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Versuche, die Jugend zu verderben

Freitag, 31.07.2020

Anlässlich des Kinostarts von „King of Staten Island“: Annäherungen an das komische Kino von Judd Apatow

Diskussion

Als Produzent und Regisseur von derben Komödien hat Judd Apatow dem Genre seit den 2000er-Jahren eine ganz eigene Ausprägung verpasst; in Filmen wie „Beim ersten Mal“, „Jungfrau (40), männlich, sucht…“, „Wie das Leben so spielt“ oder aktuell „The King of Staten Island“ geht es um Freaks und Geeks und ihre Schwierigkeiten, im Leben Fuß zu fassen. Annäherungen an eine Komik voller Abgründe.


„Das Lachen ist eine soziale Gebärde, die eine bestimmte Zerstreutheit von Menschen und Vorgängen unterstreicht und zurückweist.“ (Henri Bergson)


All das ist eigentlich nicht lustig: Irgendwer sagt immer „Awesome“ und vergisst danach, seinen Mund zu schließen. Ein junger Mann experimentiert mit unterschiedlichen Formen des Marihuana-Konsums, es qualmt und stinkt, Bierdosen und Essensreste stehen seit Wochen überall in der Wohnung herum, mitten zwischen seltenen und deshalb immer noch verpackten Actionfiguren und säuberlich ausgeschnitten Playboy-Seiten. Der Rotz läuft ihm aus der Nase, den er ungeniert an seinem Lieblingspulli abputzt. In dem mit Postern von Steve-Martin-Filmen dekorierten Zimmer sitzen auch seine Freunde, die wie er sind und auf den Bildschirm starren, wo sich ihre Avatare in einem Videospiel gegenseitig die Schädel abreißen, während sie sich gegenseitig unheimlich schlagfertig beleidigen. Willkommen in den popkulturell- und testosteron-verseuchten Wohnungen im Universum von Judd Apatow!


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Von den frühen Arbeiten des Produzenten, Autors, Regisseurs und Comedians bis zu seinem jüngsten Machwerk, „The King of Staten Island, finden die Protagonisten ihre eigenen Wege hinaus aus dieser meist empathisch betrachteten Banalität des ignoranten Daseins. Die Identifikation mit den Nerds und Verlierern, die Zuflucht im Humor finden, war Apatow seit seiner unerreichten High-School-Serie „Voll daneben, voll im Leben“ eine Herzensangelegenheit. In den High-School-Filmen der 1970er- und 1980er-Jahre empfand er die Freaks und Geeks in ihrem sporadischen Auftreten als Nebenfiguren nicht genug gewürdigt. Dieser Leerstelle bereitete er spätestens durch sein Mitwirken am Kultfilm „Superbad ein Ende. Die faulen, sexbesessenen, drogenkonsumierenden Außenseiter sind die Anti-Helden dieser Filme, die gewissermaßen den versoffenen Detektiven des Film noir entsprechen, nur eben ohne die Geheimnisse, die Gefährlichkeit, die Schatten, das Licht, den Intellekt, die Eleganz – ja ohne alles, was größer als das Leben scheint.

Pete Davidson als "The King of Staten Island" (© Universal Pictures International Germany GmbH)
Pete Davidson als "The King of Staten Island" (© Universal Pictures International)

Das vielzitierte „Coming-of-Age“ ist für Apatow nicht nur ein Genre, es ist jene Bruchstelle eines Lebens, in der Humor auf die Welt trifft. Steve Carells Figur Andy in Jungfrau (40), männlich, sucht …, Seth Rogens Ben in „Beim ersten Mal“, Paul Rudds Pete in „Beim ersten Mal und „Immer Ärger mit 40“, Amy Schumers Amy in „Dating Queen und Pete Davidsons Scott in The King of Staten Islandkönnten alle in der gleichen Wohngemeinschaft hausen. Sie alle leben in dieser Bruchstelle, die aufreißt, sobald die Figuren mit einem Blick von außen konfrontiert werden. Dieser Blick verrät ihnen, wer sie wirklich sind. Dabei schnürt Apatow mit Vorliebe äußerst enge narrative Korsette, in denen ein bisweilen kitschiger, bemüht warmer Mainstream diese Außenseiter gleichsam umarmt und bloßstellt. Was ihnen bleibt, sind der Humor und die Selbstzerstörung; ein erfülltes Leben gibt es anderswo. Nicht nur deshalb wirken vor allem jene Figuren am stärksten, die es verstehen, auf beiden Hochzeiten zu tanzen, die also albern ernst sein können. Am Ende geht es immer darum, dass diese Figuren ihre Wohnungen verlassen und zu leben beginnen.


