© Dok Leizig

DOK Leipzig 2020

Mittwoch, 04.11.2020

Das erste Dok-Festival Leipzig unter der neuen Leitung von Christoph Terhechte erprobte eine hybride Gestalt als Online- und Präsenz-Veranstaltung

Diskussion

Die erste Ausgabe des Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm unter der neuen Leitung von Christoph Terhechte fiel neben den Corona-Herausforderungen durch Korrekturen der Aufführungspolitik auf. Weniger entschlossen wirkten hingegen manche Filme in den Wettbewerben.


Man kann sich bessere Bedingungen vorstellen für eine erste Ausgabe als die, die Christoph Terhechte beim Debüt als Festivalleiter beim Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (26.10.-1.11.2020) vorgefunden hat . Dass DOK Leipzig in der letzten Woche vor dem November-Lockdown über die Bühne ging, hat dem Festival nicht viel genützt – Zuschauer, die Karten für die Vorführungen mit reduzierten Plätzen in den örtlichen Kinos hatten, blieben bereits weg. Sinnvoller erschien, dass das Festival wegen der Corona-Pandemie von vornherein für die Filmschaffenden, den Markt, die Filmkritiker und das bundesdeutsche Publikum als reine Online-Veranstaltung gedacht war.

Bei der Suche nach Neuerungen wird man am ehesten hier fündig: 2020 gehörte die Cinemathéque, das Kino des soziokulturellen Zentrums NaTo wieder zu den Spielorten. Das mag im ersten Moment unbedeutend klingen, doch hinter diesem Vorgang steckt eigentlich ein Skandal, der medial kaum Beachtung fand.


Die „Cinemathéque“ und „Lord of the Toys“

Im Jahr 2018 wurde bei DOK Leipzig der Film Lord of the Toys gezeigt, der seine kaum reflektierte Faszination für rechte Youtuber zur eigenen Aufmerksamkeitsproduktion nutzt. Bei einer Vorführung in der Cinemathéque wich man vom üblichen Procedere des „Q & A“ ab und bezog sofort das Publikum ein, statt kanonische Fragen an die Filmemacher zu stellen („Wie haben Sie Ihren Stoff gefunden?“). Und da war Musik drin. Richtig glücklich waren die Cinemathéque-Leute am Ende damit nicht – weder mit dem Film noch dem Format oder dem Verlauf der Veranstaltung. Aus einer diskursoffeneren Perspektive hätte dem Kino und dem Festival aber gar nichts Besseres passieren können, als dass über Filme engagiert debattiert wird. Dass solche Diskussionen hitzig sind und nicht so geordnet verlaufen, wie man Figuren übers Schachbrett schiebt, ist dabei eher eine Binse.

Kontroverser Film: "Lord of the Toys" (Glotzen Off)
Kontroverser Film: "Lord of the Toys" (© Glotzen Off)


Das empfanden Pablo Ben Yakov und André Krummel, die beiden Filmemacher von „Lord of the Toys“, nicht so. Sie fühlten sich vielmehr gedemütigt und „diskriminiert“, während der Film mit lauter Tapferkeitsfloskeln wie „extrem mutig“ oder „schmerzhaft“ dekoriert wurde. Und wie reagierten die Verantwortlichen vom Dok-Festival unter Leitung von Leena Pasanen (Festival) und Ralph Eue (Auswahlkommission)? Sie sanktionierten paradoxerweise den Spielort, obwohl dort – das ist die Absurdität – das ganze Jahr über die Arbeit erledigt wird, mit der man sich in Sonntagsreden selbst lobt: dass anders als beim Popcorn-Blockbuster-Kino beim Dokumentarfilmfestival über Beiträge gestritten wird und politische Filme erwünscht sind.

