© DEFA-Stiftung (Szene aus "Die Schlüssel", den Wolfgang Gersch gegen die SED verteidigte)

Nachruf auf den Filmhistoriker Wolfgang Gersch

Mittwoch, 18.03.2020

Als Redakteur, Filmhistoriker und Funktionär blieb Wolfgang Gersch (13.6.1935 – 21.2.2020) zeitlebens ein unabhängiger Geist

Diskussion

Als Redakteur, Filmhistoriker und Funktionär blieb Wolfgang Gersch (13.6.1935 – 21.2.2020) zeitlebens ein unabhängiger Geist.


Seinen letzten größeren Text verfasste der Filmhistoriker Wolfgang Gersch für eine Publikation von „CineGraph Hamburg“: „Im Zeichen der Krise. Das Kino der frühen 1960er-Jahre“ (2013). Dieser Aufsatz muss ihm ein Herzensbedürfnis gewesen sein, denn Gersch kehrte damit noch einmal zu seinen beruflichen Anfängen zurück. Nach einem Studium der Dramaturgie an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg und der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin hatte er zunächst als Filmredakteur beim Sender Berliner Rundfunk und danach bei der legendären Ost-Berliner Filmzeitschrift „Deutsche Filmkunst“ gearbeitet, einem Monatsjournal, das durch seine Ernsthaftigkeit in ästhetischen Fragen und die dabei geübte Weltläufigkeit aus dem Blätterwald der DDR herausragte.

Ein Sprachrohr der Filmleute

Doch ein Jahr nach dem Mauerbau wurde die Zeitschrift im Dezember 1962 eingestellt. Gersch wechselte zum Institut für Filmwissenschaft und den hier viermal im Jahr herausgegebenen „Filmwissenschaftlichen Mitteilungen“. Gemeinsam mit Heinz Baumert, dem Leiter des Instituts, waren die jungen Redakteure der Meinung, „dass den Aufbrüchen, die in der DDR-Gesellschaft spürbar waren, Gewicht und Stimme gegeben werden müsse“. Die Zeitschrift, so Gersch, „wollte Wege zu neuen Ufern ebnen und begleiten, fern der hohltönenden Propaganda, und zum Sprachrohr der Filmleute werden, die sich gegen die lähmenden Maßregelungen der Partei wandten“. Die Stimmung in der Redaktion fasste die Mit-Redakteurin Erika Richter in dem Satz zusammen: „Wir haben geglüht!“, und genau so hieß auch der Aufsatz, in dem Gersch daran erinnerte.

Vielleicht waren die zwei Jahre, bis auch die „Filmwissenschaftlichen Mitteilungen“ nach dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED unter ideologische Kuratel gestellt wurden, die wichtigsten in Gerschs frühem Arbeitsleben. Immerhin erschienen in der Zeitschrift 1964/65 Interviews und Aufsätze von Jürgen Böttcher bis Chris Marker; der DDR-Filmminister Günter Witt proklamierte einen neuen, demokratischen Umgang mit den Künstlern; zahlreiche DEFA-Leute beteiligten sich an einer Umfrage nach internationalen Vorbildern (und nannten Fellini, Antonioni, Resnais, Truffaut, Godard) – und das Drehbuch des antistalinistischen tschechischen Films „Der Angeklagte“ (Regie: Jan Kadar, Elmar Klos) wurde abgedruckt. In den Schreibtischen der Redakteure lagen die zum Druck vorbereiteten Bücher zu Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“ (1965 verboten) und Andrzej Wajdas „Der Mann aus Marmor“ (gedreht erst 1976). „Wir machten“, so Gersch, „die Zeitschrift mit einer eigenwilligen Souveränität, die nichts von Ergebenheitsadressen an Partei und Regierung hielt, keine politischen Bestätigungen und Beschwörungen brachte, dafür aber die Sache Film sehr ernst nahm – und ganz besonders das, was im eigenen Lande geschah.“

