© Mary Cybulski/Netflix (Charlie Kaufman beim Dreh von „I’m Thinking of Ending Things“)

Im Affekt #19: Kindness

Donnerstag, 01.10.2020

Charlie Kaufmans Film „I’m Thinking of Ending Things“ und warum der Songschreiber John K. Samson im Grunde das bessere Kino macht.

Diskussion

In seinem „Affekt“-Blog taucht Till Kadritzke anlässlich von Charlie Kaufmans Film „I’m Thinking of Ending Things“ (bei Netflix) in die eigene Biografie und in die Erinnerung an andere Kaufman-Filme ein, landet aber bei einem Songschreiber, der das bessere Kino macht, und bei einem englischen Begriff, der so schlicht und groß ist, dass er kaum zu übersetzen ist.


„Gravel shoulders“, dieser Begriff fällt früh in „I’m Thinking of Ending Things“ von Charlie Kaufman, im Voice-over einer Protagonistin, die am Ende keine mehr ist. Es ist ein Begriff, den ich aus einem Songtext der Weakerthans kenne, so wie ich überhaupt einige Worte der englischen Sprache (vielleicht auch nur ihrer kanadischen Variante) durch die Texte der Weakerthans oder ihres mittlerweile solo arbeitenden Frontmanns John K. Samson kennengelernt habe. Der benutzt häufig sehr schöne Worte, und manchmal muss ich sie nachschlagen.

„Shoulder“ wird im Englischen jedenfalls nicht nur für die Schulter benutzt, sondern man nennt so auch den Straßenrand eines Highways, also den Standstreifen an der Autobahn, die Schultern der Straße. Die sind vor allem in weniger erschlossenen Gebieten der USA nicht immer asphaltiert, sondern mit Schotter gehärtet, deshalb „gravel shoulders“.


Die Wurzel der Schönheit

Im Voice-over beschreibt die Protagonistin ihren Blick aus dem Auto: „Sky, trees, fields, fences, the road and its gravel shoulders.“ „I’m Thinking of Ending Things“ durchzieht eine sprachliche Schönheit, die den von Kaufman geschriebenen oder inszenierten Filmen immer eigen ist. Aber anders als bei den Weakerthans steht diese Schönheit mitunter im Dienst einer etwas weinerlich existenzialistischen Sicht aufs Leben.

„I'm Thinking of Ending Things“ (© Mary Cybulski/Netflix)
„I'm Thinking of Ending Things“ (© Mary Cybulski/Netflix)

Meinen eigenen cinephilen Werdegang hat Charlie Kaufman recht zuverlässig begleitet, angefangen nicht bei „Being John Malkovich“, sondern bei „Adaption“, einem Film, dem ich (glaube ich wenigstens, ich habe ihn lange nicht mehr gesehen) auch heute noch die Treue halten würde. Weil die Rädchen, die die Meta-Ebenen ineinandergreifen lassen, ziemlich gut geölt sind, weil der Narzissmus – der Drehbuchschreiber, der sich selbst ins Drehbuch schreibt – so ehrlich wie komisch ist, weil das Drehbuch zum Plot-Element wird, und der Plot zum Drehbuch, und der Film eins mit seiner Entstehung, dabei trotzdem nicht zur Spielerei verkommt, und noch ein paar schlicht-schöne Weisheiten bereithält: „You are what you love, and not what loves you, that’s what I have learned a long time ago.“ Eines meiner ersten Lieblings-Filmzitate, ich war um die 18.

Ein paar Jahre später dann „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, und wieder erwischte mich ein Kaufman-Skript im richtigen Moment, mit Anfang 20, das Leben fühlte sich aufgeladen an. Science-fictionisierter Trennungsschmerz, komplexe Erzählstruktur, Indie-Soundtrack und emotionale Allgemeinplätze verzweifelter Männer („Warum muss ich mich in jedes Mädchen verlieben, das mir auch nur ein bisschen Aufmerksamkeit schenkt?“) kamen gerade recht.


Vielleicht ein bisschen selbst schuld

Erste Risse dann bei Kaufmans Regiedebüt „Synecdoche, New York“, auch wenn ich Freunden den Film noch als heißen Insider-Tipp verkaufte. Hier steigerte sich die soziale „awkwardness“ zu großem Weltschmerzpathos, und der sich ins viel zu große Ganze verrennende Künstler erschien mir erstmals ein bisschen selbst schuld. Die sich hier erstmals Bahn brechende Idee vom Kino mutete über Umwege religiös an, ein Gebet für die Romantik der Vergeblichkeit. Die Schönheit des Lebens als unzulänglich oder unzugänglich – war das nicht genau so schlimm wie ihre falsche Affirmation? Die Frage stand schwerfällig im Raum: Wofür das alles? Ist dafür das Kino da?

