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Leni Riefenstahl: Das Ende eines Mythos

Sonntag, 15.11.2020

Eine Dokumentation und ein Buch rechnen mit dem Mythos der NS-Filmemacherin ab

Diskussion

Politisch blind, aber eine geniale Filmemacherin? Leni Riefenstahl, die Regisseurin des NS-Propagandafilms „Triumph des Willens“, pflegte zu Lebzeiten den Mythos der apolitischen Ausnahmekünstlerin. Eine Dokumentation und ein neues Buch rechnen mit diesem Image ab, belegen Riefenstahls Verstrickungen ins NS-Regime und stellen auch ihre Leistung als innovative Filmemacherin in Frage.


Sie war bisexuell und morphiumsüchtig, genoss die Freiheiten, die ihr die Weimarer Republik bot, nutzte aber auch die Aufstiegschancen, die sich ihr als loyaler Anhängerin des Hitler-Regimes eröffneten. Nach dem Krieg bestritt Leni Riefenstahl bis zuletzt jede Verwicklung in das mörderische System. Nicht wenige glaubten ihr die unwahrscheinlichen Beteuerungen, dass sie eine unpolitische Künstlerin gewesen sei. Zu groß war die Faszination für jene Frau, die sich in der nationalsozialistischen Männerwelt durchgesetzt und filmische Meisterwerke hervorgebracht habe. Ein Buch und ein Film liefern nun neue Dokumente, die nicht nur keinen Zweifel daran lassen, dass Riefenstahl mehr als nur eine Mitläuferin war, sondern auch zeigen, dass sie sich für die Gestaltung ihrer Filme notorisch bei anderen bediente.


Der Mythos von der „unpolitischen“ Künstlerin

Sowohl den „Olympia“-Zweiteiler von 1938 als auch „Triumph des Willens“ von 1934 positionierte die BBC 2019 in ihrem Ranking „The 100 greatest films directed by women“ im oberen Drittel. Offenbar glaubte die verantwortliche Jury immer noch der längst verstorbenen Regisseurin, bei dem propagandistischen NS-Parteitagsfilm handle es sich um einen Dokumentarfilm. Da kommen die jüngsten Recherchen im Doppelpack gerade recht: Michael Klofts Dokumentation „Leni Riefenstahl –Das Ende eines Mythos (bis 9.1.2021 in der arte-Mediathek) basiert in großen Teilen auf der Vorarbeit der Journalistin Nina Gladitz und deren Buch Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin", das kürzlich im Orell Füssli Verlag erschienen ist.

Gladitz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Mythos des unschuldigen Genies, den Riefenstahl mit Hilfe ihrer Anhänger wie einen Schutzwall um sich zu bauen vermochte. Dies brachte der „Königin der faschistischen Ästhetik“ 2000 den monumentalen Bildband „Fünf Leben" beim Taschen Verlag ein, in dessen Vorwort Angelika Taschen bekannte: „Ich bin von ihrer Lebendigkeit und Grazie zutiefst beeindruckt“. Die Umschwärmte dankte es ihr, indem sie sich mit dem schicken Biografie-Wälzer ablichten ließ. Kein Wunder: Der Prozess um die Sinti und Roma, die Riefenstahl als Komparsen für ihren Film „Tiefland“ aus einem Konzentrationslager „auslieh“, kam auf keiner Seite vor.

Dabei hatte Riefenstahl bereits in den 1980er-Jahren gegen Gladitz geklagt, wegen der von ihr in der Dokumentation „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“ formulierten Vorwürfe, dass Riefenstahl Sinti und Roma persönlich als Statisten für den Dreh von „Tiefland“ aus KZs geholt und nicht entlohnt habe. Das Oberlandesgericht Karlsruhe gab Gladitz in zweiter Instanz recht, bis auf die unbelegte Behauptung, dass Riefenstahl von der Deportation und Ermordung ihrer Komparsen gewusst habe. „Wir haben alle Zigeuner, die in ,Tiefland‘ mitgewirkt haben, nach Kriegsende wiedergesehen. Keinem einzigen ist etwas passiert“, glaubte Riefenstahl noch 2002 in einem Zeitungsinterview zu Protokoll geben zu müssen. In Wahrheit sind die meisten von ihnen in Ausschwitz ermordet wurden, berichtet Gladitz in ihrem Buch, nachdem sie deren Namen mit den Opferlisten des KZs abgeglichen hatte.


Der Fall Willy Zielke

Das ist nur eine von unzähligen Überprüfungen von Riefenstahls Fabulierlust, derer sie sich vor allem in ihren zum Zweck der Entlastung geschriebenen Memoiren bediente. Hinter ihrem Polen-Aufenthalt zu Beginn des Krieges im September 1939 verbargen sich laut Gladitz nicht etwa Filmarbeiten, sondern die Teilnahme an einer Konferenz im polnischen Seebad Zoppot, die Riefenstahl selbst als harmloses Essen an der Seite von Hitler ausgab. Tatsächlich handelte es sich um eine hochrangig besetzte Besprechung eines Euthanasie-Programms zur Tötung von „unheilbar Geisteskranken“.

