© Laser Paradise (aus „Ein Toter hing am Glockenseil“)

Des Kinos Schmuddelkinder

Dienstag, 16.06.2020

Im Freiraum jenseits formaler und inhaltlicher Qualitätskriterien: Über das sogenannte Trash-Kino

Diskussion

Es schert sich nicht um handwerkliche Qualitätskriterien, um inhaltliche Tabus und den guten Geschmack: das sogenannte Trash-Kino. Für die Filmkritik war es lange „für die Tonne“; mittlerweile haben indes viele der einst als Trash oder Exploitation geschmähten Werke Kultstatus. Ein Überblick über ein Genre, das nur eine Regel kennt: keine Regeln zu akzeptieren!


Es gibt jenseits von Mainstream und Arthouse, also abseits von Filmen, die den Gesetzen des Verleihmarktes gehorchen, noch ein anderes Kino. Eines, das unterhalb des Radars von Filmkritik und Filmwissenschaft stattfindet und sich auch außerhalb der Grenzen bildungsbürgerlicher Akzeptanz bewegt: das Trashkino. „Trash“ ist kein schöner Begriff, weil er schlicht und einfach „Abfall“ meint, von den übertragenen Bedeutungen wie „Unsinn“ einmal ganz abgesehen. „Grindhouse“ (durch Quentin Tarantino zu neuen Ehren gekommen), „Midnight Movie“, „Exploitation“ sind Synonyme, die Ähnliches meinen, auch wenn die Begrifflichkeiten Ort, Zeit oder Absicht der Konsumtion mit einbeziehen. „Das Exploitationkino (…) war die Kunst, Schwieriges einfach zu machen. Auf alle drängenden Fragen des Filmemachens hielt es klare Antworten parat: Wozu einen teuren Film drehen, wenn mit einem billigen viel mehr Geld zu verdienen ist? Wofür zwei Einstellungen verplempern, wenn ein scharfer Riss an der Kamera doch das Gleiche bewirkt? Warum den Zuschauern nur eine Frau zeigen, wenn auch drei auf eine Leinwand passen?“, schreibt Jörg Schöning in der „Szene“ und verweist so auf den Zusammenhang von wirtschaftlichem Kalkül und künstlerischer Entscheidung.

Ein enthusiastischer Underground von Cinephilen

Trash ist zwar eine Nische, umfasst aber eine Unzahl von Filmen, wie allein schon die beiden „Psychotronic“-Lexika von Michael Weldon belegen. Kurzum: Die kommerzielle Bedeutung ist evident. Es ist zudem eine Nische, die von einem „enthusiastische(n) Underground von Cinephilen“ (Hans Schifferle) leidenschaftlich und ernsthaft diskutiert wird, in spezialisierten Filmclubs (wie etwa dem Bizarre Cinema in Hamburg, dem Werkstattkino in München, dem Kinoptikum in Landshut, dem Filmkollektiv Frankfurt, dem Buio Omega aus Gelsenkirchen, dem Hofbauer-Kommando aus Nürnberg), in Mitternachtsvorstellungen, bei thematischen Festivals wie dem durch mehrere deutsche Städte wandernden Fantasy Filmfest, aber auch bei A-Festivals wie Karlovy Vary oder bei Publikumsfestivals wie Toronto, die sich eine kleine Midnight-Movie-Schiene leisten.

     Das könnte Sie auch interessieren:

Nicht zu vergessen spezialisierte Magazine wie „Splatting Image“ (das allerdings nur noch online abrufbar ist), die Internet-Magazine Paracinema.net und Eskalierende Träume oder Büchern wie „Nightmare USA – The Untold Story of the Exploitation Independents“ von Stephen Thrower. Spezialisierte DVD-Anbieter wie Something Weird Video oder Movies Unlimited stillen darüber hinaus das Bedürfnis, der Filme auch habhaft zu werden.

„Die fliegende Guillotine“ © Netflix
„Die fliegende Guillotine“ © Netflix

Trash – das sind Filme, die sich nicht um etablierte Qualitätsstandards des Filmemachens, also Regie, Drehbuch, Schauspiel, Dialog, Produktionsdesign, Kamera, Spezialeffekte, Continuity – kümmern oder kümmern können, sei es, weil das Geld fehlt, sei es, weil die Fähigkeiten in den unterschiedlichen Bereichen nicht ausreichen. Man kann die Formlosigkeit dieser Filme bedauern, die Unverständlichkeit ihrer Geschichten, den fehlenden Zusammenhalt, das unglaubwürdige Schauspiel, die nachlässige Technik, manchmal auch – darauf hat Genrekenner Volker Hummel verwiesen – den „Verrat an den eigenen Erzählvoraussetzungen“. Denn eigentlich wissen manche Regisseure es besser. Der „gute Geschmack“ – ein begrifflicher Filter, der ganze Erfahrungsbereiche in der Kunst (also auch im Film) verurteilt und verdammt und somit einer weiteren Erforschung für unwürdig erklärt – wird hier unterlaufen.

