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An der Sch(m)erzgrenze

Mittwoch, 14.10.2020

Der Japaner Takeshi Kitano balanciert in seinen Filmen wie kein Anderer zwischen Komik und Gewalt.

Diskussion

Er gilt vielen als einflussreichster japanischer Filmemacher seit Akira Kurosawa: Takeshi Kitano hat sich seit den 1970ern in seiner Heimat zur überlebensgroßen Medienfigur entwickelt, für internationale Cineasten ist er seit den 1990ern eine der prägenden Gestalten des japanischen Films, nicht zuletzt fürs Genre des Yakuza-Films. Seine vor zehn Jahren gestartete „Outrage“-Trilogie ist derzeit bei Amazon Prime zu entdecken.


Eine zwielichtige Bar in Okinawa. Klaviergeklimper aus den Lautsprechern, leises Gemurmel. Drei junge Männer kommen herein, setzen sich an einen Tisch. Plötzlich geht alles ganz schnell. Die Typen am Nebentisch ziehen unvermittelt die Waffen und eröffnen das Feuer auf vier scheinbar Unbeteiligte an der Bar, die jetzt ebenfalls Pistolen zücken. Ohne Deckung zu suchen, schießen die beiden Gruppen mit ausdrucksloser Miene ihre Magazine leer. Ein Duell, wie es im Buche steht. Am Ende liegen die Angreifer blutüberströmt am Boden, die anderen Gäste kauern unter ihrem Tisch. Die Männer an der Bar stecken ihre Waffen wieder ein. Dass einer ihrer Kollegen ebenfalls tot am Boden liegt, scheint sie nicht zu kümmern. Business as usual.

Das Niederschießen von Gegnern ist für die Yakuza in Takeshi Kitanos Film „Sonatine“ (1993) etwas Alltägliches, sie machen wenig Aufhebens um einen überaus gewalttätigen Akt. Sowohl Mimik als auch Körpereinsatz der Banden sind in Deadpan-Manier minimalistisch gehalten und auch der Schauwert der Szene ist aufs Notwendigste reduziert – man hört und sieht die Schießerei, doch in so stilisierter Form, dass die ihr immanente Gewalt nicht unmittelbar sichtbar wird. In einer wortwörtlichen Schuss-Gegenschuss-Montage schaut die Kamera immer den Schießenden in halbnahen Einstellungen frontal ins Gesicht – alle mit Pokerface, ohne eine Gemütsregung. Nur die Salven der Pistolen bringen Bewegung in dieses Tableau, einem der Männer spritzt etwas Blut ins Gesicht und er sackt leblos aus dem Blickfeld. Erst nachdem alle Magazine leer sind, fährt die Kamera die blutüberströmten Leichen ab. Ursache und Wirkung scheinen durch diese elliptische Erzählweise beinahe voneinander entkoppelt zu sein, und das ist eines der zentralen Momente – nicht nur in „Sonatine“, sondern in Kitanos Gesamtwerk.

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Gewalt als Symptom eines sozialen Gefüges, das aus dem Gleichgewicht geraten ist

Diese Entkoppelung ist zunächst ein Symptom der emotionalen Distanz und cleanen Geschäftsmäßigkeit, mit der die Yakuza ihre Arbeit machen. Doch begnügt sich Kitano nicht damit, diesen Umstand schlichtweg festzustellen, sondern er zielt darauf ab, das Wesen von Gewalt zu untersuchen und sie eben nicht für den größtmöglichen Schauwert auszuschlachten. Erst in seinen späteren Filmen, vor allem der „Outrage“-Trilogie, verschiebt sich diese Herangehensweise hin zu expliziteren Gewaltszenen. Wie etwa dem Aufschlitzen eines Gesichts, dem Durchbohren von Trommelfellen mit Essstäbchen oder dem Einschlagen eines Mundes beim Zahnarzt in „Outrage“ (2010). Doch auch hier ist die Gewalt nie Selbstzweck, sondern immer Resultat und Symptom eines komplizierten sozialen Gefüges, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Takeshi Kitano in „Outrage Beyond“ (© Capelight)
Takeshi Kitano in „Outrage Beyond“ (© Capelight)

Sonatine“, sein vierter Film, war für den Japaner Kitano der Durchbruch in Europa; er lief 1993 in der Reihe „Un Certain Regard“ auf den Filmfestspielen in Cannes. Mit zwei Jahren Verzögerung brachte Quentin Tarantino den Film in den USA auf seinem Label „Rolling Thunder Pictures“ heraus – eine Tochter der damals wichtigsten Produktionsfirma für Independent-Filme, Miramax. Neben Kitanos Film erschien hier etwa auch „Chungking Express“ von Wong Kar-Wai (1994). Die ähnlich trocken inszenierten Gewaltszenen in „Pulp Fiction“ (1994) waren lediglich der Anfang einer ganzen Flut an Bezugnahmen oder gar Kopien dieses minimalistisch-absurden Stils im europäischen und amerikanischen Kino.

