I'm Thinking of Ending Things

Drama | USA 2020 | 134 Minuten

Regie: Charlie Kaufman

Eine junge Frau lässt sich trotz Zweifeln an ihrer Beziehung von ihrem neuen Freund mit dessen Eltern bekanntmachen. Doch ein Schneesturm zieht den Besuch auf der Farm unerwartet in die Länge und scheint die Gesetze von Zeit und Erinnerung auszuhebeln. In einem überbordenden Reigen aus Zitaten und Anleihen entwickelt der an einen Horror-Roman angelehnte Film ein psychologisch präzises Vexierspiel aus Erinnerungsschleifen, Sinnestäuschungen und Paranoia, das auch das Publikum an seiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit zweifeln lässt. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
I'M THINKING OF ENDING THINGS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Charlie Kaufman
Buch
Charlie Kaufman
Kamera
Lukasz Zal
Musik
Jay Wadley
Schnitt
Robert Frazen
Darsteller
Jesse Plemons (Jake) · Jessie Buckley (Cindy) · Toni Collette (Suzie) · David Thewlis (Dean) · Colby Minifie (Yvonne)
Länge
134 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung | Thriller

Ein junges Paar besucht die Eltern des Mannes, doch dann zieht ein Schneesturm den Besuch unerwartet in die Länge, und der Aufenthalt entwickelt sich zunehmend wunderlich.

Diskussion

Es ist nicht ganz klar, wie die Erzählerin dieses Films heißt. Ihr Freund Jake (Jesse Plemons) nennt sie mal Lucy, mal Lucia, dann Louisa (Jessie Buckley). Auch ihr Beruf wechselt von Physikerin, Gerontologin zu Malerin und Dichterin. Ihre Winterjacke ist erst rot, dann rosa, dann dunkelblau. Dass man dieser „jungen Frau“, wie sie im Abspann nur genannt wird, nicht ganz trauen kann, merkt man nur langsam. Vielleicht hat man sich ja verhört, geblinzelt oder nicht richtig aufgepasst. Doch „I’m Thinking of Ending Things“ ist von Charlie Kaufman, dem Chef-Gehirnverschwurbler Hollywoods – man muss damit rechnen, von seinen Drehbüchern verwirrt, getäuscht und aus der Bahn geworfen zu werden.

Sein neuer Film basiert lose auf dem gleichnamigen Horror-Roman des Kanadiers Iain Reid. Die Erzählerin ist eine Kaufman-Figur, wie sie im Buche steht. Auch sie hadert mit der Zuverlässigkeit ihrer Erinnerungen und ihres Verstandes, ganz ähnlich wie schon Joel Barish in „Vergiss mein nicht“ (2004), Craig Schwartz in „Being John Malkovich“ (1999) oder Caten Cotard in „Synecdoche New York“ (2008). So wenig man dieser ganz und gar unzuverlässigen, weil scheinbar im dauernden Wandel befindlichen Erzählerin trauen kann, so wenig scheint sie sich selbst zu glauben.

Ein unentwirrbares Knäuel

Sie ist mit Jake unterwegs zu seinen Eltern (Toni Colette, David Thewlis) – das erste Kennenlernen. Wie lange sie schon zusammen sind? Sechs oder sieben Wochen, es fühlt sich aber irgendwie länger an. Die Zeit ist hier eine ähnlich dubiose Größe wie die Erinnerungen. Das wird spätestens beim Abendessen mit Jakes Eltern klar, denn die scheinen von Szene zu Szene immer schneller zu altern – sie ergrauen, haben plötzlich Falten und Anflüge von Demenz, was besonders für die Mutter schwierig ist, denn die lebt regelrecht in der Vergangenheit. Sie spricht ausschließlich über Jakes Kindheit und darüber, wie diese sich auf seine Zukunft auswirken wird. Das Hier und Jetzt scheint nicht zu existieren.

Daher verwundert es kaum, dass die äußere Handlung in „I’m Thinking of Ending Things“ nahezu in den Hintergrund rückt. Die Erzählerin und Jake fahren mit dem Auto durch einen Schneesturm zur Farm der Eltern; dort essen sie zu Abend, besuchen die Schafe im Stall. Auf dem Heimweg halten sie bei einer Eisdiele und schauen Jakes ehemalige High School an. „Tiere leben im Hier und Jetzt. Menschen können das nicht, also erfanden sie die Hoffnung“, stellt die Erzählerin einmal fest. Ihre eigene Hoffnung, jemals wieder nachhause zu kommen, schwindet, je mehr sie in diesen Zeitstrudel verstrickt wird. Beim Zusehen zweifelt man mitunter ebenso, ob man dieses Knäuel je entwirren kann, wenn man nur besser aufpasst.

