© imago images/Rupert Oberhäuser (Das Autokino Dortmund, ein im April 2020 neu eröffnetes Autokino vor dem ehemaligen Hochofenwerk Phoenix-West)

Die Stunde des Drive-in-Kinos

Donnerstag, 07.05.2020

Es ist wieder da: Mitten in der Coronavirus-Krise erfährt das Autokino ein Revival. Ein Lagebericht.

Diskussion

Wer hätte das gedacht? Noch vor einigen Wochen führte das Autokino in Deutschland ein Nischendasein. Es gibt zwar eine treue Fangemeinde, aber die ist überschaubar und reicht normalerweise gerade, um bundesweit fünf Autokino-Spielstätten einen Ganzjahresbetrieb zu ermöglichen. Dazu kommen noch einige Autokinos, die nur in den wärmeren Monaten geöffnet sind. 2019 zählte die Filmförderungsanstalt bundesweit 18 Autokino-Leinwände, 15 Jahre zuvor waren es noch 38. Doch seit die Coronavirus-Pandemie alle Vorführungen in festen Kinogebäuden sowie zahllose andere kulturelle Angebote gestoppt hat, gewinnt das Filmesehen aus dem Personenwagen neue Attraktivität.

Von Marl bis Leipzig, von Güstrow bis Titisee-Neustadt machen derzeit Autokinos auf, weitere Initiativen arbeiten an entsprechenden Plänen. Rund 30 Autokinos haben seit dem Ausbruch der Seuche den Betrieb aufgenommen. Der Verband der Filmverleiher verzeichnet aktuell etwa 80 Standorte, die ein Autokino betreiben oder vorbereiten. Einen großen weißen Fleck weist in dieser Hinsicht nur Bayern auf, wo die Behörden zum Leidwesen der Autokino-Enthusiasten an ihren rigiden Corona-Beschränkungen festhalten. Am Widerstand skeptischer Behörden scheitern derzeit aber auch andernorts Autokinopläne, etwa für die Trabrennbahn in Hamburg-Bahrenfeld.


Im Zuge der Krise neu eröffnet: das Autokino Mainz (©MMG – Mainzer Messe Gesellschaft mbH)
Im Zuge der Krise neu eröffnet: das Autokino Mainz (©MMG – Mainzer Messe Gesellschaft mbH)

Die technische Basis fürs Stillen des Kinohungers muss zügig geschaffen werden

Angesichts des Kinohungers sieht sich die Bundesnetzagentur in Bonn mit einer Rekordzahl an Anträgen auf Erteilung von Funkfrequenzen konfrontiert, die benötigt werden, um das Tonsignal des Films in die Autoradios zu übertragen. Seit dem 1. März 2020 hat die Agentur in 64 Fällen Frequenzen für den Betrieb von Autokinos zugeteilt. „Davon entfallen elf auf Baden Württemberg, eine auf Bayern, eine auf Hamburg, zwei auf Mecklenburg-Vorpommern, fünf auf Niedersachsen, 39 auf Nordrhein-Westfalen, drei auf Rheinland-Pfalz, eine auf Sachsen und eine auf Thüringen“, berichtet Pressesprecher Fiete Wulff.

In jedem Fall muss durch eine Prüfung ausgeschlossen werden, „dass durch einen Betrieb im Autokino zum Beispiel sicherheitsrelevante Frequenznutzungen zum Beispiel im Flugverkehr gestört werden können.“ Es lägen noch zahlreiche weitere Anträge vor, die nun zügig bearbeitet würden. Bei der Netzagentur gehen außerdem laut Wulff inzwischen auch Anfragen von Musikfestivals zu Frequenznutzungen ein.