Die überlebensgroße Medienfigur

Das Erstaunliche an Takeshi Kitanos Karriere als Filmemacher ist, dass sie in Japan weithin als schlichtes Nebenprodukt betrachtet wird. Denn hier ist er seit den 1970er-Jahren vor allem als Manzai-Comedian bekannt: als Mitglied des Stand-up-Comedy-Duos „The Two Beats“ – seinen Künstlernamen „Beat Takeshi“ nutzt er auch heute ab und an noch. Das Duo arbeitete sich schnell aus kleinen Comedy Clubs in Tokio zu einer eigenen Fernsehshow hoch und katapultierte Kitano ins Rampenlicht. Über die Jahre hinweg entwickelte er sich zu einer regelrecht überlebensgroßen Medienfigur, die überall gleichzeitig zu sein schien. Von der Größenordnung muss man sich das so vorstellen, als hätten Otto Waalkes oder Stefan Raab seit Jahrzehnten gleichzeitig mehrere Fernsehshows zur Prime Time, diverse Zeitungskolumnen und eine Veröffentlichungsliste einer Vielzahl von Büchern – von Gedichtbänden und Romanen über Memoiren bis hin zu Schriften über das aktuelle Zeitgeschehen – und das seit über 30 Jahren.

Kitanos Filmografie umfasst bisher 18 Regiearbeiten, in denen er meistens auch selbst als Schauspieler auftritt. In Interviews sagt Kitano immer wieder, Filmemachen sei lediglich ein Zeitvertreib. Doch der Umstand, dass ein solch umfangreiches und in Europa gefeiertes Werk in seinem Heimatland lange kaum Beachtung fand, lässt den Maßstab erahnen, an dem er seinen Output misst. Neben der Litanei an Auftritten und Veröffentlichungen wirkt seine Filmografie tatsächlich nur wie ein Unterkapitel. Erst nachdem Kitano schließlich 1997 für seine melancholische Meditation „Hana-Bi“ auf den Filmfestspielen in Venedig den „Goldenen Löwen“ erhalten hatte, wurde sein Filmschaffen auch in Japan ernsthaft rezipiert und neu gelesen.

Kitanos endgültiger internationaler Durchbruch: „Hana-Bi“ (© Pandora)
Kitanos endgültiger internationaler Durchbruch: „Hana-Bi“ (© Pandora)

Der Stoneface-Stil

Tatsächlich fiel der Startschuss dafür bereits in den 1980er-Jahren, als sich „The Two Beats“ 1983 trennten und der Regisseur Nagisa Oshima Kitano in seiner ersten größeren Filmrolle besetzte. In dem Kriegsdrama „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ mit David Bowie spielte er den Feldwebel Hara, der zunächst in einem japanischen Kriegsgefangenenlager erbarmungslos agiert und später als Gefangener der Briten zum Tode verurteilt wird. In der letzten Szene führt er kurz vor seiner Hinrichtung ein freundschaftliches Gespräch mit dem Briten Lawrence. Die beiden lachen herzlich angesichts gemeinsamer Erinnerungen an Weihnachtsfeiern im Gefangenenlager. Lawrence bedauert, dass die Briten nun ähnlich erbarmungslos agierten wie die Japaner zuvor. Hara schaut ungerührt ins Leere, nur ein leichtes Zucken verrät seine innere Anspannung. „I am ready to die“, entgegnet er und schaut ins Leere. Kitanos Schauspielpartner Tom Conti, der die Titelfigur Lawrence spielte, erinnert sich auch Jahre später noch daran, wie beeindruckt er damals von Kitanos Schauspiel war. Denn gerade in der minimalistischen Performance liegt viel mehr Ernüchterung und Resignation als eine betont emotionale Darstellung es vermitteln hätte können.

Kitano berichtet in einem Interview davon, dass die Rolle des Hara in Japan auch gerade wegen seines Stoneface missverstanden wurde: Da er als Komiker bekannt war, schrieben viele seiner Fans auch dieser Rolle eine komische Grundstimmung zu – und lachten in der letzten Szene. So unpassend das erscheinen mag, zeigt sich doch genau in dieser Anekdote, wie nah Tragik und Komik beieinanderliegen. Die minimalistische Mimik und die reduzierte Gestik wurden mit den späteren Rollen zu Kitanos Markenzeichen. Seine Figuren sind, überspitzt formuliert, bisweilen wandelnde Kuleschow-Effekte, deren neutraler Ausdruck je nach filmischer Einbettung anders kontextualisiert wird. Das ihnen eigene Stoneface reflektiert die Atmosphäre der Szene und macht die oft des Lebens überdrüssigen Yakuza-Killer, Cops und Kleinkriminellen zu Katalysatoren ihrer Welt. Auch wenn sie selbst in dieser Flut aus Gewalt und Emotion selten einen Weg zu innerem Frieden finden können, so doch immerhin zu einem kurzen Moment, in dem sie in sich selbst ruhen.

