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Chaplin – Ein Leben für den Film

Montag, 05.10.2020

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Ein Comic-Book rekapituliert das Leben und Werk von Charlie Chaplin, von den Anfängen bis zu seinen letzten Jahrzehnten in der Schweiz. Das 76-seitige Album ist im Stuttgarter Panini Verlag erschienen.


Charles Chaplin war 88 Jahre alt, als er an Weihnachten 1977 in der Schweiz starb. Ein langes, intensives und wechselreiches Leben lag hinter dem weltberühmten Komiker, der als Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Komponist und sogar Editor seiner Filme gewirkt hatte. Ein solches Leben und Werk angemessen Revue passieren zu lassen, ist kein leichtes Unterfangen. Einige haben das schon versucht, darunter Chaplin selbst. Seine 500-seitige Autobiografie Die Geschichte meines Lebens erschien 1964. Der Filmkritiker David Robinson veröffentlichte 20 Jahre später seine als amtlich geltende Biografie „Chaplin - Sein Leben. Seine Kunst". Beide Werke zusammengenommen lassen eine weitere Recherche fast überflüssig erscheinen. So dienten die Bücher 1992 auch als Vorlage für den biografischen Film „Chaplin“ von Richard Attenborough mit Robert Downey Jr. in der Hauptrolle und Chaplins Tochter Geraldine Chaplin in einer Doppelrolle als Chaplins Großmutter und Chaplins Mutter Hanna.


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Chaplin gilt neben Buster Keaton und Harold Lloyd als der erfolgreichste und bedeutendste Komiker der Stummfilm-Ära. 1914 war er in 35 Kurzfilmen von Mack Sennets Produktionsfirma Keystone zu sehen, bei denen er schon bald auch Regie führte. Im selben Jahr war er auch als einer der Hauptdarsteller in „Tillie’s Punctured Romance“, der ersten amerikanischen Langfilm-Komödie, zu sehen. 1915 drehte er für die Essanay Company 15 Kurzfilme, 1916 und 1917 folgten für Mutual weitere 12 Filme, die immer längere Laufzeiten hatten. Für First National realisierte er ab 1918 ein weiteres Dutzend Filme, die teilweise fast eine Stunde Spielzeit aufwiesen, darunter Klassiker wie „The Kid“ und „The Pilgrim“ mit dem populären Tramp, der bis heute primär mit Chaplin assoziiert wird.

In den folgenden 45 Jahren, von 1923 bis 1967, folgten dann nur noch zehn Langfilme, die aber seinen legendären Ruf als wegweisender Filmemacher festigten. Chaplins Privatleben war von Skandalen, vielen Ehen und zahlreichen Kindern geprägt und von politischen Anfeindungen gekennzeichnet.


Die hehre Kunst der Reduktion

Bereits von 1915 bis 1917 gab es einen Charlie-Chaplin-Comic-Strip, der zum Teil die Ideen seiner Filme adaptierte. Und auch in den 1970er-Jahren widmete sich eine Comic-Reihe den Erlebnissen von Chaplins Kunstfigur des Tramp. Chaplins eigenes bewegtes Leben in einen einzigen Comic zu fassen scheint hingegen schier unmöglich, vor allem, wenn man wie der Szenerist Bernard Swysen nicht das Format einer umfassenden, mehrere hundert Seiten langen Graphic Novel, sondern mit 76 großformatigen Seiten nur eine leicht umfassendere Form des klassischen Comicalbums wählt. Das hat einen ganz pragmatischen Grund: In ähnlicher Form hat Swysen schon die Biografien von Victor Hugo, Robespierre, Dracula, Caligula, Attila und sogar Stalin und Hitler dramaturgisch bearbeitet, immer mit wechselnden Zeichnern.



Für „Chaplin - Ein Leben für den Film“ hat er sich nun Bruno Bazile ins Boot geholt. Der Comic ist als erster Band der bislang dreiteiligen Reihe „Les Étoiles de l’Histoire“ des französischen Verlags Dupuis erschienen (die anderen beiden Werke sind Brigitte Bardot und Marilyn Monroe gewidmet). Der deutsche Verlag Panini hat die Übersetzung des ersten Bands über Chaplin veröffentlicht.