„Wir bekommen Hunderte Kauf- und Mietanfragen zum Thema Autokino aus der ganzen Welt“

Auch technische Dienstleister wie die Firma Airscreen aus Münster, die seit zwei Jahrzehnten Ausrüstungen für Auto- und Freiluftkinos herstellt und vertreibt, bekommen den Boom zu spüren. Noch im März sah die Lage dort wegen der Umsatzeinbrüche düster aus, wie Geschäftsführer Christian Kremer berichtet. Doch im April drehte sich der Wind. „Wir bekommen Hunderte Kauf- und Mietanfragen zum Thema Autokino aus der ganzen Welt. Wie viele davon wir in Verkäufe oder unsere Partner in Veranstaltungen verwandeln können, wird sich zeigen“, sagte Kremer dem Branchenblatt „Blickpunkt Film“.


Werbegrafi der Firma Airscreen
Werbegrafik der Firma Airscreen, die mobile Leinwände u.a. für Autokinos, aber auch andere Freiluft-Veranstaltungen anbietet

Die plötzliche Autokino-Renaissance hat übrigens einen kuriosen Nebeneffekt: „Vor Corona kamen im Schnitt auf zehn Autokinos sicherlich 100 Open-Air-Kinos. Nach Corona ist dieses Verhältnis eher umgekehrt.“ Kremer gibt zu bedenken, dass viele Kinobetreiber, die jetzt auf Drive-in-Kinos setzten, aufpassen sollten, damit sie im Spätsommer noch Freiluftkinos veranstalten können. „Das wird dann sicher mit einer Besucherbegrenzung und einem definierten Abstand zwischen den Zuschauern stattfinden müssen, aber damit kann man leben.“

Wie Abstandhalten und gemeinschaftlicher Filmgenuss zusammenpassen

Die Autokinos profitieren derzeit davon, dass sie als letzte noch nutzbare kommerzielle Spielart kollektiven Freizeitvergnügens außerhalb der eigenen vier Wände einen sicheren Filmgenuss ermöglichen: Die Gäste reisen im eigenen Auto an, bleiben während der Projektion darin sitzen und können problemlos genügend Abstand halten. Für den Betrieb unter Pandemie-Bedingungen wurde ein neues Regelwerk eingeführt: In jedem Auto dürfen nur zwei erwachsene Personen sowie eigene Kinder bis 14 Jahre sitzen. Die Fahrzeuge werden auf dem Gelände mit mindestens zwei Meter Abstand geparkt. Tickets gibt es nur online im Vorverkauf, sie werden bei der Einfahrt durch das geschlossene Autofenster gescannt. Die sonst übliche Abendkasse ist geschlossen.


Hat sein Programm bis zunächst 17.5. verlängert: Das Autokino im Sauerlandpark Hemer (@Sauerlandpark Hemer)
Hat sein Programm bis zunächst 17.5. verlängert: Das Autokino im Sauerlandpark Hemer (@Sauerlandpark Hemer)


Unterschiede gibt es allerdings bei Essen und Trinken: Während im Autokino in Köln-Porz die Snack-Bar geschlossen ist, sind im Autokino Düsseldorf verpackte Snacks und Getränke im Rahmen von „Social Distancing“ erhältlich. Die Besucher dürfen aber ohnehin Nahrungsmittel und Getränke von zuhause mitbringen.

Ausverkauft! Die Nachfrage brummt

Die Autokino-Alternative zu den stillgelegten Standardkinos hat sich schnell herumgesprochen. Wer sich derzeit auf den Homepages die Programme anschaut, begegnet immer wieder einem Satz: Ausverkauft! Das gilt auch für den Marktführer, die DriveIn Autokinos der DWJ GmbH in Starnberg. Sie betreibt große Anlagen in Köln, Essen, Gravenbruch bei Frankfurt am Main, Kornwestheim bei Stuttgart und Aschheim bei München. Bis auf Aschheim sind alle Autokinos in Betrieb und sehr gut ausgelastet. Zurzeit werden dort in der Regel zwei Filme am Abend gezeigt, um 21.15 Uhr und um 0.15 Uhr.