Momente am Meer

In seinen eigenen Regiearbeiten balanciert Kitano zudem oft auf der Grenze zwischen Komik und Gewalt und fasst diese Gratwanderung in der Geste des Stoneface. Die komische Seite seiner Filme kommt besonders in absurden Brechungen durch, etwa wenn der Yakuza Murakama in „Sonatine“ mit ein paar treuen Gefolgsleuten ans Meer flieht, weil der Boss sich seiner entledigen will. Die Männer vertreiben sich die Zeit mit Spielen am Strand – ein scherzhaftes Sumo-Match wird in einer Stop-Motion-Sequenz zu einer surrealen Choreographie. Oft ist es das Meer, das seine Protagonisten kurz zu sich selbst finden lässt. Sowohl in seinen Gangsterfilmen als auch den poetischen Dramen wie „Kids Return“ (1996) „Kikujiros Sommer“ (1999) und „Dolls“ (2002) steht er mit seiner Kamera hinter den Figuren und schaut ihnen dabei zu, wie sie kontemplativ auf das Meer hinausblicken. Ihre Gesichter zeigt er dabei nicht, gibt ihnen also einen kurzen Moment für sich, in dem keine Emotion auf sie projiziert werden kann. Wie schon seine Analysen der Mechanismen von Gewalt funktionieren auch seine Charakterstudien über das Moment der Ellipse und erzeugen im vermeintlichen Widerspruch der Auslassung ein Verständnis für die Figuren.

Stepptanz bricht Samurai-Pathos in „Zatoichi – Der blinde Samurai“ (© Concorde)
Stepptanz bricht Samurai-Pathos in „Zatoichi – Der blinde Samurai“ (© Concorde)

Den ständigen Versuch der Projektion auf das Gegenüber stellt er dann in seinem Drama „Zatoichi – Der blinde Samurai“ (2003) nochmals in Frage. Nicht nur bricht hier eine ausufernde japanische Stepptanzszene die Ernsthaftigkeit der Samurai-Saga in einer an Busby Berkeley erinnernden Sequenz. Sondern er stellt sich auch regelrecht gegen die klassischen Inszenierungsmuster und Erwartungshaltungen, indem er konsequent die Darstellung ästhetisch choreographierter Schwertkämpfe verweigert, wie sie in diesem Genre gängig sind. Ähnlich wie die Duellszene in „Sonatine“ sind auch hier die Kämpfe nahezu statisch: Die abrupten Schwerthiebe sind immer von einem der Kamera zugedrehten Rücken oder anderen Körpern verdeckt – regelrecht provokant spielt Kitano mit dem blutdurstigen Blick des Publikums. Zwar spritzen hier leuchtende Blutfontänen aus den verdeckten Wunden, doch bleibt weiterhin die Verknüpfung von Ursache und Wirkung vor den direkten Blicken verborgen. Der letzte Kampf zwischen dem blinden Zatoichi und seinem Gegner Genosuke ist in seiner Reduktion dann sogar noch radikaler – die beiden Männer umschleichen einander beinahe eineinhalb Minuten und ein einziger Hieb entscheidet das Duell. Der Schwertkämpfer Zatoichi benötigt sein Augenlicht nicht, um im Kampf zu bestehen, das Publikum hingegen wird immer wieder durch den verwehrten Blick draufgestoßen, dass nicht nur die offensichtlichen Bilder ausschlaggebend für die Wirklichkeit sind.

Selbstironische Meditation

Diese Zweideutigkeit des Blicks richtet Kitano immer wieder auch auf sich selbst. Seine Rolle als Chef-Entertainer der japanischen Medien nimmt er etwa in der Nebenrolle des nur als „Kitano“ benannten Spielleiters in „Battle Royale“ (2000) von Kinji Fukasaku aufs Korn. In Anlehnung an seine auch in Europa erfolgreiche Spielshow „Takeshi’s Castle“, in der die Bewerber Hindernisparcours überwinden müssen, um letztlich Kitano selbst als Endgegner gegenüberzustehen, lässt er hier als sardonischer Erziehungsreformler Neuntklässler auf Leben und Tod aufeinander los. Seine Selbstironie gipfelt in der autobiographischen Trilogie bestehend aus „Takeshi’s“ (2005), „Glory to the Filmmaker!“ (2007) und Achilles und die Schildkröte (2008). Nahezu selbstparodistisch nimmt er sich hier all die Rollen vor, die ihm immer wieder zugeschrieben wurden, und lässt etwa in „Takeshi’s“ seine verschiedenen Alter Egos in möbiusartigen Schleifen voneinander träumen. In „Glory to the Filmmaker!“ spielt er einen Regisseur, der dem Gangsterfilm abgeschworen hat und sich erfolglos an allen anderen Genres abarbeitet. Der Versuch, diese überbordende selbstironische Meditation rational auf sein Gesamtwerk zu beziehen, muss wohl scheitern, doch als eine surreal-vage Zumutung vermittelt diese Trilogie ein Gespür für die enormen Dimensionen der kreativen Welt, in der sich Kitano bewegt.


Diskografischer Hinweis:

Die „Outrage“-Trilogie ist in verschiedenen Editionen beim Label Capelight erschienen. Die Filme sind sowohl als Trilogie-Box als auch in aufwändig ausgestatteten „Collector’s Edition“-Einzelausgaben erhältlich.

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