Der Cinemathéque gingen mit dem Ausschluss vom Festival 2019 auch Gelder verloren, die für die Existenz des Kinos nicht unbedeutend sind – was sich als bittere Pointe der verqueren Diskurslagen unserer Gegenwart erweist: Während sich jede rechte Medienfigur über ausgedachte Schockerszenarien wie „Cancel Culture“ oder „Politische Korrektheit“ reichweitenstark wichtigmachen kann und überall mit Mitleidsbekundungen rechnen darf (siehe die Kommentierung der Entscheidung des Fischer-Verlags, mit Monika Maron keine Bücher mehr verlegen zu wollen), löst ein Vorgang wie der in Leipzig 2018 so gut wie keine Empörung aus; geschweige denn irgendwelche Reaktionen. Aus diesem Grund ist Terhechtes Korrektur der kleinmütigen Spielstättenpolitik seiner Vorgängerin Leena Pasanen zweifelsohne bedeutsam, auch wenn sie kaum jemand registriert.

Was nun das Programm im Deutschen Wettbewerb der 63. Ausgabe des Dok-Festivals angeht, so ist das mit „durchwachsen“ gut beschrieben. Die Jury (Bettina Böhler, Anne Ratte-Polle, Alex Moussa Sawadogo) zeichnete mit Lift like a Girl von Mayye Zayed einen Film mit der „Silbernen Taube“ aus, der so wenig Favorit war wie andere Beiträge. Zayed filmt Mädchen, die auf einer Brache an einer vielbefahrenen Straße in Kairo Gewichtheben trainieren. Die „Zebiba“ genannte Hauptfigur Asmaa Ramadan hat dabei durchaus etwas Charismatisches, wie auch ihr Trainer, eine Instanz für den Sport in Ägypten, dessen Tochter 2003 Medaillengewinnerin bei der Weltmeisterschaft war.

Eine unbekannte Welt: "Lift like a girl" (© Dok Leipzig)
Eine unbekannte Welt: "Lift like a girl" (© Dok Leipzig)

Aber „Lift like a Girl“ beschränkt sich auf Beobachtungen des Trainings und wechselnder Wettkämpfe und entfaltet damit ein 90-minütiges Panorama voller Gleichmütigkeit – selbst der Tod des Trainers hinterlässt keinen nachhaltigen Eindruck bei den Sportlerinnen. Der Film sieht hübsch aus (Kamera: Mohamad El-Hadidi), erschöpft sich aber zugleich in dieser Oberflächlichkeit.


Persönliche Einsätze

Persönlichere Einsätze bieten Hannah Schweier mit 80.000 Schnitzel sowie Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann mit Wir wollten alle Fiesen killen. Schweier will dokumentieren, wie ihre jüngere Schwester das finanziell nie konsolidierte Gasthaus der Großmutter in der Oberpfalz übernimmt. Die Schwester bricht dafür ihr Leben in Italien ab, wo sie eine hoffnungsvolle, aber irgendwann stagnierende akademische Karriere begonnen hatte.

80.000 Schnitzel ist vieles: eine Erkundung der mitunter buddenbrookhaft anmutenden Familiengeschichte, in der vor der Oma alle Männer sterben (der Opa, der Sohn, ein Enkel); ein Tagebuch, das den Jahreszeiten folgend Fortschritt und Entwicklung registrieren will; eine Selbstbefragung, weil der Hof das Gegenteil der Träume zu sein scheint, die die Filmemacherin und ihre Schwester einmal hatten.

Am Set von "80.000 Schnitzel" (© Dok Leipzig)
Am Set von "80.000 Schnitzel" (© Dok Leipzig)

Zu einer richtigen Form findet „80.000 Schnitzel“ nicht – auch weil ihm der Tod der Mutter (und eben Tochter der Oma) passiert. Am Ende scheint die Schwester einen Weg (samt Jungbauern) für ihre Zukunft gefunden zu haben, was die beobachtende Regisseurin nur noch stärker auf das Rätsel zurückwirft, das ihr ihre eigene Existenz ist – was tun, ohne Schwester und mit der bis dato nicht recht gelingenden Karriere als Künstlerin?

