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Zum Tod von Irrfan Khan

Freitag, 01.05.2020

„Wir sind nur Gesichter, die vorübergehen“: Ein Nachruf auf den indischen Schauspieler Irrfan Khan (7.1.1967-29.4.2020)

Diskussion

Der im internationalen Autorenkino tätige indische Schauspieler konnte sich auch in Hollywood-Produktionen etablieren. Kolleginnen und Kollegen schätzten seine Bescheidenheit und Integrität; in Indien galt Khan als Star mit einem magischen Charisma.


Mit dem Namen des indischen Schauspielers Irrfan Khan (7.1.1967-29.4.2020) verbindet man vielleicht nicht auf Anhieb gleich ein markantes Gesicht; doch der feine dunkle Teint, die ausdrucksstarken, in sich ruhenden Augen und der ungebändigte Haarschopf waren Khans Markenzeichen. Geboren wurde der Sohn einer paschtunisch-muslimischen Familie aus dem Mittelstand am 7. Januar 1967 in Jaipur, der Hauptstadt des nordindischen Bundesstaats Rajasthan. Der Vater von Sahabzada Irfan Ali Khan, so sein vollständiger Name, hatte es mit einem Reifengeschäft zu Wohlstand gebracht, die Mutter war sogar königlicher Herkunft.


Der Traum von der großen Karriere

Der schüchterne junge Mann zeigte ein beachtliches Talent als Kricket-Spieler, wollte dann aber unbedingt zum Film. Er bewarb sich 1984 bei der Nationalen Schauspielschule in Neu-Delhi, wo er auch seine Frau, die Autorin Sutapa Sikdar, kennenlernte. Doch das Brot der frühen Jahre war schwer zu verdienen: Billige, anspruchsloseste Schnulzen für die zahllosen Kabelsender bescherten Khan nicht den erhofften Traum von der großen Schauspielerkarriere. Selbst als die arrivierte Filmemacherin Mira Nair ihn 1988 in „Salaam Bombay!“ besetzte, endete das Engagement in einem Desaster. Die für ihn geschriebene Hauptfigur fiel dem Schnitt zum Opfer; übrig blieb nur ein kleiner Auftritt als Briefeschreiber. Erst die Verpflichtung für die spirituelle Samurai-Geschichte „The Warrior“ (2001), das Regiedebüt von Asif Kapadia, brachte den (künstlerischen) Durchbruch.

Seine Rolle in "Maqbool" bescherte Irrfan Kahn (l.) internationale Aufmerksamkeit
Seine Rolle in "Maqbool" bescherte Irrfan Khan (l.) internationale Aufmerksamkeit

Zu Khans Standardrepertoire in Bollywood-Produktionen zählten Polizisten, Schurken und romantische Liebhaber. Internationale Aufmerksamkeit fand „Maqbool“, eine moderne Macbeth-Adaption, in der Khan einen schottischen General verkörperte. In der 3. Staffel der HBO-Produktion „In Treatment“ spielte er einen Mathematikprofessor.

Dem internationalen Autorenkino gefiel der Außenseiter aus Indien, zumindest als Nebendarsteller. Wes Andersons surreal-skurrile Abenteuerkomödie „Darjeeling Limited“ (2007) wurde teilweise in Khans Heimat gedreht, wobei Anderson ihm eine kleine Rolle als Vater der drei Whitman-Brüder verschaffte. Michael Winterbottom besetzte Khan 2007 in dem Kidnapper-Drama „A Mighty Heart“ als Polizeichef. Danny Boyle vertraute ihm 2008 in „Slumdog Millionär“ die Figur eines Polizeikommissars an. Mit Ang Lees Abenteuer-Melodram „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ (2012) stieg sein Renommee weiter an.


Ein fester Platz in Hollywood

Anschließend folgten (bescheidenere) Aufgaben in Hollywood-Filmen: „The Amazing Spider-Man“ (2012), „Jurassic World (2015) und in der Dan-Brown-Adaption „Inferno“ (2016). Das indische Publikum beeindruckte „The Lunchbox“ (2017), eine romantische Liebesgeschichte zwischen einem Buchhalter und einer verheirateten Hausfrau. Im gleichen Jahr präsentierte Khan beim Filmfestival in Locarno „The Song of Scorpions“, inszeniert von dem in der Schweiz lebenden Inder Anup Singh. Danach spielte er eine Hauptrolle in dem Beziehungsdrama „Puzzle“ von Marc Turteltaub. Die Dreharbeiten zu seinem nunmehr letzten Film, „Angrezi Medium“, konnte Khan 2018 noch absolvieren; die Komödie schaffte es im März 2019 kurz in die indischen Kinos.

Filmplakat zu "Lunchbox" mit Irrfan Kahn (l.)
Filmplakat zu "The Lunchbox" mit Irrfan Khan (l.)

Irrfan Khan bezog auch Stellung zur traditionsreichen Kino- und Theatergeschichte seiner Heimat. In einem Interview erklärte er: „Ich lehne die Bezeichnung Bollywood immer ab, weil ich sie nicht für zutreffend halte. Diese Industrie hat ihre eigene Technik, ihren eigenen Produktionsstil. Das hat nichts mit dem Nachäffen von Hollywood zu tun. Der Ursprung liegt vielmehr im Parsi-Theater.“ Bezeichnend ist auch seine Abwehrhaltung gegen einen zu großen religiösen Einfluss in seinen Arbeiten. So lehnte er 2012 Verpflichtungen in der Salman-Rushdie-Verfilmung „Midnight Children“ von Deepa Mehta und eine Rolle als Terrorist in dem Politdrama „The Reluctant Fundamentalist von Mira Nair ab.

Irrfan Khan starb am 29. April 2020 im Alter von nur 53 Jahren an den Folgen einer Darminfektion in einem Krankenhaus in Mumbai. Der indische Premierminister Narendra Modi bezeichnete seinen Tod als „einen Verlust für die Welt des Kinos und des Theaters“.

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