Opfer der Riefenstahl'schen Karriere: der Kameramann Willy Zielke (Dieter Hinrichs)
Opfer der Riefenstahlschen Karriere: der Kameramann Willy Zielke (Dieter Hinrichs)

Zu jenen „Geisteskranken“ gehörte auch der Fotograf, Regisseur und Kameramann Willy Zielke, Konkurrent und Mitarbeiter von Riefenstahl, dessen Karriere sie nicht nur mit dem von ihr forcierten Filmverbot seines Langdebüts zerstörte, sondern auch dafür sorgte, dass er in der Psychiatrie landete, da der überwiegende Teil ihrer modernistischen Filmideen von ihm stammte. Für Gladitz war dies der Höhepunkt einer endlosen Reihe an Auslöschungen, die bis dahin allerdings nur im Rahmen der Film-Credits stattfanden, denn im Lauf der Zeit verschwanden die oft jüdischen Verantwortlichen aus dem Abspann von Riefenstahls frühen Bergfilmen. Übrig blieb in den wichtigsten Funktionen nur noch ihr Name.


Die Last der Fakten überwiegt

„Karriere einer Täterin“ rekonstruiert minutiös die Eskalationsstufen eines skrupellosen Mobbings, das bei Zielke eine bipolare Phase auslöste, und befördert Briefe und Interviews aller Couleur ans Licht, darunter auch die aus der Rückschau erstaunlich detaillierten und dramatisch aufgeladenen Erinnerungen von Zielke. Oder die schwankenden Kommentare eines nicht immer wohlgesonnenen Propagandaministers Joseph Goebbels, der 1933 schrieb: „Sie ist die einzige von allen Stars, die uns versteht.“

Nicht jede Lücke lässt sich einwandfrei schließen. Auch stoßen manche im Ton schrille Spekulation von Gladitz über Riefenstahls angeblich sexuelle Beziehungen zu Hitler, anderen Nazi-Größen, russischen Kleindarstellern und sogar dem afroamerikanischen Athleten Jesse Owens ebenso auf wie die küchenpsychologische Erklärung ihrer Getriebenheit, die aus einem Familiendrama um ihre vergewaltigte Großmutter herrühren soll.

Tief ins NS-Regime verstrickt: Leni Riefenstahl (NARA/Heinrich Hoffmann)
Tief ins NS-Regime verstrickt: Leni Riefenstahl (NARA/Heinrich Hoffmann)

Dennoch wiegt die Last der Fakten bei aller emotionalen Ausschmückung schwer, zumal seit der Wende neue Belege aus Archiven in Ostdeutschland aufgetaucht sind. So wandte sich Riefenstahl nach der Konferenz in Zoppot an Philipp Bouhler, den Beauftragten für die Aktion T4, um den zwangssterilisierten und entmündigten Zielke zu retten; sie wollte den besten ihrer Kameramänner für die Dreharbeiten und dem Schnitt ihres ersten Spielfilms „Tiefland“ einsetzen. Und das, obwohl sie direkt nach seiner Einweisung in die Psychiatrie dessen auf den „Olympia“-Film vorbereitende Fotografien aus Griechenland an sich genommen haben soll und über Jahrzehnte als ihre eigenen ausgab.


„Die Verschmelzung aus Kitsch und Tod“

Zielkes Schwager, der seine Vormundschaft übernahm, erstattete Riefenstahl regelmäßig Bericht, aus dem hervorgeht, dass sie den „Geisteskranken“, so Riefenstahl später in ihren Memoiren, in einem Tiroler Chalet gefangen hielt. Die protegierte „Ausnahmekünstlerin“ brauchte offenbar erneut seine Hilfe für ihr letztes Werk im Auftrag des Regimes. „Die Verschmelzung aus Kitsch und Tod“, so Gladitz, werde „in keinem anderen NS-Film so gefeiert wie in ‚Tiefland‘“. Das hinderte den Sender arte aber nicht, die großzügig interpretierte und als besonders misslungen geltende Adaption eines Opernlibrettos in seinem Programm auszustrahlen. Auch die Filmwissenschaft machte bislang um das bei Gladitz massiv unter Antisemitismus-Verdacht stehende Werk einen Bogen.

Die Causa Riefenstahl bietet immer noch mehr Fragen als Antworten. Doch nach dieser vehementen Anklage dürfte auch manch ein selektiv die technischen und formalen Verdienste favorisierender Apologet ins Grübeln kommen.


Hinweise

Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin. Von Nina Gladitz. Orell Füssli Verlag, Zürich 2020, 432 S., 25 Euro. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.


„Leni Riefenstahl – Das Ende eines Mythos“ hat am 18. November um 22.15 Uhr seine Fernsehpremiere bei arte, ist aber jetzt schon in der arte-Mediathek zu sehen.

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