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Wenn die Steine sprechen könnten

Freitag, 17.07.2020

Patricio Guzmáns planetarische Konstellationen der Erinnerung: Zum Kinostart von „Die Kordillere der Träume“, dem Abschluss seiner chilenischen Trilogie

Diskussion

Die schneebedeckten Gebirgsketten der Anden reichen in ihren Ausläufern bis an die Ränder der Hauptstadt Santiago de Chile und flankieren sie als massiver, unveränderlicher Horizont. Ihre ruhige Persistenz gehört so selbstverständlich zum Bild des schmalen lateinamerikanischen Landes, dass seine Bewohner die Kordillere kaum noch bewusst wahrnehmen, obwohl sie seit Jahrtausenden das kulturelle Leben prägt und sogar achtzig Prozent der Fläche Chiles ausmacht. Für den seit 1973 im Pariser Exil lebenden Filmemacher Patricio Guzmán wird dieser blinde Fleck zu einer Metapher der anhaltenden Verdrängung einer Gewaltgeschichte, die weit über die Militärdiktatur Pinochets hinausreicht und bis heute in den sozialen Beziehungen spürbar ist.

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Die Landschaft lebt und hat ein Gedächtnis

Sein Film „Die Kordillere der Träume“ („La cordillera de los sueños“; ab 16.7.2020 im Kino) bildet den Abschluss einer bislang namenlos gebliebenen Trilogie, die sich der Geschichte Chiles durch die verwobenen Ökologien von Wüste, Ozean und Gebirge nähert und ihre Korrelationen über das Kosmische nachzeichnet. Dabei entsteht mehr als ein Porträt dreier geographisch einzigartiger Regionen, denn Guzmán entfaltet entlang ihrer materiellen Beschaffenheiten eine poetische Figur der Erinnerung in den Denktraditionen der indigenen Völker, die im Zuge der Kolonisation Lateinamerikas fast vollständig vertrieben und ermordet wurden. Statt einer dualistischen Trennung von Geist und Materie zu folgen, wie sie in Europa üblich war, wird in den indigenen Kosmovisionen beides als radikal verschränkt gedacht. Wasser, Gestirn und Gestein sind nicht nur Landschaft, in der sich der Mensch bewegt, sondern Leben, das selbst in einem kommunikativen Zusammenhang steht und somit auch ein eigenes Gedächtnis hat.

Immer im Hintergrund der Hauptstadt präsent: die Kordillere (© Real Fiction)
Immer im Hintergrund der Hauptstadt präsent: die Kordillere (© Real Fiction)

In diesem Spannungsfeld zwischen der kosmischen Verbundenheit aller Dinge und den Nachwirkungen jahrhundertelanger Gewalt schaffen die Filme Guzmáns einen Raum für die Trauer um das unwiederbringlich Verlorene und setzen sich der Zerstörung zugleich als ziviler Widerstand entgegen, der an die gemeinsame Verantwortung appelliert.

Die Spuren der Folteropfer des Pinochet-Regimes

In „Nostalgie des Lichts“ („Nostalgia de la luz“, 2010) begann Guzmán damit, die Teleskope unter dem kristallklaren Himmel der Atacama-Wüste mit den Hinterbliebenen in Bezug zu bringen, die seit Jahrzehnten nach den verstreuten Knochen ihrer Angehörigen suchen. 30.000 Menschen hat die chilenische Wahrheitskommission als Folteropfer der Diktatur anerkannt, etwa doppelt so viele werden vermutet. Viele von ihnen bleiben für immer verschwunden und ihre Körper ohne eine letzte Bleibe. Die Anhänger Pinochets ließen schätzungsweise 1400 Menschen aus Helikoptern über dem Meer und der Wüste fallen, die wenigen Leichname, die geborgen werden konnten, wiesen Spuren grausamster Verstümmelungen auf. Massengräber wurden mit Baggern wieder umgegraben, um die Knochen zu verteilen und jeden Hinweis auszulöschen.

"Nostalgia de la luz" (© Real Fiction)
"Nostalgia de la luz" (© Real Fiction)

Auch wenn die Bilder fehlen und die meisten Verbrechen nach wie vor straflos geblieben sind, entwickelt Patricio Guzmán in seiner Trilogie ein poetisches Verfahren der Zeugenschaft, indem er Künstler, Wissenschaftler und Überlebende in einen filmischen Dialog bringt, der Schichtungen der Vergangenheit freilegt. Dabei werden oft erstaunliche Überlagerungen sichtbar. Historiker und forensische Archäologen verweisen auf die Ausbeutung des Salpetervorkommens im 19. Jahrhundert, die vielen Arbeitern unter unwürdigen Bedingungen das Leben kostete. Dieselben Baracken, in denen sie untergebracht waren, wurden einige Generationen später zu Konzentrationslagern der Militärdiktatur.

Den Abglanz des Vergangenen sehen

Auch zwischen poetischer Wahrheit und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen kommt es in den Filmen zu Überschneidungen: Der nostalgische Blick in den Sternenhimmel im Angedenken an die Vorfahren trifft sich mit der Erkenntnis der Astronomie, dass die Teleskope in der Wüste tatsächlich in die Vergangenheit blicken. Denn das Licht der Himmelskörper erreicht die Erde mit so großer Verzögerung, dass es eigentlich eine Spur der Abwesenheit ist. Dass auch der Film als Lichtmedium Anteil an einem nostalgischen Wiederaufleben des Vergangenen hat, macht Guzmáns Trilogie dabei auf bewegende Weise erfahrbar.

