© Academy Films/BBC ("The Fall")

Jonathan Glazer & „The Fall“

Freitag, 08.05.2020

Der Regisseur von „Birth“ und „Under the Skin“ meldet sich mit einem Kurzfilm zurück, der seit 10. Mai auf MUBI zu sehen ist

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Gerade mal drei Spielfilme hat der 1965 in London geborene Jonathan Glazer bislang gedreht – „Sexy Beast“, „Birth“ und „Under the Skin“, die entweder begeisterten oder vor den Kopf stießen. Glazer liebt es, die Grenzen des Darstellbaren auszutesten. Immer wieder stößt er in Bereiche vor, in denen die menschliche Ratio auf der Strecke bleibt. Sein Kurzfilm „The Fall“ ist jetzt auf MUBI zu sehen.


Mit dem siebenminütigen Kurzfilm „The Fall“ meldet sich der britische Filmemacher Jonathan Glazer zurück. Seit seinem furiosen Alien-Drama „Under the Skin“ (2013) war es still geworden um den Ausnahme-Künstler, der seine Werke mit großer Sorgfalt und hohem Zeitaufwand realisiert. Die neue Arbeit „The Fall“ ist eine Horror-Vignette ohne Dialog rund um einen anonymen Mob, ein Opfer und einen Fluchtversuch, begleitet von Musik von Mica Levi.

Die Inspiration für den Kurzfilm lieferten unter anderem Goyas Bildzyklus „Die Schrecken des Krieges“ und Schnappschüsse von Donald Trump beim Jagen. Es geht um ein Klima der Angst – und um den Hass und die Gewalt, die aus diesem Klima entstehen können. „Ich denke, Furcht ist immer präsent, und das treibt Leute zu irrationalem Verhalten“, äußerte sich Glazer in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“ über seine Motive: „Ein Mob ermutigt dazu, persönliche Verantwortung abzugeben. Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland war wie ein Fieber, das die Leute ergriff. Wir können gerade beobachten, wie das wieder geschieht.“

Glazers nächstes Spielfilmprojekt soll sich angeblich direkt mit dem Holocaust beschäftigen und im Konzentrationslager Auschwitz spielen.


Die Szene trifft wie ein Schock

Über das bisherige Werk von Jonathan Glazer und dessen filmische Handschrift schrieb Michael Kohler aus Anlass von „Under the Skin“  (2014): "Der dumme Hund hat sich zu weit hinausgewagt. Jetzt kämpft er gegen die Strömung und zieht die Menschen mit ins Unglück. Als erste stürzt die Frau ins kalte Meer – und ist nach wenigen Zügen selbst ein Spielzeug der stürmischen Wellen. Als ihr der Mann verzweifelt folgt, kommt auch in zwei ferne Beobachter Bewegung, einen Mann und eine junge Frau (Scarlett Johansson). Ersterer, ein Urlauber im Schwimmanzug, läuft die felsige Böschung hinab, springt ins Meer, erreicht den Mann und zieht ihn aus den Fluten. Am Ende seiner Kräfte sinkt der Retter in den Sand, während der Mann zurück ins Wasser geht – und von der Bildfläche verschwindet. Mittlerweile ist auch die junge Frau zum Strand hinabgestiegen. Sie beugt sich über den erschöpften Retter, wendet sich zu einem Haufen Steine, sucht einen passenden heraus und schlägt ihm damit auf den Kopf. Dann schleift sie ihn über den Strand, während im Hintergrund ein kleines Kind schreit. Aber die Frau kümmert es nicht. Sie scheint es nicht einmal wahrzunehmen.

Diese Szene aus Jonathan Glazers „Under the Skin“ trifft einen wie ein Schock. Und das, obwohl man zu diesem Zeitpunkt schon gesehen hat, wie die Frau durch Schottland fährt und Männer in ein seltsames Verderben lockt. Man ahnt bereits, dass sie nicht von dieser Welt stammt; aber erst jetzt begreift man, wie fremd ihr alles ist. Sie hat gar nicht begriffen, dass sich vor ihren Augen eine Tragödie zutrug, sie hat weder die Verzweiflung des Mannes verstanden noch die Angst des verwaisten Kindes. Vielleicht hätte sie geholfen, wenn sie gewusst hätte, wie Hilferufe klingen. Stattdessen schleift sie einen leblosen Körper durch den Sand.