Wo die Guillotinen fliegen

Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass zahlreiche Filme, von der öffentlichen Meinung verabscheut, reine Unterhaltung und pure Freude sind. Das Unperfekte der Filme führt nämlich zu Szenen und Bildern, die den Zuschauer umwerfen, sein Bedürfnis nach unterhaltsamer Attraktion erfüllen oder auch niederen Beweggründen nachgeben. Ganz egal, ob die Gangster in „An einem Freitag in Las Vegas“ (1967, zu sehen bei Sky Ticket) einen ganzen Geldtransporter in der Wüste vergraben, um ihn ungestört auszuräumen, oder in „Die fliegende Guillotine“ (1976; zu sehen via Netflix) die Köpfe der Gegner gleich reihenweise rollen – Trashfilme halten im Idealfall stets eine deftige Überraschung bereit. Und noch etwas anderes spielt hinein: Trashfilme entstehen außerhalb der Kino-Industrie mit wenig Geld. Die Hierarchie eines großen Studios ist ausgehebelt, die Befehlskette kurz, Anwälte, Buchhalter und Vorstände bleiben außen vor – was für eine Spielwiese!

Im Idealfall können darum Low-Budget-Filme freier Ausdruck einer einzelnen Person mit ihrer ganz eigenen Vision und Originalität sein. Wenig Geld bedeutet Freiheit. Mehr noch: Wenig Geld bedeutet ungehinderte Kreativität. Und sie allein ist es, die Filme wie Luigi Cozzis „Star Crash“ (1978), David Commons „The Angry Breed“ (1968) oder Jürgen Rolands „Zinksärge für die Goldjungen“ (1973) so unterhaltsam macht. Zur Freiheit gehört aber auch, dass sich Regisseure manchmal nur einem einzigen Aspekt, einer Szene, einer Einstellung, einem Bild widmen, weil es ihnen so überaus wichtig ist, darüber aber den Rest vernachlässigen, fast so, als hätte sie Interesse und Lust verloren.

„Faster, Pussycat! Kill, Kill!“ © Constantin
„Faster, Pussycat! Kill, Kill!“ © Constantin

Kreative Lösungen für beschränkte Produktionsbedingungen

Trash – das sind exzentrische Filme, subversive Filme, extrem mitunter, und doch voller formaler Experimentierfreude. Sie entspringen der Fantasie eines Regisseurs, der während der Dreharbeiten kreative Lösungen für Beschränkungen der Umstände oder des Budgets finden muss. Trash – dazu gehören auch Filme, die unpopuläre, vielleicht radikale Ansichten über soziale, politische, rassische oder sexuelle Ungleichheit vertreten. Russ Meyer kehrt 1965 in Faster Pussycat, Kill! Kill! die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern einfach um, hier sind es die Frauen, die die Männer verprügeln und Sex haben, wann es ihnen gefällt. Sie tun, was sonst nur die Männer taten. In George A. Romeros „Living Dead“-Reihe gibt es zahlreiche Schwarze, die das Heft des Handelns übernehmen und stets das Richtige tun, vom Blaxploitation-Kino ganz abgesehen.

Man muss sich also fragen, inwieweit ein Trash-Film mehr zu sagen hat, als man ihm auf den ersten Blick ansieht, inwieweit er seine Schwächen „in eine Tugend verwandelt, indem er sie in eine Form zweiter Ordnung überführt hat, in eine Wahrheitssuche auf einem anderen Gebiet, als es psychologisierende, jede Szene vorbereitende und gefällig ausleuchtende Mainstream- oder Kunstfilme beackern. Ist es nur auf Lucio Fulcis Schlampigkeit zurückzuführen, dass in ‚Ein Zombie hing am Glockenseil Tag und Nacht einander willkürlich abwechseln, manchmal sogar innerhalb einer Szene? Oder steckt hinter dieser Verletzung etablierter Continuity-Regeln eine formal ausgeklügelte Idee über das Zusammenbrechen aller Kategorien, zwischen Leben und Tod, Gut und Böse, Tag und Nacht?“, fragt Volker Hummel.