Dessen Stärke ist zugleich seine Schwäche. Das Werk will alles berücksichtigen, gelangt dadurch aber nicht in die Tiefe. Denn Swysen und Bazile bewältigen das Problem der Materialfülle im Galopp! Der Comic hastet durch das Leben des Komikers, dass einem schwindelig wird. Einen inhaltlichen Fokus setzen die Autoren nicht; auch wählen sie keinen zeitlichen Ausschnitt, um das Thema einzugrenzen. Sie erzählen Chaplins komplettes Leben nach, wobei sie im Schnitt nicht mal eine Seite pro Jahr für ihren Parforceritt zur Verfügung haben.


Sprechblasen rekapitulieren wichtige Dinge

Dramaturgisch ist das kaum zu lösen. Wähnt man sich zu Beginn, wenn Chaplins Kindheit in prekären Verhältnissen und der Einstieg ins Varieté Thema sind, noch in einer zügig voranschreitenden Exposition, behält die Geschichte über die gesamte andere Zeit dasselbe Tempo und denselben Rhythmus bei. Das ist recht ermüdend. Zudem bekommen die Autoren die vielen privaten, beruflichen und historischen Ereignisse und zahlreiche andere Details nur unter, indem sie sie häufig nur als Gedanken des Protagonisten in Sprechblasen einbauen: „‘Wunderbares Leben‘, mein allererster Film ...“, denkt Chaplin am Set, als die letzte Szene seines ersten Films im Kasten ist.

Das ist wenig elegant gelöst. Noch holpriger wird es, wenn wichtige Entwicklungen als Sprechtext an andere Figuren delegiert werden; etwa wenn Chaplins Chauffeur sinniert: „Wenn er nur irgendwie aus dem Vertrag mit First National herauskäme, damit er sich endlich ganz den United Artists anschließen kann. Dann käme vielleicht die Inspiration wieder.“

Diese Art der Montage wirkt bisweilen grotesk. Die Sprechenden scheinen immer vom Ende der Geschichte her zu sprechen. Sie wissen schon, was als übernächstes kommt und zu welcher Legende Chaplin einst werden wird, einschließlich ihrer selbst („Weißt du was? Eines Tages werde ich die Musik für meine Filme selbst schreiben.“). Mitunter ist diese Montage sogar geradezu verfälschend, wenn Chaplin Douglas Fairbanks beim Spaziergang erklärt: „Sprechen die Leute auch über die Konzentrationslager seit 1933? Reden sie auch über das Schicksal der Juden?! … Sie werden später alle sagen: ‘Nein, wir wussten davon nichts!‘“ In Robinsons Biografie wird Chaplin dagegen mit den Worten zitiert: „Hätte ich damals von den tatsächlichen Schrecken der deutschen Konzentrationslager gewusst, hätte ich ,Der große Diktator nicht machen können; ich hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können.“


Fürs große Publikum gedacht

Nun ist „Chaplin“ sicher nicht als Fachliteratur zu verstehen. Doch die Autoren scheitern an der Aufgabe, Leben und Werk für ein allgemeines Publikum zu vereinfachen, weil sie ihr Werk maßlos überfrachten. Der Comic funktioniert trotz seiner aufwändigen Zeichnungen und wegen seiner nicht übermäßig luxuriösen Anmutung auch nicht als Coffee Table Book. Dass der deutsche Verlag, der jüngst auch den zweibändigen Comic „Die Traumfabrik“ über die Stummfilmzeit in Paris veröffentlicht hat, nach „Chaplin“ auch die anderen beiden Biografien zu Monroe und Bardot veröffentlicht, ist sehr wahrscheinlich. Zumindest bei Monroes kurzem Leben ist die Herausforderung für die Autoren überschaubarer.

Großformatiges Album: "Chaplin - Ein Leben für den Film"
Großformatiges Album: "Chaplin - Ein Leben für den Film" (© Panini Verlag)

Literaturhinweis

Chaplin – Ein Leben für den Film. Von Bernard Swysen (Autor) und Bruno Bazile (Zeichnungen). Panini Verlag, Stuttgart 2020, 76 Seiten, 20 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.


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