Donald Trump als Apotheose der Apatow-Figuren

In seinem „Versuch, die Jugend zu verderben“ stellt der französische Philosoph Alain Badiou die These auf, dass sich mit dem Wegfallen bestimmter Rituale, die den Eintritt ins Erwachsenenalter manifestieren, etwa der Militärdienst, das Problem der ewigen Kindheit von Männern entwickelt habe. Während Frauen zu schnell erwachsen würden, ließen es Männer gleich ganz sein. Dass man dies nicht so einfach geschlechterspezifisch aufteilen muss, hat Apatow unter anderem in seiner Zusammenarbeit mit Lena Dunham für deren Serie „Girls“ bewiesen, aber auch in „Dating Queen“ oder „Brautalarm“, bei dem Apatow – wie so oft – als Produzent mitwirkte. Dennoch sind die auch jenseits der 30 in der Pubertät feststeckenden Männer Apatows Spezialgebiet. Adam McKay, an dessen „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“, „Ricky Bobby – König der Rennfahrer und „Stiefbrüder“ Apatow entscheidend mitwirkte, nannte diese Filme einmal eine „Trilogie amerikanischer Mittelmäßigkeit“. Die Filme wurden allesamt innerhalb der Präsidentschaft von George W. Bush realisiert, und man kommt nicht umhin, die machoiden Obskuritäten rund um sich in Verführungsparfüm hüllende, nicht vorhandene Muskeln anspannende, kindgebliebene Männerfiguren als politischen Kommentar zu lesen.

"Ricky Bobby - König der Rennfahrer" (© Sony)
"Ricky Bobby - König der Rennfahrer" (© Sony)

Der inzwischen völlig aus den Fugen geratene US-amerikanische Konservatismus erfuhr im Apatow-Universum, das zu Beginn dieses Jahrtausends seine bis dato größte Phase erlebte, eine nicht immer leicht verdauliche, satirische Bildwerdung. Dass mancher Kommentar von Donald Trump wie ein Zitat aus einem Apatow-Film wirkt, ist kein Zufall. Die Männer, die nicht erwachsen geworden sind, regieren nun. All das ist eigentlich nicht lustig.


Eine private Ader im Mainstream

Neben seiner großen Vernetzung innerhalb der US-amerikanischen Comedy-Szene – unter anderem war Apatow ein enger Vertrauter und Lehrling des Starkomikers Garry Shandling (über den er 2018 die faszinierende TV-Dokumentation „The Zen Diaries of Garry Shandling“ drehte); außerdem steckt er hinter der Entdeckung vieler heute berühmter Komödiendarsteller – gibt es auch eine sehr persönliche Ader in seinem Schaffen. Apatow arbeitet nicht nur mit Vorliebe mit seiner Ehefrau Leslie Mann sowie ihren gemeinsamen Töchtern Maude und Iris Apatow, sondern erzählt letztlich auch äußerst private Geschichten, in denen er, wie im Fall von „Immer Ärger mit 40 oder „Wie das Leben so spielt“, sogar persönliches Home-Movie-Material verwendet. Paul Rudd gab einmal zu Protokoll, dass es durchaus komisch sei, mit Apatows Frau und seinen Kindern eine Familienszene bei Tisch zu spielen, in der es um Konflikte geht, die der Filmemacher aus dem eigenen Leben ziehen würde, während er nur einige Meter entfernt säße.

Paul Rudd mit Leslie Mann und Maude & Iris Apatow als Filmfamilie in "Immer Ärger mit 40"
Paul Rudd mit Leslie Mann und Maude & Iris Apatow als Filmfamilie in "Immer Ärger mit 40" (© UPI)

Gleichzeitig steckt in der Verhandlung des Privaten ein kathartischer Effekt, der Apatows Kino in die Nähe eines John Cassavetes bringt, obwohl es in seinem steten Bemühen um eine marktorientierte Angepasstheit mitsamt Drei-Akt-Struktur, unzähligen Cameos von Berühmtheiten und mit Popmusik zugekleisterter Szenen merklich abflacht. Wie Cassavetes arbeitet auch Apatow bevorzugt mit den gleichen Mitarbeitern und Darstellern. Der weitaus rebellischere Cassavetes beschäftigte sich zwar ungleich ungeschönter mit Männlichkeitsbildern und Beziehungen, doch das Bemühen um eine selbstreflektierende Haltung auf der ehrlichen Suche nach einer Lebensbejahung kann man Judd Apatow nicht absprechen. In seinem Kino gibt es tatsächlich etwas, das der gewöhnlichen Mainstream-Komödie (wenn es sowas überhaupt noch gibt) abhandengekommen ist. Aus Mangel an besseren Formulierungen könnte man es einen Sinn und Zweck des Lachens nennen.


Dramen und US-Sittenbilder in komödiantischer Form

Dass die Filme von Apatow in ihrer Konzipierung eigentlich eher Dramen oder US-amerikanische Sittenbilder als Komödien sind, kann man leicht sehen, wenn man die Handlungen in kurzen Sätzen zusammenfasst: Eine Frau wird nach einem One-Night-Stand mit einem jungen Taugenichts schwanger und muss sich entscheiden, ob sie mit ihm eine Familie gründet oder nicht. Oder: Ein erfolgreicher Comedian erfährt, dass er tödlich erkrankt ist, und versucht sein egoistisch geführtes Leben umzukrempeln, was ihm nicht gelingt, weil er nicht aus seiner Haut kann. Am deutlichsten liegen die dramatischen Interessen Apatows in „The King of Staten Island“ und „Wie das Leben so spielt zutage.

