem Nimbus keinen Abbruch.

Altersrolle: Max von sydow in Martin Scorseses "Shutter Island" (©Concorde)
Altersrolle: Max von Sydow in Martin Scorseses "Shutter Island" (©Concorde)

Wahlheimat Frankreich

Steven Spielberg besetzte ihn in „Minority Report“, Bille August gab ihm eine große Altersrolle in „Pelle der Eroberer“, Martin Scorsese bediente sich seiner in „Shutter Island“. Und selbst „Game of Thrones“ wurde durch sein kurzes Gastspiel mit einem „Emmy“ geadelt.

Ähnlich wie Margaret Rutherford scheint Max von Sydow niemals wirklich jung gewesen zu sein und wurde so auch niemals wirklich alt. Max von Sydow starb am 8. März in seiner Wahlheimat Frankreich im Kreis seiner Familie, einen Monat vor seinem 91. Geburtstag. Er hinterlässt ein schauspielerisches Oeuvre, dass ihn als Giganten der Filmgeschichte ausweist.

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