Ein Schock ist die Szene aber auch, weil Jonathan Glazer sie so beiläufig inszeniert. Am Anfang sieht man, wie Scarlett Johansson auf den Schwimmer wartet und ihn anspricht. Die kleine Familie mit Hund ist nur in der Ferne zu sehen, und auch als das Geschehen dramatisch wird, bleibt die Inszenierung distanziert. Die Kamera scheint den Standpunkt der Fremden zu spiegeln, sie zeigt nicht, was mit den Menschen im Wasser geschieht. Das braucht sie auch gar nicht, weil der Zuschauer – anders als die Außerirdische, denn um eine solche handelt es sich bei der Figur – weiß, dass sie verloren sind.

"Under the Skin"
"Under the Skin" (© Senator)

Glazer liebt es, die Grenzen des Darstellbaren auszutesten

Beinahe hätte man vergessen können, dass der britische Regisseur ein Meister solcher Szenen ist. Jonathan Glazer gehört zu der Generation der „Regie-Wunderkinder“, die in den 1990er-Jahren vom Boom der Werbe- und Musikindustrie profitierte. Nach einem Theaterdesign-Studium in London empfahl er sich mit Filmtrailern für die BBC für höhere Aufgaben, drehte atemberaubende Werbespots für Guinness, Levi Strauss oder Volkswagen und stieg 1996 mit dem Video zu Jamiroquais „Virtual Insanity“ zum Star der Musikclip-Szene auf.

Under the Skin“ war nach „Sexy Beast“ (2000) und „Birth“ (2004) sein dritter Spielfilm in 14 Jahren – neun Jahre hat er daran gearbeitet. Einige davon brauchte er, um sich selbst und seine Hauptdarstellerin Scarlett Johansson davon zu überzeugen, dass „Under the Skin“, ein Alien-Film abseits aller Genrekonventionen, ein lohnendes Wagnis sei.

Die Kritik konnte Glazer davon nicht ganz überzeugen – bei der Premiere beim Festival in Venedig fiel der Film durch. Dabei ist „Under the Skin“ ein Erlebnis. Es beginnt mit einer schwarzen Leinwand, auf der sich ein weißer Lichtpunkt zu einem strahlenden Lichtkreis weitet und schließlich in eine menschliche Iris übergeht. Dann folgt etwas, was man als Andockmanöver im All bezeichnen könnte, das aber wie manches andere bis zum Ende unerklärt bleibt. Nach diesem abstrakten Vorspiel, das ein wenig an das Finale von „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnert, schlüpft Scarlett Johansson in eine menschliche Hülle, fährt im weißen Lieferwagen durch Schottland und versucht Männer aufzugabeln. Am Anfang scheint sie noch zu üben, dann aber lockt sie den ersten erfolgreich in ein heruntergekommenes Haus. Im Inneren befindet sich ein schwarzer Raum mit einer schwarzen, zähen Flüssigkeit als Boden, in der die Männer Schritt für Schritt versinken, ohne dass sie es bemerken würden. Unter der Oberfläche leben sie Stunden oder Tage weiter, bis ihnen in Sekundenschnelle das Innere ausgesogen wird und nur noch eine leere Hülle übrigbleibt.


Aufwändig komponierte, nie ganz zu entschlüsselnde Bilder

Diese gespenstischen Aufnahmen gehören zu den Bravourstücken, die selbst die Kritiker von „Under the Skin“ anerkennen. In ihnen zeigt sich alles, wofür Jonathan Glazer steht: die Liebe zu aufwändig komponierten, nie ganz zu entschlüsselnden Bildern, die Verschmelzung von Bild und eindringlicher Musik – hier ein gespenstischer Originalscore von Mica Levi, die Neigung zu altmodischer Tricktechnik. Glazer liebt es, die Grenzen des Darstellbaren auszutesten und das Publikum zu verblüffen. Aber er glaubt auch daran, dass diese Verblüffung umso besser funktioniert, je authentischer sie wirkt. Deswegen hat er die Szenen mit den versunkenen Männern unter Wasser gedreht, statt sie im Computer zu entwickeln, und deswegen hat er Scarlett Johansson mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie sie auf der Straße normale Passanten anspricht oder unerkannt durch ein Einkaufszentrum spaziert.