Adam Sandler in "Wie das Leben so spielt"
Adam Sandler in "Wie das Leben so spielt" (© UPI)

Wie das Leben so spielt“ ist aufgrund seiner ungewöhnlichen Struktur und Länge eine oftmals übersehene Großtat des jüngeren US-amerikanischen Kinos. Der Film erzählt anhand des von Adam Sandler verkörperten Comedians George Simmons vom Preis des Lachens und der in sich verdorbenen und doch so reichen Welt jener, die uns zum Lachen bringen. Damit steht der Film in der seltenen Tradition von Charlie Chaplins „Rampenlicht“, einer Tradition, zu der auch manche Filme von Jerry Lewis gehören, Jacques Tatis „Parade“, „Die Larry Sanders Show“, bei der Apatow sein Regiedebüt feierte, Scorseses „The King of Comedy“, „Seinfeld“, manche Filme von Woody Allen und zuletzt „Joker“, der den schmalen Grat zwischen Komik und Wahnsinn endgültig zu einem gesellschaftlichen Abgrund erklärte. Was „Wie das Leben so spielt zu einem bemerkenswerteren Film macht, ist ein Realismus, der in den eigentlich komödienhaften Elementen der Scham, der Selbstüberschätzung, der Verwechslung und der Schüchternheit das schonungslose Drama des Lebens offenlegt. Es gibt wenige Filme, die es einem so schwer machen, jemanden zu mögen, der einen zum Lachen bringt. Hier verrät sich Apatows eigentlicher Kern. Obwohl es viel zu lachen gibt, dreht er keine Komödien im eigentlichen Sinn, sondern Filme über „funny people“, wobei das „funny“ hier in all seinen Übersetzungen gedacht wird – lustig, aber auch lächerlich, spaßig, aber auch sonderbar.


Die täglichen Schlagzeilen haben das Lachen eingeholt

Der Humor, den sich Apatows Figuren absichtlich oder unabsichtlich aneignen, ist auch Ausdruck eines Aufbegehrens, einer Verletzlichkeit und Menschlichkeit. Der Sinn und Zweck des Lachens und Witzemachens ist das emotionale Überleben. Dabei ist es egal, ob die Witze die Unreife einiger zurückgebliebener Männer aufzeigen oder sich, wie zu selten der Fall, gegen das Establishment richten. Statt um die Korrektheit der Witze geht es Apatow um die Psychologie derer, die sie erzählen. Da das alles eigentlich nicht lustig ist und die zum Teil sexistischen oder homophoben Jokes aus Apatows Feder sich trotz ihrer Doppelbödigkeit an der Realität die Finger verbrennen, lässt dies die Frage entstehen, um wessen Überleben es hier eigentlich geht; es erklärt auf der anderen Seite aber auch, warum die US-amerikanische Komödie seit einem Jahrzehnt in einer kaum zu leugnenden Krise steckt. Die täglichen Schlagzeilen haben dieses Lachen eingeholt, die Lächerlichkeit der US-amerikanischen und männlichen Mittelmäßigkeit ist eher gefährlich als lustig, das Bemühen um ein Ankommen in konservativen Lebensmodellen wirkt kaum befreiend, weil es von jenen Figuren bevölkert wird, denen das Lachen schon längst vergangen ist.

Judd Apatow beim Dreh von "The King of Staten Island" (© Universal Pictures International Germany GmbH)
Judd Apatow beim Dreh von "The King of Staten Island" (© UPI)

Vielleicht hat Apatow auch deshalb mit „The King of Staten Island einen Film gedreht, der nur wenige komödiantische Elemente aufweist. Statt um das Lachen geht es letztlich darum, dass man dessen zerstörerische Konnotationen hinter sich lässt. Die Nonchalance der humoristischen Beleidigungen und unverantwortlichen Verhaltensweisen dreht sich plötzlich und wird zu einem fatalen Außenseitertum. Es ist nicht mehr so, dass die Witze eine identifikatorische Nähe beherbergen. Stattdessen erzählen sie von einer Fehleinschätzung der Welt. Dass sich Apatow damit in Konflikt mit jenen Freaks und Geeks begibt, denen er eigentlich die Treue geschworen hat, ist das Dilemma des Erwachsenwerdens. Seit „Voll daneben, voll im Leben“ hat er jedenfalls nichts gedreht, in dem ein Freak ein Freak bleiben durfte. Seine Filme haben eine unkritische Gegenkultur salonfähig gemacht, und seither sucht er im Salon nach irgendjemand, der nicht „Awesome“ sagt und mit offenem Mund vor ihm stehenbleibt.

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