Der Blick des Anderen

Noch ein anderer Moment der Faszination am Trash kommt hinzu, der der Nostalgie, der Sehnsucht nach Vergangenem, der Lust an der Rückschau. Slavoj Žižek, der bedeutende slowenische Philosoph, Kulturkritiker und Theoretiker, schreibt in dem Kapitel „Der Hitchcocksche Schnitt: Pornographie, Nostalgie, Montage“ (aus: „Ein Triumph des Blicks über das Auge. Psychoanalyse bei Hitchcock“) über den Film noir, der enge Berührungspunkte zum B-Movie, dem Paten des Trash, hat: „Nehmen wir den, im Bereich des Kinos, heute wahrscheinlich prominentesten Fall einer nostalgischen Faszination: den amerikanischen Film noir der vierziger Jahre. – Was ist eigentlich so faszinierend an ihm? Es ist klar, dass wir uns nicht mehr mit ihm identifizieren können, (…) – und trotzdem bedroht diese Art von Distanz keineswegs ihre Faszinationskraft, sie ist vielmehr deren eigentliche Bedingung. Denn uns fasziniert ein bestimmter Blick, der Blick des ,Anderen‘, des hypothetischen Zuschauers der vierziger Jahre, der sich noch unmittelbar mit dem Universum des Film noir identifizieren konnte. (…) Wir sind fasziniert vom Blick des mythischen, ,naiven‘ Zuschauers, der ,das noch ernst nehmen konnte‘, der für uns, an unserer Stelle ,daran glaubt‘. Deshalb ist unsere Beziehung zum Film noir immer geteilt und gespalten zwischen ironischer Distanz und Faszination: ironischer Distanz zu seiner diegetischen Realität, Faszination durch den Blick.“

„Ein Zombie hing am Glockenseil“ © Laser Paradise
„Ein Zombie hing am Glockenseil“ © Laser Paradise

Was Žižek hier über die Faszination des Film noir sagt, lässt sich auch auf den Trash-Film übertragen, mit anderen Filmen, mit anderem Publikum, nämlich dem der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. „Der unschuldig-naive Blick des Anderen, der uns an der Nostalgie fasziniert, ist in letzter Hinsicht immer der Blick eines Kindes“, resümiert er. Diese Unschuld, diese Naivität, dieses Andere, dieses Hineinversetzen in ein zeitgenössisches Publikum trägt für viele Fans, ungetrübt durch ästhetische, intellektuelle oder psychologische Interpretationen, zur Attraktion des Trash bei. Die ersten Bilder der Filmgeschichte, von Edison etwa oder den Lumières, folgten noch keinen künstlerischen Ambitionen. Sie feierten einfach das schlichte Wunder bewegter Bilder, so wie es der Trash tut. Trash macht Spaß, auch wenn das als antiintellektuelles Urteil erst einmal banal klingt, er ist wirtschaftlich erfolgreich und darum unverbrüchlicher Bestandteil des Pop.

Rebellen ohne Grund

In Trash-Filmen lässt sich so einiges erfahren über die Zeit, in der sie entstanden. Wenn Marlon Brando in Laszlo Benedeks Der Wilde (1954) mit seiner Motorrad-Gang an einem Wochenende die Bewohner einer friedlichen Kleinstadt schikaniert und dann von einem Mädchen gefragt wird, wogegen er rebelliere, antwortet er nur: „What have you got?“ Lakonischer lässt sich die Frustration und Entfremdung der Jugend im Nachkriegsamerika nicht auf den Punkt bringen. Der Beginn eines Genres: Für eine kurze Zeit röhrten in den 1960er- und 1970er-Jahren, jenen Jahren des Protestes und der Revolte, die Motoren über die Autokino-Leinwände Amerikas, irgendwie bigger than life und sehr bedrohlich. Es waren schillernde Charaktere, die die Filme bevölkerten, saufend, streitend, hurend, immer auf der Suche nach dem Verbotenen und Aufregenden. Sex, Gewalt und Rebellion, schwarzes Leder und ein Schuss Gesellschaftskritik, dazu Mythen von Freiheit und Ungebundenheit, die unendliche Weite des Landes und sonstige Americana – es gibt nur wenige Genres, die von ihren ruppigen Themen, visuellen Mustern und eingeübten Ritualen so eng umrissen sind wie der Biker-Film.

„Die wilden Engel“ © Gloria
„Die wilden Engel“ © Gloria

Auch der Horror- und Science-Fiction-Film reagierten unmittelbar auf die Zeit, in der sie entstanden. „In den fünfziger Jahren gerieten die Ereignisse der wirklichen Welt so sehr aus den Fugen, dass die Horrorvisionen der B-Filme ins Unendliche wuchsen, um sie noch übertreffen zu können“, schreibt Anke Sterneborg über Jack Arnolds „The Incredible Shrinking Man“ (1957), der – in Bezug auf die Katastrophenmeldungen des 20. Jahrhunderts – durch radioaktive Strahlung immer kleiner wird. Nicht zu vergessen JapansGodzilla(1954), der erst durch den Abwurf einer Atom-Bombe erwacht und fortan Tokio in Angst und Schrecken versetzt. Das Trauma von Hiroshima und Nagasaki findet hier auf ebenso naive wie einfache Weise seinen Ausdruck und lässt sich auch später in einem Film wie Inoshiro Hondas Krieg im Weltenraum (1960) feststellen.

