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Schwebeteilchen: Elfi Mikesch zum 80. Geburtstag

Freitag, 12.06.2020

Ein voluminöses Buch und eine Ausstellung würdigen den 80. Geburtstag der Regisseurin, Fotografin und Kamerafrau Elfi Mikesch

Diskussion

Rosa von Praunheim hat seiner langjährigen Mitstreiterin Elfi Mikesch zum 80. Geburtstag ein materialreiches Buch gewidmet, das mit großer Hingabe und Leidenschaft deren „schwebenden“ Werken nachspürt. Begleitend dazu zeigt die Berliner Galerie von Hirschheydt aktuell eine Ausstellung mit neuen Arbeiten von Elfi Mikesch und Lilly Grote.


„Ich kann sagen, ich bin ein Schwebeteilchen ... Als Schwebeteilchen geboren zu werden heißt, vielgestaltig zu sein, während einer nicht unbedingt messbaren Zeit“, schreibt Elfi Mikesch Anfang Januar 2009 in ihr Tagebuch. Mit einem treffenderen Bild hätte sich die 1940 im österreichischen Judenburg geborene Experimental- und Dokumentarfilmerin, Fotografin und Kamerafrau wohl kaum beschreiben können. Vielgestaltigkeit ist Mikesch, die am 31. Mai 2020 ihren 80. Geburtstag feierte, tatsächlich zutiefst eigen. Ein umfassendes Bild von ihren zahlreichen Wegen, Beschäftigungen, Interessen und künstlerischen Ausdrucksformen vermittelt jetzt ein dickes Buch, das der Filmemacher Rosa von Praunheim im Eigenverlag herausgegeben hat; mit ihm verbindet Mikesch eine langjährige Freundschaft und Arbeitsbeziehung. Begleitend dazu sind Arbeiten von Elfi Mikesch und Lilly Grote, auch sie „Lebensfreundin“ und Arbeitspartnerin – Grote war bei zahlreichen Filmen von Mikesch für den Ton verantwortlich – unter dem Titel „Catching the Light“ in der Berliner Galerie Gustav von Hirschheydt zu sehen.


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Das gut 300 Seiten umfassende Buch, das in nur wenigen Monaten entstand, lässt sich nur schwer auf einen Begriff bringen. „vis-à-vis. Fotografie und Film. 80 Jahre“ ist ein materialreicher, mitunter üppiger Katalog, teils Monografie, teils Autobiografie und angereichert mit zahlreichen Abbildungen und Texten, von Fotografien, Coverabbildungen, Filmstills und Transkripten bis hin zu fremden Text- und Bildquellen. Alles steht hier gleichberechtigt nebeneinander: Rembrandts „Die Anatomie des Dr. Tulp“ und Glasnegative aus dem Stadtmuseum Judenburg, Textauszüge von W.G. Sebald, Truman Capote und Emily Dickinson sowie Wikipedia-Einträge. Auch wenn die Strukturierung in Kapitel eine gewisse Ordnung und Linearität suggeriert – „Kapellen der Kindheit“, „Nach Berlin“, Freundinnen und Freunde“, „Frauenliebe“, „Stilles Leben“, „Straße als Erzählung“ – geht es oft gleichzeitig in die verschiedensten Richtungen und mitunter auch ein bisschen drunter und drüber. Auch weil die Felder, in denen Mikesch gearbeitet hat, eben nicht begrenzt, sondern im Gegenteil darauf angelegt sind, sich zu überschneiden und zu öffnen.

Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim, Werner Schroeter / © Collage von Markus Tiarks aus Fotos von Elfi Mikesch und Rosa von Praunheim
Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim, Werner Schroeter / © Collage von Markus Tiarks aus Fotos von Elfi Mikesch und Rosa von Praunheim

Im steten Austausch mit anderen

Als enge Weggefährtin von Monika Treut, Rosa von Praunheim und Werner Schroeter wie auch als Protagonistin der queeren Westberliner Subkultur der vergangenen Jahrzehnte gehörte Mikesch nie zu jenen Künstlerinnen und Künstlern, die sich als Einzelkämpfer verstehen. Das kollaborative Arbeiten war und ist fester Bestandteil ihrer künstlerischen Praxis. Der Austausch mit anderen scheint Mikesch geradezu erst den Raum zu geben, ihre eigene Signatur zu entwickeln. Einen Eindruck von ihrer Ästhetik konnte man sich schon in der Ausstellung „Abfallprodukte der Liebe. Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim, Werner Schroeter“ machen, die 2018 in der Berliner Akademie der Künste zu sehen war und vor allem fotografische Arbeiten von Mikesch zeigte, die meisten davon aus der jüngeren Zeit.