Film bei Brecht

Von 1969 bis 1982 war Wolfgang Gersch als Filmhistoriker an der Filmhochschule Babelsberg angestellt, danach bis 1990 am Institut für Ästhetik der Akademie der Wissenschaften. In dieser Zeit erschienen einige Bücher, die auch in der Bundesrepublik verlegt wurden und bis heute als Standardwerke der deutschen Filmgeschichtsschreibung gelten. Allen voran sein „Film bei Brecht“ (1975) über Brechts praktische und theoretische Auseinandersetzung mit dem Kino. Gersch wollte die Untersuchung als Herausforderung an Filmemacher verstanden wissen, Brechts Theorie und Praxis zum Nutzen kluger Filme zu durchdenken. Für die Arbeit an diesem Thema hatte der Autor auch mit Zeitgenossen von Brecht Kontakt aufgenommen, etwa mit der Schriftstellerin Elisabeth Hauptmann, mit der er 1972 auch den Interviewfilm „Die Mit-Arbeiterin“ (Regie: Karlheinz Mund) für die DEFA realisierte. Schon 1969 war der Protokoll- und Materialband zu „Kuhle Wampe“ erschienen, den Brecht gemeinsam mit Slatan Dudow 1932 gedreht hatte.

Während Gersch sich zu aktuellen Filmentwicklungen in der DDR so gut wie nie äußerte und sein DEFA-Interesse vor allem den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg galt, blieb er publizistisch den ästhetischen Entwicklungen in der Weimarer Republik treu. In den frühen 1980er-Jahren edierte er als Co-Herausgeber Béla Balázs’ „Schriften zum Film“. 1989 publizierte er „Chaplin in Berlin“ über einen Besuch des gefeierten Komödianten in der deutschen Hauptstadt im März 1931. Gersch nahm die sieben Tage, die sich Chaplin in Berlin aufhielt, zum Ausgangspunkt für ein Essay über das explosive Klima jener Zeit. Auf der Basis zahlreicher Zeitungsausschnitte folgte er minutiös dem Besuchsprogramm Chaplins, zu dem Treffen mit Ministern gehörten, aber auch ein Besuch bei Albert Einstein oder bei Erik Charells Revueoperette „Im weißen Rössl“. Gersch schrieb darüber unterhaltsam und launig, mit viel Hintergrundwissen.

Buchcover zu "Chaplin in Berlin" von Wolfgang Gersch
Buchcover zu "Chaplin in Berlin" von Wolfgang Gersch

Aus dem Reigen solcher filmhistorischer Publikationen fielen seine ebenfalls in Ost und West gedruckten „Schweizer Kinofahrten“ heraus: ein Band, in dem er den neuen Schweizer Film von Alan Tanner und Claude Goretta bis Peter von Gunten vorstellte, der in den Kinos der DDR eher selten zu sehen war.

Wie 1990 das Ende der DEFA begann

Gersch, der sich auch in seinen Theaterrezensionen für die Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ als unabhängiger Geist verstand, wurde 1990 gebeten, Abteilungsleiter für Film im Kulturministerium der letzten DDR-Regierung zu werden. Er nahm die schwierige Aufgabe an, die ihm keineswegs nur Freunde bereitete. Immerhin galt es, über die Zukunft der DEFA und ihrer Künstler nicht nur nachzudenken, sondern den zutiefst Verunsicherten auch beratend und fördernd zur Seite zu stehen. Die ersten Schritte zur Gründung einer DEFA-Stiftung mussten gegangen werden. Auch das Schicksal der Filmfestivals war ein großes Thema: Was würde aus der Leipziger Dokumentarfilmwoche werden, aus dem Kinderfilmfestival in Gera, dem Festival in Neubrandenburg? 

Über diese Zeit, die sich für Gersch bis ins Jahr 2001 streckte – so lange arbeitete er als Filmreferent im Bundesministerium des Innern und beim Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien (BKM) – publizierte er 2011 die Textsammlung „Geschichte der nicht wahrgenommenen Möglichkeiten oder Wie 1990 das Ende der DEFA begann“. Eine nachdenkliche Reflexion auch über vertane Chancen. Beachtung fanden schließlich seine „Szenen eines Landes. Die DDR und ihre Filme“ (2006), in dem Gersch, ganz subjektiv, seine eigenen Lieblingstitel der DEFA Revue passieren ließ.

Wolfgang Gersch, der 1935 im niederschlesischen Neurode (heute: Nowa Ruda, Polen) geboren wurde, verstarb am 21. Februar in Berlin, wie seine Familie jetzt mitteilte.

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