Geistesblitze ungewisser Herkunft

Dieses Gefühl, nicht ganz bei der Sache zu sein, ist gewissermaßen ein beiderseitiges, und es bleibt, denn es ist Methode. Noch viel subtiler als in seinen bisherigen Filmen überträgt Charlie Kaufman den Zustand seiner Figuren auf das Publikum. Er bedient sich hier eines psychologischen Phänomens, das jedem bekannt ist: jene Geistesblitze, in denen einem aus heiterem Himmel eine Songzeile oder ein Gedicht wieder einfällt, von dem man nicht wusste, dass man es kennt, geschweige denn die ursprüngliche Quelle.

Gleich zu Beginn der Autofahrt denkt die Erzählerin in ihren Ausführungen darüber nach, die Beziehung zu Jake zu beenden, sagt aber nichts zu ihm. Er scheint ihre Gedanken lesen zu können und fragt nach, zitiert dann aus Gedichten von William Wordsworth an Lucy – deren Identität, wie sollte es anders sein, nie offengelegt wurde. Er bittet die Erzählerin, momentan ist sie Dichterin, ihr neuestes Gedicht vorzutragen, und sie rezitiert ausufernd über den Topos des Heimkommens. Dass dieses Gedicht gar nicht von ihr selbst stammt, sondern dass es sich um „Homecoming“ von Eva H.D. handelt, stellt sie erst später fest, als sie in Jakes altem Kinderzimmer einen Band der Autorin findet.

Der Verstand als unendlicher Resonanzraum

Der Schriftsteller Jonathan Lethem spürt diesem Phänomen der „Kryptomnesie“ und dessen Beziehung zum stumpfen Plagiat in dem Essay „The Ecstasy of Influence“ nach. Kaufman erhebt die Kryptomnesie seinerseits zum grundlegenden Konzept: Er webt daraus einen ganzen Teppich aus Zitaten und Diskursen, die er seinen Figuren in den Mund legt, auch Meta-Zitate, etwa wenn das Pärchen sich über John Cassavetes Film „Eine Frau unter Einfluss“ (1974) unterhält und sie ganze Passagen einer Filmkritik als eigene Meinung wiedergibt. Manchmal zitieren sie bewusst, wobei neben Wordsworth Oscar Wilde und David Foster Wallace zum Zuge kommen, manchmal im Glauben, selbst eine Idee gehabt zu haben.

„Jake hat mal gesagt: Ein Gedanke ist oft näher an der Realität als das Handeln“, sinniert die Erzählerin am Anfang – und wird letztlich eines Besseren belehrt. Kaufman macht ihren Verstand zu einem scheinbar unendlichen Resonanzraum, in dem ihre eigenen Erinnerungen und Gefühle mit denen ihrer Mitmenschen verschwimmen und sich gegenseitig zu Neuem inspirieren.

Ein neuronales Feuerwerk der Vernetzung

Das macht „I’m Thinking of Ending Things“ so zugänglich und verwirrend zugleich: Es geht nicht darum, ein Rätsel zu lösen und dessen Konstruktion nachträglich durchzudeklinieren, sondern es geht um die Erfahrung der vielschichtigen Verwirrung, die Kaufman hier anbietet. Manchmal findet man mit einem bekannten Zitat einen bewussten Anknüpfungspunkt im Resonanzraum der Erzählerin und entfacht damit ein neuronales Feuerwerk der Vernetzung. Gelingt dies jedoch nicht, driftet man mit ihr in den Zustand der Desorientierung ab, und die Unendlichkeit dieses Resonanzraums schrumpft wieder auf die Kammerspiel-Situation im Auto und dem Wohnzimmer der Farm zusammen. In diesen Momenten hallt der psychologische Horror aus Iain Reids Roman nach. Kaufman übersetzt ihn jedoch in ein Unbehagen, das die Erzählerin immer beschleicht, wenn sie an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifelt und die Verbindung mit Jake als Paranoia deutet.

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