„Unsere Kinovorstellungen sind derzeit in der Regel gerade in der frühen Schiene fast alle ausverkauft“, berichtet Pressesprecher Heiko Desch, der zugleich das Autokino Gravenbruch leitet, das übrigens vor 60 Jahren als erstes seiner Art in Deutschland gegründet wurde. „Die Spätvorstellungen waren anfangs auch alle ausverkauft, das geht mittlerweile etwas zurück, weil es immer später dunkel wird und daher der Beginn der zweiten Vorstellung mittlerweile schon weit nach Mitternacht liegt. Aber allein die Tatsache, dass wir diese zweite Vorstellung mit guten oder sehr guten Besucherzahlen noch anbieten, zeigt den derzeitigen Ansturm. Denn in normalen Zeiten spielen wir nur freitags und samstags zwei Vorstellungen.“

Das Autokino Tübingen bei Nacht, aufgenommen am 1. Mai 2020 (©Dktue/Wikimedia))
Das Autokino Tübingen bei Nacht, aufgenommen am 1. Mai 2020 (©Dktue/Wikimedia))

Die Familien sind froh, dass sie mal aus dem Haus kommen

Dazu kommen in Köln und Kornwestheim am Nachmittag Vorführungen von Kinder- und Familienfilmen, die auf LED-Bildwänden laufen. „Die haben wir zusätzlich aufgebaut, um auch den Kleinsten und den Familien ein Programm zu bieten“, sagt Desch. „Diese Angebote werden sehr gut angenommen. Die Familien sind froh, dass für sie etwas Besonderes geboten wird und sie mal aus dem Haus kommen.“

Bei Sonderveranstaltungen halten sich die DriveIn-Kinos derzeit noch eher zurück. „Wir bekommen Tausende Anfragen von Künstlern und Agenturen und prüfen gerade, was für uns interessant sein könnte.“ Dabei gelte es die jeweilige Rechtslage zu beachten. „Wir haben die Genehmigung, Autokino zu machen. Wenn wir ein Konzert veranstalten wollen, ist schon der Schallpegel ein ganz anderer. Für jedes einzelne Konzert und jede Show müssen also die Behörden neu gefragt werden. Dennoch wollen wir versuchen, nach sorgfältiger Auswahl einmal wöchentlich oder ein bis zwei Mal im Monat solche Sonderveranstaltungen zu platzieren. Aber in der Hauptsache wollen wir natürlich Autokino machen.“

Der Run gilt etablierten, aber auch neuen Autokino-Standorten

Wegen des Besucheransturms mussten die DriveIn-Kinos bereits das Personal erheblich aufstocken. „Um die Autos richtig einzuweisen, brauchen wir einfach mehr Ordner auf dem Platz. Die sorgen auch dafür, dass die Leute im Auto bleiben und die Abstände vor den Toiletten eingehalten werden, falls sich eine Warteschlange bildet“, so Desch. „Daher haben wir pro Autokino bis zu 50 neue ‚Minijobber‘ eingestellt. Bis zu 15 Mitarbeiter befinden sich jeden Abend als Ordner auf dem Platz.“

Der Run betrifft nicht nur die etablierten Standorte, sondern auch die neuen. So startete das Autokino Düsseldorf am 8. April mit dem Kinofilm „Lindenberg! Mach Dein Ding seine täglichen Filmvorstellungen. Die Tickets dafür waren binnen zwei Stunden vergriffen. Seit dem 27. April gibt es dort auch Autokino-Konzerte und -Shows. „Den Auftakt hatten wir mit vier ausverkauften Abenden mit den Rappern Alligatoah und Sido“, berichtet Pressesprecherin Annalena Mandrella. „Zuletzt gab die Kölner Mundart-Band Brings zwei Konzerte. Bisher waren alle Termine ausverkauft. Die Konzerte sind in der Regel innerhalb weniger Minuten ausverkauft, die Filmvorstellungen in der Regel innerhalb einiger Tage.“