"Der Perlmuttknopf" (© Trigon)
"Der Perlmuttknopf" (© Trigon)

Der Perlmuttknopf“ („El botón de nacar“, 2015) widmete sich der „Zona Sur“ Westpatagoniens als einem Archipel des Regens. Die Kordillere der Anden sinkt dort ins Meer und bildet eine ebenso unwirtliche wie faszinierende Insellandschaft. Vor über 10.000 Jahren bereisten fünf indigene Stämme als Wassernomaden den äußersten Süden Chiles. Die polaren Temperaturen machten sie besonders aufmerksam für die ökologischen Zusammenhänge, in die sie eingebunden waren, und im Einklang mit ihnen zu leben war ein ethisches Gebot ihrer Kultur. Guzmán widmet einen Großteil des Films den Zeugnissen der überlebenden Indigenen, die sie in ihren eigenen Sprachen vortragen.

Ein unaufgearbeiteter Genozid

Als die ersten europäischen Seefahrer über das Meer kamen, brachten sie ihnen Krankheit, Verfolgung und Tod durch eine Zivilisation, die sich im Recht fühlte, alles, was sie vorfand, rücksichtslos anzueignen. Für einen Perlmuttknopf geht einer der Nomaden an Bord eines Schiffs und wird nach England verschleppt. Unter dem Namen Jemmy Button dient er als Musterbeispiel für einen forcierten Missionierungsprozess der sogenannten Wilden. In Patagonien werden Kopfgelder auf Körperteile der Indigenen ausgesetzt, die von den Kolonisatoren wie Trophäen gehandelt werden, während sie als Großgrundbesitzer die Viehwirtschaft im neu gegründeten Chile installieren.

Auch hier zeigt Guzmáns Film, wie sich ein unaufgearbeiteter Genozid über einen weiteren legt. Wenn die Taucher im Jahr 2004 endlich eine richterliche Anordnung haben, nach den Toten der Militärdiktatur im Meer zu suchen, finden sie an den Schienen, mit denen man ihre Körper im Wasser versenkt hat, nur noch vereinzelte Spuren des verlorenen Lebens, wie einen von Algen umrandeten Perlmuttknopf.

Schichten aus Zeit und Materie

In allen drei Filmen entstehen die Verknüpfungen der Regionen und der Schichten aus Zeit und Materie durch das mit immenser Trauer erfüllte Voice Over des Regisseurs, der selbst ein Überlebender und Geflüchteter ist. Seine Stimme entfaltet die Spuren als kosmisches Beziehungsnetzwerk und bildet mit den anderen Zeugen einen Chor. „Alles, was sich bewegt, klingt“, erklärt ein Ozeanologe in einem Interview. Und das Wasser, das selbst zum Protagonisten von „El botón de nacar“ wird, sei ein „mediales Organ“, das auch über das Phänomen von Ebbe und Flut hinaus die kosmischen Kräfte überträgt, welche seit dem Urknall in das Weltall hineinwirken. Wenn man bedenke, dass der Großteil aller Körper aus Wasser besteht, ergebe sich auch darüber eine Verbindung zu einem überpersönlichen Gedächtnis.

"Nostalgia de la luz" (© Real Fiction)
"Nostalgia de la luz" (© Real Fiction)

„Die Kordillere der Träume“ nähert sich Chile schließlich vom Blickpunkt des Hochgebirges aus und sucht in der überdauernden Qualität des Gesteins nach einem anderen Zeithorizont. In einer poetischen Szene überlagert sich ein Fresko der Anden in einer Metro-Station Santiagos mit halluzinatorischen Bewegungsunschärfen der achtlos vorbeigehenden Passanten. Der für das Motiv der Wandmalerei verantwortliche Künstler lebt wie Guzmán selbst seit dem Putsch im europäischen Exil. Für beide ist die Gebirgskette ihrer fernen Heimat zu einem Bild der Sehnsucht, nach etwas Verlorenem geworden, einer gesellschaftlichen Utopie, die mit dem Tod Salvador Allendes abrupt endete, aber auch der Eingebundenheit in soziale Beziehungen, aus denen das Exil die Menschen herausreißt. Mittlerweile habe er mehr Jahre im Ausland gelebt als im Land seiner Kindheit, sagt Guzmán. Dennoch sei jeder seiner zwanzig Filme eine unablässige Auseinandersetzung mit Chile geworden.

Das Gebirge als stummer Zeuge

Die über die Hauptstadt wachende Gebirgskette wird zur Figur eines stummen Zeugen. Das Pflaster der Straße ist aus ihrem Gestein gefertigt und in seinen Lücken finden sich heute kleine Tafeln mit den Namen der Verschwundenen. Wenn die Steine sprechen könnten, welche Antworten würden sie uns geben, fragt Guzmán einmal. Vor der kontinuierlichen Bezogenheit der Natur erscheint die zerstörerische Gewalt des Menschen als das eigentlich Inhumane. Auch über die Diktatur hinaus problematisiert der Filmemacher damit ein fehlendes ökologisches Bewusstsein, das den gesamten Planeten mittlerweile in eine Klimakatastrophe getrieben hat.

"La La Cordillera de los suenos" (
"La Cordillera de los suenos" (© Real Fiction)

„Die Kordillere der Träume“ nimmt dabei noch stärker als die ersten beiden Filme Bezug auf die Folgen jahrhundertelanger Ausbeutung von Ressourcen, die sich im kolonialen Denken zeigen und in globalen neoliberalen Zusammenhängen weiter betrieben werden. Die Pinochet-Diktatur machte Chile zum Labor einer neuen Wirtschaftsordnung, deren Konsequenzen heute auf planetarischer Ebene für alle spürbar sind. Insofern ist Guzmáns Rückbezug auf das kosmologische Denken der Indigenen nicht nur auf die unaufgearbeitete Vergangenheit gerichtet, sondern auch auf die Vorstellung einer gerechteren, pluriversalen Zukunft.

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