Bei den Weakerthans ist das irgendwie alles andersherum. Das Kleine, das Intime, baut sich nicht zum Weltschmerz auf, sondern die Welt schmerzt im Kleinen, im Konkreten, dort, wo die Menschen mit ihm zurande kommen oder weitermachen müssen. In seinen Texten geht es Samson niemals um sich selbst, niemals um das Selbst, sondern meist um kleine Erzählungen über Charaktere, in die er sich einspinnt: einen Antarktis-Forscher, der 1962 mit Michel Foucault speist („Our Retired Explorer“), einen isländischen Immigranten, der um 1900 in einer Tuberkulose-Heilanstalt in Kanada landet („Letter in Icelandic from the Ninette San“), ein Profi-Curling-Spielerin („Tournament of Hearts“), eine Katze, die ihrem Besitzer den Rücken kehrt („Virtute the Cat Explains Her Departure“).

„Synecdoche, New York“ (© HMH/New Age 21)
„Synecdoche, New York“ (© HMH/New Age 21)

In diesen Texten oder wenn ich Samson bei Auftritten sehe, dann fällt mir ein anderes Wort ein, das in „I’m Thinking of Ending Things“ fällt: Kindness. Kindness ist ein komischer Begriff, es gibt für ihn eigentlich keine genaue Entsprechung im Deutschen. „Kind“ zu sein, das ist etwas anderes als „nett“ oder „freundlich“ sein, denn diese Worte beschreiben eher Verhaltensweisen; am ehesten trifft es vielleicht „gutmütig“, aber das taucht zu häufig in Nebensätzen auf, die mit „aber“ eingeleitet werden.


Kindness: Vom Eigenen absehen

In Kaufmans neuem Film fällt das Wort „Kindness“ in einem automobilen Wortgefecht über John Cassavetes’ Film „Eine Frau unter Einfluss“. Die Protagonistin auf dem Beifahrersitz rattert Pauline Kaels Kritik des Films herunter; natürlich war Kael unerbittlich, nannte die von Gena Rowlands gespielte Mabel eine Nachbarschafts-Alki, wetterte gegen die ermüdende Performance wie gegen die Regie; Cassavetes wisse selbst ja wohl gar nicht so recht, was er tue. Ihr Freund auf dem Fahrersitz, der vielleicht genau jetzt zum Protagonisten wird, erklärt, ihn habe doch nur die Empathie berührt, mit der Cassavetes diese Frau gezeigt habe, und dass es unserer Gesellschaft vielleicht an einer bestimmten „kindness“ mangle, gegenüber den Menschen, die im Leben strugglen.

Das klingt richtig: „Kindness“ ist zwar selbst weder Emotion noch Affekt, aber eine ethische Haltung, die von persönlichen Emotionen eher absieht, vielmehr den Affekt ermöglicht, es also erst möglich macht, sich von anderen oder von etwas anderem affizieren zu lassen, indem man vom Eigenen absieht. Genau das aber geht den Filmen und Drehbüchern von Charlie Kaufman häufig ab. Auch „I’m Thinking of Ending Things“ wird just in dem Moment, in dem es um „Kindness“ geht, zu einer als Verwirrspiel getarnten existenzialistischen Männerfantasie, das Gegenteil von „Kindness“. Kaufman sieht nicht vom Eigenen ab, sondern er bläht das Eigene auf.

John K. Samson hat in einem Interview mal etwas Ähnliches gesagt wie der Mann im Auto: „Es hat etwas sehr Politisches, zu versuchen, Sympathie für andere Menschen zu empfinden, vor allem solche, die fertig sind oder Mist gebaut haben. Und das sind ja eigentlich alle.“ Und dann, und das ist schwerer zu übersetzen: „I love the people who can’t fit in, who can’t make their flaws pretty, and can’t disguise their struggles.“ Die eigenen Fehler in etwas Schönes verwandeln, in eine Fatalismus-Feier, das ist das, was Charlie Kaufman sehr gut kann.

„I'm Thinking of Ending Things“ (© Mary Cybulski/Netflix)
„I'm Thinking of Ending Things“ (© Mary Cybulski/Netflix)

Das bessere Kino

Im Weakerthans-Song „History to the Defeated“ dagegen geht es um einen, der seine Mechaniker-Ausbildung abgebrochen hat, der stets mit einem Lächeln rumläuft, das sich seiner selbst nicht ganz sicher ist. Es geht um Blut im Waschbecken, um „heruntergekommene Tagträume“, um ein signiertes Slayer-T-Shirt. Um ganz schön viel Elend, aber niemals bleibt es düster: „There’s a light left on. There’s a pace to our direction. There’s a movie-still of a heart I’d like to mention.“ Charlie Kaufman ist noch immer smart, aber die Weakerthans machen das bessere Kino.


Alle Beiträge des Blogs „Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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