Auch die Hafenstadt Husum muss nicht ohne Kino ausharren: Ein Drive-in-Kino eröffnet am 8. Mai als erstes in Schleswig-Holstein (© Messe Husum & Congress/Kino Center Husum)
Auch die Hafenstadt Husum muss nicht ohne Kino ausharren: Ein Drive-in-Kino eröffnet am 8. Mai als erstes in Schleswig-Holstein (© Messe Husum & Congress/Kino Center Husum)

Auch Gottesdienste ziehen um ins Autokino

Derzeit erweitere man das Programm stetig, zum Beispiel mit Comedy und DJ-Musik. „Es stehen zwei World Club Dome Live-DJ-Sessions sowie Roncalli’s Cinema Poesia, eine Mischung aus Roncalli-Jubiläumsfilm und artistischem Live-Opening, gefolgt von der Musikgruppe Schiller.“ Mitten im allgemeinen Krisenmodus und partiellen Lagerkoller nutzt der Anbieter das Comeback des nostalgischen Mediums Autokino auch für einen guten Zweck: Von jeder verkauften Eintrittskarte ging in der ersten Woche ein Spenden-Euro an die geschlossenen Filmkunstkinos Düsseldorf, danach an weitere Einrichtungen.

Auch die Stuttgarter Kinostar Theater GmbH zum Beispiel landete mit ihrem frisch aufgebauten Autokino auf der Theresienwiese in Heilbronn einen Volltreffer. Gleich am ersten Wochenende kamen mehr als 3000 Zuschauer. „Die größten Hits waren ‚Die Känguru-Chroniken‘ und ‚Joker, aber auch ‚Die Eiskönigin 2‘ war bei Kindern heiß begehrt“, berichtete Geschäftsführer Michael Roesch. Er kündigte eine zusätzliche Nachmittagsschiene mit Kinderprogramm an. In der Planung sind zudem Kindertheater, Gottesdienste, Konzerte und Comedy.

In Düsseldorf hat man schon Erfahrungen mit Parkplatz-Gottesdiensten gesammelt. „An Ostern hatten wir drei Gottesdienste im Autokino. An Karfreitag fand ein ökumenischer Karfreitags-Gottesdienst, am Sonntag eine katholische Messe und am Ostermontag ein evangelischer Gottesdienst statt“, berichtet Sprecherin Mandrella. Ökumenische Gottesdienste wurden zum Beispiel auch auf Autokino-Geländen in Göttingen und Essen gefeiert. Im Motor Movie an der Grugahalle in Essen kamen 450 Christen in 180 Pkw zusammen. Nach sechs Wochen ohne öffentliche Gottesdienste beteten die evangelische Pfarrerin Hanna Jacobs und der katholische City-Seelsorger am Dom, Bernd Wolharn, mit einer Gemeinde. In Göttingen trafen 90 Gläubige in 40 Autos tagsüber zum Gottesdienst auf einem Parkplatz am Jahn-Stadion zusammen, der abends als Autokino dient. Der Superintendent Friedrich Selter sagte: „Diese Form von Gottesdienst könnte gut in Serie gehen.“

Ein dauerhafter Boom ist nicht zu erwarten

Mit einem dauerhaften Boom der Autokinos rechnen Branchenkenner nicht. Zum einen sind die Genehmigungen für die zusätzlichen Anlagen in der Regel befristet. So gilt zum Beispiel eine angekündigte Erlaubnis der Stadt Bonn für ein neues Autokino im Stadtteil Dottendorf maximal für drei Monate. „Und sie wird längstens bis zur Wiedereröffnung regulärer Kinos erteilt werden“, sagte die Stadtsprecherin Monika Hörig dem Bonner „General-Anzeiger“. Zum anderen dürfte die aktuelle Nachfrage nach Konzerten, Comedy und Gottesdiensten im Autokino wieder abflauen, wenn sich die Lage wieder normalisiert. In diesem Zusammenhang weist Desch darauf hin, dass die jetzt vermehrt eingesetzten LED-Videowände nur verfügbar seien, weil es keine anderen Veranstaltungen gebe.

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