Als Fotografin ist Mikesch auch in „vis-à-vis“ ganz Schwebeteilchen. Die Schwarzweißfotos aus den späten 1960er-Jahren verströmen die Aura der künstlerischen Avantgarden der 1920er- und 1930er-Jahre, aber auch der Undergroundkultur ihrer Zeit. Zu „Oh Muvie“, dem 1966 gemeinsam mit Praunheim realisierten „anarchistischen Fotoroman“, schreibt sie: „Oh Muvie ist mein Künstlername, Oh Muvie war mein Pseudonym, Oh Muvie ist mehrgeschlechtlich, spielerisch, liebt den Traum der Dinge.“ Die Fotos aus den späteren Jahren wirken flüchtiger, luftiger, weniger ikonisch; Mikesch arbeitet nun auch digital. Ein durchgängiger Stil lässt sich nicht immer festmachen; verbindendes Element scheint eher eine Haltung des Sehens zu sein, das immer auch eine Begegnung impliziert – egal ob es sich dabei um ein so schillerndes Gegenüber wie Tabea Blumenschein oder Lena Brauch handelt (die Künstlerin und Betreiberin des interdisziplinären Kunstraums „Barbiche“ ist auch auf dem Cover von „vis-à-vis“ zu sehen) oder um ein namenloses Mädchen mit Zahnspange. „Portraits beschäftigen mich allerdings bis heute als Initiale der lebenslangen Frage zum fotografischen Selbstbild. Dem Bild von Auge zu Auge“, schreibt Mikesch. Zu zahlreichen Bildern gibt es auch kurze Texte, in denen die Fotografin die Begegnung noch einmal sprachlich festhält. Es sind detaillierte, intime Beobachtungen zu Räumen, Interieurs, zu Körperhaltungen und Gesten. Man glaubt ihr sofort, wenn sie behauptet, sie habe jedes Bild erlebt.

Die bislang letzte Regiearbeit von Elfi Mikesch war das autobiographische Experimentaldrama „Fieber“ © Barnsteiner
Die bislang letzte Regiearbeit von Elfi Mikesch war das autobiographische Experimentaldrama „Fieber“ © Barnsteiner

Elfi Mikesch fotografiert aber nicht nur Menschen, auch wenn das Porträt ihr bevorzugtes Genre ist. Arbeiten aus einer fotografischen Reihe, die 2012 auf Malta entstand, sind ebenfalls Teil von „Catching the Light“. Die Ausstellung überschneidet sich an einigen Stellen mit dem Buch, spannt aber einen anderen Rahmen auf. In der Galerie sind auch einige von Joseph Cornell beeinflusste Lichtboxen von Lilly Grote zu sehen, kleine, beleuchtete Kisten aus Holz mit einer Glasfront, hinter der sich ein bühnenhaftes Tableau findet.

Das weiße Pangolin

Grotes aktuellste Arbeiten finden sich ebenfalls in der Ausstellung. Es sind Auszüge aus einem sich mittlerweile über zehn Jahre erstreckenden Gemeinschaftsprojekt mit einer in New York lebenden Freundin. Bei dieser fotografischen Korrespondenz schicken sich die beiden Künstlerinnen wöchentlich ein Foto zu. Auf einem der Bilder, die den Austausch in Form eines Doppelporträts rahmen, sieht man Elfi Mikesch in ihrer Wohnung mit einem Mund-Nasen-Schutz. Darunter die New Yorker Künstlerin, auf ihrem Schoß ein iPad, das unschwer die jetzt schon legendäre Titelseite der „New York Times“ mit der Auflistung von 1000 Namen von Covid-19-Opfern in den USA zu erkennen gibt.

Die Corona-Krise ist auch in Form eines von Mikesch verfassten Poems mit dem Titel „Das weiße Pangolin“ in das Buch eingegangen. Auch wenn der Verlust, der in dem Gedicht betrauert wird, ein fundamentalerer ist, hallt die Trauer an anderer Stelle in Mikeschs Nachdenken über das Verschwinden des Analogkinos nach. „Ich denke über den Verlust der ,alten‘ Welt nach, dieser analogen Welt und über ihr Verschwinden. Ich denke an 35 mm Film-Kopien. An Fotografien. An die Lichtbestimmung, an alte Maschinen und an das Handwerk vergangener Tage.“


Hinweise:

vis-à-vis. Fotografie und Film. 80 Jahre. Eine Biografie von Elfi Mikesch in Bildern. Hrsg. von Rosa von Praunheim. Berlin 2020, 294 S., zahlr. Abb., 30,00 EUR. Das Buch ist in einer handsignierten und auf 100 Exemplare begrenzten Sonderausgabe in der Galerie Gustav von Hirschheydt erhältlich.

Die Ausstellung „Catching the Light“ von Elfi Mikesch und Lilly Grote ist noch bis zum 8. Juli 2020 in der Galerie Gustav von Hirschheydt in Berlin zu sehen.

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