Sexploitation

Trash-Filme appellieren an den Voyeurismus des männlichen Publikums. Der Wunsch nach nackten Tatsachen wurde in sogenannten „nudie-camp sensations“ oder, übertragen auf Mitteleuropa, im „Nackedei-Film“ erfüllt, später wurde das Schlagwort „Sexploitation“ (aus „Sex“ und „Exploitation“, zu Deutsch: Ausbeutung) gebräuchlich. Filme, in denen sich Frauen auszogen oder, der Einfachheit halber, schon nackt posierten. In Europa kamen diese Streifen zunächst aus Schweden, in den USA frönte Russ Meyer seit Ende der 1950er-Jahre, seit „The Immoral Mr. Teas“ (1959) seiner Faszination für große Oberweiten. Und einer gehörigen Portion Sadomasochismus. Die Frauen in „Faster Pussycat, Kill! Kill“ sind nämlich ungemein dominant, und sie sehen auch, der Schaulust wegen, so aus: enge Hosen, hohe Stiefel, knappe Sweater, mal mit Peitsche oder mit Motorradkette, mal mit Messer oder Pistole bewaffnet. Es sind machtvolle und erotische Frauen, die das Sexploitation-Kino der 1960er- und 1970er-Jahre für sich vereinnahmte – böse, gemein und verdammt unwiderstehlich. Eine eindeutige Männerfantasie, und man sollte sich keine Illusionen machen: Frauen im Trash-Kino sind häufig, ob als Handelnde, Opfer oder Objekte, ein erotisch aufgeladener Blickfang.

Das italienische Genre-Kino trug mit seiner intensiven Ausprägung immer wieder zum Trash bei. Western, Komödien, Sandalenfilme, Horrorfilme, Sexfilme, Spionagefilme, Piratenfilme, Melodramen, Musicals – die große Kapazität der römischen Studios ermöglichte die Produktion einer Unzahl von Filmen der verschiedenen Genres. Geradezu enthusiastische Anhänger hat der italienische Giallo. Regisseure wie Dario Argento, Mario Bava, Lucio Fulci, Ruggero Deodato oder Joe D’Amato werden kultisch verehrt. Besonders Argento und Bava überzeugen in ihren Werken durch ganz eigene Stilisierungen. Sie sind Meister der Farbdramaturgie und der Lichtgebung, extravaganter Inszenierungen und rauschartiger Gore-Effekte. Sie haben einen ganz eigenen Filmkosmos entworfen, der sie so besonders macht.

„Godzilla“ © CinePlus
„Godzilla“ © CinePlus

Schock und Zynismus

Es gibt im Trash-Kino auch immer wieder Filme, die den Bruch von Bildtabus zur eigentlichen Attraktion erheben. Manche Filme sind – ihres Inhalts oder einzelner Szenen wegen – so ruppig und abstoßend, dass man sie kaum anschauen kann oder möchte. Zum Beispiel die „Mondo“-Reihe, die, beginnend mit „Mondo Cane“ (1963), unter dem Deckmantel des Dokumentarischen eine „lustvolle Vorliebe fürs Schockierend-Sensationelle“ (Lexikon des Internationalen Films) beweist und dabei auch widerliche Tötungsmethoden (wie zum Beispiel das Pfählen eines Menschen) als angeblich authentisch ausgibt. Die Sensationsgier des Menschen wird hier ins Absurde verkehrt, der inhärente Zynismus soll den Zuschauer auf Distanz halten und ihm das Schockierende halbwegs goutierbar machen. Auch das gehört zum Trash.

Trashfilmfans lieben die Erfahrung, einen Film noch im Kino zu sehen, analog auf Zelluloid, gemeinsam mit Gleichgesinnten. Das Rattern des Projektors, das Rotstichige eines Farbfilms, die vielen Kratzer und Flecken, die abrupten Klebestellen, die davon zeugen, dass ein Film auch mal reißen kann und während der Vorstellung, vielleicht unter großem Applaus, geflickt werden muss. Die Schramme gleicht „der Patina eines wertvollen Oldtimers, Zeichen der Zeit, Narben eines tatsächlichen, gelebten Kinos“, so Hans Schifferle. Auch das gehört zur von Žižek beschriebenen Nostalgie, in die sich ein bisschen Wehmut mischt: They don’t make them like this anymore!

Kommentar verfassen

Kommentieren