Glazers Spielfilmdebüt: "Sey Beast" mit Ben Kingsley (© Senator )
Glazers Spielfilmdebüt: "Sexy Beast" mit Ben Kingsley (© Senator )

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Musikvideo- und Werberegisseur schickte Glazer einen anderen Filmstar zu Fuß durch einen viel befahrenen Autotunnel: In „Rabbit in Your Headlights“ (Unkle) spielt Denis Lavant einen Obdachlosen, der wirres Zeug brabbelt und gar nicht zu merken scheint, wo er sich befindet. Er sieht weder die Lichter der Autos noch die verächtlichen Blicke der Fahrer, bis ihn der erste Wagen streift und zu Boden reißt. Er rappelt sich auf, wird erneut angefahren, durch die Luft geschleudert – und setzt seinen Weg fort. Am Ende steht er mit nacktem Oberkörper mit dem Rücken zum Verkehr, breitet die Arme aus und wartet auf den Aufprall. Doch dieses Mal zerschellt der Wagen an ihm. Glazer zeigt dieses Geschehen ganz nah und lässt jeden Aufprall beinahe körperlich miterleben. Die soziale Kälte, die sich in der Rücksichtslosigkeit der Fahrer zeigt, kriecht einem geradezu in die Kleider – bis ein Wunder den scheinbar unvermeidlichen Gang der Dinge unterbricht.

In seinem Spielfilmdebüt „Sexy Beast“ gibt es ein fernes Echo dieses „göttlichen“ Eingriffs. Ein riesiger Stein stürzt in das Schwimmbecken eines Safeknackers im Ruhestand, zerstört den Pool und kündigt nahendes Unheil an. Am Ende wird eine Leiche im neu gegossenen Fundament verschwinden, und die frühere Ruhe ist wiederhergestellt.

In den bisher drei Spielfilmen von Glazer bricht stets etwas Unerwartetes in das Leben der Hauptfiguren ein – und alles ändert sich: In „Sexy Beast“ wird der Safeknacker von einem früheren Komplizen terrorisiert, in „Under the Skin“ löst ein entstellter Mann etwas in der Außerirdischen aus, das sie ihrem Alltag als Lockvogel entfliehen lässt, und in „Birth“ bekommt die Heldin Besuch von einem Jungen, der behauptet, die Wiedergeburt ihres vor zehn Jahren gestorbenen Ehemanns zu sein. Die Frau (Nicole Kidman) schiebt den Jungen unwillig fort, doch der kehrt wieder – wie eine unauslöschliche Erinnerung. Schließlich stellt man ihn vor seinem Vater zur Rede, und der gebietet seinem Sohn, die Besuche einzustellen. Als sich die Frau beim Gehen noch einmal umdreht, sieht sie, wie der Junge in Ohnmacht fällt. Und plötzlich glaubt sie ihm.

Nicole Kidman in "Birth" (© Warner Bros.)
Nicole Kidman in "Birth" (© Warner Bros.)

Die Heimsuchung durch ein Gefühl

Auch diese Szene ist in ihrer Beiläufigkeit meisterlich inszeniert. Glazer lässt den entscheidenden Augenblick zunächst verstreichen und gibt dem Publikum anschließend Gelegenheit, in einer langen Großaufnahme das Gesicht seiner Hauptdarstellerin Nicole Kidman zu studieren. Während ihre Figur in der Oper sitzt und den Klängen von Wagners „Walküre“ lauscht, ruht der Blick der Kamera allein auf ihr. Und man versteht, dass sie gegen jede Vernunft an die Wiederkehr des Toten glauben will. Auch „Under the Skin“ handelt von der Heimsuchung durch ein Gefühl, für dessen existenzielle Tiefe es im Film keine rationale Erklärung gibt. Doch dieses Mal ist die Heldin eine Außerirdische in Menschengestalt, die ihre fremde Hülle zu begreifen versucht und dadurch tatsächlich ein wenig menschlicher wird – und schutzloser. Schon deswegen lassen einen die Bilder dieser Verwandlung nicht mehr los.


Der Artikel über Jonathan Glazer und dessen filmische Handschrift ist unter dem Titel „Der Fremde“ erstmal in der Ausgabe 21/2014 der Zeitschrift FLIMDIENST anlässlich von „Under the Skin“ erschienen.

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