Womöglich hätte in der Ausdeutung dieser Leere eine sicherlich anstrengendere, aber vielleicht auch größere Brisanz gelegen. Als Dokument taugt der Film dennoch: Zur Beschreibung eines westlichen Hedonismus, der aus den sorgenfreien Teenagerjahren zwischen 1989 und 2001 die Vorstellung des „anything goes“ auf die eigene Biografie abgeleitet hat und nun feststellen muss, dass das mit dem Weg zum Filmemachen nicht so recht funktioniert. Oder eben nur für den Moment, in dem mit „80.000 Schnitzel“ vom Ende dieser Träume erzählt werden kann, für einmal mit Fördergeld aus der deutschen Subventionsmaschinerie.

Ein Berg voller Geheimnisse: "Wir wollten alle Fiesen killen" (© Dok Leipzig)
Ein Berg voller Geheimnisse: "Wir wollten alle Fiesen killen" (© Dok Leipzig)

Dass der Film das ist, was am Schluss Sinn macht im Angesicht einer Wirklichkeit, die sich solchen Zuschreibungen verweigert – das verbindet „80.000 Schnitzel“ mit Wir wollten alle Fiesen killen. Wenn auch wesentlich kontrollierter und mit größerer Sicherheit. Denn Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann besitzen einen Berg in Thüringen, der Anfang der 2000er-Jahre die Pläne vom Filmemachen unterbrach (der Titel spielt auf ein damals gescheiteres Science-Fiction-Projekt an). Der Film handelt davon, dass der Berg sich nicht unmittelbar monetarisieren lässt. Und außerdem in die Geschichte zurückführt: zu Zwangsarbeit unter den Nazis, dem Munitionslager der DDR und einer unglücklich verlaufenen Industrieansiedelung. Als Erkundung von Geografie und Historie denkt „Wir wollten alle Fiesen killen“ durchaus groß, während die variierenden Agenten alternativer Nutzungsmöglichkeiten (Energiekennerinnen, Bernsteinzimmersucher, Bunkerunternehmer), die der Berg mit seinem Wegesystem im Innern anlockt, die Erzählung durch Redundanz verengen.


Die Freiheit der Eigenproduktion

In solchen Momenten lernt man die Freiheit zu schätzen, die sich der alles selbst und ohne Geld produzierende Filmemacher Jan Soldat nimmt. Dessen Filme müssen nicht auf „abendfüllende“ eineinhalb Stunden hinaus, sie dauern so lange, wie sie eben dauern. Im Fall von „Erwin“, dem Gewinner des Kurzfilmpreises im Deutschen Wettbewerb, sind das 16 Minuten, im Falle von „Wohnhaft Erdgeschoss“ dann gut 50 Minunten.

„Erwin“ ist ein armer Film, das Resultat einer Begegnung mit einem 58-jährigen Mann, der in einem Wohnwagen neben dem Elternhaus lebt und sexuelle Bekanntschaften im Internet sucht. Was der Film über dieses Leben erzählt, ist das Geflecht aus analogen sozialen Beziehungen, die hinter ihm liegen: die Eltern, Geschwister, zwei große Lieben.

„Erwin“ reiht sich ein in Soldats Projekt, das auf Dating-Portalen ausgestellte Begehren in Biografien zurückzuverfolgen, in denen nicht selten Einsamkeit unter prekären Verhältnissen wohnt.

Bis Mitte November sind die Filme on Demand noch zugänglich über die nicht völlig intuitiv steuerbare Verknüpfung des DOK-Leipzig-Programms mit dem Culturebase-Server. Teile dieser hybriden Strukturen werden das Festival auch im nächsten Jahr begleiten, auch wenn die Ausgabe 2021 wieder mit einem größeren analogen Anteil rechnet.

Sorgen bereitet Festivalleiter Christoph Terhechte, welche Kinos nach dem Corona-Winter noch übrig sein werden. Auch deshalb unterstützt der Terhechte seinen Oberhausener Kollegen Lars Henrik Gass beider Forderung nach einer Kinemathekisierung zur Bewahrung einer Kinolandschaft über Metropolen wie Berlin, Frankfurt oder München hinaus. In Leipzig wird an dem Projekt eines Filmkunsthauses mit dem programmatischen Titel „Kino der Zukunft“ schon seit Jahren gearbeitet – ironischerweise von den Leuten aus der Cinemathéque.

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